Die Debatte ist nicht neu

Peter Ullrich über die Anti­se­mi­tismus-Dis­kussion in der LINKEN
Der Soziologe Peter Ullrich arbeitet an der Abteilung für medi­zi­nische Psy­cho­logie und medi­zi­nische Sozio­logie der Leip­ziger Uni­ver­sität und ist Ver­fasser des im Dietz-Verlag erschie­nenen Buches »Die Linke, Israel und Palästina«.

ND: Sie haben über den Anti­se­mi­tismus in der Linken geforscht. Kommt die aktuelle Debatte in der Links­partei für Sie über­ra­schend?
Ullrich: Nein, diese Debatte ist ja nicht neu. Sie wie­derholt sich in bestimmten Zyklen: bei gedenk­po­li­ti­schen Anlässen oder Ereig­nissen im Nahen Osten. Neu ist aller­dings die Ver­knüpfung der Debatte mit der Frage der poli­ti­schen Legi­ti­mität der Links­partei und ihrer Regie­rungs­fä­higkeit, wie sie in der aus wis­sen­schaft­licher Sicht höchst kri­tik­wür­digen Studie des Gie­ßener Poli­tik­wis­sen­schaftlers Samuel Salzborn und des Leip­ziger His­to­rikers Sebastian Voigt ange­strengt wird.

Was ist ihre Haupt­kritik an dieser Studie?
Ein­zelne Nega­tiv­bei­spiele werden unzu­lässig gene­ra­li­siert, was nur durch Aus­lassung wich­tiger Kon­text­in­for­ma­tionen gelingt. Zudem sind zen­trale his­to­rische Prä­missen falsch. So wird der Ein­druck erweckt, mit der LINKEN würde erstmals in der Nach­kriegszeit eine Partei mit anti­se­mi­ti­schen Posi­tionen regie­rungs­fähig werden. Damit werden die zahl­reichen Poli­tiker mit NSDAP-Ver­gan­genheit sowie anti­se­mi­tische Aus­fälle von Poli­tikern aller Par­teien in der Nach­kriegszeit rela­ti­viert und der Anti­se­mi­tismus ein­seitig in der LINKEN ver­ortet.

Warum konnte die Dis­kussion dann jetzt in der Partei eine solche Bedeutung bekommen?
Die Links­partei hat sich die Debatte nicht aus­ge­sucht. Die Bericht­erstattung der letzten Wochen war geprägt durch teil­weise perfide Unter­stel­lungen. Zudem ist die Dis­kussion eng mit den inner­par­tei­lichen Strö­mungs­kon­flikten ver­knüpft. So müssen die regie­rungs­wil­ligen Reformer viel stärker unter Beweis stellen, dass sie auch in dieser Frage staats­tragend sind als die Ver­treter des linken Flügels.

Aber Sie bestreiten ja nicht, dass es dort Anti­se­mi­tismus gibt?
Anti­se­mi­tische Posi­tionen unter Linken sind meist die Folge einer Über­iden­ti­fi­kation mit den Paläs­ti­nensern im Nahost-Kon­flikt. Bei manchen Linken ist sie mit einer völ­ligen Ignoranz gegenüber den Inter­essen der israe­li­schen Seite in dem Kon­flikt ver­bunden.

Können Sie ein Bei­spiel nennen?
Die For­derung nach einem bina­tio­nalen Staat im Nahen Ost ist von einer men­schen­rechts-uni­ver­sa­lis­ti­schen Per­spektive nicht zu bean­standen. Pro­ble­ma­tisch wird es aber, wenn die reale Pro­ble­matik anti­se­mi­ti­scher Grup­pie­rungen wie der Hamas ebenso aus­ge­blendet wird wie der Wunsch vieler Juden nach den Erfah­rungen der Shoah, in einem eigenen Staat zu leben.

Wurde die Debatte über den linken Anti­se­mi­tismus nicht eher in Kreisen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken als der Partei die LINKE geführt?
Ja, denn der inhalt­liche Kern der Partei ist nicht der Nahost-Kon­flikt. Es geht ja eher um Fragen sozialer Gerech­tigkeit oder die Aner­kennung von DDR-Bio­grafien. Die große Mehrheit der Mit­glieder unter­stützt intuitiv die Paläs­ti­nenser, aber das Thema steht bei ihnen nicht im Vor­der­grund. Eine bedin­gungslose Iden­ti­fi­kation mit einer Seite im Nahost-Kon­flikt wurde eher von klei­neren, aber sehr ideo­lo­gi­sierten Gruppen prak­ti­ziert.

