Wie die polnische Rechte die Holocaust-Forschung kriminalisiert

Doch bei aller berech­tigten Kritik an der pol­ni­schen Regierung sollte nicht ver­gessen werden, dass die Shoah ein Projekt ganz gewöhn­licher Deut­scher war. Ein Kom­mentar

Kann man in Polen den Film »Shoah« von Claude Lanzmann noch zeigen, ohne mit Strafen rechnen zu müssen? Diese Frage muss man sich stellen, nachdem die rechts­kon­ser­vative Mehrheit im pol­ni­schen Par­lament ein Gesetz ver­ab­schiedet hat, dass es unter Strafe stellte, wenn jemand Polen beschuldigt, sie hätten bei der Ver­folgung und Tötung von Juden mit­ge­wirkt.

»Dabei ist es eine his­to­rische Tat­sache, dass eine große Anzahl Polen an der Ver­folgung und Ermordung von Juden mit­wirkten. Wenn das nicht mehr gesagt werden darf, wenn dazu nicht mehr geforscht werden darf, ist das ein Skandal«, schreibt der His­to­riker Yehuda Bauer in der Jüdi­schen All­ge­meinen Zeitung. Tat­sächlich gab es in natio­nal­pol­ni­schen Kreisen einen viru­lenten Anti­se­mi­tismus, der dafür ver­ant­wortlich war, dass auch pol­nische NS-Gegner Juden an die Wehr­macht oder SS ver­rieten und aus­lie­ferten.

Es gab anti­jü­dische Pogrome vor dem Ein­marsch der Deut­schen in Polen und die wenigen über­le­benden Juden waren nur wenige Jahre nach ihrer Befreiung wieder mit dem pol­ni­schen Anti­se­mi­tismus kon­fron­tiert. 1968 ritt sogar die auto­ritäre, nur dem Namen nach kom­mu­nis­tische, Partei auf der Welle des Anti­se­mi­tismus, der nur not­dürftig als Anti­zio­nismus kaschiert wurde.

In dem Film »Shoah«, der der mas­sen­haften Ver­nichtung der euro­päi­schen Juden den Namen gab, berichten an meh­reren Stellen Über­le­bende, wie sie auch von pol­ni­schen Bürgern bedroht und beschimpft wurden. In einer Szene sagt ein pol­ni­scher Bauer aus der Gegend um Auschwitz, dass die Juden von den Pas­santen lachend mit dem Zeichen des Kopf­ab­schneidens begrüßt wurden.

Dass auch unter deut­scher Besatzung der pol­nische Anti­se­mi­tismus gut gedeihen konnte, zeigte das Pogrom in der ost­pol­ni­schen Stadt Jed­wabne im Juli 1941, das der His­to­riker Jan.T. Gross erforscht hat. Auch seine Arbeit wäre gefährdet, wenn das neue Gesetz in Kraft tritt. Deshalb ruft Yehuda Bauer mit Recht zur Soli­da­rität mit den pol­ni­schen His­to­rikern auf.

Kritik aus Israel

Dass die For­schung über die unter­schied­lichen Formen der Koope­ration von Polen bei der Ermordung der Juden ein­ge­schränkt werden soll, ist vor allem in Israel auf starke Kritik gestoßen. Die pol­nische Rechts­re­gierung, die sich nach Außen immer als enger Freund von Israel dar­stellt, hat das in Kauf genommen. Die Kritik Israels wird von natio­nal­pol­ni­schen Kreisen, die auch die Wäh­ler­basis der gegen­wär­tigen Regierung sind, für anti­is­rae­lische Aus­fälle genutzt.

Eine geplante rechte Demons­tration vor der israe­li­schen Bot­schaft in War­schau wurde ver­boten und das Gelände bis zum 5. Februar abge­sperrt. Das Kalkül der pol­ni­schen Rechten in und außerhalb der Regierung geht auf. Die Regierung demons­triert damit vor allem, dass sie sich von der Kritik der Nach­fahren der Shoah-Opfer nicht von ihren Plänen abbringen lässt, die Holo­caust-For­schung massiv zu regle­men­tieren und ein­zu­engen.

Die Shoah war ein deut­sches Projekt

In Deutschland sieht man den Streit zwi­schen Polen und Israel gerne. Man kann sich hier schließlich wieder als Auf­ar­bei­tungs­welt­meister auf­spielen, der mit den Finger auf seinen öst­lichen Nachbarn zeigt, dessen Grenzen man nur wider­spre­chend erst vor 25 Jahren aner­kannt hat.

Denn, so richtig es ist, sich mit den pol­ni­schen His­to­rikern zu soli­da­ri­sieren, die nun durch das Gesetz kri­mi­na­li­siert und in ihren For­schungen ein­ge­schränkt werden könnten, in Deutschland muss doch wohl wieder in Erin­nerung gerufen werden: Der Holo­caust wurde von Deut­schen geplant, es waren ganz gewöhn­liche Deutsche, die die euro­päi­schen Juden in Polen und anderswo ermor­deten. Es waren ganz gewöhn­liche Deutsche, die sich sogar beim Mord­handwerk foto­gra­fieren ließen und darüber ihren Lieben in der Heimat berich­teten.

»Der Tod ist ein Meister aus Deutschland« – diese Zeile aus der Todesfuge von Paul Celan muss wieder in Erin­nerung gerufen werden. Es gab in allen Nach­bar­ländern Anti­se­mi­tismus, zu den mör­de­ri­schen Kon­se­quenzen führte er aber nur in Deutschland und durch Deutsche, auch wenn es Unter­stützer aus vielen Ländern und auch aus Polen gab.

Daher ist zumindest der Teil des neuen pol­ni­schen Gesetzes ver­ständlich, der es unter Strafe stellt, wenn das deutsche Ver­nich­tungs­lager Auschwitz »polo­ni­siert« wird. Das mag in vielen Fällen ein Fall von Nach­läs­sigkeit sein, wenn aus­ge­drückt werden soll, dass Auschwitz im heu­tigen Polen liegt. Ein so fahr­läs­siger Umgang mit den Fakten trägt aber dazu bei, dass die Geschichte der Shoah ver­fälscht wird. Von daher ist auch zu ver­stehen, dass die pol­nische Regierung gegen­steuern will. Ob hier aller­dings repressive Maß­nahmen helfen, muss bezweifelt werden.

