Im Schatten der Aufwertung

Auch im Wedding wollen sich Mieter/​innen gegen Gen­tri­fi­zierung wehren

Wenn es um Auf­wertung und Miet­stei­ge­rungen in Berlin geht, fällt den meisten nicht an erster Stelle der Wedding ein. Daher scheint es auf den ersten Blick ver­wun­derlich, dass sich seit Mai 2010 ein Kreis von Bewohner/​innen über die Gen­tri­fi­zierung im Wedding und mög­liche Gegen­stra­tegien ver­stän­digen will.

Auf einem ersten Treffen wurde klar, dass der Wedding in Bezug auf Auf­wer­tungs­ten­denzen mit Stadt­teilen wie Prenz­lauer Berg und
Nord­neu­kölln nicht zu ver­gleichen ist. Die aktuelle Höhe der Mieten bei Neu­ver­mie­tungen sei noch wesentlich nied­riger als in anderen Stadt­teilen. Das ist auch das Ergebnis einer Markt­mie­ten­analyse des Inter­net­portals
Immowelt von Anfang Mai 2010. Danach liege die durch­schnitt­liche Net­to­kalt­miete von Woh­nungen im Wedding bei Neu­ver­mie­tungen unter 6 Euro/​qm. Doch wenn man die unter­schied­lichen Kieze und Quar­tiere im Wedding
betrachtet, kann man durchaus Auf­wer­tungs­ten­denzen beob­achten. Der Stadt­so­ziologe Andrej Holm nennt als Bei­spiel die Brun­nen­straße, wo sich die lan­des­eigene Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft Degewo ver­stärkt um eine bes­ser­ver­die­nende Mie­ter­schaft bemüht. Auch können Ver­än­de­rungen im Bereich des Ein­zel­handels beob­achtet werden. „Die preis­werten Geschäfte wurden alle geschlossen. Die neuen Läden sind fast immer leer und die Kleider und Taschen dort haben nicht einmal Preis­schilder“, so die Beob­achtung einer Mie­terin.
Ver­ant­wor­tungs­be­wusste Ver­mietung
Wie solche Auf­wer­tungs­ten­denzen vor allem von der Geschäftswelt initiiert werden, zeigt das Bei­spiel der Initiative „Aktives Stadt­zentrum
Mül­ler­straße“. Sie hat sich zum Ziel gesetzt hat, die Mül­ler­straße als attrak­tives, wirt­schaft­liches Zentrum zu stärken, und will „an der Mül­ler­straße den Wedding neu ent­decken“. Das von dem Archi­tektur- und
Stadt­pla­nungsbüro Jahn, Mack & Partner aus­ge­ar­beitete Hand­lungs­konzept für ein soge­nanntes Geschäfts­stra­ßen­ma­nagement zielt auf „Ansprache und Beratung von Eigentümer/​innen für eine ver­ant­wor­tungs­be­wusste
Ver­mietung“ und „gezieltes Ansied­lungs­ma­nagement für einen attrak­tiven Bran­chenmix“. Die von der Initiative sicherlich begrüßten Folgen beschreibt eine Mie­terin: „Die meisten 1-Euro-Läden sind schon ver­schwunden und damit auch viele günstige Angebote. Was jetzt neu hin­zu­kommt, ist meist in den höheren Preis­klassen ange­siedelt. Keine Ahnung wer da ein­kaufen soll – wir sicherlich nicht mehr.“ Da stellt sich natürlich die Frage, ob hier die Mie­ter­struktur dem Waren­an­gebot ange­passt werden soll.

Sorgt die BND-Zen­trale für einen Wedding-Hype?

