Mit einen Mietwal gegen Miethaie

Vor einigen Monaten sorgte die Bizim-Bakkal-Bewegung im Kreuz­berger Wran­gelkiez für großes mediales Interesse. Nachdem bekannt geworden war, dass ein Gemü­se­laden in der Wran­gel­straße 77 gekündigt wurde, mobi­li­sierten Nach­ba­rInnen über Internet den Protest und gingen jeden Mittwoch auf die Straße (Mie­te­rEcho Online berichtete). In den letzten Wochen war es um die Bizim-Bakkal-Bewegung still geworden. Doch am 11.11. meldete sie sich mit einem Lich­ter­umzug zurück.
Ca. 400 Mie­te­rInnen trafen sich vor dem Gemü­se­laden, dessen Zukunft noch immer ungewiss ist. Die Wran­gelstr. 77 GmbH hat zwar die Kün­digung zurück­ge­nommen, doch ein neuer Miet­vertrag ist bis heute nicht unter­schrieben. Daher ist auch völlig unklar, welche Miet­erhö­hungen auf die Laden­in­ha­be­rInnen zukommen könnten. In einer kurzen Rede wurde nicht nur ein lang­fris­tiger Miet­vertrag für den Gemü­se­laden sondern von der Politik auch ein bes­serer Schutz des Klein­ge­werbes im Stadtteil gefordert.
Nur wenige Meter ent­fernt befindet sich die Wran­gel­straße 66. Die Mie­te­rInnen hatten Ende Juli, als die Bizim-Bewegung auf den Höhe­punkt war, die Mit­teilung erhalten, dass ihre Woh­nungen in Eigen­tums­woh­nungen umge­wandelt werden sollen und es bereits einen Kauf­in­ter­es­santen, die mit Sitz in Luxemburg, gebe. Die Mie­te­rInnen wurden auf­ge­fordert, innerhalb von zwei Monaten mit­zu­teilen, ob sie ihr gesetz­liches Vor­ver­kaufs­recht ausüben wollten. Doch sie orga­ni­sierten sich und wurden Teil der Bizim-Bewegung. Bezirks­po­li­ti­ke­rInnen haben sich ein­ge­schaltet und ange­kündigt, dass im Milieu­schutz­gebiet die Umwandlung in Eigen­tums­woh­nungen nicht infrage komme. Doch die Mie­te­rInnen fordern nun kon­krete Taten. Der Bezirk solle von seinem Vor­ver­kaufs­recht Gebrauch machen und das Haus einer öffent­lichen Trä­ger­schaft über­tragen, lautet die For­derung einer Mie­terin. Das wäre ein Signal über die Wran­gel­straße 66 hinaus, dass die Inves­to­ren­pläne auch von der Bezirks­po­litik behindert werden können.

Pro­test­lieder statt Rede
Weiter ging es dann in die Man­teuf­fel­straße 99. Dort betreibt Hans Georg Lin­denau seit mehr als zwei Jahr­zehnten seinen „Gemischt­laden mit Revo­lu­ti­ons­bedarf“, den sich der auf einen Roll­stuhl ange­wiesene Laden­be­sitzer nach seinen Bedürf­nissen ein­ge­richtet hat. Seit Jahren haben ver­schiedene Inves­to­rInnen das als Haus Pro­fit­quelle ent­deckt. Doch sie haben es schnell wieder ver­kauft, als sie mit­be­kamen, dass Lin­denau und viele Mie­te­rInnen des Hauses ihrer dro­hende Ver­treibung nicht einfach hin­nehmen wollten. Jetzt aber soll Lin­denau zum Jah­resende den Laden ver­lassen. Die Haus­ver­waltung IDEMA GmbH hat viele der ursprüng­lichen Mie­te­rInnen des Hauses gekündigt. Manche sind schon aus­ge­zogen. Lin­denau gab statt einer Rede einige Pro­test­lieder zum Besten und machte deutlich, dass er den Laden nicht frei­willig räumen wird. Der Lich­ter­umzug endete mit einem Konzert vor der Zeug­hof­straße 20, das von einem Münchner Rechts­anwalt erworben wurde. Anfangs gab er sich bewusst mie­te­rIn­nen­freundlich und kün­digte eine soziale Modern­sierung an. Daher waren die Bewoh­ne­rInnen besonders empört, als sie im Dezember 2014 mit einer Moder­ni­sie­rungs­an­kün­digung kon­fron­tiert wurden, nach der sich die Mieten mehr als ver­drei­fachen sollen. Schi­kanen setzten ein und zwi­schen­zeitlich sei die Heizung abge­stellt worden, berich­teten Bewohner/​innen auf der Kund­gebung. Auf der Route berich­teten weitere Mie­te­rInnen aus der Nach­bar­schaft von geplanten Luxus­mo­der­ni­sie­rungen. Sie wären zunächst unschlüssig gewesen, ob sie den Wider­stand auf­nehmen sollen. Doch die Existenz der Bizim-Bewegung habe ihnen Mut gemacht, berichtete eine Bewoh­nerin der Mus­kauer Straße. Tat­sächlich hat der Lich­ter­umzug deutlich gemacht, dass es der Bizim-Bewegung um mehr als den Erhalt eines Gemü­se­ladens geht. Ein Mas­kottchen hat sie bereits. An der Spitze des Zuges wurde ein beleuch­teter Wal getragen. Der hat keine Angst vor dem Miethai, dem nehmen wir jetzt immer mit zu unseren Aktionen, erklärten die Trä­ge­rInnen das Symbol.
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Peter Nowak