Wenn Guan­tanamo zum kuba­ni­schen Lager wird

Auch jüngere Ereig­nisse, die nicht mit der Shoah zu ver­gleichen sind, werden gerne in falsche geo­gra­phische Zusam­men­hänge ein­ge­ordnet. So wird das US-Lager auf kuba­ni­schem Ter­ri­torium, Guan­tanamo, häu­figer zum kuba­ni­schen Lager umfunk­tio­niert. Bei vielen sicher aus Nach­läs­sigkeit und Unge­nau­igkeit. Aber es dürfte auch nicht wenige geben, die ein poli­ti­sches Interesse haben, der sozia­lis­ti­schen Insel auch dieses Lager noch zuzu­schreiben.

Dennoch hat man nicht gehört, dass die kuba­nische Regierung erwägt, alle die zu bestrafen, die vom kuba­ni­schen Lager Guan­tanamo sprechen und schreiben. Daher ist auch bei allem Ver­ständnis für das Anliegen, dieser Teil des pol­ni­schen Gesetzes ebenso frag­würdig.

Es stellt sich schon die Frage, welchen Zweck die pol­ni­schen Rechten mit diesen Gesetzen ver­folgen, die sie auch noch am Jah­restag des Holo­causts, am 27. Januar, durch das Par­lament brachten. Es handelt sich wahr­scheinlich ebenso um eine codierte Form des Anti­se­mi­tismus, wie die regie­rungs­amt­liche unga­rische Kam­pagne gegen den Libe­ralen Soros.

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Peter Nowak
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[1] http://​www​.film​zen​trale​.com/​r​e​z​i​s​/​s​h​o​a​h​k​k.htm
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[4] http://​www​.zeit​.de/​2​0​0​5​/​0​6​/​J​e​d​w​a​b​n​e​?​p​age=1
[5] http://​www​.ipn​.gov​.pl/​f​t​p​/​p​d​f​/​j​e​d​w​a​b​n​e​_​p​o​s​t​a​n​o​w​i​e​n​i​e.pdf
[6] https://​www​.per​len​taucher​.de/​b​u​c​h​/​j​a​n​-​t​-​g​r​o​s​s​/​n​a​c​h​b​a​r​n​.html
[7] http://​www​.wissen​.de/​d​i​e​-​t​o​d​e​s​f​u​g​e​-​v​o​n​-​p​a​u​l​-​celan

Die Möglichkeit des radikal Anderen

100 Jahre nach der bru­talen Nie­der­schlagung: Autor Simon Schaupp über die Bedeutung und Erfor­schung der Baye­ri­schen Räte­re­publik

Zur Person

Simon Schaupp ist Soziologe und in der Tech­ni­schen Uni­ver­sität München als wis­sen­schaft­licher Mit­ar­beiter tätig. Er hat kürzlich im Unrast-Verlag »Der kurze Frühling der Räte­re­publik – ein Tagebuch der baye­ri­schen Revo­lution« her­aus­geben. Am 26.1. stellt Schaupp das Buch im Ber­liner FAU-Lokal in der Grün­taler Straße 24 vor.

Mit dem Wis­sen­schaftler sprach Peter Nowak.

„Die Mög­lichkeit des radikal Anderen“ wei­ter­lesen

Die Suche nach einem Kinderreim

Die israe­lische Fil­me­ma­cherin Tali Tiller macht sich auf den Weg, um in Polen über das Leben ihrer ver­stor­benen Groß­mutter zu recher­chieren. „My Two Polish Loves“ heißt ihr Film

„Niemand ist vor­bei­kommen“, sagt Magda Wystub. Die junge Frau mit den kurzen Haaren steht mit ihrer Freundin Tali Tiller vor einem völlig zuge­wach­senen Grab auf dem jüdi­schen Friedhof in Łódź. Dort ist Tillers Groß­vater beerdigt. Ein Großteil seiner Ver­wandten sind im Natio­nal­so­zia­lismus ermordet worden, die wenigen Über­le­benden sind später aus­ge­wandert. So war niemand mehr da, der sich um das Grab küm­merte. Tali Tiller, die aus Israel stammt, hat es gemeinsam mit ihrer pol­ni­schen Lebens­part­nerin Magda Wystub wieder ent­deckt, als sich die beiden Frauen auf die Suche nach den Spuren von Silvia Grossmann Tillers Leben in Łódź gemacht hatten. Silvia Grossmann Tiller, die 2014 starb, ist Talis Groß­mutter. Erst in den letzten Jahren
ihres Lebens hatte sie von der Ver­folgung im Natio­nal­sozia- lismus berichtet. Ihr hat die Enkelin ihren Film „My Two Polish Loves“ gewidmet. Die erste pol­nische Liebe ist ihre Groß­mutter gewesen, die zweite pol­nische Liebe ist ihre Freundin Magda.

Wo einst das Ghetto war
Mit einer Mappe, in der sich Fotos und Texte befinden, machen sich die beiden Frauen auf die Suche und stellen oft fest, dass heute kaum noch etwas an die große jüdische Gemeinde in Łódź erinnert. Wo einst das Ghetto war, befindet sich jetzt eine viel fre­quen­tierte Straßen- kreuzung. Pas­san­tInnen hetzen vorbei und achten nicht auf die beiden Frauen, die das Foto einer Brücke in der Hand halten, die beide Seiten des Ghettos ver­bunden hat. Dort steht der Groß­vater von Tiller an einer Treppe. Gefunden hat es Tiller im Museum der Ghet­to­kämpfer im Kibbuz Lohamei Hagetaot. Besonders traurig ist die Regis­seurin, dass sie das Haus ihrer Groß­mutter trotz akri­bi­scher Suche nicht findet.
Immer wieder sind im Film kurze Sequenzen aus Inter­views ein­ge­spielt, die Tiller mit ihrer Groß­mutter führte. Dort schildert sie, wie sie den Arbeits­zwang der SS miss­achtete, um bei ihrer tod­kranken Schwester zu bleiben, die in ihren Armen starb. Sie meint, es sei ein Wunder, dass sie nicht von der SS ent­deckt wurde, die das Haus durch­suchte, aber das Zimmer ausließ, in dem sie sich befand. „My Two Polish Loves“ ist kein trau­riger Film. Man sieht die beiden Frauen bei der Vor­be­reitung ihrer Erkun­dungen, sie recher­chieren im Internet und ver­gleichen Stadtpläne.Magda Wystub erinnert sich noch genau an die Stra­ßen­namen im Polen ihrer Kindheit. Bedeutsame wie die „Straße der Opfer des Faschismus“ oder „Straße der Toten von Auschwitz“ seien ihr in Erin­nerung geblieben. Am Ende sind beide Frauen erfolg­reich bei der Suche nach einem Kin­derreim, den Tali Tiller von ihrer Groß­mutter gehört hat und der ihr nicht aus dem Kopf gegangen ist. Tali Tiller und Magda Wystub haben einen sehr per­sön­lichen Film gemacht über die Zeit, in der die letzten Holo­caust-Über­le­benden sterben. Der Film zeigt, wie ihre Erin­nerung bewahrt werden kann.