Ist es nicht positiv zu werten, dass jetzt über Anti­se­mi­tismus in der LINKEN dis­ku­tiert wird?
Diese Hoffnung hatte ich auch. Eine solche Debatte müsste die Sen­si­bi­lität dafür stärken, wo pro­pa­läs­ti­nen­sische Posi­tionen an anti­se­mi­ti­schen Ein­stel­lungen anschluss­fähig sind. Da wirkt der Beschluss der Bun­des­tags­fraktion aller­dings kon­tra­pro­duktiv, weil er die alten Front­stel­lungen zemen­tiert. Das zeigen sämt­liche Reak­tionen. Hier wird ver­sucht, mit admi­nis­tra­tiven Mitteln eine not­wendige Debatte zu ersetzen.

Sehen Sie noch einen Ausweg?
Not­wendig wäre eine Posi­tio­nierung gegen jede Form von Anti­se­mi­tismus und genauso deutlich gegen die israe­lische Besatzung. Aus­ge­wo­genere Akteure wie die Rosa-Luxemburg-Stiftung könnten bei der For­mu­lierung einer solchen nicht­iden­ti­tären Politik eine wichtige Rolle spielen.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​0​1​7​5​.​d​i​e​-​d​e​b​a​t​t​e​-​i​s​t​-​n​i​c​h​t​-​n​e​u​.html

Interview: Peter Nowak

Überleben durch Arbeit

Noch immer müssen ehe­malige Arbeiter aus den Ghettos der NS-Zeit um ihre Rente kämpfen.

Mitte April hat der Bun­desrat die Bun­des­re­gierung auf­ge­fordert, gesetz­liche Vor­aus­set­zungen zu schaffen, um die soziale Lage der in Deutschland ansäs­sigen Holo­caust-Über­le­benden aus der ehe­ma­ligen Sowjet­union zu ver­bessern, von denen viele
bis heute nicht als NS-Ver­folgte aner­kannt sind und von Sozi­al­hilfe leben müssen. In diesem Zusam­menhang ist auch der schäbige Umgang deut­scher Ein­rich­tungen mit den­je­nigen Über­le­benden the­ma­ti­siert worden, die in den Ghettos im von der Wehr­macht besetzten Europa für Hun­ger­löhne geschuftet haben und die noch immer um ihre Rente kämpfen.