Ein Lichterfest gegen die Verdrängung

MIETEN: Mit einem Later­nen­umzug meldete sich in Kreuzberg die Bizim-Initiative zurück
Mit einen Later­nen­umzug gegen Ver­drängung durch den Kreuz­berger Wran­gelkiez pro­tes­tierten am Abend des 11 November Hun­derte Mie­te­rInnen gegen Ver­drängung. Sie wollten an diesem Abend,so hießes, mit Laternen und Glüh­birnen den Inves­to­rInnen heim­leuchten. Attraktion des Umzugs war ein großer leuch­tender Wal. „Dieser Mietwal hat keine Angst vor Miethaien“, sagt die Trä­gerin.
Mit der Aktion meldete sich die Bizim-Initiative zurück, die vor einigen Monaten von Mie­te­rInnen des Kreuz­berger Wran­gel­kiezes initiiert wurde, nachdem ein Gemü­se­laden in der Wran­gel­straße 77 die Ver­treibung drohte. Mitt­ler­weile wurde die Kün­digung zurück­ge­nommen, doch einen neuen Miet­vertrag haben die Laden­be­sit­ze­rInnen bis heute nicht. Die Kiez­spa­zier­gän­ge­rInnen bekun­deten gleich zu Beginn ihre Soli­da­rität. „Es ist uns immer um mehr als den Erhalt des Gemü­se­laden gegangen. Die Nach­ba­rInnen haben Mut bekommen, sich eben­falls gegen ihre dro­hende Ver­treibung zu wehren“, sagte eine Bewoh­ne­rInnen der Wran­gel­straße 66. Dort war von den Eigen­tü­me­rInnen die Umwandlung von güns­tigen Miet- und Eigen­tums­woh­nungen geplant. Die Mie­te­rinnen erwarten von den Bezirks­po­li­ti­ke­rInnen , dass sie die Umwandlung der Woh­nungen in dem Milieu­schutz­gebiet stoppen. Es habe bisher Ver­spre­chungen geben.
Im Anschluss zogen die Spa­zier­gän­ge­rInnen zur Man­teuf­fel­straße 99. Hans Georg Lin­denau, des akut von Räumung bedrohten »Gemischt­laden mit Revo­lu­ti­ons­bedarf M99« trug Pro­test­lieder vor und erntete viel Applaus. Der Lich­ter­umzug endete mit einem Konzert vor der Zeug­hof­straße 20, das derzeit ein­grüstet ist. Ein lang­jäh­riger Mieter zeigte auf einer Leinwand Dias: es ging um die Geschichte des Hauses. Die Mie­te­rInnen beklagen, mit Schi­kanen zum Auszug gedrängt zu worden.
aus Taz-Berlin: 13.11.2015

Peter Nowak

Was hätte wohl Mühsam dazu gesagt…

Zwei Rückblicke auf Ausstellungseröffnung und Tagung

Vor über 81 Jahren ist Erich Mühsam gestorben. Die wirk­liche Aner­kennung ist ihm erst posthum zuteil geworden. Doch so sehr er geschätzt wird – Mühsam bleibt mühsam. An ihm scheiden sich die Geister und auch seine „Anhän­ge­rInnen“ sind nicht immer einer Meinung, wenn es um sein Wirken und seine Rezeption geht. Aus diesem Grund sind zur aktu­ellen Mühsam-Aus­stellung in Mei­ningen zwei Autoren ver­treten.