„My Two Polish Loves“ (OmU). Regie: Tali Tiller. D 2016, 51 Min., in Eng­lisch, Pol­nisch und Hebräisch mit deut­schen Unter­titeln
Das Licht­blickkino in der Kas­ta­ni­en­allee 77 zeigt den Film am 29. und 30. 1. um 17 Uhr


aus: Taz Berlin kultur, 24.1.2018

Peter Nowak

Spuren der Shoah

»My Two Polish Loves« im Licht­blick-Kino

Auf einer viel befahren Stra­ßen­kreuzung in der Innen­stadt von Łódź steht eine junge Frau, die sich suchend umschaut. In der Hand hält sie einen Ordner mit Fotos. Es sind Doku­mente über das jüdische Ghetto, das sich einst an dieser Stelle befunden hat. Heute erinnert nichts mehr daran. Die junge Frau ist Tall Tiller. Die Israelin, die seit meh­reren Jahren in Berlin lebt, hat sich mit ihrer pol­ni­schen Part­nerin Magda Wystub auf die Suche nach der Geschichte ihrer Vor­fahren begeben. Davon erzählt ihr knapp ein­stün­diger Film »My Two Polish Loves«. 

Den Anstoß für die Reise gab die 2014 gestorbene Groß­mutter der Regis­seurin. Erst in den letzten Jahren ihres Lebens erzählte die Holo­caust-Über­le­bende ihre Geschichte der Ver­folgung. Sie war mit ihrer Familie im Ghetto von Łódź ein­ge­sperrt. Die SS depor­tierte später einen Großteil der Bewoh­ne­rInnen in die Ver­nich­tungs­lager. Silvia Grossmann Tiller war eine der wenigen aus ihrer Familie, die überlebt hat. Im Film hört man sie von einem Wunder sprechen, das zu ihrer Rettung geführt habe. So berichtet sie, wie sie sich ent­schieden hatte, nicht zur Arbeit zu gehen und bei der schwer kranken Stief­mutter zu bleiben, die dann in ihren Armen starb. Dabei hörte sie, wie die SS das Gebäude betrat, in dem sich die Frauen ver­steckt hielten. Doch bevor die SS-Männer die obere Etage erreichten, brachen sie die Suche ab. Wäre Silvia gefunden worden, hätte man sie wohl sofort erschossen. 

Wir hören die Stimme der Groß­mutter in Tall Tillers Film mehrmals. Wir sehen auch ein Foto des Groß­vaters an einer der Brücken, die die beiden Teile des Ghettos ver­banden. Gefunden hat die Regis­seurin es im Museum der Ghet­to­kämpfer in Tel Aviv. 

»Das Haus meiner Oma zu finden, war für mich das Wich­tigste«, sagte Tall Tiller gegenüber der »Jüdi­schen All­ge­meinen Zeitung«. Aber die Suche blieb erfolglos. »Es gibt das Haus nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich heute ein öffent­licher Park.« Das Haus ihres Groß­vaters aber, der eben­falls über­lebte, hat sie gefunden – und bedauert, ihn zu Leb­zeiten nicht kon­kreter über sein Leben im Ghetto befragt zu haben. Gefunden hat sie auch sein Grab auf einem total über­wu­cherten Friedhof – nebst einer Gedenk­kerze, die nie ange­zündet wurde. »Niemand ist vor­bei­ge­kommen«, sagt Magda Wystub. Es ist einer der trau­rigsten Momente im Film. Er zeigt, welche Folgen die Shoah auch für die Über­le­benden hatte. Es war niemand mehr da, der später ihre Gräber besuchen konnte. 

Und doch ist »My Two Polish Loves« kein trau­riger Film. In meh­reren Szenen sieht man Tiller und Wystub bei der Vor­be­reitung ihrer Erkun­di­gungen oder bei der Aus­wertung in einem Restaurant. Auf der Suche nach einem Raum von Tillers Groß­mutter, der der Enkelin nicht aus dem Kopf geht, fragen sie Pas­san­tInnen, die aber nur mit den Schultern zucken. Am Ende kann ein Jugend­licher das Rätsel auf­klären. 

Tall Tiller hat einen sehr per­sön­lichen Film gemacht über die Zeit, in der die letzten Holo­caust-Über­le­benden sterben. Die Erin­nerung an sie aber, das zeigt der Film, bleibt lebendig. 

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Vor­führung am 10.1., 19 Uhr, im Licht­blick-Kino (Kas­ta­ni­en­allee 77, Prenz­lauer Berg). Im Anschluss gibt es ein Gespräch mit der Regis­seurin.

Peter Nowak

Querfront-Projekt endete als Farce

Sie eint nur die Ablehnung von Nato, die USA und Israel – doch selbst in der Links­partei gibt es einige, die zumindest klamm­heim­liche Sym­pa­thien äußern

Am Ende wurde die Preis­ver­leihung zur Posse. Der Mode­rator Ken Jebsen, dessen Mar­ken­zeichen regres­siver Anti­zio­nismus, ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sches Denken und der Aufruf zu einem Links-Rechts-Crossover ist, sollte im vom Ber­liner Senat sub­ven­tio­nierten Kino Babylon[1] von der Neuen Rhei­ni­schen Zeitung[2] einen Preis ver­liehen bekommen.

Doch kurz­fristig hatte Ken Jebsen über ihn nahe­ste­hende Medien seine Absage erklärt[3]. Es soll hinter den Kulissen Streit über einige der Gäste und Musiker gegeben haben. Nun könnte man sich über das ver­diente Desaster eines Pro­jekts freuen, das vom Kampf gegen Israel und den USA lebt. Wenn es eine Quer­front­zeitung gibt, die eini­ger­maßen funk­tio­niert, dann ist es die Neue Rhei­nische Zeitung.

Der klang­volle Name der Publi­kation, in der auch Karl Marx publi­zierte, soll nicht täu­schen. Heute ist es das Zei­tungs­projekt einer kleinen Gruppe ehe­ma­liger auto­ri­tärer Linker, die nach dem Ende des Nomi­nal­so­zia­lismus nicht mehr links und rechts kennen wollten. Sie hofften, aus der Pegida-Bewegung eine Anti-Nato-Bewegung machen zu können.

