Querfront-Projekt endete als Farce

Sie eint nur die Ablehnung von Nato, die USA und Israel – doch selbst in der Links­partei gibt es einige, die zumindest klamm­heim­liche Sym­pa­thien äußern

Am Ende wurde die Preis­ver­leihung zur Posse. Der Mode­rator Ken Jebsen, dessen Mar­ken­zeichen regres­siver Anti­zio­nismus, ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sches Denken und der Aufruf zu einem Links-Rechts-Crossover ist, sollte im vom Ber­liner Senat sub­ven­tio­nierten Kino Babylon[1] von der Neuen Rhei­ni­schen Zeitung[2] einen Preis ver­liehen bekommen.

Doch kurz­fristig hatte Ken Jebsen über ihn nahe­ste­hende Medien seine Absage erklärt[3]. Es soll hinter den Kulissen Streit über einige der Gäste und Musiker gegeben haben. Nun könnte man sich über das ver­diente Desaster eines Pro­jekts freuen, das vom Kampf gegen Israel und den USA lebt. Wenn es eine Quer­front­zeitung gibt, die eini­ger­maßen funk­tio­niert, dann ist es die Neue Rhei­nische Zeitung.

Der klang­volle Name der Publi­kation, in der auch Karl Marx publi­zierte, soll nicht täu­schen. Heute ist es das Zei­tungs­projekt einer kleinen Gruppe ehe­ma­liger auto­ri­tärer Linker, die nach dem Ende des Nomi­nal­so­zia­lismus nicht mehr links und rechts kennen wollten. Sie hofften, aus der Pegida-Bewegung eine Anti-Nato-Bewegung machen zu können.

Die »Enga­gierten Demo­kraten gegen die Ame­ri­ka­ni­sierung Europas« aber waren äußerst kurz­lebig. Doch Andreas Neumann und Annelie Fik­ent­scher, beides Redak­teure der heute real exis­tie­renden Neuen Rhei­nische Zeitung, waren voll des Lobes[4] für diese Auf­märsche:

Die »Enga­gierten Demo­kraten gegen die Ame­ri­ka­ni­sierung Europas« dagegen sind die­je­nigen, die erkannt haben, von wo die großen Bedro­hungen für die Menschheit aus­gehen.

Anne­liese Fik­ent­scher und Andreas Neumann

Dabei ist bei einen Blick auf die Endgame-Inter­net­präsenz zu erkennen, dass dort mit dem Anti­ame­ri­ka­nismus und dem Lügen­presse-Vorwurf sowie Ver­schwö­rungs­theorien aller Art nur eine Variante von Pegida aktiv war. Wer sich die Bilder der Endgame-Auf­märsche anguckte, konnte unschwer in der rechten Szene aktive Per­sonen dort aus­machen.

In der Ablehnung von Kate­gorien wie links und rechts und im Hass auf Israel und die USA treffen sie sich mit Ken Jebsen, der seine Tages­dosis Ver­schwö­rungs­theorie sehr pro­fes­sionell unter das Publikum bringt[5] und das ist nicht klein. Das ist ein Zeichen des Irra­tio­na­lismus, in Zeiten, in der linke Poli­tik­vor­stel­lungen dis­kre­di­tiert sind.

Jebsen ver­steht es gekonnt, linke Ver­satz­stücke mit in seine Bot­schaft ein­zu­bauen, den Kapi­ta­lismus zu ver­ur­teilen, ihn dann aber ver­schwö­rungs­theo­re­tisch zu begründen. Selbst die anti­zio­nis­tische Tages­zeitung »junge Welt« kon­ze­diert Jebsen ein geschlossen anti­se­mi­ti­sches Weltbild und bezieht sich auf dem Videoclip Anti­zio­nis­ti­scher Rassismus[6].

Nun könnte man denken, dass alle Linken sich freuen, dass die Preis­ver­leihung an Jebsen nun ohne große Pro­teste ins Wasser fiel, weil sich die Quer­front selber zer­legte. Doch das ist ein Irrtum.

Linke über Jebsen zer­stritten

Vielmehr hat die Preis­ver­leihung bereits im Vorfeld zu mas­siven Streit in der Links­partei geführt. Die einen stehen auf der Seite des Ber­liner Kul­tur­se­nators Klaus Lederer[7], der die Preis­ver­leihung im staatlich geför­derten Film­theater (»Jahr­markt der Ver­schwö­rungs­gläu­bigen und Aluhüte«, wie Lederer sagte) gern ver­hindert hätte.

Nun kann man die Frage stellen, warum nicht auch inter­ve­niert wurde, als Martin Hohmann, der wegen einer anti­se­mi­tisch emp­fun­denen Rede aus der CDU aus­ge­schlossen wurde und sich heute in der AFD hinter Höcke stellt, bei einer rechten Preis­ver­leihung in der Zita­delle in Spandau[8] redete.

Man könnte auch monieren, dass der Ber­liner Senat, damals auch unter Betei­ligung der Links­partei, nicht inter­ve­nierte, als im Kino Babylon ein Arbeits­kampf stattfand und der Kino­ge­schäfts­führer sogar ver­suchte, der daran betei­ligten Basis­ge­werk­schaft FAU den Gewerk­schafts­status abzusprechen[9]. Wenn aber Links­partei-Poli­tiker Jebsen und seine Fans irgendwie als zur eigenen Familie gehörig betrachtet werden, muss man sich schon wundern.

Bun­des­tags­ab­ge­ordnete wie Andrej Hunko[10] betonen, dass sie wohl auch Dif­fe­renzen mit Jebsen haben. Aber am Ende ver­teidigt er doch Jebsen und seine Anhänger. Hunko macht in seinen Text einen Exkurs zur Welt­po­litik und in die Geschichte. Nur eine Frage lässt er wie die anderen Jebsen-Ver­tei­diger offen. Kennt er die Texte, in denen Jebsen die Zio­nisten für alle Übel der Welt ver­ant­wortlich macht und den Mossad mit der SS ver­gleicht?

Diese Frage geht auch an den Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten Wolfgang Gehrcke, der am Don­nerstag auf einer Kund­gebung geredet hat, die sich gegen die Inter­vention des Senators seiner eigenen Partei beim Kino Babylon richtete. Gehrcke kritisierte[11] die poli­tische Rechte in seiner Rede.

Er setzt sich dort für eine Linke ein, die gegen Kriege und Gewalt und für die Freiheit des Wortes und des Geistes ein­tritt. Kämpft Gehrcke also dafür, dass Jebsen gegen ein Holo­caust-Denkmal in Washington hetzen und im Geiste des Schwarzbuch-Kom­mu­nismus davon schwa­dro­nieren kann, dass die Sowjet­union das Copy­right beim Ver­nichten von Men­schen hatte und die Nazis nur die Lehr­linge waren.

Der Streit dürfte in der Linken wei­ter­gehen, auch wenn die Preis­ver­leihung nun aus internen Gründen nicht zustande kam. Es gibt in den letzten Monaten die These, dass unter dem Dach der Linken zwei völlig unter­schied­liche Poli­tik­kon­zepte ver­treten sind. Beide sind auf­ein­ander ange­wiesen, weil sie sonst beide nicht ins Par­lament kämen. Doch an dem Streit um die Jebsen-Show wurde auch deutlich, wie unter­schiedlich die Vor­stel­lungen real sind.
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Peter Nowak

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[3] https://​www​.rubikon​.news/​a​r​t​i​k​e​l​/​k​e​n​-​j​e​b​s​e​n​-​s​a​g​t​-​t​e​i​l​n​a​h​m​e​-​a​n​-​p​r​e​i​s​v​e​r​l​e​i​h​u​ng-ab
[4] http://​www​.nrhz​.de/​f​l​y​e​r​/​b​e​i​t​r​a​g​.​p​h​p​?​i​d​=​21428
[5] https://​kenf​.de/
[6] https://​www​.youtube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​F​p​C​S​6​K​wZ63E
[7] https://www.die-linke.de/partei/parteistruktur/parteivorstand/2016–2018/beschluesse/detail/news/klare-kante-gegen-querfront/
[8] https://​www​.vice​.com/​d​e​/​a​r​t​i​c​l​e​/​y​w​b​a​3​b​/​w​i​r​-​w​a​r​e​n​-​b​e​i​-​e​i​n​e​r​-​p​r​e​i​s​v​e​r​l​e​i​h​u​n​g​-​f​u​r​-​r​e​c​h​t​e​-​j​o​u​r​n​a​l​isten
[9] https://​berlin​.fau​.org/​k​a​e​m​p​f​e​/​k​i​n​o​-​b​a​b​y​l​o​n​-​mitte
[10] http://​www​.andrej​-hunko​.de/​s​t​a​r​t​/​a​k​t​u​e​l​l​/​3​8​4​8​-​p​e​r​s​o​e​n​l​i​c​h​e​-​e​r​k​l​a​e​r​u​n​g​-​z​u​m​-​p​a​r​t​e​i​v​o​r​s​t​a​n​d​b​e​s​c​h​l​u​s​s​-​d​e​r​-​l​i​n​k​e​n​-​k​l​a​r​e​-​k​a​n​t​e​-​g​e​g​e​n​-​q​u​e​r​front
[11] https://​www​.wolfgang​-gehrcke​.de/​d​e​/​a​r​t​i​c​l​e​/​1​9​4​8​.​e​s​-​g​i​b​t​-​s​i​e​-​d​i​e​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​r​e​c​h​t​e​-​u​n​d​-​a​u​c​h​-​d​i​e​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​l​i​n​k​e​.html

Jerusalem-Entscheidung: Neue Ziele ansteuern

Die anti­se­mi­ti­schen Ten­denzen bei den Reak­tionen ver­wundern nicht. Das Diktat der Hamas und unhaltbare Zustände – »Trump macht was richtig«

Donald Trump macht was richtig, hieß es am ver­gan­genen Samstag in einer Taz-Kolumne. Gemeint war seine Aner­kennung Jeru­salems als israe­lische Haupt­stadt. Aus­ge­rechnet das links­li­berale Blatt, dass Deutschland nach der Trump-Wahl zum Leuchtturm der freien Welt ausrief, hat mal gute Worte für den US-Prä­si­denten. Und das noch bei einer Ent­scheidung, wo es in den letzen Tagen schien, als stehe Trump gegen den Rest der Welt.