»Gesucht werden: 2–3 gelernte Spengler (ev.umgeschult), ein Schmied, 2–4 Metall­dreher, 2– 3 elektro und autogen. Schweißer, ferner Fach­leute, die im Stande sind, aus Stroh Fuß­ab­streifer und Flecht­schuhe her­zu­stellen. Cur­ricula vitae werden sofort an die Wirt­schaft­ab­teilung Pro­duktion gesandt werden.« Dieser Tages­befehl des Ältes­tenrats des Ghettos The­re­si­en­stadt aus dem Jahr 1942 ist eines der wenigen erhalten geblie­benen Doku­mente über Formen der frei­wil­ligen Beschäf­tigung, die neben der Zwangs­arbeit in den Ghettos des von der Wehr­macht besetzten Europas exis­tierte. In der his­to­ri­schen For­schung wurden diese Arbeits­ver­hält­nisse erst in den letzten Jahren in den Blick genommen. Wobei der Begriff der Frei­wil­ligkeit unter den Bedin­gungen eines durch Hunger und Krankheit geprägten Ghet­to­alltags ein Euphe­mismus ist.
»Sie müssen sich das als eine riesige Fabrik von fast 120.000 um ihr Leben arbei­tenden Men­schen vor­stellen, die eine letzte Hoffnung hatten, wie das der Ghet­to­vor­sit­zende Rums­kovskij auch immer wieder fast beschwörend sagte: Über­leben durch Arbeit, beschrieb Jan-Robert von Renesse, Richter am Essener Lan­des­so­zi­al­ge­richt, die Situation der Ghet­to­ar­beiter von Lodz. Die Arbeit befreite sie nicht vom Hunger und der all­täg­lichen Willkür der SS. Doch wer Arbeit hatte, bekam in aller Regel etwas Geld oder größere Essens­ra­tionen. Eine Über­le­bens­ga­rantie war die Schuf­terei kei­neswegs.
Für die meisten Arbeiter führte der Weg vom Ghetto direkt in die Ver­nich­tungs­lager. Die wenigen Über­le­benden müssen noch immer um eine Rente kämpfen. Die deut­schen Ren­ten­ver­si­cherer ent­wi­ckelten viel Krea­ti­vität bei ihrem Bemühen, die Bear­beitung der Anträge der hoch­be­tagten Men­schen zu ver­schleppen.
Dabei hatte der Bun­destag 2002 ein­stimmig ein »Gesetz zur Zahl­bar­ma­chung von Renten aus der Beschäf­tigung in einem Ghetto (ZRGB)« mit dem erklärten Anspruch beschlossen, schnell und unbü­ro­kra­tisch dies­be­züg­liche Defizite des gel­tenden Ent­schä­di­gungs­ge­setzes aus­zu­gleichen. Die Praxis aber war eine Zumutung für die Antrags­steller. Denn sie mußten nun vor deut­schen Büro­kraten den Nachweis antreten, daß sie frei­willig im Ghetto gear­beitet hatten und der zusätz­liche Teller Suppe oder eine Scheibe Brot Bestandteil der Ent­lohnung gewesen waren. Nur dann hatten sie Anspruch auf Ren­ten­leis­tungen. Für die Ver­si­che­rungs­träger aber hatte es im Ghetto nur Zwangs­ar­beiter gegeben, für die die Ren­ten­kassen nicht zuständig waren. Sie lehnten die Ren­ten­an­träge ab. In keinem anderen Ent­schä­di­gungs­be­reich gab es eine so hohe Ableh­nungs­quote wie bei den Ghet­to­renten.

