Kreuzberg braucht günstige Wohnungen und kein neues Hostel“

Das Poli­zei­an­gebot war groß, als sich am ver­gan­genen Samstag gegen 14 Uhr an der Mariannenstraße/​Ecke Ska­litzer Straße in Kreuzberg ca. 250 Men­schen zur ersten Kund­gebung gegen einen geplanten Hotel­neubau ein­ge­funden hatten.

Im Vorfeld waren rund um das Gelände Plakate mit der Parole „No Hostel – stören, sabo­tieren, besetzen“ auf­ge­taucht. Am Samstag blieb es bei Pro­testen. Zahl­reiche Anwohner/​innen warnten vor den Folgen einer wei­teren Tou­ris­mus­schwemme. „Schon heute…

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Solidarisches Wohnen Mieter*innenkämpfe gegen Gentrizierung und Sozialkahlschlag

Men­schen sind selten nur Mie­te­rinnen, sondern ihr Leben ist kom­plexer. Wem eine Kün­digung droht, und wer das als exis­ten­tielle Bedrohung wahr­nimmt, ist wahr­scheinlich auch erwerbslos oder prekär bzw. schlecht bezahlt beschäftigt. Gleich­zeitig sind Arbeits­kämpfe auch immer Kämpfe um die Kosten der Repro­duktion.

Wer vor zehn Jahren als Gering­ver­die­nerin in Berlin noch ein eini­ger­maßen bequemes Leben führen konnte, …

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Hausbesetzung entkriminalisieren

Auf einem Stadt­teil­plenum im Syn­dikat wurde ein Aufruf für eine neue Ber­liner Linie gestartet

Viel Kund­schaft sieht man in diesen Tage in dem Textil­laden „Kamil Moden“ am Kott­busser Damm 9. Dabei wurde…

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Briefkastenfirmen mit Immobilienanschluss

Potse, Drugstore, Syn­dikat – linke Pro­jekte in Berlin sind von der Schließung bedroht. Häufig sind in Berlin neben pri­vaten Mietern auch kleine Gewerbe­treibende und nicht­kom­mer­zielle Pro­jekte von Ver­drängung betroffen. Neue Immo­bi­li­en­ei­gen­tümer sind oft nur schwer zu fassen.

»Ich darf Ihnen mit­teilen, dass der Verein Potse die Schlüssel nicht übergibt und die Räume besetzt hat«, teilte der Ber­liner Rechts­anwalt Lukas Theune dem sichtlich über­raschten Jugend­stadtrat des Ber­liner Bezirks Tem­pelhof-Schö­neberg, Oliver Schworck (SPD), am Sil­ves­tertag mit. Zugleich gab der Anwalt dem Poli­tiker die juris­tische Belehrung,…

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Am 6. April auf die Straße gegen Mietenwahn

Seit meh­reren Jahren findet im April in der Arena in Treptow die Ber­liner Immo­bi­li­en­messe (BIM) statt. Bisher wurde sie in der Öffent­lichkeit wenig beachtet. Das ist in diesem Jahr anders.

Gegen die BIM will ein Bündnis aus Mieter/​inneninitiativen und stadt­po­li­ti­schen Gruppen am 6. April mit einer ber­lin­weiten Groß­de­mons­tration pro­tes­tieren. Sie steht unter dem Motto „Gemeinsam gegen Ver­drängung und Mie­ten­wahnsinn“ und soll am Alex­an­der­platz beginnen. Einen Zwi­schen­stopp soll es…

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Rechte statt Almosen

Mit einer Mahn­wache for­derten Mieter- und Obdach­lo­sen­in­itia­tiven in Berlin Rechte für Woh­nungslose. Auch die Politik des rot-rot-grünen Senats kri­ti­sieren sie.

»Dieses Plakat ist nur für Obdachlose«, heißt es auf bunten Postern, die Men­schen ohne Wohnung über Hilfs­pro­gramme infor­mieren. Wächst die private Hilfs­be­reit­schaft in der kalten Jah­reszeit, wie die Taz-Redak­teurin Wal­traud Schwab meint? Sie wünscht sich einen harten Winter: »Der Frost ist nicht Schrecken, sondern Gefäl­ligkeit, weckt er doch Mit­gefühl für all die anderen, die, wie man selbst, frierend durch die Stadt gehen.