Noch mehr als Trumps per Mail erklärten Aus­tritt aus dem Pariser Kli­ma­ab­kommen schien die ver­öf­fent­lichte Meinung der Wider­stand gegen dessen Jeru­salem-Ent­scheidung zu einigen. Nun zeigte sich schnell, dass da auch wieder einmal viel Auf­regung und Furor im Spiel war.

Die deut­schen Medien und der Zorn der ara­bi­schen Straße

Da wurde seit Tag der Zorn der ara­bi­schen Straße bemüht. Als es aber in den ara­bi­schen Städten noch weit­gehend ruhig blieb, wurde schon gefragt, wann denn nun dieser Zorn aus­breche. Nach den Frei­tags­ge­beten ora­kelten die Nah­ost­be­ob­achter Mitte letzter Woche.

Dann wurde jede Men­schen­an­sammlung zur neuen Intifada erklärt und gar nicht berück­sichtigt, dass hier isla­mis­tische Gruppen wie die Hamas zu den Auf­rufern gehörten. Nachher war man dann ent­setzt, dass in vielen euro­päi­schen Städten ein­deutig anti­se­mi­tische Ten­denzen bei den Aktionen zu sehen und hören waren. Nur kann das niemand ver­wundern.

Wenn die Hamas aufruft, sind regressive Anti­zio­nisten und auch offene Anti­se­miten nicht weit. Als dann am Wochenende die Unruhen wieder abflauten, setzte fast Ent­täu­schung in manchen Medien ein. Dabei haben Beob­achter des Geschehens im Nahen Osten schon länger eine neue Intifada für unwahr­scheinlich gehalten. Das hat viele Gründe. Viele erkennen, dass sie ihre kon­krete Situation damit eher ver­schlechtert.

Es gab auch im Gaza­streifen State­ments, die ein Leben unter dem Diktat der Hamas als ein grö­ßeres Übel als unter israe­li­scher Besatzung halten. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass der isla­mis­tische Tugend­terror im Gaza auf viel Wider­stand stößt. Aber auch öko­no­mische Argu­mente finden Gehör.

Das wirt­schaftlich pro­spe­rie­rende Israel könnte für die Paläs­ti­nenser eine bessere Lebens­grundlage bieten, als eine Armuts­region Westbank, vom Gaza­streifen gar nicht zu reden. Hier könnte eine Debatte über einen ein­heit­lichen Staat Israel-Palästina beginnen. Genau darauf kommt der Taz-Kom­men­tator zu sprechen, wenn er Trump für seine Jeru­salem-Ent­scheidung lobt.

Wer Trumps Schritt nun irra­tional findet und gefährlich, muss nur einmal die Logik deut­scher und ame­ri­ka­ni­scher Nah­ost­po­litik der letzten 15 Jahre nüchtern betrachten. Man hielt an einer illu­sio­nären Zwei­staa­ten­lösung fest, obwohl diese durch israe­lische Sied­lungs­po­litik ver­un­mög­licht wurde, rügte zwar immer mal wieder, sub­ven­tio­nierte aber wei­terhin Israels Militär.

Gleich­zeitig finan­zierte man eine kor­rupte und unde­mo­kra­tische Paläs­ti­nen­sische Auto­no­mie­be­hörde, um die israe­lische Besatzung nicht zu einer huma­ni­tären Kata­strophe werden zu lassen. Dass dieser unhaltbare Zustand nun enden könnte, ist eine gute Nach­richt. Denn der israe­li­schen Regierung und der rechten Mehrheit im Land kann Donald Trumps Schritt lang­fristig nicht recht sein.

Für sie ist der Status quo bequem: Fak­tisch gibt es nur einen Staat zwi­schen Mit­telmeer und Jordan, Mil­lionen Paläs­ti­nenser leben dort unter israe­li­scher Kon­trolle. Israel braucht das Fernziel Zwei­staa­ten­lösung, und sei sie noch so unrea­lis­tisch, drin­gender als die Paläs­ti­nenser. Denn wenn das Ziel – zwei Staaten für zwei Völker – offi­ziell erledigt ist, stellen sich für Israel unan­ge­nehme Fragen.

Was ist mit den Mil­lionen Paläs­ti­nensern, die dann auch offi­ziell unter israe­li­scher Herr­schaft leben, aber keine Staats­bür­ger­rechte haben?

Wird Israel dann ein Apart­heid­staat (Shit­storm in 3, 2, 1 …)?

Es ist Zeit, über Alter­na­tiven zur Zwei­staa­ten­lösung zu sprechen. Donald Trump hat dazu den ersten Schritt gemacht.

Taz

Die Logik hinter der Argu­men­tation ist ein­leuchtend. Mit der Trump-Ent­scheidung wird dem Kräf­te­ver­hältnis in der Region Rechnung getragen und das ist nicht auf­seiten der Paläs­ti­nenser. Ein eigener Staat wird für sie immer mehr zu einer Schimäre. Also gilt es neue Ziele anzu­steuern. Da wäre ein Staat mit gleichen Rechten für alle Bürger ein Ziel.

Das wäre nur möglich, wenn die anti­se­mi­ti­schen und isla­mis­ti­schen Kräfte in der Region an Bedeutung ver­lieren. Mit ihren stän­digen Ver­suchen, einen neuen Auf­stand gegen Israel anzu­zetteln, ver­suchen sie immer wieder jede Über­legung in Richtung Koope­ration zu ver­un­mög­lichen.

Dass die viel­zi­tierte ara­bische Straße sich längst nicht mehr beliebig mobi­li­sieren lässt, kann als gute Nach­richt ver­standen werden, auch und gerade für die Paläs­ti­nenser. Die haben wahrlich eine bessere Zukunft ver­dient, als sich für einen isla­mis­ti­schen Staat zu opfern.

Könnte Israel aus einer Position der Stärke auf Paläs­ti­nenser zugehen?

Auch erklärte Ver­tei­diger der israe­li­schen Politik sehen in der Jeru­salem-Ent­scheidung von Trump positive Momente.

»Und Israel wäre gut beraten, aus einer Position der Stärke heraus aktiv auf die Paläs­ti­nenser zuzu­gehen und kon­struktive Kon­zepte zu ent­wi­ckeln. Eines ist jeden­falls sicher: Frieden schließt man nicht mit seinen Freunden, sondern durch Dialog und Begegnung mit dem Feind«, schreibt Louis Lewitan[4] in der Jüdi­schen Allgemeinen[5]. Zuvor hat er die UN und die EU scharf kri­ti­siert:

Wie wäre es, wenn die Welt­ge­mein­schaft, anstatt die USA und Israel anzu­prangern, die ara­bi­schen Staaten und die mus­li­mische Glau­bens­ge­mein­schaft in die Pflicht nehmen würde, den Staat Israel und die unauf­lös­liche Bindung des jüdi­schen Volkes an Jeru­salem endlich anzu­er­kennen? Das wäre eine glatte Abkehr von einer unglaub­wür­digen Appeasement-Politik west­licher Demo­kratien gegenüber ara­bi­schen Des­poten und mor­schen Mon­archen.

Louis Lewitan, Jüdische All­ge­meine Zeitung

Kein Bündnis mit Saudi Arabien

Letz­teres müsste aller­dings auch eine For­derung an die israe­lische Regierung sein. Denn deren sich anbah­nende tak­tische Allianz mit Saudi-Arabien gegen Iran ist eben­falls ein Bündnis mit einer ara­bi­schen Mon­archie, einem Hort des Isla­mismus und Isla­mis­mus­ex­ports. Dass wussten israel­iso­li­da­rische Linke noch vor 15 Jahren, als sie schrieben, dass nach den isla­mi­schen Anschlägen vom 11.9. eher Saudi-Arabien als der Irak das Ziel von US-Mili­tär­schlägen hätte sein müssen.

Immerhin waren Isla­misten aus Saudi-Arabien für die Anschläge mit­ver­ant­wortlich, was vom Irak nicht nach­ge­wiesen ist. Nun sehen auch manche israel-soli­da­rische Linke in Saudi Arabien positive Momente[6]. Da wird es schon als großer Erfolg gewertet, dass der neue starke Mann in Saudi Arabien Mohammed Bin Salman den Frauen gestattet, ohne männ­liche Begleitung Auto zu fahren.

Danach müsste ja der Iran der Hort der isla­mi­schen Moderne sein. Denn dort war das schon länger möglich. Nachdem der Autor ein­räumt, dass die Reformen in Saudi-Arabien nicht mit den Beginn einer Moder­ni­sierung ver­wechselt werden sollen, kommt er auf die außen­po­li­ti­schen Impli­ka­tionen des neuen Herr­schers von Saudi Arabien zu sprechen.

Die Iso­lation Katars hat vor allem dazu geführt, das Emirat in Richtung Iran zu treiben, aber bisher keine Zuge­ständ­nisse erwirkt. Im Jemen würde eine mili­tä­rische Lösung Kapa­zi­täten erfordern, die Saudi-Arabien nicht hat. Und in Syrien haben die Saudis prak­tisch keinen bewaff­neten Ansprech­partner mehr. Es bleibt Israel als Ver­bün­deter, mit dem man die Besorgnis über den Iran teilt. Womöglich bereitet bin Salman auch hier eine Sen­sation vor, Gerüchte über ein Abkommen machen bereits die Runde. Der Nahe Osten ist in einem Zustand ange­langt, in dem man nichts mehr völlig aus­schließen möchte.