Die neue Zen­trale des Bun­des­nach­rich­ten­dienstes in der Chaus­see­straße könnte zah­lungs­kräftige Mieter/​innen in den Wedding bringen. In den Immo­bi­li­en­infos der Ber­liner Spar­kasse heißt es über dieses Groß­projekt:
„Ein beson­derer Magnet wird die neu errichtete BND-Zen­trale an der Chaus­see­straße.
Hier ent­stehen alleine ca. 7000 neue Arbeits­plätze. Die sich hier nie­der­las­sende Kli­entel ist ein­kom­mens­stark und zwi­schen 30 und 45 Jahre alt. Auf­grund der vor­han­denen Grund­stücks­flächen ent­stehen viele Neu­bau­vor­ha­benin dieser Region.“ Der „richtige Wedding-Hype“ werde noch
kommen, erklärte Volker Devermann vom Immo­bi­li­en­un­ter­nehmen IMQ Nord­verbund
bereits im letzten Jahr dem Tages­spiegel. Der Ver­walter von drei großen Bau­ge­nos­sen­schaften und einigen pri­vaten Inves­toren gibt sich opti­mis­tisch: „Der Wedding ist im Wandel.“ Das ver­danke er auch Zuzie­henden
von aus­wärts, dar­unter Stu­denten, Künstler und Berufs­pendler. In dieser Ein­schätzung ist er sich einig mit Jörg-Christian Dreyer, dem Geschäfts­führer der Immo­bi­li­en­firma GD Real,die unter dem Etikett „modernes, kom­for­tables Wohnen im Grün­der­zeitbau“ Woh­nungen
im Wedding ver­marktet. Dazu gehören auch drei Grün­der­zeit­häuser in der
Sche­r­er­straße 9 bis 11. Direkt daneben befindet sich das linke Haus­projekt Sche­r­er­straße 8, deren Bewohner/​innen den Aus­tausch über die Gen­tri­fi­zierung im Wedding initiiert haben und fort­setzen wollen. Zurzeit bemüht sich die Initiative um weitere Infor­ma­tionen über ertungs­ten­denzen, Miet­stei­ge­rungen, Kün­di­gungen etc. im Wedding.
Kontakt: weddingrecherche@riseup

http://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​e​p​d​f​/​m​e​3​4​1​h​e​f​t.pdf

Peter Nowak

Aus für den Linienhof?

Bau­gruppe drängt auf sofor­tigen Wegzug
Geschäf­tiges Treiben herrscht im Lini­enhof in der Kleinen Rosenthaler Straße 9 in Berlin-Mitte. Noch wird auf dem Areal und in den beiden Garagen gehämmert, geschmiedet und gelötet. Seit 1991 wird das Gelände als offenes Kul­tur­projekt, aber auch selbst orga­ni­sierter Hand­werkshof genutzt. »Bis zu 30 Men­schen arbeiten im Lini­enhof an ver­schie­denen Pro­jekten. Manche repa­rieren Autos, andere gestalten künst­le­rische Arbeiten«, sagt Jürgen Lein­weber gegenüber ND. Er ist Mit­glied im Verein Kathedral, der für den Lini­enhof zuständig ist. Mit regel­mä­ßigen »Tagen der Offenen Tür« wird die Nach­bar­schaft in die Arbeit ein­be­zogen.

Doch wenn die Nutzer des Lini­enhofs am kom­menden Dienstag um 9 Uhr Freunde und Nachbarn ein­laden, hat es einen ernsten Hin­ter­grund. Denn die schattige Idylle soll einem Mehr­fa­mi­li­enhaus Platz machen. Die Mit­glieder einer Bau­gruppe, die das Grund­stück vor drei Jahren gekauft hat, haben für den 3. August eine Begehung des Geländes ange­kündigt. Schon am 5.August soll mit den Bau­ar­beiten begonnen werden. Der Publizist Mathias Gref­frath, der unter anderem als regel­mä­ßiger Autor der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Monats­zeitung Le Monde Diplo­ma­tique bekannt ist, gehört zu den Mit­gliedern der Bau­gruppe.

Lein­weber ist sauer. »Hier werden die letzten Frei­räume in Mitte von Men­schen zer­stört, die sich eigentlich für deren Erhalt ein­setzen müssten«. Mathias Gref­frath weist diese Vor­würfe gegenüber ND zurück. Es habe immer wieder Kon­takte mit den Nutzern des Hofes gegeben und man habe ihnen auch Umzugs­hilfen ange­boten. »Die Nutzer wussten, dass mit dem Bau dem­nächst begonnen wird«, betont Gref­frath. Er kri­ti­siert zudem, dass sich die Nutzer nicht namentlich zu erkennen gegeben hätten. Dies kann Lein­weber wie­derum nicht ver­stehen. »Über unseren Verein Kathedral sind wir für die Bau­gruppe ansprechbar«.