Für solche Sozi­al­ro­mantik…

Wei­ter­le­senad

Verdrängte Erinnerung

Die Inves­to­ren­po­litik des Senats ver­drängt laut einem Bündnis einen Gedenkort jüdi­scher Zwangs­arbeit

Für einen Gedenkort in der Kreuz­berger Fon­ta­ne­pro­menade demons­trierten am Samstag erin­ne­rungs­po­li­tische Gruppen. „Fon­ta­ne­pro­menade 15 – obdach­loser Gedenkort“ stand auf einem Trans­parent, das direkt vor der ehe­ma­ligen „zen­tralen Dienst­stelle für Juden beim Ber­liner Arbeitsamt“ hing. Von dort aus wurden Jüdinnen und Juden zwi­schen 1938 und dem Ende des Zweiten Welt­kriegs unter Anderem in die Rüs­tungs­in­dustrie gezwungen.

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Das passiert an vielen Orten“

Initia­tiven kri­ti­sieren Aus für den geplanten Gedenkort Fon­ta­ne­pro­menade 15. Senat bezieht Stellung.

Noch vor einem Jahr sah alles danach aus, dass die Fon­ta­ne­pro­menade 15 zum Gedenkort würde.

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CG-Gruppe verkauft Postscheckamt an Art-Invest

Während Bezirkspolitiker/​innen und CG-Gruppe sich gegen­seitig loben, geht die Kritik an Bau­projekt weiter

Mona­telang hing am Post­tower in der Nähe des Hal­le­schen Ufer ein Trans­parent, auf dem die CG-Gruppe, der das Gebäude gehörte, Politiker/​innen des Ber­liner Senats und des Bezirks Fried­richshain-Kreuzberg beschul­digte, den Bau von Woh­nungen dort zu blo­ckieren. Der Hin­ter­grund der Aus­ein­an­der­setzung war die Frage, ob der Bezirk bei den Pla­nungen mit­ent­scheiden oder ob ein Investor wie Chrisoph Gröner von der CG-Gruppe seinen Herr-im-Haus-Stand­punkt durch­setzen kann. Nun…

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Demo am Ostkreuz

Mieter*innen, Gewer­be­trei­bende und Club­kultur machen gegen den Bebau­ungsplan mobil

Die Mieter*innenbewegung meldet sich am Samstag mit einer Demons­tration gegen den Bebau­ungsplan Ost­kreuz aus der Weih­nachts­pause zurück. Ein Bündnis aus Gewer­be­trei­benden, Anwohner*innen und Vertreter*innen der Club­kultur rund um die Rum­mels­bucht ruft dazu auf. „Statt güns­tigem Wohnraum,…

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HG hat jetzt viel Kundschaft, die Englisch spricht

M99, der Gemischt­wa­ren­laden mit Revo­lu­ti­ons­bedarf, ist umge­zogen. Das sorgt für ganz neue Pro­bleme

HG und M99 bleiben“, lautete die Parole, mit der Ber­liner Linke bis zum Sommer 2017 gegen die Ver­treibung des Gemischt­wa­ren­ladens mit Revo­lu­ti­ons­bedarf aus der Man­teuf­fel­straße 99 – daher der Ladenname M99 – in Kreuzberg mobi­li­sierten. Die Zwangs­räumung des auf den Roll­stuhl ange­wie­senen Geschäfts­be­treibers Hans Georg Lin­denau, den alle nur HG nennen, konnte damit ver­hindert werden. Er fand mit Unter­stützung der Stiftung Umver­teilen und von soli­da­ri­schen Nach­ba­rInnen ein neues Domizil in der Falcken­stein­straße 46. Im Juli 2017 war der Umzug abge­schlossen.

Gleich am Eingang werden die Besu­che­rInnen über die Geschichte des Ladens und den Kampf um den Erhalt infor­miert. Das sei auch dringend nötig, meint HG. Denn obwohl das neue Geschäft nur wenige Hundert Meter vom alten Standort ent­fernt ist, habe sich die Lauf­kund­schaft sehr ver­ändert. „Von der Ber­liner linken Szene bekomme ich hier kaum etwas mit. Dafür besuchen mich Tra­vel­le­rInnen aus aller Welt“, meint HG.