Oliver M. Piecha, Jungle World
Das wäre aller­dings ein neues Bündnis mit einem auto­ri­tären isla­mi­schen Herr­scher­hauses und würde nicht unbe­dingt die Bereit­schaft der israe­li­schen Regierung fördern, aus einer Position der Stärke auf die Paläs­ti­nenser zuzu­gehen.

Peter Nowak

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[6] https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​4​7​/​u​e​b​e​r​r​a​s​c​h​u​n​g​-​v​o​m​-​k​r​o​n​p​r​inzen

Solidarität statt Boykott

Basis­ge­werk­schaften gegen die BDS-Kam­pagne – ein Kom­mentar

Jede Israel-Boy­kott­kam­pagne kann – nicht nur bei Über­le­benden des NS-Terrors – Erin­ne­rungen an die „Kauft nicht beim Juden“-Hetze der Nazis wecken. Die Betei­ligung von Deut­schen an einer solchen Kam­pagne ist ange­sichts der Shoah inak­zep­tabel. Der fol­gende Kom­mentar bietet Ein­blicke in die gewerk­schaft­liche Debatte. (GWR-Red.)

„Gewerk­schaften stehen heute an vor­derster Stelle bei der Ver­tei­digung der Rechte des paläs­ti­nen­si­schen Volkes auf Selbst­be­stimmung, Gerech­tigkeit und Freiheit“, heißt in einem Aufruf, in dem Gewerk­schaften aus aller Welt dazu auf­ge­rufen werden, Israel zu boy­kot­tieren. Sieben der 340 im Inter­na­tio­nalen Gewerk­schaftsbund (IGB) zusam­men­ge­schlos­senen Orga­ni­sa­tionen haben diesen Aufruf der BDS-Bewegung, wie die Boy­kott­be­wegung inter­na­tional abge­kürzt wird, unter­stützt. „Das sind etwas mehr als zwei Prozent, aber bezogen auf die Mit­glie­derzahl ver­treten diese sieben Ver­bände 12,5 Mil­lionen der 182 Mil­lionen IGB- Mit­glieder“, schreibt der Jour­nalist Martin Hauptmann in der Jüdi­schen All­ge­meinen Zeitung. 2017 haben sich die tune­sische UGTT und die nor­we­gische LO der Israel-Boy­kott­kam­pagne ange­schlossen. Der DGB lehnt die Boy­kott­for­derung strikt ab und ver­weist auf die enge Koope­ration mit dem israe­li­schen Gewerk­schafts­verband Hist­adrut. Dis­ku­tiert wird die Frage des Israel­boy­kotts jedoch von kleinen Gewerk­schaften.
Vor kurzem ver­an­staltete die anar­cho­syn­di­ka­lis­tische Freie Arbei­te­rInnen Union (FAU) Berlin eine Dis­kussion zum Thema „Gewerk­schaft­liche Soli­da­rität statt Boykott“. Die Akti­vistin Detlef Georgia Schulze sieht in der For­derung nach einem Boykott Israels keine Per­spektive für eine Über­windung von Natio­na­lismus, Klassen- und Geschlech­ter­wi­der­sprüchen. Die BDS-Bewegung posi­tio­niere sich im Kampf zweier natio­naler Bewe­gungen auf einer Seite. Das sei nicht die Aufgabe von Gewerk­schaften, betonte Schulze mit Verweis auf Grund­satz­texte der Boy­kott­kam­pagne. So sei auf­fällig, dass es dort keine Kritik an der gewerk­schafts­feind­lichen Politik der Hamas gebe. Der israe­lische Gewerk­schaftsbund Hist­adrut hin­gegen werde von der BDS als Teil des israe­li­schen Staates bezeichnet und heftig ange­griffen. Marc Richter ist aktiv in der Bremer Sektion der Basis­ge­werk­schaft IWW. Auch er for­mu­lierte auf der Ver­an­staltung eine Kritik an der BDS-Kam­pagne aus gewerk­schaft­licher Per­spektive. „Diese Kam­pagne stärkt auf keinen Fall den soli­da­ri­schen Kampf der Arbei­te­rIn­nen­klasse überall auf der Welt, sondern begünstigt eine Ent­so­li­da­ri­sierung und unnötige Spaltung in der Arbei­ter­be­wegung“. Über diese Frage habe es innerhalb der IWW heftige Dis­kus­sionen gegeben, erklärte Richter. Als Alter­native zu einem Boykott solle die Ko ope­ration mit gewerk­schaft­lichen Orga­ni­sa­tionen in der Region gesucht werden, die Lohn­ab­hängige unab­hängig von der Natio­na­lität orga­ni­sieren. Bereits vor 20 Jahren orga­ni­sierte die AK Inter­na­tio­na­lismus der IG Metall in Berlin Ver­an­stal­tungen mit Initia­tiven, in denen paläs­ti­nen­sische und israe­lische Arbei­te­rInnen koope­rierten. Dass eine solche Koope­ration heute schwie­riger ist, liegt nicht in erster Line an der Politik Israels. So ist der Druck auf Basis­ge­werk­schaften sowohl im Gaza als auch in der Westbank groß. Ein aktu­elles Bei­spiel für Soli­da­rität statt Boykott kommt vom israe­li­schen Dach­verband Hist­adrut, der in seiner poli­ti­schen Aus­richtung mit dem DGB ver­glichen werden kann. Die Hist­adrut hat ein Abkommen mit dem paläs­ti­nen­si­schen Gewerk­schaftsbund PGFTU geschlossen. Seitdem über­weist der is rae­lische Gewerk­schaftsbund 50% der Mit­glieds­bei­träge von Paläs­ti­nen­se­rInnen, die legal in Israel arbeiten, an die PGFTU. „Das geschieht aus Soli­da­rität, um die paläs­ti­nen­si­schen Gewerk­schaften zu stärken und unab­hängig zu machen“, erklärte Avital Shapira-Shabirow, die beim Hist­adrut-Vor­stand für inter­na­tionale Bezie­hungen zuständig ist, in einem Interview in der Konkret. Maya Peretz von der linken israe­li­schen Gewerk­schaft Koach La‘Ovdim, die die Hist­adrut in vielen Punkten kri­ti­siert, ist sich in dieser Frage mit ihr einig. Die BDS-Kam­pagne trägt zur Spaltung der Arbei­te­rIn­nen­klasse bei. Für Basis­ge­werk­schaf­te­rInnen müsste daher klar sein, dass sie nicht Teil der BDS- Kam­pagne sein sollen. Das gilt auch unab­hängig davon, wie man sonst zu dieser Kam­pagne steht. Ich halte es für falsch, die BDS-Kam­pagne, an der sich in vielen Ländern der Welt sehr unter­schied­liche Men­schen mit unter­schied­lichen Motiven betei­ligen, pau­schal als anti­se­mi­tisch zu bezeichnen. Ich will aber klar­stellen, dass sie für den gewerk­schaft­lichen Kampf kon­tra­pro­duktiv ist. Das Prinzip gewerk­schaft­licher Kämpfe soll die trans­na­tionale Soli­da­rität aller Lohn­ab­hän­gigen sein und bleiben.

aus: gras­wur­zel­re­vo­lution dezember 2017/424

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Peter Nowak

Die Jour Fixe Initiative entlarvt Antikommunismus und Antisemitismus

Erst kürzlich hat die rechts­kon­ser­vative pol­nische Regierung die Umbe­nennung zahl­reicher Straßen und Plätze beschlossen. Dar­unter solche, die Namen jüdi­scher Wider­stands­kämpfer tragen, die von den Nazis ermordet wurden. Die öffent­liche Erin­nerung an sie soll aus­ge­löscht werden, weil sie Kom­mu­nis­tInnen waren. Aber nicht nur in Polen gehört der Anti­kom­mu­nismus bis heute zur wir­kungs­mäch­tigen Ideo­logie. Anti­kom­mu­nismus gab es lange vor der Okto­ber­re­vo­lution von 1917. Und er hat auch das Ende der Sowjet­union über­dauert.

Einen soliden theo­re­ti­schen Ein­blick in die unter­schied­lichen Aspekte der anti­kom­mu­nis­ti­schen Ideo­logie liefert ein von der Jour Fixe Initiative Berlin her­aus­ge­ge­benes Buch. Seit Jahren widmet sich dieser Kreis mit Ver­an­stal­tungen und Buch­ver­öf­fent­li­chungen der Wei­ter­ent­wicklung linker Theorie. Diesem Anspruch wird auch das neue Buch gerecht.

Im ersten Aufsatz begründen Elfriede Müller, Margot Kampmann und Kru­noslav Sto­ja­kovic, wieso das Ende der Sowjet­union und der anderen nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Staaten eine neue Welle des Anti­kom­mu­nismus aus­gelöst hat und über­wunden geglaubte tota­li­ta­ris­mus­theo­re­tische Kon­zepte wieder aus den Schub­läden geholt wurden. Die Autoren und Autorinnen sehen in der neo­li­be­ralen Ideo­logie einen Anti­kom­mu­nismus, der leugnet, dass es eine Gesell­schaft gibt. Doch ihr Aufsatz endet opti­mis­tisch: »Darum ist es wich­tiger denn je, die Idee des Kom­mu­nismus mit kon­kretem Inhalt zu füllen: als Ver­sprechen einer Zukunft, für die es sich zu leben und zu kämpfen lohnt«.

Michael Koltan zeigt auf, dass Libe­ra­lismus his­to­risch immer mit Anti­kom­mu­nismus, nicht aber mit Freiheit ver­knüpft war. Er begründet das mit einem his­to­ri­schen Exkurs, der ins Frank­reich des 19. Jahr­hun­derts führt, wo der liberale Poli­tiker Francois Guizot feder­führend an der Nie­der­schlagung des Lyoner Weber­auf­standes und einige Jahr­zehnte später der Pariser Kommune beteiligt war. Marx hat ihn im Kom­mu­nis­ti­schen Manifest namentlich als einen der­je­nigen erwähnt, die das Gespenst des Kom­mu­nismus jagen.