Die Fronten sind mitt­ler­weile ver­härtet. »Unsere Kom­pro­miss­be­reit­schaft ist erschöpft. Der Bau­beginn wird defi­nitiv in der nächsten Woche erfolgen«, betont Gref­frath. Das sei auch deshalb nötig, weil bestimmte För­der­mittel vom Senat einen bal­digen Bau­beginn erfor­derlich machen. »Wir lassen uns nicht von hier ver­drängen«, erklärt Lein­weber. Es seien in den letzten Jahren schon zu viele Pro­jekte an den Stadtrand ver­trieben worden. Es sei auch nicht das erste Mal, dass sich nicht­kom­mer­zielle, alter­native Pro­jekte und Bau­gruppen um die letzten begehrten Grund­stücke in ange­sagten Ber­liner Stadt­teilen streiten.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​7​6​4​6​5​.​a​u​s​-​f​u​e​r​-​d​e​n​-​l​i​n​i​e​n​h​o​f​.html

Peter Nowak

Räumung trotz juristischer Unklarheiten

Mit einem großen Poli­zei­auf­gebot wurde am 16. März die Erd­ge­schoss­wohnung des ersten Hin­ter­hauses der Bödi­ker­straße 9 in Fried­richshain geräumt. Damit wurde ein Urteil des Amts­ge­richts Lich­tenberg voll­streckt, das die Kün­digung für die als Ver­samm­lungsraum genutzten Räume für zulässig erklärt hatte (ND berichtete). Die Pla­tinum Consult s.r.o., die das Haus 2007 gekauft hatte und dort Eigen­tums­woh­nungen errichten will, befindet sich seit Langem im Streit mit den 20 Mietern des ersten Hin­ter­hauses. Die Räumung dürfte noch ein gericht­liches Nach­spiel haben.

Die Juristin und Bun­des­tags­ab­ge­ordnete der LINKEN, Halina Waw­zyniak, deren Wahl­kreis in Fried­richshain liegt, betont, die Räumung hätte aus juris­ti­schen Gründen auf­ge­schoben werden müssen. Der Mie­ter­anwalt Max Althoff hatte einen Unter­mieter der Erd­ge­schoss­räume prä­sen­tiert, gegen den kein Zwangs­voll­stre­ckungs­titel vorlag. Nach einem Urteil des Bun­des­ge­richtshofs von 2008 darf in einem solchen Fall die Zwangs­voll­stre­ckung nicht betrieben werden. Auch die Lich­ten­berger Gerichts­voll­zie­her­stelle hatte sich für einen Auf­schub der Räumung bis zur juris­ti­schen Klärung aus­ge­sprochen. Doch die zuständige Gerichts­voll­zie­herin und die Eigen­tümer bestanden auf der Räumung.

Haus­be­wohner und Unter­stützer kri­ti­sierten gegenüber ND das »aggressive Auf­treten der Polizei« gegen Men­schen, die mit einer Sitz­blo­ckade vor dem Haus­eingang die Räumung ver­hindern wollten. Mehrere Per­sonen seien durch Schläge ins Gesicht und den Einsatz von Pfef­fer­spray ver­letzt worden.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​6​7​3​8​5​.​r​a​e​u​m​u​n​g​-​t​r​o​t​z​-​j​u​r​i​s​t​i​s​c​h​e​r​-​u​n​k​l​a​r​h​e​i​t​e​n​.html

Peter Nowak

Hausprojekt ein bisschen geräumt

LINKE SZENE Polizei räumt das Erd­ge­schoss des Wohn­pro­jekts in der Bödi­ker­straße in Fried­richshain
Am Diens­tag­morgen wurde die Erd­ge­schoss­wohnung des Wohn- und Kul­tur­pro­jekts Bödi­ker­straße 9 in Fried­richshain von einem großen Poli­zei­auf­gebot geräumt. Damit wurde ein Urteil des Amts­ge­richts Lich­tenberg voll­streckt, das die Kün­digung für die als Ver­samm­lungsraum genutzten Räume für zulässig erklärte (taz berichtete). Zahl­reiche Unter­stüt­ze­rInnen hatten sich am Diens­tag­vor­mittag ein­ge­funden, um gegen die Räumung zu pro­tes­tieren. Nach einer kurz­fris­tigen Blo­ckade des Haus­ein­gangs wurden min­destens elf Per­sonen fest­ge­nommen.