Gerade hat er einigen jungen Leuten auf Eng­lisch erklärt, welche T-Shirts er im Sor­timent hat. Eine Frau fragt auf Spa­nisch nach Post­karten, hat aber nichts Pas­sendes gefunden. Das pas­siert häu­figer. Doch HG ist zuver­sichtlich, in Zukunft mehr Waren anbieten zu können, die die neue Kund­schaft inter­es­siert.

Das ist auch nötig, damit HG den Laden auf Dauer halten kann. Schließlich komme er zurzeit schon mal auf Tages­ein­nahmen unter 100 Euro. „Das Weih­nachts­ge­schäft fällt in diesem Jahr aus“, kon­sta­tiert HG. Das sei am alten Standort noch anders gewesen. „Da kamen auch Men­schen, die in der Ora­ni­en­straße ihre Ein­käufe tätigten, und kauften bei mir die Geschenke für ihre Kinder. Bis zum neuen Laden ist es ihnen wohl zu weit“, ana­ly­siert HG das ver­än­derte Kun­dIn­nen­ver­halten.

Der neue Standort neben Clubs, Konzert-Location und Kneipen führt aber auch zu ganz neu­ar­tigen Pro­blemen. Schon dreimal wurden die Laden­fenster durch Stein­würfe beschädigt. Am ver­gan­genen Sonn­tag­morgen flog erneut ein Stein durch die Scheibe. Das große Loch ist not­dürftig über­klebt. Denn für eine neue Scheibe fehlt HG das Geld.

Über die Ver­ant­wort­lichen und ihre Gründe mag der Laden­be­sitzer ebenso wenig spe­ku­lieren wie über die Frage, ob der M99 viel­leicht jemandem ein Dorn im Auge sein könnte. „In der Gegend um die Ober­baum­brücke gibt es viele Ver­rückte, die werfen Fahr­räder in geparkte Autos. Die smashen auch eine Scheibe, wenn sich die Gele­genheit ergibt.“

Ein­schüchtern lässt sich HG dadurch nicht. Schließlich ist er als Laden­be­sitzer für Revo­lu­ti­ons­bedarf Stress gewöhnt. Jah­relang wurde er immer wieder Ziel von Razzien der Polizei, die bei ihm Druck­schriften wie die Auto­no­men­pu­bli­kation radikal wegen angeblich gewalt­ver­herr­li­chender Inhalte beschlag­nahmte.

Die letzte Durch­su­chung liegt mitt­ler­weile schon einige Jahre zurück. Damals ver­sam­melten sich oft in kurzer Zeit Men­schen aus der Nach­bar­schaft zur Unter­stützung um den Laden. Daran möchte HG wieder anknüpfen: Im Geschäft hat er ein Mikrofon an einen Laut­sprecher ange­schlossen. Damit kann er bei dro­henden Angriffen die Nach­bar­schaft auf­merksam machen.

don­nerstag, 20. dezember 2018 taz

Peter Nowak

Tempelhofer Mieter/​innen organisieren sich gegen Deutsche Wohnen

Alles begann mit einem Mit­glied der Ber­liner Mie­ter­Ge­mein­schaft, der in Berlin-Tem­pelhof Flyer für eine Pro­test­kund­gebung gegen die Immo­bi­li­en­firma Deutsche Wohnen ver­teilte. Barbara Jencik war sofort daran inter­es­siert. Denn auch sie wohnte in einem Haus, das der Deutsche Wohnen gehört. Durch den Flyer hatte sie nun erfahren, dass sich in zahl­reichen Ber­liner Stadt­teilen Deutsche-Wohnen Mieter/​innen orga­ni­sieren und ver­netzen. Zudem koor­di­nieren sie ber­linweit Pro­teste. Barbara Jencik beteiligt sich nicht nur regel­mäßig daran. Sie wollte auch in ihrem Wohn­umfeld Mitstreiter/​innen gewinnen. „Am Anfang war es sehr müh­selig“, berichtet sie Mie­te­rEcho online. Viele der Mieter/​innen im Block wollten nicht glauben, dass die Deutsche Wohnen die Mieten erhöhen würde. Es waren zunächst nur 9 Per­sonen, die sich in der Wohnung von Frau Jencik trafen und die Mie­ter­initiative „Bofugeri“ gründete. Die Abkürzung steht für die Stra­ßen­namen, in denen sich der Häu­ser­block befindet, der der Deut­schen Wohnen gehört. Es handelt sich um Borussia-, Fuhrmann-, Ger­mania- und Ring­bahn­straße. Ein Haus steht in der Straße „Am Tem­pelhof“, die im Kürzel nicht berück­sichtigt wurde.