Michael Brie beschäftigt sich mit der Phi­lo­sophie von Thomas Hobbes. Dessen Held war der Besitz­bürger, der sein Eigentum ver­teidigt. Im Gegensatz dazu benennt Brie die früh­so­zia­lis­tische Bewegung der Digger, die sich für ein Kol­lek­tiv­ei­gentum an Land und Boden ein­setzten und mas­siver staat­licher Ver­folgung aus­ge­setzt waren.

Klaus Holz befasst sich mit der unheil­vollen Sym­biose Anti­se­mi­tismus und Anti­kom­mu­nismus in der NS-Ideo­logie. Er ver­weist zudem auf die Ver­suche des Theo­logen Adolf Sto­ecker, der schon in den 1870er Jahren eine anti­se­mi­tische Partei mit Anhang unter den Arbeitern zu gründen ver­suchte. Die Ber­liner Sozi­al­de­mo­kratie sorgte dafür, dass dieses Projekt schei­terte. Holz geht auch auf den Kon­flikt zwi­schen Sto­ecker und dem eben­falls anti­se­mi­ti­schen His­to­riker Heinrich von Treit­schke ein, ein Natio­nal­li­be­raler, der im Gegensatz zu Sto­ecker kein Interesse daran hatte, die Arbei­ter­schichten in seine Aus­ein­an­der­setzung mit den Juden ein­zu­be­ziehen. Doch gerade die Gruppe um Sto­ecker wurde zum Vorbild für die völ­kische Bewegung, zu der die NSDAP gehörte. Am Schluss seines Auf­satzes geht Holz auf die aktu­ellen rechts­po­pu­lis­ti­schen Strö­mungen ein, die sich als Ver­tei­diger Israels im Kampf gegen den Islam auf­spielen und trotzdem wei­terhin zen­trale Ele­mente des his­to­ri­schen Anti­se­mi­tismus tra­dieren. »Der Rechts­po­pu­lismus nutzt das her­kömm­liche Arsenal, d. h. er kri­ti­siert den Wirt­schafts­li­be­ra­lismus nicht, sondern nutzt ihn nur als Beleg für seine anti­li­be­ralen Feind­bilder: Uni­ver­sa­lismus, Indi­vi­dua­lismus, Anti­na­tio­na­lismus.«

Im letzten Kapitel widmet sich der Sozi­al­wis­sen­schaftler Enzo Tra­verso dif­fe­ren­ziert dem Sta­li­nismus, der mehr war als eine bloße Negierung der Ideen der Okto­ber­re­vo­lution. Ähnlich wie Napoleon Ele­mente der Fran­zö­si­schen Revo­lution über­nommen hat, führte Stalin Zeichen und Symbole der Revo­lution fort, ihres Inhalts jedoch beraubt. Die Nomen­klatura rekru­tierte sich aus ehe­ma­ligen Bauern und Arbeitern, die durch die Revo­lution in diese Position kamen. Tra­verso würdigt die Rolle der Kom­mu­nisten für den anti­ko­lo­nialen Kampf, der ihnen bei vielen Men­schen des Tri­konts hohe Aner­kennung ein­brachte. Wie alle Autoren dieses Buches erteilt auch er allen auto­ri­tären Sozia­lis­mus­mo­dellen eine Absage. Die Per­spektive erblickt er in Modellen des Anar­chismus und der dezen­tralen Orga­ni­sierung der I. Inter­na­tionale.


• Jour Fixe Initiative (Hg.): Anti!Kommunismus. Struktur einer Ideo­logie.
Edition Assem­blage, 135 S., br., 12,80 €.

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Peter Nowak

5 Minuten AfD live – 90 Minuten AfD light

Wie man den AfD-Wählern im öffentlich-recht­lichen Pro­gramm nach dem Mund redet. Ein Kom­mentar

»Was hat die AfD richtig gemacht und die anderen Par­teien nicht?« und »Warum konnte die AfD punkten?«: Das waren nicht etwa Fragen, mit denen der Compact-Chef­re­dakteur Jürgen Elsässer der AfD die Stich­worte für ihre Selbst­dar­stellung lie­ferte. Nein, es war die Deutsch­land­funk­re­dak­teurin Thekla Jahn, die in der Sendung »Län­derzeit« unter dem Motto »Die Bun­des­länder und die AfD«[1] der AfD-Poli­ti­kerin Christina Baum[2] sym­bo­lisch den roten Teppich aus­legte.

Nicht der Ansatz einer kri­ti­schen Frage war der Jour­na­listin ein­ge­fallen. Thekla Jahn ver­zichtete auch darauf, Christina Baum poli­tisch ein­zu­ordnen. Es war dann immerhin der CDU-Land­tags­ab­ge­ordnete von Baden Würt­temberg Win­fried Mack[3], der darin erin­nerte, dass Baum zum äußerst rechten Flügel der AfD gehört[4] und bei der kurz­zei­tigen Spaltung der Land­tags­fraktion in Baden Würt­temberg den anti­se­mi­ti­schen Abge­ord­neten Wolfgang Gedeon[5] unter­stützte.

Mack wandte sich immerhin verbal gegen einen Rechtsruck der CDU, blieb aber nebulös. Die Union müsse auch in der Flücht­lings­frage »bei sich bleiben«. Auch der SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ordnete Karamba Diaby[6] wandte sich dagegen, die Wähler am rechten Rand auf­zu­sammeln.

»Dem Volk« nach dem Mund geredet

Doch kaum hatte der erste Hörer im Ton der AfD pole­mi­siert, dass er unter den Migranten keine Fach­kräfte getroffen habe, schon sprach Win­fried Mack davon, dass man die Men­schen Ernst nehmen müsse und meinte nicht die Migranten, sondern die Wähler. Sie werden kein Ver­ständnis haben, wenn wir den Fami­li­en­nachzug aus­weiten, redete er dem Hörer nach dem Mund und erin­nerte nicht daran, dass Men­schen­rechte nicht nur für Fach­kräfte gelten.

Weder Mack noch Diaby hin­ter­fragten die Anmaßung des Hörers, für »die Men­schen« zu sprechen. Mack, der eben noch sein christ­liches Men­schenbild betont hat, ersparte sich auch jedes kri­tische Wort, als der Hörer sagte, auch Christen müssen nicht alle auf­nehmen. Schon hatte sich ein beken­nender AfD-Wähler zu Wort gemeldet, der sich darüber echauf­fierte, dass junge Migranten bei Fahr­schein­kon­trollen in der U-und S-Bahn über­sehen würden, weil die Kon­trol­leure kein Messer im Bauch haben wollen.

Auch hier fragte niemand kri­tisch nach und erin­nerte daran, dass Men­schen, die nicht »bio­deutsch aus­sehen«, besonders häufig und besonders rabiat kon­trol­liert werden. Im Gegenteil, sprach der CDU-Poli­tiker dem Hörer nach dem Mund, der Ver­ständnis dafür äußerte, dass jemand AfD wählt, wenn er so etwas erlebt.

Im Anschluss konnte wieder die Mode­ra­torin deutlich machen, wie viel Ver­ständnis sie für die Thesen der AfD auf­zu­bringen vermag. Die Par­teien hätten sich von der Bevöl­kerung ent­fernt, übernahm sie völlig kri­tiklos die Thesen der rechten Szene. Prompt rief erneut ein Hörer an, der lamen­tierte, die Poli­tiker würden die Bevöl­kerung nicht ver­stehen. Niemand wagte nach­zu­fragen, welche Poli­tiker und welcher Teil der Bevöl­kerung denn gemeint seien.

Dann zählte der Hörer eine ganze Reihe sozialer Fragen auf, die angeblich der Bevöl­kerung in Deutschland unter den Nägel brennen. Da geht es um die Alters­armut, um den Ärz­te­mangel und den schlechten Zustand der Straßen. Das sind ja sicherlich berech­tigte Kri­tik­punkte. Doch keiner der Gesprächs­partner, auch nicht der Poli­tik­wis­sen­schaftler Alex­ander Hensel vom Göt­tinger Institut für Demokratieforschung[7] kam auf die nahe­lie­gende Frage, wieso jemand, der diese sozialen Miss­stände beklagt, auf die Idee ver­falle, die wirt­schafts­li­berale AfD zu wählen.

Das Wort Ras­sismus wurde nicht erwähnt

Dann hätte viel­leicht einmal erwähnt werden können, dass es an den ras­sis­ti­schen Erklä­rungs­an­sätzen liegt, welche Migranten für die unter­schied­lichen soziale Pro­bleme ver­ant­wortlich machen. Dann hätte man viel­leicht auch den Gedanken zulassen können, dass das Gerede von neuen Tönen, welche die Poli­tiker finden müssen, wenn sie von der Bevöl­kerung ver­standen werden sollen, nichts anderes bedeutet, als dass jetzt alle den rechten Sound nach­machen sollen.

Wenn die Poli­tiker aller Par­teien nur in den Migranten das Problem sehen, werden die maroden Schulen und Straßen nicht besser, aber die deutsche Volks­ge­mein­schaft ist zu sich selber gekommen. Nachdem der fünfte Hörer über angeb­liche Pri­vi­legien für Migranten schwa­dro­nierte, wandte Mack immerhin ein, dass man nicht alle Fragen der Politik unter der Prä­misse der Flücht­lings­po­litik dis­ku­tieren könne.

Doch dieser Einwand ver­puffte und wurde von keinem Mit­dis­ku­tanten auf­ge­griffen. Auch nicht von dem Hörer, der sich als Ange­hö­riger der jungen Generation vor­stellte und vor einigen Monaten in die SPD ein­ge­treten ist. Ihn störte an Merkel, dass sie moderne Atom­kraft­werke in Deutschland abge­schaltet und zeit­weise die Grenzen geöffnet habe.