Die »Enga­gierten Demo­kraten gegen die Ame­ri­ka­ni­sierung Europas« aber waren äußerst kurz­lebig. Doch Andreas Neumann und Annelie Fik­ent­scher, beides Redak­teure der heute real exis­tie­renden Neuen Rhei­nische Zeitung, waren voll des Lobes[4] für diese Auf­märsche:

Die »Enga­gierten Demo­kraten gegen die Ame­ri­ka­ni­sierung Europas« dagegen sind die­je­nigen, die erkannt haben, von wo die großen Bedro­hungen für die Menschheit aus­gehen.

Anne­liese Fik­ent­scher und Andreas Neumann

Dabei ist bei einen Blick auf die Endgame-Inter­net­präsenz zu erkennen, dass dort mit dem Anti­ame­ri­ka­nismus und dem Lügen­presse-Vorwurf sowie Ver­schwö­rungs­theorien aller Art nur eine Variante von Pegida aktiv war. Wer sich die Bilder der Endgame-Auf­märsche anguckte, konnte unschwer in der rechten Szene aktive Per­sonen dort aus­machen.

In der Ablehnung von Kate­gorien wie links und rechts und im Hass auf Israel und die USA treffen sie sich mit Ken Jebsen, der seine Tages­dosis Ver­schwö­rungs­theorie sehr pro­fes­sionell unter das Publikum bringt[5] und das ist nicht klein. Das ist ein Zeichen des Irra­tio­na­lismus, in Zeiten, in der linke Poli­tik­vor­stel­lungen dis­kre­di­tiert sind.

Jebsen ver­steht es gekonnt, linke Ver­satz­stücke mit in seine Bot­schaft ein­zu­bauen, den Kapi­ta­lismus zu ver­ur­teilen, ihn dann aber ver­schwö­rungs­theo­re­tisch zu begründen. Selbst die anti­zio­nis­tische Tages­zeitung »junge Welt« kon­ze­diert Jebsen ein geschlossen anti­se­mi­ti­sches Weltbild und bezieht sich auf dem Videoclip Anti­zio­nis­ti­scher Rassismus[6].

Nun könnte man denken, dass alle Linken sich freuen, dass die Preis­ver­leihung an Jebsen nun ohne große Pro­teste ins Wasser fiel, weil sich die Quer­front selber zer­legte. Doch das ist ein Irrtum.

Linke über Jebsen zer­stritten

Vielmehr hat die Preis­ver­leihung bereits im Vorfeld zu mas­siven Streit in der Links­partei geführt. Die einen stehen auf der Seite des Ber­liner Kul­tur­se­nators Klaus Lederer[7], der die Preis­ver­leihung im staatlich geför­derten Film­theater (»Jahr­markt der Ver­schwö­rungs­gläu­bigen und Aluhüte«, wie Lederer sagte) gern ver­hindert hätte.

Nun kann man die Frage stellen, warum nicht auch inter­ve­niert wurde, als Martin Hohmann, der wegen einer anti­se­mi­tisch emp­fun­denen Rede aus der CDU aus­ge­schlossen wurde und sich heute in der AFD hinter Höcke stellt, bei einer rechten Preis­ver­leihung in der Zita­delle in Spandau[8] redete.

Man könnte auch monieren, dass der Ber­liner Senat, damals auch unter Betei­ligung der Links­partei, nicht inter­ve­nierte, als im Kino Babylon ein Arbeits­kampf stattfand und der Kino­ge­schäfts­führer sogar ver­suchte, der daran betei­ligten Basis­ge­werk­schaft FAU den Gewerk­schafts­status abzusprechen[9]. Wenn aber Links­partei-Poli­tiker Jebsen und seine Fans irgendwie als zur eigenen Familie gehörig betrachtet werden, muss man sich schon wundern.

Bun­des­tags­ab­ge­ordnete wie Andrej Hunko[10] betonen, dass sie wohl auch Dif­fe­renzen mit Jebsen haben. Aber am Ende ver­teidigt er doch Jebsen und seine Anhänger. Hunko macht in seinen Text einen Exkurs zur Welt­po­litik und in die Geschichte. Nur eine Frage lässt er wie die anderen Jebsen-Ver­tei­diger offen. Kennt er die Texte, in denen Jebsen die Zio­nisten für alle Übel der Welt ver­ant­wortlich macht und den Mossad mit der SS ver­gleicht?

Diese Frage geht auch an den Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten Wolfgang Gehrcke, der am Don­nerstag auf einer Kund­gebung geredet hat, die sich gegen die Inter­vention des Senators seiner eigenen Partei beim Kino Babylon richtete. Gehrcke kritisierte[11] die poli­tische Rechte in seiner Rede.

Er setzt sich dort für eine Linke ein, die gegen Kriege und Gewalt und für die Freiheit des Wortes und des Geistes ein­tritt. Kämpft Gehrcke also dafür, dass Jebsen gegen ein Holo­caust-Denkmal in Washington hetzen und im Geiste des Schwarzbuch-Kom­mu­nismus davon schwa­dro­nieren kann, dass die Sowjet­union das Copy­right beim Ver­nichten von Men­schen hatte und die Nazis nur die Lehr­linge waren.

Der Streit dürfte in der Linken wei­ter­gehen, auch wenn die Preis­ver­leihung nun aus internen Gründen nicht zustande kam. Es gibt in den letzten Monaten die These, dass unter dem Dach der Linken zwei völlig unter­schied­liche Poli­tik­kon­zepte ver­treten sind. Beide sind auf­ein­ander ange­wiesen, weil sie sonst beide nicht ins Par­lament kämen. Doch an dem Streit um die Jebsen-Show wurde auch deutlich, wie unter­schiedlich die Vor­stel­lungen real sind.
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Peter Nowak