Der Andrang war so groß, dass nicht alle in den Raum passten

Die kleine Mieter/​inneninitiative lud im November mit Unter­stützung der LINKEN des Bezirks zu einer Ver­sammlung aller Bewohner/​innen des Häu­ser­blocks ins Rudolf-Wissel-Haus und hatte mit dem Termin Glück. Kurz vorher hatten alle Mieter/​innen des Blocks ein Schreiben des Bezirksamts im Brief­kasten, das sie infor­mierte, dass die Deutsche Wohnen die nötigen Unter­lagen für eine Moder­ni­sierung der Häuser ein­ge­reicht hat. Nun hatten die Mieter/​innen Schwarz auf Weiß, dass die War­nungen von Frau Jencik und ihrer Mitstreiter/​innen kei­neswegs aus der Luft gegriffen waren. „Es kamen über 100 Anwohner/​innen. Fast passten nicht alle in dem Raum“, berichtet Frau Jencik über die erfolg­reiche Ver­sammlung. Dort wurde den Mieter/​innen geraten, in die Mie­ter­ge­mein­schaft ein­zu­treten. „Wir wollen vor­be­reitet sein, wenn es in den nächsten Monaten konkret wird, mit den Plänen der Deutsche Wohnen“, sagt Jencik. Jetzt können sie die nächsten Schritte abwarten. Dass die Deutsche Wohnen druck­emp­findlich ist, zeigt sich an den Plänen für den Tem­pel­hofer Häu­ser­block. So kann ein Großteil der geplanten Instand­set­zungs­maß­nahmen nicht auf die Miete umgelegt werden. Das sieht Jencik als einen Erfolg der ber­lin­weiten Orga­ni­sierung gegen die Deutsche Wohnen. Seit das Unter­nehmen im Fokus der Kritik steht, agiert es vor­sich­tiger. Doch für die Tem­pel­hofer Initiative ist das kein Grund sich zurück­zu­lehnen. Auf den grünen Stadtrat für Bauen und Stadt­ent­wicklung in Schö­neberg-Tem­pelhof Jörn Oltmann ist Jencik nicht gut zu sprechen. Auf die Bitte um Unter­stützung kam nur die Antwort, darum müssten sich die Mieter/​innen selber kümmern. Das haben Jencik und ihre Mitstreiter/​innen nun getan und sind jetzt gut vor­be­reitet auf die Pläne der Deut­schen Wohnen. Auch in Tem­pelhof muss das Unter­nehmen mit Wider­stand durch die Mieter/​innen rechnen.

aus: Mie­te­rEcho 04.12.2018

https://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​t​e​m​p​e​l​h​o​f​e​r​-​m​i​e​t​e​r​i​n​n​e​n​-​g​g​-​d​e​u​t​s​c​h​e​-​w​o​h​n​e​n​.html
Peter Nowak

Deutsch gegen Deutschland

Hans Deutsch kämpfte für die Wie­der­gut­ma­chung von NS-Opfern. Ein Buch erinnert daran, wie ein Kartell von Alt­nazis den jüdi­schen Rechts­anwalt kri­mi­na­li­sierten. Die Spuren führen auch in die Schweiz.