„Mei­ningen und seine Anar­chisten“ lautet der Titel der Aus­stellung, die bis zum 27. Sep­tember im Mei­ninger Schloss Eli­sa­be­thenburg zu sehen ist. Bei der Eröffnung am 17. Mai betonte der anar­chis­tische Lie­der­macher Christoph Holz­höfer, dass Mühsam auch heute ein Feind aller Auto­ri­tären und ein großer Klas­sen­kämpfer sein würde. Er lie­ferte damit das Kon­trast­pro­gramm zu seinen Vor­rednern von der Lübecker Erich Mühsam-Gesell­schaft, die aus dem Namens­geber eine Art freund­lichen Quer­denker machen wollen, der sich heute viel­leicht über die Über­wa­chung durch die USA sorgen würde. Natürlich können die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Mühsam-Ver­wal­te­rInnen keine Gedenkrede ohne ein Zitat von Willy Brandt und Heide Simonis halten. Nun sind die Reden bei Aus­stel­lungs­er­öff­nungen – meist zu Recht – schnell ver­gessen. Doch auch in der Aus­stel­lungs­an­kün­digung wird Mühsam zu einer Art Life­sty­lean­ar­chisten ent­po­li­ti­siert. „Er lebte seine Vor­stellung von Anar­chismus und somit gehört seine Per­sön­lichkeit in einem weit grö­ßeren Ausmaß, als dies bei anderen Schrift­stellern der Fall ist, zu seiner Wirkung dazu“, heißt es da. Kon­se­quen­ter­weise wird Mühsam als Bohème und jüdi­scher Intel­lek­tu­eller erwähnt. Doch der Revo­lu­tionär und Klas­sen­kämpfer Mühsam, der sich für sein Enga­gement den Hass der herr­schenden Klasse zuge­zogen hat, kommt hier ebenso wenig vor, wie der Rote Hilfe-Aktivist, der für die Frei­lassung aller Gefan­genen eintrat. So wird davon schwa­dro­niert, dass für Mühsam die Münchner Räte­re­publik „das kon­se­quente Gegen­modell zur Bür­gerwelt der Väter“ gewesen sei. Dass für Mühsam die Räte­re­publik das Werk der arbei­tenden Men­schen sein sollte, wird dort nicht erwähnt. Doch so sehr sie es auch ver­suchen, Erich Mühsam, der Zeit seines Lebens die Sozi­al­de­mo­kra­tInnen aller Par­teien mit Hohn und Spott bedacht hatte, lässt sich auch im Museum nicht noch posthum in deren Reihen ein­ge­meinden.

Direkte Aktion 231 – Sept/​Okt 2015

https://​www​.direkteaktion​.org/​2​3​1​/​W​a​s​-​h​a​e​t​t​e​-​w​o​h​l​-​M​u​h​s​a​m​-​d​a​z​u​-​g​esagt

Peter Nowak

»Träume brauchen Räume«

In der Nacht zum 10. Oktober wurde in Münster das ehe­malige Haupt­zollamt in der Son­nen­straße besetzt. Am Montag wurde es nach einer Straf­an­zeige der Eigen­tü­merin, der Bun­des­an­stalt für Immo­bi­li­en­auf­gaben (BIMA), von der Polizei geräumt. Die Jungle World sprach mit Manuela Stein von der Beset­zer­gruppe.

Gab es Wider­stand gegen die Räumung des ehe­ma­ligen Haupt­zollamts?

Sowohl vor dem Eingang des Hauses als auch in der ersten Etage wurde ver­sucht, die Räumung mit Sitz­blo­ckaden zu ver­zögern. Auch vor dem Poli­zei­prä­sidium gab es eine Sitz­blo­ckade. Dort wurden die bei der Räumung fest­ge­nom­menen Per­sonen erken­nungs­dienstlich behandelt und dann frei­ge­lassen. Wir fordern selbst­ver­ständlich die Rück­nahme sämt­licher Anzeigen.

Was war der Grund für die Besetzung?

Überall und immer wieder ist es das­selbe Spiel: Ein­kaufs­zentren statt nicht­kom­mer­zi­eller Räume, Eigen­tums­woh­nungen und Büro­kom­plexe ver­drängen selbst­ver­waltete Orte. Das ist für uns keine Per­spektive. Schon seit langem ver­suchen Men­schen in Münster unter diesen untrag­baren Umständen ein selbst­ver­wal­tetes soziales Zentrum zu erkämpfen. Träume brauchen Räume. Seit dem 10. Oktober wurde dies im Zollamt ver­wirk­licht.

In letzter Zeit war die BIMA in der Kritik. War das auch ein Grund für die Wahl des Hauses?

In erster Linie ging es uns darum, einen opti­malen Ort für unser soziales Zentrum zu finden. Das ehe­malige Haupt­zollamt liegt zentral, bietet Raum für zahllose Pro­jekte und hat einen wun­der­schönen Garten. Die BIMA lässt dieses Gebäude seit drei Jahren leer­stehen und spe­ku­liert auf Mil­lio­nen­ge­winne. Mit der Besetzung machten wir den Raum, der per Defi­nition kein Pri­vat­ei­gentum ist, wieder öffentlich nutz- und gestaltbar.

Habt Ihr Euch um Ver­hand­lungen bemüht?

Ja. Wir haben seit der Besetzung jeden Tag im Plenum mit allen Aktiven und Inter­es­sierten ver­handelt, standen in stän­digem Kontakt mit Anwoh­ne­rinnen und Anwohnern sowie mit den Schü­le­rinnen und Schülern der gegen­über­lie­genden Schule. Zudem haben wir unab­hängig von Stadt und BIMA ein Konzept zur Nutzung des Zollamts erar­beitet.

Wie geht es nach der Räumung weiter?