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[2] http://​www​.nrhz​.de/​f​lyer/
[3] https://​www​.rubikon​.news/​a​r​t​i​k​e​l​/​k​e​n​-​j​e​b​s​e​n​-​s​a​g​t​-​t​e​i​l​n​a​h​m​e​-​a​n​-​p​r​e​i​s​v​e​r​l​e​i​h​u​ng-ab
[4] http://​www​.nrhz​.de/​f​l​y​e​r​/​b​e​i​t​r​a​g​.​p​h​p​?​i​d​=​21428
[5] https://​kenf​.de/
[6] https://​www​.youtube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​F​p​C​S​6​K​wZ63E
[7] https://www.die-linke.de/partei/parteistruktur/parteivorstand/2016–2018/beschluesse/detail/news/klare-kante-gegen-querfront/
[8] https://​www​.vice​.com/​d​e​/​a​r​t​i​c​l​e​/​y​w​b​a​3​b​/​w​i​r​-​w​a​r​e​n​-​b​e​i​-​e​i​n​e​r​-​p​r​e​i​s​v​e​r​l​e​i​h​u​n​g​-​f​u​r​-​r​e​c​h​t​e​-​j​o​u​r​n​a​l​isten
[9] https://​berlin​.fau​.org/​k​a​e​m​p​f​e​/​k​i​n​o​-​b​a​b​y​l​o​n​-​mitte
[10] http://​www​.andrej​-hunko​.de/​s​t​a​r​t​/​a​k​t​u​e​l​l​/​3​8​4​8​-​p​e​r​s​o​e​n​l​i​c​h​e​-​e​r​k​l​a​e​r​u​n​g​-​z​u​m​-​p​a​r​t​e​i​v​o​r​s​t​a​n​d​b​e​s​c​h​l​u​s​s​-​d​e​r​-​l​i​n​k​e​n​-​k​l​a​r​e​-​k​a​n​t​e​-​g​e​g​e​n​-​q​u​e​r​front
[11] https://​www​.wolfgang​-gehrcke​.de/​d​e​/​a​r​t​i​c​l​e​/​1​9​4​8​.​e​s​-​g​i​b​t​-​s​i​e​-​d​i​e​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​r​e​c​h​t​e​-​u​n​d​-​a​u​c​h​-​d​i​e​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​l​i​n​k​e​.html

Jerusalem-Entscheidung: Neue Ziele ansteuern

Die anti­se­mi­ti­schen Ten­denzen bei den Reak­tionen ver­wundern nicht. Das Diktat der Hamas und unhaltbare Zustände – »Trump macht was richtig«

Donald Trump macht was richtig, hieß es am ver­gan­genen Samstag in einer Taz-Kolumne. Gemeint war seine Aner­kennung Jeru­salems als israe­lische Haupt­stadt. Aus­ge­rechnet das links­li­berale Blatt, dass Deutschland nach der Trump-Wahl zum Leuchtturm der freien Welt ausrief, hat mal gute Worte für den US-Prä­si­denten. Und das noch bei einer Ent­scheidung, wo es in den letzen Tagen schien, als stehe Trump gegen den Rest der Welt.

Noch mehr als Trumps per Mail erklärten Aus­tritt aus dem Pariser Kli­ma­ab­kommen schien die ver­öf­fent­lichte Meinung der Wider­stand gegen dessen Jeru­salem-Ent­scheidung zu einigen. Nun zeigte sich schnell, dass da auch wieder einmal viel Auf­regung und Furor im Spiel war.

Die deut­schen Medien und der Zorn der ara­bi­schen Straße

Da wurde seit Tag der Zorn der ara­bi­schen Straße bemüht. Als es aber in den ara­bi­schen Städten noch weit­gehend ruhig blieb, wurde schon gefragt, wann denn nun dieser Zorn aus­breche. Nach den Frei­tags­ge­beten ora­kelten die Nah­ost­be­ob­achter Mitte letzter Woche.

Dann wurde jede Men­schen­an­sammlung zur neuen Intifada erklärt und gar nicht berück­sichtigt, dass hier isla­mis­tische Gruppen wie die Hamas zu den Auf­rufern gehörten. Nachher war man dann ent­setzt, dass in vielen euro­päi­schen Städten ein­deutig anti­se­mi­tische Ten­denzen bei den Aktionen zu sehen und hören waren. Nur kann das niemand ver­wundern.

Wenn die Hamas aufruft, sind regressive Anti­zio­nisten und auch offene Anti­se­miten nicht weit. Als dann am Wochenende die Unruhen wieder abflauten, setzte fast Ent­täu­schung in manchen Medien ein. Dabei haben Beob­achter des Geschehens im Nahen Osten schon länger eine neue Intifada für unwahr­scheinlich gehalten. Das hat viele Gründe. Viele erkennen, dass sie ihre kon­krete Situation damit eher ver­schlechtert.

Es gab auch im Gaza­streifen State­ments, die ein Leben unter dem Diktat der Hamas als ein grö­ßeres Übel als unter israe­li­scher Besatzung halten. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass der isla­mis­tische Tugend­terror im Gaza auf viel Wider­stand stößt. Aber auch öko­no­mische Argu­mente finden Gehör.

Das wirt­schaftlich pro­spe­rie­rende Israel könnte für die Paläs­ti­nenser eine bessere Lebens­grundlage bieten, als eine Armuts­region Westbank, vom Gaza­streifen gar nicht zu reden. Hier könnte eine Debatte über einen ein­heit­lichen Staat Israel-Palästina beginnen. Genau darauf kommt der Taz-Kom­men­tator zu sprechen, wenn er Trump für seine Jeru­salem-Ent­scheidung lobt.

Wer Trumps Schritt nun irra­tional findet und gefährlich, muss nur einmal die Logik deut­scher und ame­ri­ka­ni­scher Nah­ost­po­litik der letzten 15 Jahre nüchtern betrachten. Man hielt an einer illu­sio­nären Zwei­staa­ten­lösung fest, obwohl diese durch israe­lische Sied­lungs­po­litik ver­un­mög­licht wurde, rügte zwar immer mal wieder, sub­ven­tio­nierte aber wei­terhin Israels Militär.

Gleich­zeitig finan­zierte man eine kor­rupte und unde­mo­kra­tische Paläs­ti­nen­sische Auto­no­mie­be­hörde, um die israe­lische Besatzung nicht zu einer huma­ni­tären Kata­strophe werden zu lassen. Dass dieser unhaltbare Zustand nun enden könnte, ist eine gute Nach­richt. Denn der israe­li­schen Regierung und der rechten Mehrheit im Land kann Donald Trumps Schritt lang­fristig nicht recht sein.

Für sie ist der Status quo bequem: Fak­tisch gibt es nur einen Staat zwi­schen Mit­telmeer und Jordan, Mil­lionen Paläs­ti­nenser leben dort unter israe­li­scher Kon­trolle. Israel braucht das Fernziel Zwei­staa­ten­lösung, und sei sie noch so unrea­lis­tisch, drin­gender als die Paläs­ti­nenser. Denn wenn das Ziel – zwei Staaten für zwei Völker – offi­ziell erledigt ist, stellen sich für Israel unan­ge­nehme Fragen.