In keinem anderen Bereich gibt es so wenige Ent­schä­di­gungen wie bei den Ghet­to­ar­beitern
Für Michael Teupen ist eine Ableh­nungs­quote von über 90 Prozent ein aus­ge­machter Skandal. »Das Ghet­to­renten-Gesetz erweist sich in seiner Umsetzung durch die Ren­ten­träger eher als Ver­hin­de­rungs­gesetz«, moniert der Leiter der Bera­tungs­ab­teilung des Bun­des­ver­bands Infor­mation und Beratung für NS-Ver­folgte. »Das Besondere an diesem Gesetz war daß sehr intensiv dafür geworben wurde, auch von seiten der Bun­des­re­gierung und der Ren­ten­träger, Anträge zu stellen, daß aber fast alle Anträge abge­lehnt wurden. Das hat es früher in der Rechts­ge­schichte so nie gegeben«, meinte der Jurist Jan-Robert von Renesse. Er nahm die offi­zielle Intention des Gesetzes ernst, fuhr mit einem Rich­ter­kol­legen nach Israel und in die USA, besuchte die Antrags­steller und ließ über 100 Gut­achten zur Situation in den Ghettos erstellen. Damit unter­schied er sich von dem Großteil seiner Kol­legen, die ca. 70.000 Ren­ten­an­träge nach Aktenlage ablehnten: »Sie haben die Mög­lichkeit, His­to­riker zu fragen, gar nicht wahr­ge­nommen, sondern sich nur auf ganz wenige Quellen wie Wiki­pedia gestützt, die natürlich alles andere als seriös oder aus­rei­chend sind, um eine ordent­liche Ent­scheidung fällen zu können«, kri­ti­siert von Renesse die Praxis der deut­schen Ren­ten­kassen, Tau­sende Ghet­to­r­entner auf Grund von ver­al­teten Doku­menten und Fra­ge­bögen zu Zwangs­ar­beitern zu erklären, die keine Ansprüche auf Zah­lungen aus der Ren­ten­kasse haben. Die auf von Renesse zurück­ge­henden Gut­achten konnten hin­gegen nach­weisen, daß jene von ihrem geringen Lohn Abgaben an die Ren­ten­kasse leisten mußten und geleistet hatten. Da war die deutsche Büro­kratie gründlich. Die Arbeit des Richters blieb nicht ganz erfolglos. »Nach meiner Ein­schätzung haben diese Gut­achten nicht nur für die Fälle von Herrn von Renesse, sondern auch für die Beur­teilung der tat­säch­lichen Lage in den Ghettos eine große Bedeutung gehabt. Ich habe begrün­deten Anlaß zu ver­muten, daß sie des­wegen auch eine wesent­liche Bedeutung für die Kehrt­wende der Rechts­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts (BSG) hatten«, sagt der Bochumer Rechts­pro­fessor Wolfgang Meyer. Er bezieht sich damit auf ein Urteil des BSG vom Juli 2009, das die Durch­setzung der Ren­ten­an­sprüche der Ghet­to­ar­beiter erleichtert.
Geklagt hat der Holo­caust-Über­le­bende Joseph Haber, dem die Ren­ten­ver­si­cherung Rheinland-Pfalz diese Ansprüche jah­relang ver­weigert hatte. Ihm muß die Rente rück­wirkend bis 1997 nach­ge­zahlt werden. In ihrer Urteils­be­gründung for­mu­lierten die BSG-Richter einige Leit­linien im Umgang mit den Ren­ten­an­trägen.
So wurde klar­ge­stellt, daß »Entgelt« für die Arbeit im Ghetto jeg­liche Ent­lohnung, ob in Geld oder Natu­ralien, sein könne. Auch ob
es direkt an den Betrof­fenen oder einen Dritten floß, sei uner­heblich für den Ren­ten­an­spruch. Für sein Enga­gement bekam von Renesse viel Aner­kennung. Der Prä­sident des Inter­na­tio­nalen Aus­schwitz-Komitees, Noah Flug, sagte über ihn: »Für die Über­le­benden hat von Renesse viel Posi­tives gemacht. Wir möchten, daß alle das aner­kennen.« Davon kann zumindest
bei seinen Vor­ge­setzten keine Rede sein. Schon 2008 ver­fügte der damalige Vor­sit­zende der 8. Kammer des Lan­des­so­zi­al­ge­richts in
NRW, Ulrich Freu­denberg von Ren­esses Beweis­an­ord­nungen auf­zu­heben, als dieser einige Tage erkrankt war. Danach ordnete Freu­denberg an, daß von Renesse ihn über jede Beweis­an­ordnung vorher infor­mieren müsse. Ein Rich­ter­kollege schrieb in einem Leser­brief an den »Spiegel«, die Ver­hält­nisse in den Ghettos seien auch ohne von Ren­esses Gut­achten bekannt gewesen, was bei His­to­rikern und Über­le­benden für Erstaunen sorgte. Schließlich wurde von Renesse an einen anderen Senat ver­setzt, wo er nicht mehr für die Ghet­to­r­entner zuständig ist. Seine Bewerbung um den Senats­vorsitz wurde abge­lehnt.
In den sech­ziger Jahren hat der Jurist Fritz Bauer, der gegen den Wider­stand der großen Mehrheit seiner Zunft den Auschwitz-Prozeß durch­ge­setzt hat, einmal gesagt, daß er Fein­desland betritt, wenn er sein Büro verläßt. Mehr als 40 Jahre später feiert sich Deutschland gern als Welt­meister in Sachen Auf­klärung der eigenen Ver­gan­genheit. Doch wenn es um die Abwehr der Ansprüche von Men­schen geht, die die deutsche Ver­nich­tungs­po­litik überlebt haben und sich erdreisten, Anträge an die deutsche
Ren­ten­kasse zu stellen, reagieren die Ver­ant­wort­lichen wie zu Bauers Zeiten.

Peter Nowak schrieb in KONKRET 8/10 über die For­derung nach einer Gedenk­stätte auf dem Gelände
des Flug­hafens Tegel

aus: Konkret 6/2011

http://​www​.konkret​-verlage​.de/​k​v​v​/​k​h​.​p​h​p​?​j​a​h​r​=​2​0​1​1​&​m​on=06

Ist Israel der Feind?

In der ira­ni­schen Oppo­sition ist ein Streit über die Haltung zum Nah­ost­kon­flikt aus­ge­brochen
Wie hältst Du es mit Israel und mit Palästina? Diese Frage sorgt nicht nur in Deutschland immer wieder für viel Auf­regung. Auch in der ira­ni­schen Oppo­sition ist wegen der Nah­ost­frage ein großer Streit aus­ge­brochen. Aus­löser war eine Erklärung füh­render Akti­visten der Grünen Bewegung, der zen­tralen Oppo­sition gegen das ira­nische Régime, zum Sturm auf die soge­nannte Gaza-Flotte, die die israe­lische Blo­ckade gegen den Gaza­streifen brechen wollte.