Wir kämpfen weiter um ein soziales Zentrum in Münster. Über die nächsten Schritte dazu werden wir in den nächsten Tagen dis­ku­tieren.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​4​4​/​5​2​9​0​8​.html

Interview: Peter Nowak

Eine Baumbesetzung ist gleich Hausfriedensbruch

PROZESS A100-Geg­ne­rInnen vor Gericht, weil sie sich gegen das Auto­bahn­projekt wehrten

Vier A100-Geg­ne­rInnen mussten sich am Montag wegen Haus­frie­dens­bruch vor dem Amts­ge­richt Tier­garten ver­ant­worten, weil sie sich mit einer Baum­be­setzung gegen das Auto­bahn­projekt wehrten. Das Gelände an der Neu­köllner Grenz­allee war am 3.Februar 2014 von
einem großen Poli­zei­auf­gebot geräumt worden. Den größten Raum nahm jedoch die Befragung des A100-Pro­jekt­leiters im Senat für
Stadt­ent­wicklung und Umwelt, Arne Huhn, ein, der den Straf­antrag gegen die A100-Gegner-Innen unter­zeichnet hatte. Bei seiner Befragung spielte ein Brief des dama­ligen Senators für Stadt­ent­wicklung und heu­tigen Regie­renden Bür­ger­meisters, Michael Müller, an die grünen Mit­glieder des Abge­ord­ne­ten­hauses Dirk Behrend und Harald Moritz eine Rolle. Dort hatte Müller betont, dass der Senat nicht gegen alle Per­sonen, die auf dem geräumten Grund­stück ange­troffen worden waren, Straf­antrag stellt. Eine Rück­nahme der Anzeige, die zur Ein­stellung des Ver­fahrens führen würde, lehnte Huhn aber ab. In einer Erklärung nannte der Ange­klagte Peter Schwarz den Bau der A100 eine „Politik für die Inter­essen der Auto- und Immo­bi­li­en­in­dustrie“. Mit der Anklage ver­suche der Senat, Kri­ti­ke­rInnen des Pro­jekts zu kri­mi­na­li­sieren. Schwarz verwies darauf, dass für den Wei­terbau der A100 bereits mehrere Wohn­häuser in der Beer­mann­straße in Treptow abge­rissen werden, obwohl laut Senat Geflüchtete in den Gebäuden unter­ge­bracht werden sollten. Am 11. November wird der Prozess fort­ge­setzt. Unter­stüt­ze­rInnen der Ange­klagten rufen zu einer regen Teil­nahme auf, weil zu dem Termin auch
zwei Baum­be­set­ze­rInnen – deren Ver­fahren ein­ge­stellt wurden –, als Zeu­gInnen geladen sind. Sollten sie die Aussage ver­weigern, könnte ihnen Beu­gehaft drohen.
aus Taz-Berlin vom 27.10.2015
Peter Nowak

Mieter und Künstler stellen die Wohnungsfrage

Mit der Aus­stellung im Haus der Kul­turen der Welt wird deutlich, dass der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang das größte Hin­dernis für alter­native Wohn­mo­delle dar­stellt

Der tür­kische Tee­kocher mit dem Auf­kleber der Kreuz­berger Stadt­teil­in­itiative Kotti & Co. gehört zum Inventar des Protest-Gece­condo[1], das die Mieter im Mai 2012 am Kott­buser Tor errichtet haben. Nun findet sich der Tee­kocher auch im Haus der Kul­turen der Welt[2]. Dort wurde im Rahmen der Aus­stellung »Woh­nungs­frage«[3], die am 22.Oktober eröffnet wurde, die Pro­test­hütte nach­gebaut.

»Das HKW hat uns die Mög­lichkeit gegeben, mit dem Archi­tekten Teddy Cruz und der Wis­sen­schaft­lerin Fonna Forman[4] aus San Diego eine Antwort auf die Frage des Wohnens zu suchen. Sehr schnell waren wir uns einig, dass die Frage des Wohnens niemals nur eine räum­liche /​architektonische ist, sondern immer auch eine poli­tische und eine öko­no­mische Frage«, erklärt Sandy Kal­tenborn von Kotti & Co gegenüber Tele­polis.

Im Rahmen der Aus­stellung wird die tem­poräre Hütte nicht nur im HKW zu sehen sein. Vom 6. bis 8. November wird sie neben der Pro­test­hütte am Kott­buser Tor auf­gebaut. Dort wird auch die 50minütige Film­in­stal­lation »Miete essen Seele auf«[5] von Angelika Levi[6] zu sehen sein, in der die Geschichte des sozialen Woh­nungsbaus in Kreuzberg ver­ar­beitet wird.

Auch die Senioren der Stillen Straße[7], die 2012 mit der Besetzung[8] ihres von Schließung bedrohten Treff­punkts in Pankow für Auf­merk­samkeit sorgten, sind Koope­ra­ti­ons­partner der Aus­stellung. Gemeinsam mit ihnen ent­wi­ckelte das Lon­doner Archi­tek­turbüro Assemble die Instal­lation Teil­wohnung[9]. So ist ein Wohn­komplex ent­standen, der im Erd­ge­schoss kol­lektiv genutzte Gemein­schafts­räume und Werk­stätten beher­bergt. Die anderen Etagen sind den pri­vaten Räumen der Bewohner vor­be­halten.