Was ist mit den Mil­lionen Paläs­ti­nensern, die dann auch offi­ziell unter israe­li­scher Herr­schaft leben, aber keine Staats­bür­ger­rechte haben?

Wird Israel dann ein Apart­heid­staat (Shit­storm in 3, 2, 1 …)?

Es ist Zeit, über Alter­na­tiven zur Zwei­staa­ten­lösung zu sprechen. Donald Trump hat dazu den ersten Schritt gemacht.

Taz

Die Logik hinter der Argu­men­tation ist ein­leuchtend. Mit der Trump-Ent­scheidung wird dem Kräf­te­ver­hältnis in der Region Rechnung getragen und das ist nicht auf­seiten der Paläs­ti­nenser. Ein eigener Staat wird für sie immer mehr zu einer Schimäre. Also gilt es neue Ziele anzu­steuern. Da wäre ein Staat mit gleichen Rechten für alle Bürger ein Ziel.

Das wäre nur möglich, wenn die anti­se­mi­ti­schen und isla­mis­ti­schen Kräfte in der Region an Bedeutung ver­lieren. Mit ihren stän­digen Ver­suchen, einen neuen Auf­stand gegen Israel anzu­zetteln, ver­suchen sie immer wieder jede Über­legung in Richtung Koope­ration zu ver­un­mög­lichen.

Dass die viel­zi­tierte ara­bische Straße sich längst nicht mehr beliebig mobi­li­sieren lässt, kann als gute Nach­richt ver­standen werden, auch und gerade für die Paläs­ti­nenser. Die haben wahrlich eine bessere Zukunft ver­dient, als sich für einen isla­mis­ti­schen Staat zu opfern.

Könnte Israel aus einer Position der Stärke auf Paläs­ti­nenser zugehen?

Auch erklärte Ver­tei­diger der israe­li­schen Politik sehen in der Jeru­salem-Ent­scheidung von Trump positive Momente.

»Und Israel wäre gut beraten, aus einer Position der Stärke heraus aktiv auf die Paläs­ti­nenser zuzu­gehen und kon­struktive Kon­zepte zu ent­wi­ckeln. Eines ist jeden­falls sicher: Frieden schließt man nicht mit seinen Freunden, sondern durch Dialog und Begegnung mit dem Feind«, schreibt Louis Lewitan[4] in der Jüdi­schen Allgemeinen[5]. Zuvor hat er die UN und die EU scharf kri­ti­siert:

Wie wäre es, wenn die Welt­ge­mein­schaft, anstatt die USA und Israel anzu­prangern, die ara­bi­schen Staaten und die mus­li­mische Glau­bens­ge­mein­schaft in die Pflicht nehmen würde, den Staat Israel und die unauf­lös­liche Bindung des jüdi­schen Volkes an Jeru­salem endlich anzu­er­kennen? Das wäre eine glatte Abkehr von einer unglaub­wür­digen Appeasement-Politik west­licher Demo­kratien gegenüber ara­bi­schen Des­poten und mor­schen Mon­archen.

Louis Lewitan, Jüdische All­ge­meine Zeitung

Kein Bündnis mit Saudi Arabien

Letz­teres müsste aller­dings auch eine For­derung an die israe­lische Regierung sein. Denn deren sich anbah­nende tak­tische Allianz mit Saudi-Arabien gegen Iran ist eben­falls ein Bündnis mit einer ara­bi­schen Mon­archie, einem Hort des Isla­mismus und Isla­mis­mus­ex­ports. Dass wussten israel­iso­li­da­rische Linke noch vor 15 Jahren, als sie schrieben, dass nach den isla­mi­schen Anschlägen vom 11.9. eher Saudi-Arabien als der Irak das Ziel von US-Mili­tär­schlägen hätte sein müssen.

Immerhin waren Isla­misten aus Saudi-Arabien für die Anschläge mit­ver­ant­wortlich, was vom Irak nicht nach­ge­wiesen ist. Nun sehen auch manche israel-soli­da­rische Linke in Saudi Arabien positive Momente[6]. Da wird es schon als großer Erfolg gewertet, dass der neue starke Mann in Saudi Arabien Mohammed Bin Salman den Frauen gestattet, ohne männ­liche Begleitung Auto zu fahren.

Danach müsste ja der Iran der Hort der isla­mi­schen Moderne sein. Denn dort war das schon länger möglich. Nachdem der Autor ein­räumt, dass die Reformen in Saudi-Arabien nicht mit den Beginn einer Moder­ni­sierung ver­wechselt werden sollen, kommt er auf die außen­po­li­ti­schen Impli­ka­tionen des neuen Herr­schers von Saudi Arabien zu sprechen.

Die Iso­lation Katars hat vor allem dazu geführt, das Emirat in Richtung Iran zu treiben, aber bisher keine Zuge­ständ­nisse erwirkt. Im Jemen würde eine mili­tä­rische Lösung Kapa­zi­täten erfordern, die Saudi-Arabien nicht hat. Und in Syrien haben die Saudis prak­tisch keinen bewaff­neten Ansprech­partner mehr. Es bleibt Israel als Ver­bün­deter, mit dem man die Besorgnis über den Iran teilt. Womöglich bereitet bin Salman auch hier eine Sen­sation vor, Gerüchte über ein Abkommen machen bereits die Runde. Der Nahe Osten ist in einem Zustand ange­langt, in dem man nichts mehr völlig aus­schließen möchte.

Oliver M. Piecha, Jungle World
Das wäre aller­dings ein neues Bündnis mit einem auto­ri­tären isla­mi­schen Herr­scher­hauses und würde nicht unbe­dingt die Bereit­schaft der israe­li­schen Regierung fördern, aus einer Position der Stärke auf die Paläs­ti­nenser zuzu­gehen.

Peter Nowak

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[5] http://​www​.jue​dische​-all​ge​meine​.de/​a​r​t​i​c​l​e​/​v​i​e​w​/​i​d​/​30324
[6] https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​4​7​/​u​e​b​e​r​r​a​s​c​h​u​n​g​-​v​o​m​-​k​r​o​n​p​r​inzen

Solidarität statt Boykott

Basis­ge­werk­schaften gegen die BDS-Kam­pagne – ein Kom­mentar

Jede Israel-Boy­kott­kam­pagne kann – nicht nur bei Über­le­benden des NS-Terrors – Erin­ne­rungen an die „Kauft nicht beim Juden“-Hetze der Nazis wecken. Die Betei­ligung von Deut­schen an einer solchen Kam­pagne ist ange­sichts der Shoah inak­zep­tabel. Der fol­gende Kom­mentar bietet Ein­blicke in die gewerk­schaft­liche Debatte. (GWR-Red.)