Haus­be­wohner Jörg Friedrich kri­ti­sierte gegenüber der taz das »extrem aggressive Ver­halten« der Polizei, obwohl von den anwe­senden Per­sonen kei­nerlei Gewalt aus­ge­gangen sei. In den letzten Tagen hatten sich Bezirks­po­li­ti­ke­rInnen von Linken und Grünen sowie der Anwalt der Bewoh­ne­rInnen ver­geblich für einen Räu­mungs­auf­schub ein­setzt. »Obwohl das juris­tische Ver­fahren noch nicht abge­schlossen ist, wurde die Räumung mit aller Gewalt durch­ge­setzt«, monierte Friedrich.

Die Mie­te­rInnen befürchten, dass sie von den Eigen­tümern des Hauses, die dort Eigen­tums­woh­nungen errichten wollen, weiter unter Druck gesetzt werden.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2010%2F03%2F17%2Fa0069&cHash=90d33d368e

Peter Nowak

Die Handschrift des Vermieters

FRIED­RICHSHAIN Ver­an­stal­tungsraum eines Haus­pro­jekts soll Dienstag geräumt werden. Problem ist ein Zusatz im Miet­vertrag
»Wer ist denn dieser Bodi?« Diese Frage muss sich Karen Vogler öfter anhören, wenn sie in Sze­ne­kneipen Flyer mit der Parole »Soli­da­rität mit der Bödi 9« aus­legte. Die Künst­lerin ist eine von 20 Bewoh­ne­rInnen des ersten Hin­ter­hauses der Bödi­ker­straße 9 in Fried­richshain. Im Erd­ge­schoss haben die Mie­te­rInnen einen Ver­samm­lungsraum ein­ge­richtet. Dort werden Filme gezeigt und es gibt einmal in der Woche Essen zu güns­tigen Preisen.

Doch damit könnte es bald vorbei ist. Für Dienstag hat sich die Gerichts­voll­zie­herin angesagt. Dann sollen die Erd­ge­schoss­räume besenrein über­geben werden. Eine Kün­digung durch den Eigen­tümer wurde vom Lich­ten­berger Amts­ge­richt bestätigt mit der Begründung, dass es sich bei den Räumen im Erd­ge­schoss nicht um Wohnraum handele. Grund war ein hand­schrift­licher Eintrag auf dem Anfang der 90er-Jahre mit dem dama­ligen Haus­be­sitzer geschlos­senen Vertrag. Der hatte beim Erd­ge­schoss mit Blei­stift das Wort »Hob­by­räume« ein­ge­tragen. »Wir haben die juris­tische Bedeutung dieses Ver­merks nicht erkannt«, meint Bewohner Jörg Friedrich.

Die Bewoh­ne­rInnen hatten Anfang der 90er-Jahre kurz­zeitig ein Haus in der Fried­richs­hainer Moder­sohn­straße besetzt und nach Ver­hand­lungen mit Bezirks­po­li­ti­ke­rInnen die Bödi­ker­straße 9 im relativ abge­schlos­senen Teil vom Fried­richshain zwi­schen den S-Bahn­höfen Ost­kreuz und War­schauer Straße als Ersatz­objekt akzep­tiert. Statt Sze­ne­lo­kalen domi­nieren hier noch die Ber­liner Bier­kneipen. Viele Läden stehen leer.