Nach dem Sturm der israe­li­schen Armee auf die Flotte, bei dem 9 Men­schen starben, schrieben die 75 Oppo­si­tio­nellen, das Vor­gehen der israe­li­schen Armee gleiche den Maß­nahmen des ira­ni­schen Regimes gegen Oppo­si­tio­nelle. Pathe­tisch heißt es dann in dem Schreiben, dass die Grüne Bewegung »Schulter an Schulter mit dem Wider­stand der Paläs­ti­nenser« und über­haupt mit allen »frei­heits­lie­benden Bewe­gungen dieser Welt« dieser Welt stehe. Viele der Unter­zeichner gehörten der linken Oppo­sition gegen das Schah­regime an und wurden von dem Mul­lah­regime abermals in die Gefäng­nisse geworfen oder ins Exil getrieben. Sie haben noch nicht ver­gessen, dass das Schah­regime, das es bei der Ver­letzung der Men­schen­rechte den Mullahs ein Vorbild war, gute Bezie­hungen zu Israel unter­halten hat.

Eine jüngere Generation in der ira­ni­schen Oppo­sition, die mit der per­ma­nenten anti­is­rae­li­schen Pro­pa­ganda des isla­mi­schen Regimes auf­ge­wachsen war, wider­spricht der pro-paläs­ti­nen­si­schen Erklärung der Grünen Bewegung. In einer von 27 Akti­visten unter­zeich­neten Erklärung wird darauf ver­wiesen, dass die Grüne Bewegung im Iran im Gegensatz zur paläs­ti­nen­si­schen Bewegung gewaltfrei agiert habe. Die Parole der ira­ni­schen Oppo­sition habe »Nicht Gaza, nicht Libanon – mein Leben für Iran!« gelautet. Des­wegen sei die pro-paläs­ti­nen­sische Erklärung nicht reprä­sen­tativ für die gesamte ira­nische Oppo­sition.

Saeed Gha­se­mi­nejad, Sprecher der Libe­ralen Stu­denten Irans und Direktor des Centre Iranien d’etudes du Libe­ra­lisme cha­rak­te­ri­sierte in einem Interview die Unter­zeichner des Gegen­briefes so: »Fast alle sind jung, die meisten sind Stu­denten. Sie sind die Kinder der isla­mi­schen Revo­lution und auf­ge­wachsen unter der Isla­mi­schen Republik. In dieser Generation findet man so viele Gruppen und Indi­viduen, die an Frieden im Nahen Osten glauben, die nicht anti­se­mi­tisch denken, die glauben, dass sowohl Israelis als auch Paläs­ti­nenser ein Recht auf ein eigenes Land haben und in Frieden zusammen leben können – also Leute, die nicht glauben, dass Israel unser Feind ist.«

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​48035

Peter Nowak

Wir weisen zurück!

Für einen nicht­in­stru­men­tellen Umgang mit Jüdinnen und Juden !!!

Dass die Auf­führung von Warum Israel in Hamburg ver­hindert wurde, ist für mich ein Aus­druck von Zensur. Die Deut­schen, ob links­ra­dikal oder nicht, haben sich wie Herren auf­ge­spielt. Diese Rolle dürfen sie nie wieder spielen.“
Der fran­zö­sische Film­re­gisseur Claude Lanzmann in einem Interview zur Ver­hin­derung der Prä­sen­tation seines Films „Warum Israel“ durch israel­kri­tische Ham­burger Linke . Weitere Texte zu diesem Thema siehe die Ausgabe 12–09
Wer oder was ist eigentlich links in Hamburg?
Streif­lichter über/​aus einen/​m abgrün­digen Kon­flikt
 