Karamba Diaby ver­zichtete darauf, den jungen Genossen darauf hin­zu­weisen, dass er mit seiner Merkel-Kritik eigentlich im Wider­spruch zum SPD-Pro­gramm steht. Aller­dings vergaß er nicht, das Neu-SPD-Mit­glied auf die Ein­stei­ger­kon­ferenz seiner Partei hin­zu­weisen.

Nachdem alle noch einmal beteuert hatten, dass man nun dem Wähler besser zuhören und ihn ver­stehen bzw. auf Augenhöhe begegnen müsse, war die Sendung auch schon beendet. Als Fazit kann gelten, auch wenn die AfD-Poli­ti­kerin Baum nur knapp 5 Minuten inter­viewt wurde, dass im Deutsch­landfunk ins­gesamt 90 Minuten AfD-light geboten wurde. So lang dauerte die Sendung nämlich, in der nicht einmal das Wort Ras­sismus und Anti­se­mi­tismus fiel.

Kri­tische Nach­fragen – Fehl­an­zeige

Nicht einmal wurde kri­tisch nach­ge­fragt, als die Höre­rinnen und Hörer, die ange­rufen haben, Thesen vor­trugen, die nicht nur, aber besonders im »Kosmos von Pegida« und auf rechten Platt­formen ver­breitet werden. Niemand fragte bei­spiels­weise den Hörer, der sich so vehement über jugend­liche Migranten echauf­fierte, die bei der Ticket­kon­trolle über­sehen würden, was in diesem Kontext über­haupt die eth­nische Unter­scheidung für einen Sinn macht.

Woher konnte der Hörer wissen, ob es sich um deutsche Staats­bürger handelt oder nicht? Hat viel­leicht einfach eine geschlossene Gruppe junger Men­schen, die Kon­trol­leure ver­an­lasst, an ihnen vorbei zu gehen, völlig unab­hängig welcher eth­ni­schen Gruppe diese angeblich ange­hörten? Ein Waggon voll »bio­deut­scher« Fuß­ballfans wird von Kon­trolleuern auch gerne mal über­sehen.

Wäre ein solches Ver­halten nicht aus ver­schie­denen Gründen gar zu loben? Einmal ersparen sich die schlecht bezahlten Kon­trol­leure selber Stress und sie ersparen auch der Gruppe, die von ihrem Recht auf Mobi­lität Gebrauch machte, Sche­re­reien. Denn schließlich gibt es zahl­reiche Berichte über besonders robuste Behandlung von reni­tenten Fahr­gästen, wenn sie nicht besonders »bio­deutsch« aus­sehen, sobald Sicher­heits­kräfte und Wach­dienst ein­ge­schaltet sind.

Und schließlich hatten auch alle übrigen Fahr­gäste einen Gewinn vom sehr ratio­nalen Ver­halten der Kon­trol­leure, weil sie sonst womöglich für längere Zeit am Bahnhof fest­ge­sessen hätten. Zug­aus­fälle bzw. Zug­ver­spä­tungen wegen Poli­zei­ein­sätzen im Bahnhof gehören nicht nur im Ber­liner Nah­verkehr zum Alltag. Doch für solche unauf­ge­regten ratio­nalen Über­le­gungen war in der Deutsch­land­funk­sendung kein Raum.

Weder die Mode­ra­torin, die bereits mit ihrer Fra­ge­stellung den AFD-Diskurs zur Grundlage nahm, noch die Gesprächs­partner oder die zu Wort gekom­menen Hörer und Höre­rinnen, durch­brachen das Lamento von den unver­stan­denen Wählern, denen man jetzt mal zuhören müsse. Schon gar nicht wurden die ver­tre­tenen Thesen inhaltlich kri­ti­siert. Nun könnte man denken, da ist halt mal eine Sendung schlecht gelaufen. Doch es han­delte sich hier nicht um eine Aus­nahme.

Früher nannte man es akzep­tie­rende Jugend­arbeit

Vor einigen Wochen gab der Poli­tik­wis­sen­schaftler Clemens Heni[8] unter dem Titel Eine Alter­native zu Deutschland[9] eine Sammlung von Auf­sätzen heraus, mit denen der Autor die deut­schen Zustände sehr gut beschreibt. Dabei leistet er auch immer wieder eine gute Medi­en­analyse:

Es geht um die Wäh­le­rinnen und Wähler, die man endlich ernst nehmen muss. … Deren Ras­sismus, Hass und Res­sen­ti­ments werden einfach nicht ernst genommen… Früher nannte man das »akzep­tie­rende Jugend­arbeit«, man holte die Rechten da ab, wo sie standen und brachte ihnen Kuchen mit. Pro­testwahl ist das typische Wort, das jetzt wieder alle anführen, ohne einmal zu schauen, wie viel Ras­sismus, Lust auf den Schieß­befehl, stolz­deut­scher Natio­na­lismus, Anti­fe­mi­nismus, …. in den AfD-Wäh­le­rinnen und -wählern wirklich stecken.

Clemens Heni
Diese Zeilen hat Heni lange vor der Deutsch­landfunk-Sendung ver­fasst, doch besser hätte sie nicht beschrieben werden können.

Peter Nowak

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[2] http://​baum​.afd​-fraktion​-bw​.de/
[3] http://​www​.win​fried​-mack​.de/
[4] http://​www​.der​fluegel​.de/​2​0​1​5​/​0​3​/​1​4​/​d​i​e​-​e​r​f​u​r​t​e​r​-​r​e​s​o​l​u​t​i​o​n​-​w​o​r​t​l​a​u​t​-​u​n​d​-​e​r​s​t​u​n​t​e​r​z​e​i​c​hner/
[5] http://​www​.wolfgang​-gedeon​.de/
[6] http://​www​.karamba​-diaby​.de/
[7] http://​www​.demo​kratie​-goet​tingen​.de/​m​i​t​a​r​b​e​i​t​e​r​/​a​l​e​x​a​n​d​e​r​-​h​ensel
[8] http://​www​.cle​mensheni​.net/
[9] http://​www​.cle​mensheni​.net/​a​l​l​g​e​m​e​i​n​/​c​l​e​m​e​n​s​-​h​e​n​i​-​e​i​n​e​-​a​l​t​e​r​n​a​t​i​v​e​-​z​u​-​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​e​s​says/

Verdient der Reaktionär und Antisemit Luther einen Feiertag?

Dagegen aber die Muslime in Deutschland nicht? Wenn es um arbeits­freie Tage geht, gäbe es sicher viele andere Anlässe

Refor­ma­ti­onstag 2017 – über diesen Fei­ertag freut sich ganz Deutschland«, heißt es in der Schlag­zeile einer Münchner Boulevardzeitung[1]. Sie bezieht sich auf den Refor­ma­ti­onstag 2017, der wegen Luthers 500sten Jah­restags des Anschlags der 95 Thesen in Wit­ten­berge in diesem Jahr bun­desweit Fei­ertag ist. Wenn sich die Behauptung veri­fi­zieren ließe, wäre das ein Armuts­zeugnis.

Denn dann würde der Geburtstag eines Hass­pre­digers und Anti­se­miten gefeiert, woran eine Schrift[2] der säku­laren Giordano-Bruno-Stiftung[3] erinnert. Der Befund dürfte heute unzwei­felhaft sein. Der Radau-Anti­se­mi­tismus des Martin Luther[4] bot alle Ele­mente, die der NS dann durch­setzte.

Nur die fabrik­mäßige Ver­nichtung konnte der Refor­mator noch nicht denken. In einer sehr infor­ma­tiven Son­der­aus­stellung in der Ber­liner Topo­graphie des Terrors[5] wurde doku­men­tiert, wie die Nazis sich als Luthers willige Vollstecker[6] gegen die Juden zeigte. Die Nazis hatten 1933 mit dem Deut­schen Luthertag übrigens einen Gedenktag für ihren Inspi­rator ein­ge­führt.

Mann des Mit­tel­alters

Doch es gäbe noch viele weitere Argu­mente gegen einen Fei­ertag für einen Hass­pre­diger, der zu den Mas­sakern an den auf­stän­di­schen Bauern aufrief. Zudem war Luther auch in seiner Zeit ein Reak­tionär. So heißt es treffend im Huma­nis­ti­schen Pres­se­dienst über den Reak­tionär Martin Luther[7].

Luthers Freiheit des inneren Glaubens ist das Gegenteil von dem, wie wir heute Freiheit im Sinne von Selbst­be­stimmung ver­stehen. Dem fun­da­men­ta­lis­ti­schen Refor­mator zufolge ent­scheidet allein die gött­liche Gnade über Heil oder Ver­dammnis. Luthers Judenhass ist sprich­wörtlich und wird heute gern als doch hin­rei­chend bekannt abgetan – ein Zeit­geist­phä­nomen eben, nicht der wei­teren Rede wert.

Doch erweist sich der Theologe in seiner Stu­dier­stube – durch Wis­sen­schafts­feind­lichkeit gepaart mit Teufels- und Hexen­glaube – als Mann des Mit­tel­alters. Längst gibt es zu seiner Zeit – unter den Katho­liken – huma­nis­ti­schen Geist, welt­offene Kultur, neue Ent­de­ckungen und gesell­schafts­kri­tische Bestre­bungen.

Was seinen Juden­ver­nich­tungswahn über die Jahr­hun­derte so brand­ge­fährlich machte: Es war sein gleich­zei­tiges abso­lutes Fest­halten am Obrig­keits­denken, an der hier­ar­chisch-stän­di­schen Herr­schafts­struktur.