Wenn sich Deutschland heute als Welt­meister bei der Auf­ar­beitung der NS-Ver­brechen feiern lässt, wird häufig ver­gessen, dass in West­deutschland bis in die 1980er Jahre die NS-Opfer und ihre Unter­stüt­ze­rInnen bekämpft und ver­leumdet wurden. Wie die wieder in Amt und Würden gelangte ehe­malige NS-Beam­ten­schaft vorging, zeigt die Kam­pagne gegen den in Öster­reich gebo­renen Rechts­anwalt Hans Deutsch. Der Spiegel-Gerichts­re­porter Gerhard Mauz nannte ihn «einen Vor­kämpfer an der Front der Ent­schä­digung für Opfer natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ver­folgung». Der 1906 in Wien Geborene schaffte es, nach dem Ein­marsch der Wehr­macht, das Land zu ver­lassen. Seine jüdi­schen Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Hans Deutsch hatte in Israel eine Anwalts­praxis eröffnet. Doch er zog nach der Nie­derlage des NS nach Wien zurück. Dort machte er sich bald einen Namen als «Mister Wie­der­gut­ma­chung», wie er in der Presse genannt wurde. Nun ist der Begriff Wie­der­gut­ma­chung schon ein Euphe­mismus. Wie hätten die deut­schen Ver­brechen wie­der­gut­ge­macht werden können? Mil­lionen Men­schen waren ermordet worden, noch mehr waren trau­ma­ti­siert und litten ihr gesamtes Leben an den Folgen der Ver­folgung. Wie­der­gut­ge­macht werden sollte hin­gegen der Ruf Deutsch­lands, hier vor allem der BRD bei ihren Ver­bün­deten und in der Welt.
Hans Deutsch hin­gegen hatte das Ziel, als Rechts­anwalt finan­zielle Kom­pen­sa­tionen für die von den Nazis beraubten JüdInnen juris­tisch zu erstreiten. Dabei ging es um wert­volle Möbel und Kunst­werke, um Tep­piche und Por­zellan, die aus den Häusern von wohl­ha­benden jüdi­schen Men­schen zunächst in Deutschland und dann in sämt­lichen von der Wehr­macht besetzten Ländern aus­ge­plündert wurden. Nach der NS-Nie­derlage wollten die dafür Ver­ant­wort­lichen ihre Beute kei­neswegs ver­lieren. Diese Kreise sahen in Hans Deutsch, der mit der Voll­macht als israe­li­scher Anwalt die ersten Sam­mel­klagen der Opfer ein­reichte, einen Feind, der zur Strecke gebracht werden musste. Wie Büro­kra­tInnen, Poli­ti­ke­rInnen und auch manche Medien dabei vor­gingen, ist das Thema eines im Verlag «Das Neue Berlin» her­aus­ge­ge­benen Buches. Es ist ein wahrer Polit­krimi, den der Publizist Burkhart List unter dem Titel «Die Affäre Deutsch» auf fast 500 Seiten – manchmal etwas zu aus­schweifend – vor den Lese­rInnen aus­breitet. Vor allem die zahl­reichen bis heute offenen Fragen hätten besser gebündelt werden sollen. Denn die von List aus­ge­brei­teten Fakten sind alar­mierend genug.

«Deutsche Unver­schämtheit»
1964 war Deutsch unter dem Vorwurf ver­haftet worden, er habe Beweis­ma­terial über die unga­rische Kunst­sammlung Hatvany gefälscht. Die Bilder seien nicht von der SS, sondern von der Roten Armee geraubt worden, so die Anklage. Deutsch wurde des Betrugs beschuldigt, weil er von der BRD dafür Ent­schä­digung ein­klagte. List befasst sich akri­bisch mit den Gegen­spie­le­rInnen von Deutsch, nennt deren NSDAP-Mit­glieds­nummern und Nach­kriegs­kar­rieren. An erster Stelle seien hier der ehe­malige SS-Unter­sturm­bann­führer und spätere Prä­sident des Bun­des­kri­mi­nalamt Paul Dickopf sowie der Beamte im Bun­des­fi­nanz­mi­nis­terium Ernst Féaux de la Croix genannt. Deutsch sass 18 Monaten in Unter­su­chungshaft, doch der Prozess führte erst nach neun Jahren zu seinem Frei­spruch. Deutsch stritt bis zum Lebensende um seine Reha­bi­li­tation. Unter­stützt wurde er von einem kleinen Freun­dIn­nen­kreis, der vor allem in Frank­reich aktiv war. In Deutschland kannte kaum jemand den Mann, der bis zu seinem Tod im Jahr 2002 von der «deut­schen Unver­schämtheit, die Mörder meines Volkes gegen mich auf­mar­schieren zu lassen», sprach. Sein Sohn setzte den Kampf um Gerech­tigkeit für seinen Vater fort. Mit dem 2005 erstellten Film «Deutsch gegen Deutschland» wurde ein Anfang gemacht. Mit seinem Buch setzt Burkhart List, der über viele Jahre die Affäre Deutsch publi­zis­tisch unter anderem für die «Süd­deutsche Zeitung» begleitet hat, diesen Kampf fort.