„Gewerk­schaften stehen heute an vor­derster Stelle bei der Ver­tei­digung der Rechte des paläs­ti­nen­si­schen Volkes auf Selbst­be­stimmung, Gerech­tigkeit und Freiheit“, heißt in einem Aufruf, in dem Gewerk­schaften aus aller Welt dazu auf­ge­rufen werden, Israel zu boy­kot­tieren. Sieben der 340 im Inter­na­tio­nalen Gewerk­schaftsbund (IGB) zusam­men­ge­schlos­senen Orga­ni­sa­tionen haben diesen Aufruf der BDS-Bewegung, wie die Boy­kott­be­wegung inter­na­tional abge­kürzt wird, unter­stützt. „Das sind etwas mehr als zwei Prozent, aber bezogen auf die Mit­glie­derzahl ver­treten diese sieben Ver­bände 12,5 Mil­lionen der 182 Mil­lionen IGB- Mit­glieder“, schreibt der Jour­nalist Martin Hauptmann in der Jüdi­schen All­ge­meinen Zeitung. 2017 haben sich die tune­sische UGTT und die nor­we­gische LO der Israel-Boy­kott­kam­pagne ange­schlossen. Der DGB lehnt die Boy­kott­for­derung strikt ab und ver­weist auf die enge Koope­ration mit dem israe­li­schen Gewerk­schafts­verband Hist­adrut. Dis­ku­tiert wird die Frage des Israel­boy­kotts jedoch von kleinen Gewerk­schaften.
Vor kurzem ver­an­staltete die anar­cho­syn­di­ka­lis­tische Freie Arbei­te­rInnen Union (FAU) Berlin eine Dis­kussion zum Thema „Gewerk­schaft­liche Soli­da­rität statt Boykott“. Die Akti­vistin Detlef Georgia Schulze sieht in der For­derung nach einem Boykott Israels keine Per­spektive für eine Über­windung von Natio­na­lismus, Klassen- und Geschlech­ter­wi­der­sprüchen. Die BDS-Bewegung posi­tio­niere sich im Kampf zweier natio­naler Bewe­gungen auf einer Seite. Das sei nicht die Aufgabe von Gewerk­schaften, betonte Schulze mit Verweis auf Grund­satz­texte der Boy­kott­kam­pagne. So sei auf­fällig, dass es dort keine Kritik an der gewerk­schafts­feind­lichen Politik der Hamas gebe. Der israe­lische Gewerk­schaftsbund Hist­adrut hin­gegen werde von der BDS als Teil des israe­li­schen Staates bezeichnet und heftig ange­griffen. Marc Richter ist aktiv in der Bremer Sektion der Basis­ge­werk­schaft IWW. Auch er for­mu­lierte auf der Ver­an­staltung eine Kritik an der BDS-Kam­pagne aus gewerk­schaft­licher Per­spektive. „Diese Kam­pagne stärkt auf keinen Fall den soli­da­ri­schen Kampf der Arbei­te­rIn­nen­klasse überall auf der Welt, sondern begünstigt eine Ent­so­li­da­ri­sierung und unnötige Spaltung in der Arbei­ter­be­wegung“. Über diese Frage habe es innerhalb der IWW heftige Dis­kus­sionen gegeben, erklärte Richter. Als Alter­native zu einem Boykott solle die Ko ope­ration mit gewerk­schaft­lichen Orga­ni­sa­tionen in der Region gesucht werden, die Lohn­ab­hängige unab­hängig von der Natio­na­lität orga­ni­sieren. Bereits vor 20 Jahren orga­ni­sierte die AK Inter­na­tio­na­lismus der IG Metall in Berlin Ver­an­stal­tungen mit Initia­tiven, in denen paläs­ti­nen­sische und israe­lische Arbei­te­rInnen koope­rierten. Dass eine solche Koope­ration heute schwie­riger ist, liegt nicht in erster Line an der Politik Israels. So ist der Druck auf Basis­ge­werk­schaften sowohl im Gaza als auch in der Westbank groß. Ein aktu­elles Bei­spiel für Soli­da­rität statt Boykott kommt vom israe­li­schen Dach­verband Hist­adrut, der in seiner poli­ti­schen Aus­richtung mit dem DGB ver­glichen werden kann. Die Hist­adrut hat ein Abkommen mit dem paläs­ti­nen­si­schen Gewerk­schaftsbund PGFTU geschlossen. Seitdem über­weist der is rae­lische Gewerk­schaftsbund 50% der Mit­glieds­bei­träge von Paläs­ti­nen­se­rInnen, die legal in Israel arbeiten, an die PGFTU. „Das geschieht aus Soli­da­rität, um die paläs­ti­nen­si­schen Gewerk­schaften zu stärken und unab­hängig zu machen“, erklärte Avital Shapira-Shabirow, die beim Hist­adrut-Vor­stand für inter­na­tionale Bezie­hungen zuständig ist, in einem Interview in der Konkret. Maya Peretz von der linken israe­li­schen Gewerk­schaft Koach La‘Ovdim, die die Hist­adrut in vielen Punkten kri­ti­siert, ist sich in dieser Frage mit ihr einig. Die BDS-Kam­pagne trägt zur Spaltung der Arbei­te­rIn­nen­klasse bei. Für Basis­ge­werk­schaf­te­rInnen müsste daher klar sein, dass sie nicht Teil der BDS- Kam­pagne sein sollen. Das gilt auch unab­hängig davon, wie man sonst zu dieser Kam­pagne steht. Ich halte es für falsch, die BDS-Kam­pagne, an der sich in vielen Ländern der Welt sehr unter­schied­liche Men­schen mit unter­schied­lichen Motiven betei­ligen, pau­schal als anti­se­mi­tisch zu bezeichnen. Ich will aber klar­stellen, dass sie für den gewerk­schaft­lichen Kampf kon­tra­pro­duktiv ist. Das Prinzip gewerk­schaft­licher Kämpfe soll die trans­na­tionale Soli­da­rität aller Lohn­ab­hän­gigen sein und bleiben.

aus: gras­wur­zel­re­vo­lution dezember 2017/424

http://​www​.gras​wurzel​.net/​4​2​4​/​b​d​s.php

Peter Nowak

Die Jour Fixe Initiative entlarvt Antikommunismus und Antisemitismus

Erst kürzlich hat die rechts­kon­ser­vative pol­nische Regierung die Umbe­nennung zahl­reicher Straßen und Plätze beschlossen. Dar­unter solche, die Namen jüdi­scher Wider­stands­kämpfer tragen, die von den Nazis ermordet wurden. Die öffent­liche Erin­nerung an sie soll aus­ge­löscht werden, weil sie Kom­mu­nis­tInnen waren. Aber nicht nur in Polen gehört der Anti­kom­mu­nismus bis heute zur wir­kungs­mäch­tigen Ideo­logie. Anti­kom­mu­nismus gab es lange vor der Okto­ber­re­vo­lution von 1917. Und er hat auch das Ende der Sowjet­union über­dauert.