Huma­nis­ti­scher Pres­se­dienst

Luther und die deut­schen Ver­hält­nisse

Schon 100 Jahre nach Luthers Geburtstag wurde dieser Termin poli­tisch instrumentalisiert[8]. Je stärker der deutsche Natio­na­lismus sich gerierte, desto lauter berief man sich auf Martin Luther.

1817 fiel das Datum mit der schon ins Reak­tionäre gekippten deutsch­na­tio­nalen Bewegung, die ihren Sieg über die ersten Ansätze von bür­ger­lichen Ver­hält­nissen feierte, die durch Napoleon nach Deutschland gekommen waren. Auch die ersten Ansätze der Juden­eman­zi­pation kamen mit Napoleon nach Deutschland. Nach der Nie­derlage Napo­leons begann bereits der völ­kische Antisemitismus[9] Raum zu greifen. Er konnte sich auf Luther berufen.

Es gäbe also gute Gründe, sich gegen einen Fei­ertag für einen solchen Mann zu wehren. Im Pots­damer Freiland wird immerhin der Refor­ma­ti­onstag für einen beson­deren Kul­tur­abend genutzt. Unter dem Titel »Q – Gegen Luther, Papst und Fürsten – Alles gehört allen« wird ein von Thomas Ebermann und Berthold Brunner bear­bei­tetes Thea­ter­stück aufgeführt[10].

In der Republik wird dieses Jahr »500 Jahre Luther« gefeiert.Allerdings passen Luthers Fun­da­men­ta­lismus und die Bru­ta­lität der Luther­schen Äuße­rungen, sein Juden- und Frau­enhass und seine wahn­hafte Apo­ka­lyptik nicht so recht in das Mar­ke­ting­konzept von Welt­of­fenheit, Toleranz und Fried­fer­tigkeit, welches zu diesem his­to­ri­schen Ereignis ver­mittelt werden soll.

»Q – Gegen Luther, Papst und Fürsten – Alles gehört allen«[11]

Warum nicht auch einen isla­mi­schen Fei­ertag in Deutschland?

Nun könnte man ein­wenden, dass es den vielen Men­schen, die sich über den Refor­ma­ti­onstag als Fei­ertag freuen, vor allem um einen zusätz­lichen arbeits­freien Tag und nicht um eine Luther-Ehrung gegangen sei. Doch als vor einigen Wochen Bun­des­in­nen­mi­nister de Mai­zière die Idee eines isla­mi­schen Fei­ertags in Deutschland lancierte[12], gab es dagegen sofort Wider­spruch auch über das rechts­po­pu­lis­tische Spektrum hinaus.

Selbst Grünen-Wähler haben an einem zusätz­lichen Fei­ertag unter isla­mis­ti­scher Ägide kein Interesse[13]. Die queer­fe­mi­nis­tische Ham­burger Kul­tur­wis­sen­schaft­lerin Hen­gameh Yaghoobifarah[14] hat in einer sati­ri­schen Kolumne in der Taz[15] diese Ablehnung mit einer tref­fenden Polemik bedacht. Das wurde schon ihrer Ein­gangs­frage deutlich:

In Online-Umfragen darüber, ob es zusätzlich zu den bestehenden christ­lichen Fei­er­tagen einen mus­li­mi­schen für alle Leute geben sollte, stimmte die Mehrheit dagegen. Kar­toffeln würden lieber auf einen freien Tag ver­zichten, als Muslim_​innen einmal was zu gönnen. Warum machen sie so?

Der deutsche Hass auf Muslim_​innen und die Paranoia vor einer – was auch immer das sein soll – Isla­mi­sierung der deut­schen (wort­wörtlich) Drecks­kultur hält Kar­toffeln davon ab, ein schö­neres Leben zu führen. Lieber eine Schwei­ne­fleisch-Lobby gründen als halal-Fleisch in ihrer Kantine akzep­tieren.

Hen­gameh Yag­hoo­bi­farah

Die humor- und sati­re­re­sis­tente Rechte tobte und äußerte Ver­nich­tungs­phan­tasien gegen die Autorin. Ihre Satire hat also die Rich­tigen getroffen.

Doch aus einer säku­laren Per­spektive ist es sinn­voller, statt für einen zusätz­lichen isla­mi­schen, für die Abschaffung aller reli­giösen Fei­ertage ein­zu­treten.

Es ist sicher nicht sinnvoll, neben den deut­schen Anti­se­miten Luther jetzt auch noch isla­mische Juden­hasser und Reak­tionäre zu ehren. Wenn es um arbeits­freie Tage geht, gäbe es sicher viele andere Anlässe. Warum ist der 8. Mai kein Fei­ertag, zum Gedenken an die Männer und Frauen aus aller Welt, die wenigsten aus Deutschland, die den NS zer­schlagen haben? Warum kein Fei­ertag für die Pariser Kommune, den weltweit ersten Versuch einer Arbei­ter­kommune?

Das hängt auch und vor allem mit der his­to­ri­schen Schwäche von Bewe­gungen zusammen, die sich auf solche Modelle berufen. Wer die Geschichte um den Kampf um den 1. Mai als Feiertag[16] kennt, wird auch auf die Pro­ble­matik stoßen, dass auch ein Erfolg eine Nie­derlage sein kann.

Jahr­zehnte hatte die Arbei­ter­be­wegung in Gedenken an die hin­ge­rich­teten Arbei­ter­ak­ti­visten vom Hay­market in Chicago[17] am 1. Mai die Arbeit nie­der­gelegt und war auf die Straße gegangen und wurde dafür ent­lassen und ver­prügelt.

Dieser Teil der Arbei­ter­be­wegung hat bereits in der Früh­phase der Wei­marer Republik eine massive Nie­derlage erfahren, als sie von der SPD und den Frei­korps bekämpft wurde. Als das NS-Régime den 1.Mai 1933 zum Tag der Deut­schen Arbeits­front ausrief, hatte die Volks­ge­mein­schaft end­gültig über die Arbei­ter­be­wegung gesiegt. Wenn nun im Jahr 2017 ein Extra­fei­ertag für den Reak­tionär und Anti­se­miten Luther kaum auf Kritik stößt, ist dies auch eine Zustands­be­schreibung für die deut­schen Zustände.

Peter Nowak

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[2] https://​www​.giordano​-bruno​-stiftung​.de/​m​e​l​d​u​n​g​/​l​u​t​h​e​r​-​h​a​s​s​p​r​e​diger
[3] https://​www​.giordano​-bruno​-stiftung​.de
[4] http://564.html
[5] https://​www​.topo​graphie​.de/​t​o​p​o​g​r​a​p​h​i​e​-​d​e​s​-​t​e​r​r​o​r​s​/​a​u​s​s​t​e​l​l​u​n​g​e​n​/​s​o​n​d​e​r​a​u​s​s​t​e​l​l​u​ngen/
[6] http://​www​.jue​dische​-all​ge​meine​.de/​a​r​t​i​c​l​e​/​v​i​e​w​/​i​d​/​28289
[7] https://​hpd​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​l​u​t​h​e​r​-​u​n​d​-​j​u​d​e​n​-​v​e​r​t​i​e​f​t​e​r​-​b​l​i​c​k​-​e​i​n​e​n​-​b​r​a​n​d​b​e​s​c​h​l​e​u​n​i​g​e​r​-​14229
[8] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​6​8​3​3​8​.​r​e​f​o​r​m​a​t​i​o​n​-​g​o​t​t​-​z​u​-​e​h​r​e​n​-​u​n​d​-​d​e​m​-​t​e​u​f​e​l​-​z​u​-​t​r​o​t​z​.html
[9] https://​edoc​.hu​-berlin​.de/​b​i​t​s​t​r​e​a​m​/​h​a​n​d​l​e​/​1​8​4​5​2​/​1​7​7​2​9​/​m​e​y​f​e​l​d​.​p​d​f​?​s​e​q​u​e​nce=1
[10] https://​www​.freiland​-potsdam​.de/​?​I​D​=6629
[11] https://​www​.freiland​-potsdam​.de/​?​I​D​=6629
[12] http://​www​.focus​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​v​i​d​e​o​s​/​u​e​b​e​r​-​v​o​r​s​c​h​l​a​g​-​n​a​c​h​d​e​n​k​e​n​-​m​u​s​l​i​m​i​s​c​h​e​-​f​e​i​e​r​t​a​g​e​-​i​n​-​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​s​c​h​u​l​z​-​z​e​i​g​t​-​s​i​c​h​-​a​n​g​e​t​a​n​-​v​o​n​-​d​e​-​m​a​i​z​i​e​r​e​s​-​i​d​e​e​_​i​d​_​7​7​1​5​0​4​0​.html
[13] http://​www​.huf​fing​tonpost​.de/​2​0​1​7​/​1​0​/​1​7​/​f​e​i​e​r​t​a​g​-​i​s​l​a​m​i​s​c​h​-​u​m​f​r​a​g​_​n​_​1​8​2​8​5​8​4​0​.html
[14] https://​queer​vanity​.com/
[15] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​5​3932/
[16] http://​www​.tag​-der​-arbeit​.com/​g​e​s​c​h​ichte
[17] https://​h2g2​.com/​e​d​i​t​e​d​_​e​n​t​r​y​/​A​6​27662

Wenn die Rechte Israel lobt

Dis­kus­si­ons­stoff für einen Anti­fa­schismus auf der Höhe der Zeit


Momentan werden viele Bücher über die AfD ver­fasst. Etliche sind im Hand­ge­menge geschrieben und schon nach wenigen Monaten nicht mehr aktuell. Doch das von Stephan Grigat her­aus­ge­gebene „AfD und FPÖ, Anti­se­mi­tismus, völ­ki­scher Natio­na­lismus und Geschlechte bilder“ gehört zu den Büchern, über die man noch länger dis­ku­tieren wird.

„Wenn die Rechte Israel lobt“ wei­ter­lesen

Mit Druck und Drohungen für und gegen Israel?