Bis in die Schweiz
List beschreibt in seinem Polit­krimi, wie die Nazis auch in der offi­ziell neu­tralen Schweiz JüdInnen beraubten. «Der einstige Indus­trie­magnat Bloch-Bauer lebte seit 1939 in Zürich im Exil, doch die Nazis waren noch nicht fertig mit ihm. (…) Der geflüchtete Bloch-Bauer ahnte nicht, dass Dr. Führer vom SS-Geheim­dienst nach Zürich ent­sandt worden war, um ihn auch noch seines letzten Hab und Guts zu berauben», beschreibt der Autor das Treiben der Nazis in der Schweiz im Jahr 1940. Er beschreibt das Ziel des Nazi­be­suchs in der Schweiz: «Obwohl Bloch-Bauer offi­ziell von Freunden lebte, die ihm eine halbe Million Schweizer Franken über­lassen haben, ver­mutete die SS noch Konten in der Schweiz und ein Bank­depot. An dieses Rest­ver­mögen wollte die SS ran.» Daher wurde Bloch Unter­schla­gungen vor­ge­worfen und die Schweizer Insti­tu­tionen spielten mit. «Die Büro­kraten kon­stru­ierten Steu­er­schulden, Straf­zu­schläge und Geld­strafen nach obskuren Straf­ver­fahren und erfanden neue Steuern, um mit astro­no­mi­schen For­de­rungen ihre Opfer unter Druck setzen zu können. (…) Diese Geld­for­de­rungen wollte der SD auch in der Schweiz ein­treiben, und die Schweizer Banken kamen diesen Ansinnen tat­sächlich nach: etwa 200 Mil­lionen Franken von jüdi­schen Konten an das Deutsche Reich. Die Kon­to­in­haber waren diesem Treiben hilflos aus­ge­liefert.» Der SS-Emissär, der diesen Auftrag erle­digen sollte, hiess Erich Führer. 20 Jahre nach dem Ende des NS war er Teil der braunen Seil­schaft, die Hans Deutsch kri­mi­na­li­sierte.

In Erklä­rungsnot
Auch in seiner unmit­tel­baren Umgebung in Lau­sanne lebte ein Altnazi. «Sein Name: Francis Genoud, der ehe­malige SD-Agent aus Lau­sanne», schreibt List. Er konnte nach­weisen, dass Genoud vom dama­ligen Vize­prä­si­denten des BKA Paul Dickopf in den 1960er Jahren auf Hans Deutsch ange­setzt worden war. List setzt auch hinter den thea­tra­lisch insze­nierten Selbstmord von Genoud im Mai 1996 ein Fra­ge­zeichen und geht auf Gerüchte ein, er habe sich mit 81 Jahren mit neuer Iden­tität nach Latein­amerika abge­setzt, wie viele Ex-Nazis 40 Jahre vorher. «Aus einem ein­fachen Grund könnte das es durchaus so sein: Zu diesem Zeit­punkt war die Jagd nach dem Nazigold aus­ge­brochen und Genoud wegen seiner Rolle als Beu­te­schieber der SS in Bedrängnis geraten.» Damals war auch die Schweizer Politik in Erklä­rungsnot geraten. Der Kon­flikt um das Nazigold führte zu einer Aus­ein­an­der­setzung zwi­schen den füh­renden Poli­ti­ke­rInnen der USA und der Schweiz. Von Seiten der rechten SVP wurde der Kon­flikt mit anti­se­mi­ti­schen Tönen «gegen die Anwälte der US-Ost­küste» befeuert. List streifte dieses Thema in einigen Kapiteln nur. Denn bei der Frage, ob Genoud wirklich Selbstmord beging oder nur sein Schweizer Leben beendete, ist er auf Mut­mas­sungen ange­wiesen. Schnell wird dann einem Autoren unter­stellt, er stützte sich auf Ver­schwö­rungs­theorien, um das gesamte Buch zu dis­kre­di­tieren. Das wäre im Fall von Burkhart List besonders bedau­erlich. Hat er doch hier sein pro­fundes Wissen zusam­men­ge­tragen, dass er zur Affäre Deutsch gesammelt hat. Die war so gründlich in Ver­ges­senheit geraten, dass nur zu hoffen ist, dass Buch auch einen Start­schuss gibt, um an einen Mann zu erinnern, der von den Nazis bis in die 1960er Jahre ver­folgt wurde.

List Burkhart: Die Affäre Deutsch. Verlag Das Neue Berlin, 29 Euro.

aus: Vorwärts/17.11.2018

Deutsch gegen Deutschland

Peter Nowak