»Der Entwurf ermög­licht ein gemein­sames und zugleich selbst­be­stimmtes Wohnen von Men­schen jeden Alters und stellt damit einen Gegen­entwurf zu den iso­lierten Wohn­an­lagen dar », betont einer der Archi­tekten.

Mie­ten­kämpfe, wenn der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang weg­fällt

In der Eröff­nungs­an­sprache benannte der Intendant des HKW Bernd Scherer die Fak­toren, die die Ver­breitung solcher men­schen­freund­lichen Alter­na­tiven behindern. »Woh­nungen werden nicht nur gebaut, um darin zu wohnen, sondern um Geld anzu­legen und mit den wach­senden Preisen und Mieten zu spe­ku­lieren«, benannte er eine Situation, die heute Mieter mit geringen Ein­kommen leidvoll erfahren.

In der Aus­stellung wird an Bei­spielen aus ver­schie­denen Teilen der Welt gezeigt, wie Woh­nungen für die All­ge­meinheit errichtet werden können, wenn der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang zurück­ge­drängt ist. So zeigt der Doku­men­tarfilm »Häuser für die Massen« wie in Por­tugal nach der Nel­ken­re­vo­lution 1974 die Mieter- und Stadt­teil­be­wegung SAAL[10] Teil eines all­ge­meinen gesell­schaft­lichen Auf­bruchs wurde. Hier wird deutlich, mit welcher Begeis­terung, Men­schen, die jahr­zehn­telang mar­gi­na­li­siert worden waren, die indi­vi­duelle und gesell­schaft­liche Befreiung in die eigenen Hände nahmen.

Das Künst­lertrio Lisa Schmidt-Colinet, Florian Zeyfang und Alex­ander Schmoeger doku­men­tiert die Geschichte des Woh­nungsbaus in Kuba seit der Revo­lution. Im Zentrum stehen die aus Arbeitern bestehenden Micro­bri­gaden[11], die mit Material von der Regierung ihre eigenen Woh­nungen und daneben auch kom­munale Gebäude wie Schulen und Kran­ken­häuser errichten. In dem Film werden auch aber die Pro­bleme benannt, die durch den Mangel an Roh­stoffen nach dem Ende des nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Lagers, aber auch die diri­gis­tische Politik der kuba­ni­schen Regierung ent­standen sind.

Die Men­schen wollen an der Basis ent­scheiden und nicht bevor­mundet werden, sagt in dem Film ein kuba­ni­scher Architekt. Sie wollen sich auch nicht von scheinbar objek­tiven Markt­ge­setzen unter­werfen. Das ist eine Erkenntnis, die sich aus der hoch­in­ter­es­santen Aus­stellung gewinnen lässt. Es ist bemer­kenswert, dass schon im Aus­stel­lungs­titel, aber auch in den Texten der Zusam­menhang zwi­schen den Pro­blemen um die Mieten und dem Kapi­ta­lismus her­ge­stellt wird. Friedrich Engels Schrift »Zur Woh­nungs­frage«[12] klingt im Titel an.

Der Intendant des HKW spricht die Grenzen an, die eine Woh­nungs­po­litik für viele Men­schen im Kapi­ta­lismus hat. Dieser Aspekt ist deshalb besonders zu wür­digen, weil auch viele Men­schen, die sich positiv auf die aktuelle Mie­ter­be­wegung beziehen, den Zusam­menhang zum Kapi­ta­lismus nicht her­stellen.

Das wurde am Abend der Aus­stel­lungs­er­öffnung[13] bei der Vor­stellung des Buches »Der Kotti« von Jörg Albrecht[14] im »post­post­mo­dernen Büro für Kom­mu­ni­kation West­Germany«[15] deutlich. Bei dem Autor, der in der Ver­gan­genheit eben­falls mit der Mie­ter­initiative Kotti & Co koope­rierte, kam das Wort Kapi­ta­lismus nicht vor.

Mietre­bellen for­schen über ihre Geschichte

Kürzlich ist in Berlin die Aus­stellung »Kämp­fende Hütten«[16] zu Ende gegangen. Dort haben sich ehe­malige Haus­be­setzer, heutige Mietre­bellen und Wis­sen­schaftler mit der über 150jährigen Geschichte der Ber­liner Mie­ter­be­wegung befasst. An die Blu­men­stra­ßen­kra­walle[17] gegen eine Zwangs­räumung 1872 wurde ebenso erinnert, wie an die von dem His­to­riker Simon Len­gemann erforschten Mie­terräte[18] , die unter dem Motto »Erst das Essen, dann die Miete«[19] in der End­phase der Wei­marer Republik die Miet­zah­lungen kürzten, um über­haupt über­leben zu können.