Doch seit 2007 hat das Haus neue Eigen­tümer. Der Garten wurde in einen Park­platz ver­wandelt, im zweiten Hin­terhaus ent­standen Lofts. Auch die Pro­jekt­be­wohner sollten gehen. Die Kün­digung sämt­licher Miet­ver­träge im ersten Hin­terhaus war jedoch ungültig, weil die neuen Eigen­tümer noch nicht ins Grundbuch ein­ge­tragen waren. Auch der Versuch, die Mie­te­rInnen per Gericht zu Moder­ni­sie­rungs­ver­ein­ba­rungen zu zwingen, schei­terte. Vogler befürchtet daher, dass die Eigen­tümer nun im Erd­ge­schoss mit der Moder­ni­sierung beginnen und die Bewoh­ne­rInnen unter Druck setzen könnten. Deshalb wollen sie die Räumung noch ver­hindern – per Anwalt und mit Hilfe von außen. Bezirks­bür­ger­meister Franz Schulz (Grüne) ist bereit, Gespräche mit den Eigen­tümern zu mode­rieren. Die Bewoh­ne­rInnen laden zunächst für Dienstag ab 8 Uhr zum Früh­stück mit Kul­tur­pro­gramm, Sitz­blo­ckade nicht aus­ge­schlossen.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ba&dig=2010%2F03%2F13%2Fa0224&cHash=c7a4a84318

PETER NOWAK

Kungerkiez wird teurer

SOZIALE STADT Mie­te­rInnen einer lan­des­ei­genen Woh­nungs­ge­sell­schaft pro­tes­tieren gegen Miet­erhö­hungen
»Treppe rauf – Mieten runter« und »Mieten streichen«, lauten die Parolen auf Pla­katen, mit denen die Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft »Stadt und Land« um Mie­te­rInnen wirbt. »Die Poster könnten wir jetzt gut gebrauchen«, sagt Karl Richter und lacht. Er ist einer von rund 30 Mie­te­rInnen aus dem Alt-Trep­tower Kun­gerkiez, die am Mon­tag­vor­mittag die Geschäfts­führung von »Stadt und Land« zur Rück­nahme der Miet­erhö­hungen für 332 Bewoh­ne­rInnen auf­for­derten.

»Zum 1. April 2010 soll die Durch­schnitts­miete dieser Woh­nungen um 0,37 Euro pro Qua­drat­meter steigen, was einer durch­schnitt­lichen Erhöhung von etwa 9 Prozent ent­spricht«, bestätigt Andrea Set­ze­pfandt der taz. Sie ist bei der lan­des­ei­genen Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft für die Öffent­lich­keits­arbeit zuständig.

»Innerhalb von zwei­einhalb Jahren hat sich meine Miete um 50 Euro erhöht«, berichtet eine ältere Frau am Montag. Ein Ehepaar klagt, seit ihrem Einzug im Jahr 1994 sei die Wohnung nicht saniert, die Miete aber kräftig erhöht worden. Hartz-IV-Emp­fänger könnten so ihre Woh­nungen ver­lieren, weil das Job­center die volle Miete nicht mehr über­nimmt, befürch­teten mehrere Pro­tes­tie­rende. In Här­te­fällen sei die Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft zu indi­vi­du­ellen Lösungen bereit, meine der Pro­kurist von »Stadt und Land«, Bernhard Schütze, der eine Pro­testnote der Mieter ent­ge­gennahm. Zusagen über eine Rück­nahme der Miet­erhö­hungen wollte er nicht machen. »Die Erhö­hungen liegen im Rahmen des Miet­spiegels«, argu­men­tierte er. Fragen nach Unter­neh­mens­ge­winnen von 7,8 Mil­lionen Euro im letzten Jahr wollte er nicht beant­worten.

»Die Wut der Mie­te­rInnen ist groß«, betonte eine Akti­vistin der Trep­tower Stadt­teil­in­itiative Karla Pappel, die die Mieter unter­stützt. Ihre Gruppe sieht auch die sechs Bau­gruppen rund um den Kun­gerkiez als Teil einer Begüns­tigung einer mit­tel­schichts­ori­en­tierten Stadt­teil­po­litik zum Nachteil von Men­schen mit geringem Ein­kommen.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2010%2F03%2F09%2Fa0069&cHash=46dc08c172