Nun hat sich das Kampffeld auf die Kul­tur­in­dustrie erweitert

Bisher konnte man davon aus­gehen, dass Kon­zert­ab­sagen von Bands per­sön­lichen oder wirt­schaft­lichen Gründen geschuldet sind. Doch in letzter spielt dabei auch der Nah­ost­kon­flikt zunehmend eine Rolle. So sagten beim Berlin-Pop-Festival[1] Ende August einige Bands ab, weil die israe­lische Botschaft[2] die Rei­se­kosten der israe­li­schen Künst­lerin Riff Cohen bezu­schusst hat.

Der Boykott ist ein Bei­spiel für eine regressive Israel­kritik und wurde so zu Recht scharf kri­ti­siert. Schließlich wurde kein anderes Land, sondern aus­schließlich Israel an den Pranger gestellt. Und es grenzt tat­sächlich an Anti­se­mi­tismus, wenn im Land der Shoah die Teil­nahme israe­li­scher Künst­le­rinnen und Künstler und die Unter­stützung durch eine Behörde ihres Landes skan­da­li­siert wird.

Durch die Absage der Künstler wurde auch die BDS-Kampagne[3] einer grö­ßeren Öffent­lichkeit bekannt. Das Kürzel bedeutet Boykott, Des­in­ves­tionen und Sank­tionen und steht für ein welt­weites Bündnis, die die israe­lische Regierung mit diesen Mitteln unter Druck setzen wollen und sich auf einen Aufruf[4] der paläs­ti­nen­si­schen Zivil­ge­sell­schaft bezieht.

Das Bündnis ist ein­deutig pro-paläs­ti­nen­sisch und stellt sich im Kon­flikt zwi­schen Israel und den ara­bi­schen Ländern klar auf einer Seite. Men­schen­rechts­ver­let­zungen im Gaza und der Westbank werden dort ebenso wenig öffentlich doku­men­tiert, wie die Ter­ror­ak­tionen von isla­mis­ti­schen, aber auch ara­bisch-natio­na­lis­ti­schen Gruppen gegen Israelis.

Wie aus einem Rei­se­zu­schuss für eine israe­lische Künst­lerin eine israe­lische Unter­stützung wurde

Die BDS-Kam­pagne hat mit einen Offenen Brief[5] an die Betei­ligten des Ber­liner Pop-Fes­tivals die Absagen zu ver­ant­worten. Dass sie dabei auch mit Falsch­mel­dungen arbeite, zeigt die nach­träg­liche Richtigstellung[6].

Wir haben geschrieben: »Das Kultur- und Music Fes­tival ‚Pop Kultur‘, das Ende August in Berlin statt­findet, wird von der israe­li­schen Bot­schaft mit­or­ga­ni­siert.« Das ist falsch. Richtig ist, dass die Kul­tur­ab­teilung der israe­li­schen Bot­schaft dem Fes­tival Pop Kultur 2017 500 Euro als Rei­se­kos­ten­zu­schuss für Künstler*innen zur Ver­fügung gestellt hat und daher auf der Web­seite des Fes­tivals gelistet ist, wie alle anderen Kultur-Partner auch.

BDS-Kam­pagne

Wenn es gegen Israel geht, nimmt man es mit der Wahrheit nicht so genau

Diese Kor­rektur nach der großen öffent­lichen Auf­merk­samkeit, die die BDS-Kam­pagne durch den Rückzug zahl­reicher Künst­le­rinnen und Künstler von dem Pop-Fes­tival aus­gelöst hatte, müsste für die BDS-Orga­ni­sa­toren Anlass einer Kritik ihrer Prä­missen sein. Denn die Fak­tenlage hat sich nicht geändert. Wie konnte aus einem Rei­se­zu­schuss für eine israe­lische Künst­lerin eine Mit­or­ga­ni­sation des Fes­tivals durch die israe­lische Bot­schaft werden?

Und warum fiel den BDS-Orga­ni­sa­toren erst jetzt auf, dass viele andere Künstler auch von staat­lichen Insti­tu­tionen »ihrer Länder« Zuschüsse für die Rei­se­kosten bekommen haben? Wird hier nicht die der BDS-Kam­pagne unter­stützte Dis­kri­mi­nierung und Dämo­ni­sierung Israels deutlich? Und warum haben die Orga­ni­sa­toren die Rich­tig­stellung nicht mit einer Ent­schul­digung und dem klaren Rückzug des Boykott-Aufrufs ver­bunden?

Das wäre doch eigentlich die logische Kon­se­quenz ihrer Fest­stellung, dass sie eine Fake-News einer angeb­lichen Mit­or­ga­ni­sation der israe­li­schen Bot­schaft ver­breitet haben. Auf dieser Grundlage haben einige Bands ihre Teil­nahme abgesagt. Schließlich war die angeb­liche Mit­or­ga­ni­sation der israe­li­schen Bot­schaft die zen­trale Aussage des Aufrufs.

»Beenden Sie die Part­ner­schaft mit der israe­li­schen Bot­schaft«, heißt es dort[7]. Die For­derung konnte gar nicht ein­gelöst werden, weil es diese Part­ner­schaft nie gab.

Eine Band hat all­gemein gesagt, dass sie sich wegen der durch den Boy­kott­aufruf aus­ge­lösten Debatte um das Fes­tival zurück­ge­zogen hat. Doch diese Kon­se­quenz, ihren Aufruf zurück­zu­ziehen und um Ent­schul­digung für ihre Falsch­aus­sagen und die Folgen zu bitten, sucht man in der BDS-Erklärung ver­geblich. Die lapi­daren Sätze der Rich­tig­stellung zeigen, dass ent­weder die Orga­ni­sa­toren die Trag­weite der Folgen nicht begriffen habe, die ihre Falsch­aus­sagen aus­gelöst haben oder es ist ihnen schlicht egal.

Wenn es gegen Israel geht, nimmt man es mit der Wahrheit nicht so genau. Da wird ein Rei­se­zu­schuss für eine israe­lische Künst­lerin gleich zu einem Fes­tival, an dem die israe­lische Bot­schaft beteiligt ist. Dieser laxe Umgang mit der Wahrheit und die feh­lende Bereit­schaft, die Prä­missen der eigenen Arbeit selbst­kri­tisch zu hin­ter­fragen, waren dann auch der Anlass, dass der Gegenwind gegen die BDS-Kam­pagne wuchs.

In meh­reren Städten wie Frankfurt/​Main und München wurden ihr städ­tische Räume ver­weigert. Auch Linke wie Jutta Dit­furth positionierten[8] sich klar gegen die BDS-Kam­pagne. Weniger bekannt ist das sehr dif­fe­ren­zierte Grundsatzpapier[9] der Öko­lo­gi­schen Linken zum Israel-Palästina-Kon­flikt.

Ist die BDS-Kam­pagne anti­se­mi­tisch?

Denn so berechtigt die Kritik an der BDS-Kam­pagne ist, so ver­kürzt ist es, sie pau­schal als anti­se­mi­tisch zu bezeichnen. Das wird der Tat­sache nicht gerecht, dass an der Kam­pagne weltweit sehr unter­schied­liche Men­schen mit sehr unter­schied­lichen Moti­va­tionen beteiligt sind. Der BDS-Kri­tiker Micha Brumlik, ist einer der wenigen, der hier sehr klar zu dif­fe­ren­zieren in der Lage ist.

Er ver­tei­digte bei­spiels­weise die Adorno-Preis­trä­gerin Judith Butler gegen den Vorwurf des Antisemitismus[10] . Heute wird das Adjektiv »anti­se­mi­tisch« im Zusam­menhang mit der BDS-Kam­pagne sehr frei­giebig ver­wendet und oft nicht einmal mehr begründet. So hat man den Ein­druck, bei der Eti­ket­tierung wird von­ein­ander abge­schrieben.

Die Mühe, die sich vor einigen Jahren noch die Kri­tiker der BDS-Kam­pagne gemacht haben, ihre Beur­teilung nach­voll­ziehbar zu machen, unter­bleibt. Das ist auch einem Schwarz-Weiß-Denken auf beiden Seiten geschuldet. Warum soll es nicht möglich sein, die BDS-Kam­pagne zu kri­ti­sieren, ohne sie gleich als anti­se­mi­tisch zu eti­ket­tieren?

Tat­sächlich gibt es bei der BDS-Kam­pagne starke Anleihen an einem regres­siven Anti­zio­nismus, der offene Flanken zum Anti­se­mi­tismus hat. Des­wegen sind nicht alle Men­schen, die diese Kam­pagne unter­stützen Anti­se­miten. Diese Dif­fe­ren­zierung hat Kon­se­quenzen bei der Behandlung der Men­schen, die die BDS-Kam­pagne unter­stützen.

Künst­lerin wurde unter Druck gesetzt, weil sie angeblich BDS-Kam­pagne unter­stützt

Das zeigte sich im Umgang mit der Rap­perin Kate Tempest[11]. Sie war schon für einen Gig in der Volks-Bühnen-Dependance[12] am ehe­ma­ligen Flug­hafen Tem­pelhof in Berlin gebucht, als sie sich zur Absage des Kon­zerts ent­schlossen. Der Grund liegt im Streit um den Umgang mit Israel.

Die Ber­liner Zeitung schreibt[13] über die Absage der Künst­lerin:

Tem­pests Absage ist doppelt schade und zugleich sym­pto­ma­tisch für das erheb­liche kul­tur­po­li­tische Stör­po­tenzial, dass die BDS-Akti­vi­täten inzwi­schen auch für den hie­sigen Kul­tur­be­trieb dar­stellen.