Bei der Aus­stellung wurde aber auch deutlich, dass selbst über die jüngere Geschichte der Mie­ter­be­wegung heute wenig bekannt ist. So infor­mieren Doku­mente über die Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahren aktive Mie­ter­be­wegung im West­ber­liner Mär­ki­schen Viertel[20] und über den ebenso ver­ges­senen Anteil, den Migran­tinnen und Migranten an der West­ber­liner Haus­be­set­zer­be­wegung der 80er Jahre hatten. Es ist auf jeden Fall ein Zeichen des Selbst­be­wusst­seins der aktu­ellen Mie­ter­be­wegung, wenn sie mit Künstlern koope­riert und sich ihrer Geschichte ver­ge­wissert.

Peter Nowak

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​6​/​4​6​3​6​0​/​1​.html

Anhang

Links

[1]

http://​kot​ti​undco​.net/​2​0​1​5​/​1​0​/​2​1​/​d​i​e​-​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​-​s​t​e​llen/

[2]

http://​www​.hkw​.de

[3]

http://​www​.hkw​.de/​d​e​/​p​r​o​g​r​a​m​m​/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​2​0​1​5​/​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​/​a​u​s​s​t​e​l​l​u​n​g​_​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​/​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​_​a​u​s​s​t​e​l​l​u​n​g.php

[4]

http://​www​.uctv​.tv/​s​h​o​w​s​/​T​h​e​-​U​r​b​a​n​i​z​a​t​i​o​n​-​o​f​-​H​a​p​p​i​n​e​s​s​-​a​n​d​-​t​h​e​-​D​e​c​l​i​n​e​-​o​f​-​C​i​v​i​c​-​I​m​a​g​i​n​a​t​i​o​n​-​w​i​t​h​-​F​o​n​n​a​-​F​o​r​m​a​n​-​a​n​d​-​T​e​d​d​y​-​C​r​u​z​-​T​h​e​-​G​o​o​d​-​L​i​f​e​-​25953

[5]

http://​www​.weltfilm​.com/​d​e​/​f​i​l​m​e​/​i​n​-​p​r​o​d​u​k​t​i​o​n​/​m​i​e​t​e​-​e​s​s​e​n​-​s​e​e​l​e-auf

[6]

http://​de​-de​.facebook​.com/​a​n​g​e​l​i​k​a​.levi

[7]

http://​stil​le​strasse​.de/

[8]

http://​stil​le​stras​se10bleibt​.blog​sport​.eu/

[9]

http://​assemble​.io/​d​o​c​s​/​I​n​s​t​a​l​l​a​t​i​o​n​.html

[10]

http://​www​.uncu​be​ma​gazine​.com/​s​i​x​c​m​s​/​d​e​t​a​i​l​.​p​h​p​?​i​d​=​1​4​8​1​9​8​0​3​&​a​r​t​i​c​l​e​i​d​=​a​r​t​-​1​4​1​5​7​0​5​4​2​9​6​2​2​-​e​8​1​2​1​1​7​7​-​d​0​d​5​-​4​a​9​7​-​8​3​1​e​-​4​1​0​9​1​b​1​4​8​0​9​3​#​!​/​p​age24

[11]

http://​www​.florian​-zeyfang​.de/​m​i​c​r​o​b​r​i​g​a​d​e​s​-​v​a​r​i​a​t​i​o​n​s​/​m​ovie/

[12]

http://​gutenberg​.spiegel​.de/​b​u​c​h​/​z​u​r​-​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​-​5​094/1

[13]

http://​www​.ber​li​nonline​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​k​r​e​u​z​b​e​r​g​/​b​u​c​h​v​o​r​s​t​e​l​l​u​n​g​-​d​a​s​-​k​o​t​t​i​-​i​s​t​-​t​o​t​-​e​s​-​l​e​b​e​-​v​i​e​l​l​e​i​c​h​t​-​b​a​l​d​-​n​i​c​h​t​s​-​m​e​h​r​-​69994

[14]

http://​www​.foto​fix​au​tomat​.de/

[15]

http://​www​.west​germany​.eu/

[16]

http://​kaemp​fen​de​hu​etten​.blog​sport​.eu/

[17]

http://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​a​r​c​h​i​v​/​2​0​1​4​/​m​e​-​s​i​n​g​l​e​/​a​r​t​i​c​l​e​/​b​l​u​m​e​n​s​t​r​a​s​s​e​n​k​r​a​w​a​l​l​e​-​a​n​n​o​-​1​8​7​2​.html

[18]

http://​haen​de​weg​vom​wedding​.blog​sport​.eu/​?​p=828

[19]

http://​www​.ber​lin​street​.de/​a​c​k​e​r​s​t​r​a​s​s​e​/​a​c​ker33

[20]

http://​www​.trend​.info​par​tisan​.net/​t​r​d​0​4​1​3​/​t​0​2​0​4​1​3​.html

Friede den Protesthütten, Krieg der Immobilienwirtschaft

Haus der Kulturen der Welt widmet sich mit Ausstellung und Langzeitprojekt der Frage, wie Menschen in Großstädten künftig wohnen werden

Woh­nungen als Spe­ku­la­ti­ons­masse? Archi­tekten und Akti­visten wollen kri­tisch beleuchten, dass das Men­schen­recht auf Wohnen zunehmend der Immo­bi­li­en­wirt­schaft über­lassen wird.