PETER NOWAK

Generation Mauerpark wieder auf der Straße

Protest gegen die geplante Bebauung Peter Nowak
Viele hatten nicht damit gerechnet, dass in Prenz­lauer Berg noch gegen
Gen­tri­fi­zierung pro­tes­tiert würde. Doch dann demons­trierten im Herbst mehr als 2000 Men­schen gegen den geplanten Bau von Woh­nungen für den ver­mö­genden
Mit­tel­stand zwi­schen Wedding und Prenz­lauer Berg.
Christian Rippel ist Pres­se­sprecher der Initiative
„Mau­erpark Fer­tig­stellen“, die in den
letzten Monaten Lob­by­arbeit für den Mau­erpark
gemacht hat. Zu ihren Aktionen gehörten
Feste im Mau­erpark, Anwoh­ner­ver­samm­lungen
und als Höhe­punkt die Demons­tration.
Rippel betont, dass die Initiative nicht nur
gegen die Bebau­ungs­pläne des Bezirks Mitte
ist, sondern vielmehr fordert, dass der Mau­erpark
endlich voll­endet werde. Dabei hat sie
Mit­glieder der Par­teien Die Linke, Bündnis
90/​Die Grünen und sogar der CDU auf ihrer
Seite. So heißt es in den vom CDU-Orts­verband
Brun­nen­straße ver­fassten Text „10 Punkte zu
Mau­erpark und Brun­nen­viertel“: „Die Fer­tig­stellung
des Mau­er­parks auf der Wed­dinger
Seite muss nach 15 Jahren Ver­zö­gerung endlich
rea­li­siert werden. (…) Der vor­an­schrei­tende
Wei­ter­verkauf der zur Fer­tig­stellung des
Parks benö­tigten Grund­stücke an private
Inves­toren führt zu immer neuen Ansprech­partnern
und immer kom­ple­xeren Inter­es­sen­lagen.“
Initiative ver­weist auf die finan­zi­ellen
Ein­bußen, falls sich die Fer­tig­stellung des
Mau­er­parks weiter ver­zögere. Die Allianz-
Umwelt­stiftung för­derte vor 15 Jahren den von
Stadt­teil­in­itia­tiven gefor­derten und im Zuge
der dama­ligen Olympia-Bewerbung rea­li­sierten
Ausbau des Mau­er­parks als städ­tische
Grün­fläche mit 4,5 Mil­lionen DM. Damit war
aller­dings die Auflage ver­bunden, den Park bis
2010 auf min­destens zehn Hektar zu ver­größern.
Bis heute fehlen zwei Hektar, und nun
soll ein etwa 30 Meter breiter Streifen mit
sechs­ge­schos­sigen Häusern bebaut werden.
Ein Bruch der Ver­ein­barung würde bedeuten,
dass die Allianz-Umwelt­stiftung die För­derung
zurück­ver­langen könnte. Ange­sichts leerer
Kassen würde das die Bezirks­ver­waltung gewaltig
unter Druck setzen.
Unter­schied­liche Pro­test­gründe
Vor allem drei Gründe mobi­li­sieren die Men­schen:
Erstens würde die Trennung zwi­schen den Stadt­teilen noch ver­stärkt. Schon jetzt ist
das soziale Gefälle zwi­schen dem neuen Mit­tel­stand
in Prenz­lauer Berg und den Arbei­ter­fa­milien,
oft mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, im
Wedding groß. „Wenn die geplante Bebauung
Rea­lität würde, könnten die Wed­dinger in die
Klofenster der neuen Reichen blicken“, bringt
es Rippel auf den Punkt. Der zweite Grund für
den Protest ist die dro­hende Zer­störung einer
Grün­fläche, und drittens droht der Verlust
eines Raums für Kultur. Der Mau­erpark ist seit
Mitte der 90er Jahre ein Ort, wo musi­ziert,
getrommelt und gefeiert werden kann, ohne
dass gleich die Polizei ein­schreitet. Das dürfte
sich mit den neuen Anwohner/​innen schnell
ändern, befürchtet nicht nur Rippel.
Er zählt sich selbst zur „Generation Mau­erpark“
– zu jenen, die aus Prenz­lauer Berg,
Pankow oder Mitte stammend, in den 90er
Jahren als Jugend­liche ihre Freizeit im Mau­erpark
ver­brachten. Damals hatten Ein­rich­tungen
wie eine legale Sprayer-Wand und das
sub­kul­tu­relle Flair des Stadt­teils eine große
Aus­strah­lungs­kraft. Obwohl viele heute in
anderen Stadt­teilen wohnen, betei­ligen sie
sich am Protest gegen die Bau­pläne. Und auch
den in den letzten Jahren zuge­zo­genen Eltern
ist der Park wichtig und sie betei­ligen sich an
den Aktionen.
Rippel betont, dass seine Initiative auf einen
Mau­erpark ohne Polizei Wert legt. Auch privat
orga­ni­sierte Kiez­streifen würden nicht akzep­tiert
und seien sowieso völlig unnötig. Bisher
seien die Nutzer/​innen ohne Ord­nungs­kräfte
klar­ge­kommen, Pro­bleme habe man ohne
poli­zei­liche Maß­nahmen geregelt, und das
solle auch künftig so bleiben.
Rolle der Vivico
Auf einer Sitzung der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung
in Mitte am 25. November 2009,
bei der Poli­tiker der Par­teien Die Linke und
Bündnis 90/​Die Grünen die Freunde des
Mau­er­parks unter­stützten, wurde die Ent­scheidung
über die Bebauung vertagt. Einst­weilen
will die Initiative die Rolle der Immo­bi­li­en­ge­sell­schaft
Vivico Real Estate stärker
the­ma­ti­sieren. Die Vivico ist die Eigen­tü­merin
der Fläche des Mau­er­parks und wurde 2008
vom Bund an eine öster­rei­chische Immo­bi­li­en­gruppe
ver­kauft. Das Ziel der Vivico ist, einen
mög­lichst großen Teil des Areals als Bauland
aus­zu­weisen und gewinn­bringend zu ver­kaufen.
Somit ist die Vivico die eigent­liche
Kon­tra­hentin der Mau­erpark-Freun­d/innen.