Ber­liner Zeitung
Doch diese Dar­stellung ist zumindest irre­führend. Denn tat­sächlich ging der Absage von Tempest mas­siver Druck auf die Künst­lerin voraus, dieses Mal von Kri­tikern der BDS-Kampagne[14]:

Wie aus einer Pres­se­mit­teilung der Volks­bühne her­vorgeht, ver­öf­fent­lichte ihr Management fol­gendes Statement: »Wir erhalten wei­terhin per­sön­liche Dro­hungen via E-Mail oder sozialer Netz­werke und das ist keine akzep­table Umgebung, um unser Konzert zu prä­sen­tieren. Kate will in einer der­artig aggres­siven Atmo­sphäre nicht auf­treten und ich will kein wei­teres Risiko über ihre mentale Gesundheit oder die Sicherheit unseres Teams ein­gehen.« 

Gegenüber der Zeit[15] erklärte die Künst­lerin: »Ich möchte klar­stellen, dass ich über die Hand­lungen der israe­li­schen Regierung gegen die paläs­ti­nen­sische Bevöl­kerung ent­setzt bin. Ich habe lange darüber nach­ge­dacht und mich, gemeinsam mit vielen anderen Künst­le­rinnen und Künstlern, die ich respek­tiere, als Akt des Pro­testes dem kul­tu­rellen Boykott ange­schlossen. Ich bin eine Person jüdi­scher Abstammung und zutiefst von den Vor­würfen, ich würde eine anti­se­mi­tische Orga­ni­sation unter­stützen, ver­letzt. Die israe­lische Regierung ist nicht die einzige Stimme des Judentums. Dieser Auf­tritt war dazu gedacht, darauf auf­merksam zu machen, welchen Horror Migran­tinnen und Migranten auf der Suche nach einem bes­seren Leben durch­machen müssen und Soli­da­rität mit ihnen als Men­schen zu zeigen und ich bin darüber ent­täuscht, dass daraus ein poli­ti­scher Spielball gemacht wurde. Ich bedauere, dass ich den Auf­tritt abgesagt habe, aber ich hatte das Gefühl, dass es weder ein ange­mes­sener noch ein sicherer Rahmen für mich wäre, meine Kunst zu prä­sen­tiere.«

laut.de[16]

Das war eine sehr dif­fe­ren­zierte Stel­lung­nahme, die die BDS-Kri­tiker zur Kenntnis nehmen sollten, denen es wirklich um den Kampf gegen Anti­se­mi­tismus geht. Denn es gibt neben den von ihnen mit Recht her­aus­ge­stellten israel­be­zo­genen Anti­se­mi­tismus wei­terhin den gegen Linke, Anti­na­tionale und Kos­mo­po­liten.

Vor allem der Teil der Rechten, die Israel als Vor­posten des Kampfes gegen den Isla­mismus schätzen gelernt hat, kon­zen­triert sich bei ihren Anti­se­mi­tismus jetzt auf die Hetze gegen israel­kri­tische Jüdinnen und Juden. Daher wäre es ange­bracht, wenn diese BDS-Kri­tiker sich klar von der Hetze gegen Tempest distan­zieren würden.

Die Taz hat da auch Ross und Reiter genannt[17] bei­spiels­weise den Ber­liner SPD-Jung­po­li­tiker Sercan Aydilek. Er wird mit diesem Twitter-Posting[18] an Tempest zitiert: »Jetzt weißt du, dass dein Dreck in Berlin nicht will­kommen ist.«

Jetzt sollten die BDS-Kri­tiker Aydilek deutlich machen , dass er mit diesen Statement seinen eigenen Grundsatz »Gegen jeden Anti­se­mi­tismus«, selber nicht gerecht geworden ist und eine Ent­schul­digung fällig wäre.

Eine andere Kritik der BDS-Kam­pagne ist möglich

Dass man eine Kritik am regres­siven Anti­zio­nismus auch ohne Dif­fa­mierung der Gegner führen kann, zeigte die kleine Basis­ge­werk­schaft Wooblies[19]. Sie erstellte ein Dossier[20]. Dort zeigte sie auf, wieso die trans­na­tional arbei­tende Gewerk­schaft die BDS-Kam­pagne einst unter­stützte und wo die Kri­tik­punkte liegen.

Dabei machte sie auch deutlich, dass kri­tische Artikel[21] den internen Dis­kus­si­ons­prozess beför­derten. Die Ver­fasser kommen zu dem Schluss, dass es die Aufgabe einer Gewerk­schaft nicht sein kann, Aus­schlüsse und Spal­tungen durch Boy­kott­aufrufe, die sich in einem natio­nalen Kon­flikt ein­seitig auf eine Seite stellen, zu befördern.

Vielmehr müsste es konkret für die Region Israel/​Palästina darum gehen, Orga­ni­sa­tionen und Gewerk­schaften zu unter­stützen, die Lohn­ab­hängige bina­tional orga­ni­sieren und gemeinsam im Kampf für bessere Arbeits­be­din­gungen und bessere Löhne unter­stützen.

Ein solche Ori­en­tierung schließt natürlich auch eine Absage ein an jede Unter­stützung der Politik der israe­li­schen Regierung wie jeder Staats- und Regie­rungs­in­ter­essen. Es wäre zu wün­schen, wenn sich die BDS-Kri­tiker an den Umgang der Woo­blies mit der The­matik ein Bei­spiel nehmen würden und nicht ihrer­seits zu Druck und Belei­di­gungen greifen würden.

https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​M​i​t​-​D​r​u​c​k​-​u​n​d​-​D​r​o​h​u​n​g​e​n​-​f​u​e​r​-​u​n​d​-​g​e​g​e​n​-​I​s​r​a​e​l​-​3​8​4​8​2​2​5​.html

Peter Nowak
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[3] http://​bds​-kam​pagne​.de
[4] http://​bds​-kam​pagne​.de/​a​u​f​r​u​f​/​a​u​f​r​u​f​-​d​e​r​-​p​a​l​s​t​i​n​e​n​s​i​s​c​h​e​n​-​z​i​v​i​l​g​e​s​e​l​l​s​c​haft/
[5] http://​bds​-kam​pagne​.de/​2​0​1​7​/​0​8​/​1​5​/​o​f​f​e​n​e​r​-​b​r​i​e​f​-​a​n​-​a​l​l​e​-​b​e​t​e​i​l​i​g​t​e​n​-​g​r​u​p​p​e​n​-​a​u​s​-​u​k​-​a​m​-​b​e​r​l​i​n​-​p​o​p​-​k​u​l​t​u​r​-​2​0​1​7​-​f​e​s​t​ival/
[6] http://​bds​-kam​pagne​.de/​2​0​1​7​/​0​8​/​1​7​/​r​i​c​h​t​i​g​s​t​e​l​l​u​n​g​-​z​u​-​u​p​d​a​t​e​-​w​e​i​t​e​r​e​-​k​u​e​n​s​t​l​e​r​i​n​n​e​n​-​z​i​e​h​e​n​-​i​h​r​e​-​t​e​i​l​n​a​h​m​e​-​a​m​-​p​o​p​-​k​u​l​t​u​r​-​f​e​s​t​i​v​a​l​-​2​0​1​7​-​z​u​r​ueck/
[7] http://​bds​-kam​pagne​.de/​2​0​1​7​/​0​8​/​1​8​/​i​s​r​a​e​l​i​s​c​h​e​n​-​b​u​e​r​g​e​r​i​n​n​e​n​-​a​n​-​d​i​e​-​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​e​r​-​d​e​s​-​p​o​p​-​k​u​l​t​u​r​-​f​e​s​t​i​v​a​l​s​-​i​n​-​b​e​r​l​i​n​-​b​i​t​t​e​-​b​e​e​n​d​e​n​-​s​i​e​-​i​h​r​e​-​p​a​r​t​n​e​r​s​c​h​a​f​t​-​m​i​t​-​d​e​r​-​i​s​r​a​e​l​i​s​c​h​e​n​-​b​o​t​s​c​haft/
[8] http://​www​.jutta​-dit​furth​.de/​d​l​/​d​l​.​p​d​f​a​?​d​o​w​n​l​o​a​d​=​D​i​t​f​u​r​t​h​-​B​D​S​-​H​a​m​a​s​-​2​0​1​7​0​6​0​9.pdf

[9] http://​www​.oeko​lo​gische​-linke​.de/​d​l​/​d​l​.​p​d​f​a​?​d​o​w​n​l​o​a​d​=​O​e​k​o​l​o​g​i​s​c​h​e​-​L​i​n​k​e​_​2​0​1​7​0​6​1​9​_​P​o​s​i​t​i​o​n​-​z​u​-​I​s​r​a​e​l.pdf
[10] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​V​e​r​d​i​e​n​t​-​J​u​d​i​t​h​-​B​u​t​l​e​r​-​d​e​n​-​A​d​o​r​n​o​-​P​r​e​i​s​-​1​9​9​3​0​7​9​.html
[11] https://​www​.kate​tempest​.co​.uk
[12] https://​www​.volks​buehne​.berlin/​d​e​/​s​e​r​v​i​c​e​/​p​r​e​s​s​e​/​4​1​8​/​k​a​t​e​-​t​e​mpest
[13] http://​www​.ber​liner​-zeitung​.de/​2​8​4​46252
[14] http://www.laut.de/News/Israelkritik-Kate-Tempest-rechtfertigt-Berlin-Absage-22–09-2017–14006
[15] http://www.zeit.de/kultur/2017–09/israelkritik-konzert-absage-kate-tempest-volksbuehne/seite-2
[16] http://www.laut.de/News/Israelkritik-Kate-Tempest-rechtfertigt-Berlin-Absage-22–09-2017–14006
[17] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​46621
[18] https://​twitter​.com/​A​y​d​i​l​e​k​S​e​r​c​a​n​/​s​t​a​t​u​s​/​9​1​1​2​8​6​9​3​5​5​9​9​1​12192
[19] https://​www​.wob​blies​.org/​C​M​S​/​d​o​s​s​i​e​r​-​b​d​s​-​i​srael