Der Tee­kocher mit dem Auf­kleber der Kreuz­berger Stadt­teil­in­itiative Kotti & Co. gehört zum Inventar des Protest-Gece­kondu, das Mieter im Mai 2012 am Kott­buser Tor errichtet haben. Nun findet sich der Tee­kocher im Haus der Kul­turen der Welt (HKW).

Dort wurde im Rahmen der Aus­stellung »Woh­nungs­frage«, die am Don­nerstag eröffnet wurde, die Pro­test­hütte nach­gebaut. »Das HKW hat uns die Mög­lichkeit gegeben, mit dem Archi­tekten Teddy Cruz und der Wis­sen­schaft­lerin Fonna Forman aus San Diego eine Antwort auf die Frage des Wohnens zu suchen. Sehr schnell waren wir uns einig, dass die Frage des Wohnens niemals nur eine räum­liche oder archi­tek­to­nische ist, sondern immer auch eine poli­tische und eine öko­no­mische Frage«, sagt Sandy Kal­tenborn von Kotti & Co dem »nd«.

Im Rahmen der Aus­stellung wird die tem­porare Hütte nicht nur im HKW zu sehen sein. Vom 6. bis 8. November wird sie neben der Pro­test­hütte am Kott­buser Tor auf­gebaut. Dort wird auch die Film­in­stal­lation »Miete essen Seele auf« von Angelika Levi zu sehen, in der die Geschichte des sozialen Woh­nungsbaus in Kreuzberg ver­ar­beitet wird.

Mit der Aus­stellung expe­ri­men­teller Woh­nungs­formate und künst­le­ri­scher Arbeiten, einer Publi­ka­ti­ons­reihe und einer inter­na­tio­nalen Aka­demie will das HKW einen »Diskurs über sozialen, bezahl­baren und selbst­be­stimmten Woh­nungsbau anregen«. Den »Andrang der Bevöl­kerung nach den großen Städten«, die »kolossale Stei­gerung der Miets­preise«, die Ver­drängung der »Arbeiter vom Mit­tel­punkt der Städte an den Umkreis«: Die Aus­stellung will sich kri­tisch damit aus­ein­an­der­setzen, dass das Men­schen­recht auf Wohnen zunehmend der Immo­bi­li­en­wirt­schaft über­lassen wird. Das Gestalten von Woh­nungen, Nach­bar­schaften und Städten solle wieder als sozio­kul­tu­relle Praxis ver­standen werden.

Zu diesem Zweck werden (Film)Installationen, Bild­essays oder Archi­tek­tur­mo­delle gezeigt. Die ent­wi­ckelten Wohn­kon­zepte werden in der Aus­stellung 1:1 umge­setzt.

In der Aus­stellung wird außerdem an Bei­spielen aus ver­schie­denen Teilen der Welt gezeigt, wie Woh­nungen für die All­ge­meinheit errichtet werden können, wenn der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang zurück­ge­drängt ist. So zeigt der Doku­men­tarfilm »Häuser für die Massen«, wie in Por­tugal nach der Nel­ken­re­vo­lution 1974 die Mieter- und Stadt­teil­be­wegung Teil eines all­ge­meinen gesell­schaft­lichen Auf­bruchs wurde.

Auch die Senioren der Stillen Straße, die 2012 mit der Besetzung ihres von Schließung bedrohten Treff­punkts in Pankow für Auf­merk­samkeit sorgten, sind Koope­ra­ti­ons­partner der Aus­stellung. Gemeinsam mit ihnen ent­wi­ckelte das Lon­doner Archi­tek­turbüro »Assemble« die Instal­lation Teil­wohnung. So ist ein Wohn­komplex ent­standen, der im Erd­ge­schoss kol­lektiv genutzte Gemein­schafts­räume und Werk­stätten beher­bergt. Die anderen Etagen sind den pri­vaten Räumen der Bewohner vor­be­halten. »Der Entwurf ermög­licht ein gemein­sames und zugleich selbst­be­stimmtes Wohnen von Men­schen jeden Alters und stellt damit einen Gegen­entwurf zu iso­lierten Wohn­an­lagen dar«, betont einer der Archi­tekten.