Einen soliden theo­re­ti­schen Ein­blick in die unter­schied­lichen Aspekte der anti­kom­mu­nis­ti­schen Ideo­logie liefert ein von der Jour Fixe Initiative Berlin her­aus­ge­ge­benes Buch. Seit Jahren widmet sich dieser Kreis mit Ver­an­stal­tungen und Buch­ver­öf­fent­li­chungen der Wei­ter­ent­wicklung linker Theorie. Diesem Anspruch wird auch das neue Buch gerecht.

Im ersten Aufsatz begründen Elfriede Müller, Margot Kampmann und Kru­noslav Sto­ja­kovic, wieso das Ende der Sowjet­union und der anderen nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Staaten eine neue Welle des Anti­kom­mu­nismus aus­gelöst hat und über­wunden geglaubte tota­li­ta­ris­mus­theo­re­tische Kon­zepte wieder aus den Schub­läden geholt wurden. Die Autoren und Autorinnen sehen in der neo­li­be­ralen Ideo­logie einen Anti­kom­mu­nismus, der leugnet, dass es eine Gesell­schaft gibt. Doch ihr Aufsatz endet opti­mis­tisch: »Darum ist es wich­tiger denn je, die Idee des Kom­mu­nismus mit kon­kretem Inhalt zu füllen: als Ver­sprechen einer Zukunft, für die es sich zu leben und zu kämpfen lohnt«.

Michael Koltan zeigt auf, dass Libe­ra­lismus his­to­risch immer mit Anti­kom­mu­nismus, nicht aber mit Freiheit ver­knüpft war. Er begründet das mit einem his­to­ri­schen Exkurs, der ins Frank­reich des 19. Jahr­hun­derts führt, wo der liberale Poli­tiker Francois Guizot feder­führend an der Nie­der­schlagung des Lyoner Weber­auf­standes und einige Jahr­zehnte später der Pariser Kommune beteiligt war. Marx hat ihn im Kom­mu­nis­ti­schen Manifest namentlich als einen der­je­nigen erwähnt, die das Gespenst des Kom­mu­nismus jagen.

Michael Brie beschäftigt sich mit der Phi­lo­sophie von Thomas Hobbes. Dessen Held war der Besitz­bürger, der sein Eigentum ver­teidigt. Im Gegensatz dazu benennt Brie die früh­so­zia­lis­tische Bewegung der Digger, die sich für ein Kol­lek­tiv­ei­gentum an Land und Boden ein­setzten und mas­siver staat­licher Ver­folgung aus­ge­setzt waren.

Klaus Holz befasst sich mit der unheil­vollen Sym­biose Anti­se­mi­tismus und Anti­kom­mu­nismus in der NS-Ideo­logie. Er ver­weist zudem auf die Ver­suche des Theo­logen Adolf Sto­ecker, der schon in den 1870er Jahren eine anti­se­mi­tische Partei mit Anhang unter den Arbeitern zu gründen ver­suchte. Die Ber­liner Sozi­al­de­mo­kratie sorgte dafür, dass dieses Projekt schei­terte. Holz geht auch auf den Kon­flikt zwi­schen Sto­ecker und dem eben­falls anti­se­mi­ti­schen His­to­riker Heinrich von Treit­schke ein, ein Natio­nal­li­be­raler, der im Gegensatz zu Sto­ecker kein Interesse daran hatte, die Arbei­ter­schichten in seine Aus­ein­an­der­setzung mit den Juden ein­zu­be­ziehen. Doch gerade die Gruppe um Sto­ecker wurde zum Vorbild für die völ­kische Bewegung, zu der die NSDAP gehörte. Am Schluss seines Auf­satzes geht Holz auf die aktu­ellen rechts­po­pu­lis­ti­schen Strö­mungen ein, die sich als Ver­tei­diger Israels im Kampf gegen den Islam auf­spielen und trotzdem wei­terhin zen­trale Ele­mente des his­to­ri­schen Anti­se­mi­tismus tra­dieren. »Der Rechts­po­pu­lismus nutzt das her­kömm­liche Arsenal, d. h. er kri­ti­siert den Wirt­schafts­li­be­ra­lismus nicht, sondern nutzt ihn nur als Beleg für seine anti­li­be­ralen Feind­bilder: Uni­ver­sa­lismus, Indi­vi­dua­lismus, Anti­na­tio­na­lismus.«

Im letzten Kapitel widmet sich der Sozi­al­wis­sen­schaftler Enzo Tra­verso dif­fe­ren­ziert dem Sta­li­nismus, der mehr war als eine bloße Negierung der Ideen der Okto­ber­re­vo­lution. Ähnlich wie Napoleon Ele­mente der Fran­zö­si­schen Revo­lution über­nommen hat, führte Stalin Zeichen und Symbole der Revo­lution fort, ihres Inhalts jedoch beraubt. Die Nomen­klatura rekru­tierte sich aus ehe­ma­ligen Bauern und Arbeitern, die durch die Revo­lution in diese Position kamen. Tra­verso würdigt die Rolle der Kom­mu­nisten für den anti­ko­lo­nialen Kampf, der ihnen bei vielen Men­schen des Tri­konts hohe Aner­kennung ein­brachte. Wie alle Autoren dieses Buches erteilt auch er allen auto­ri­tären Sozia­lis­mus­mo­dellen eine Absage. Die Per­spektive erblickt er in Modellen des Anar­chismus und der dezen­tralen Orga­ni­sierung der I. Inter­na­tionale.


• Jour Fixe Initiative (Hg.): Anti!Kommunismus. Struktur einer Ideo­logie.
Edition Assem­blage, 135 S., br., 12,80 €.

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Peter Nowak