http://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​e​p​d​f​/​m​e​3​3​8​h​e​f​t.pdf

Peter Nowak

Wenn Wohnen zum Luxus wird

Akti­visten wollen sich gegen die Ver­drängung von erwerbs­losen Mietern in Bezirken wehren

In der Aula des Leibniz-Gym­na­siums in Kreuzberg berieten Don­ners­tag­abend Akti­visten von Mie­ter­initia­tiven und Stadt­teil­gruppen mit Poli­tikern, Stadt­for­schern und Wis­sen­schaftlern über die Frage, ob das Wohnen in der Innen­stadt bald zum Pri­vileg der Bes­ser­ver­die­nenden wird. Ein­ge­laden hatten u.a. die Stadt­pla­nungs­ge­sell­schaft Topos, das Bezirksamt Fried­richshain-Kreuzberg und der Stadt­teil­aus­schuss Kreuzberg.

Schnell war man sich über den Befund einig, dass junge Familien und Allein­er­zie­hende in bestimmten Stadt­teilen Schwie­rig­keiten haben, eine Wohnung zu finden. Ins­gesamt 428 Erwerbslose waren in den ersten neun Monaten des letzten Jahres von Zwangs­um­zügen betroffen, berichtete der Staats­se­kretär für Soziales Rainer-Maria Fritsch. 2008 waren es 597. Anne Seeck gehörte dazu. Die Akti­vistin des Neu­köllner Erwerbs­lo­sen­treff­punktes musste ihre Neu­köllner Wohnung räumen, weil das Job­center die Miete für die Hartz- IV-Emp­fän­gerin nicht übernahm.

»Ich hatte recht­liche Hilfe, aber führte den Kampf indi­vi­duell, weil es im Haus keinen Zusam­menhalt gab. Beim nächsten Mal werde ich mich nicht so leicht ver­drängen lassen«, betonte Seeck unter Applaus. Die zahl­reichen Trans­pa­rente und Aufrufe gegen Miet­stei­gerung und Ver­drängung machten deutlich, dass sie damit nicht allein ist. Die Wut über die Woh­nungs­misere nimmt zu.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​6​3​6​3​0​.​w​e​n​n​-​w​o​h​n​e​n​-​z​u​m​-​l​u​x​u​s​-​w​i​r​d​.html