In der ein­wö­chigen Aka­demie will das Haus außerdem Wis­sen­schaft­le­rInnen, Prak­ti­ke­rInnen, Künst­le­rInnen und andere Exper­tInnen aus unter­schied­lichen Bereichen und Dis­zi­plinen zusammen bringen. Das Künst­lertrio Lisa Schmidt-Colinet, Florian Zeyfang und Alex­ander Schmoeger bei­spiels­weise doku­men­tiert die Geschichte des Woh­nungsbaus in Kuba seit der Revo­lution. Im Zentrum stehen die aus Arbeitern bestehenden Micro­bri­gaden, die mit von der Regierung mit Material ihre eigenen Woh­nungen und daneben auch kom­munale Gebäude wie Schulen und Kran­ken­häuser errichten.

Ins­gesamt stehen 18 Vor­träge auf dem Pro­gramm. Andrej Holm spricht über »Staats­ver­sagen und Marktek­stase« auch das Auf und Ab der Ber­liner Miets­ka­sernen wird beleuchtet.

In der Eröff­nungs­an­sprache benannte der Intendant des HKW, Bernd Scherer, die Fak­toren, die die Ver­breitung solcher men­schen­freund­lichen Alter­na­tiven behindern. »Woh­nungen werden nicht nur gebaut, um darin zu wohnen, sondern um Geld anzu­legen und mit den wach­senden Preisen und Mieten zu spe­ku­lieren«, benannte er eine Situation, die nicht nur in Berlin Mieter mit geringen Ein­kommen leidvoll erfahren.

Bis 14. Dezember. Die Aka­demie findet bis zum 28. Oktober statt. Haus der Kul­turen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin. Pro­gramm und weitere Infos unter: www​.hkw​.de

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Peter Nowak

Es geht nicht um die Abfindung


NEU­KÖLLN Mie­te­rInnen luden zur Begehung dreier von Abriss bedrohter Genos­sen­schaftshäus

„Wie­der­ver­mietung sofort“ stand auf einem Trans­parent, das am Sams­tag­mittag an einem Balkon in der Hei­del­berger Straße 15–18 in Neu­kölln hing. Rund 40 Men­schen hatten sich zur Haus­be­gehung ein­ge­funden. Sie wollten damit die 12 ver­blie­benen Miet­par­teien unter­stützen. Die Genos­sen­schaft (WBV) hatte im März 2015 den Abriss der 1960 errich­teten Gebäude beschlossen. Er sei kos­ten­güns­tiger als eine Sanierung, lautete die Begründung. Am Samstag zeigte sich, dass ein Teil der Mie­te­rInnen den
Auszug wei­terhin strikt ablehnt. Es geht nicht um die Abfindung NEU­KÖLLN Mie­te­rInnen luden zur Begehung dreier von Abriss bedrohter Genos­sen­schafts­häuser. „Die WBV hat uns eine Umsatz­wohnung und 2.000 Euro ange­boten. Darauf lasse ich mich nicht ein. Ich will in der Wohnung bleiben, die ich mir ein­ge­richtet habe“, erklärte Mieter Norbert Sandmann gegenüber der taz. Er gehört zu den Bewoh­ne­rInnen, die bereits bei Bekanntgabe des Abriss­be­schlusses durch die WBV pro­tes­tierend den Raum ver­lassen hatten. Auch eine 79-jährige Bewoh­nerin, die seit 1960 hier wohnt, ist nicht zum Umzug bereit. Es gehe ihnen nicht um eine höhere Ent­schä­digung, sondern um den Erhalt des Wohn­raums, betonen die Mietre­bel­lInnen. Dieses Anliegen teilt die Stadt­teil­in­itiative Karla Pappel, die die Mie­te­rInnen seit Monaten unter­stützt. Sie hatte am Samstag mit zur Begehung auf­ge­rufen. Dazu öff­neten drei Miet­par­teien ihre Woh­nungen für Inter­es­sierte. „Wir wollen zeigen, dass die Argu­mente der WBV für den Abriss nicht stimmen“, erklärte eine Mie­terin. Die
Genos­sen­schaft begründet ihn mit Bau­fäl­ligkeit. Die ver­blie­benen Mie­te­rInnen und ihre Unter­stüt­ze­rInnen betonen, dass mit einer Reno­vierung dringend gebrauchter preis­werter Wohnraum erhalten bleiben könne. Bei einem Neubau würde die Miete, die jetzt unter 5 Euro netto liegt, auf 8,50 Euro steigen. Eine Mie­terin, die auch zu den Ver­tre­ter­räten gehört, die in der WBV eine Auf­sichts­funktion haben, ver­tei­digte am Samstag den Abriss­be­schluss. Der Protest komme viel zu spät. Zudem hätten Mie­te­rInnen aus anderen WBV-Häusern Interesse am Einzug in den geplanten Neubau bekundet. Mit­glieder der Initiative „Genos­sen­schaft von unten“ monierten, dass sich mit der WBV eine Genos­sen­schaft an der Ver­nichtung preis­werten Wohn­raums beteilige und die Mie­te­rInnen gegen­ein­ander
aus­spiele.
Taz-Berlin,19.10.2015
Peter Nowak