„Ich wusste aber immer, dass die inter­na­tionale Linke soli­da­risch hinter uns steht. Ich wusste immer, dass ich von linken inter­na­tio­nalen Bewe­gungen nicht nur Zustimmung und mora­lische Unter­stützung erwarten kann, sondern ganz reale Unter­stützung …Wenn ihr Euch die Mühe gegeben habt, bis hierhin zu lesen, wird Euch der Schock, den ich bei meinem letzten Deutschland-Besuch erlebte, nicht über­ra­schen. Da wurde mir nämlich klar, dass es in der deut­schen Linken eine laut­starke Gruppe gibt, die die Soli­da­rität mit meinem Kampf als anti­se­mi­tisch bezeichnet und mich selber als einen mit Selbsthass infi­zierten Juden.“

Aus einem Brief des israe­lische Frie­dens­ak­ti­visten Yossi Wolfson an die deutsche Linke

Die poli­ti­schen Ansichten von Yossi Wolfson und Claude Lanzmann dürften, gerade was die Haltung zu Israel und dem Nah­ost­kon­flikt betrifft, sehr weit aus­ein­an­der­liegen. Doch beide eint eins: Sie sind Juden, die von links sich ver­ste­henden nicht­jü­di­schen Deut­schen auf unter­schied­liche Weise ange­feindet, beschimpft, behindert wurden.
Die von uns ein­deutig ver­ur­teilte Ver­hin­derung des Films „Warum Israel“ Ende Oktober in Hamburg ist der wohl bekann­teste, aber nicht der einzige Fall, wo Linke in Deutschland gegen jüdische Men­schen und ihre Arbeit vor­ge­gangen sind. Es ist mitt­ler­weile zur Regel geworden, dass Juden, die sich positiv zu Israel ver­halten, von israel­kri­ti­schen Linken in Deutschland zumindest mit Miss­trauen begegnet wird. So sollte, um nur ein aktu­elles Bei­spiel zu erwähnen, der Wiener Publizist Karl Pfeiffer erstmal eine Erklärung über seine Rolle im israe­li­schen Unab­hän­gig­keits­kampf abgeben, um in einem auto­nomen Zentrum in Bie­lefeld als Redner auf­treten zu dürfen.
Auch von isra­el­so­li­da­ri­schen Kreisen wie­derum wird in unter­schied­lichem Maße Druck auf Jüdinnen und Juden aus­geübt, die sich kri­tisch zur israe­li­schen Politik äußern. Erinnert sei nur an die Kam­pagne gegen Felicia Langer im Sommer 2009, nachdem sie das Bun­des­ver­dienst­kreuz bekommen hat. Daran haben sich neben rechten Gruppen auch isra­el­so­li­da­rische Linke beteiligt.

Es ist eine Schande, dass aus­ge­rechnet in Deutschland jüdische Men­schen daran gehindert werden, ihre poli­ti­schen Ansichten zum Nah­ost­kon­flikt zu ver­treten und dass Filme von jüdi­schen Künstlern ver­hindert werden. Dabei ist es egal, wie die jüdi­schen Men­schen zu Israel stehen und wie sie den Nah­ost­kon­flikt beur­teilen.
 Henryk M. Broder hat genauso das Recht, seine Lesart des Nah­ost­kon­fliktes zu ver­breiten, ohne einer Kam­pagne aus­ge­setzt zu sein, wie Michel Friedman und Felicia Langer. Es ist völlig normal, dass unter Juden – wie zu vielen anderen Themen – auch zur israe­li­schen Politik unter­schied­liche Ansichten bestehen. Damit stehen sie in einer guten Tra­dition. Es hat unter Juden immer pro, – nicht-, und anti­zio­nis­tische Posi­tionen gegeben.
Ein auch pole­misch aus­ge­tra­gener Streit darum, ist das Nor­malste auf der Welt. Anti­se­mi­tische Töne bekommt die Aus­ein­an­der­setzung dann, wenn den Per­sonen ihr Judentum vor­ge­halten oder abge­sprochen wird. Dazu gehört die Vor­stellung, ein Jude müsse die israe­lische Politik ver­tei­digen, ebenso wie das umge­kehrte Ansinnen, er müsse sie kri­ti­sieren oder sich über­haupt dazu äußern.

In Teilen der pro­pa­läs­ti­nen­si­schen deut­schen Linken war und ist es üblich, sich Kritik an der israe­li­schen Politik durch jüdische Stimmen beglau­bigen zu lassen. Das ist genauso abzu­lehnen, wie der Versuch von Israel-Ver­tei­digern zurück­ge­wiesen werden muss, verbal gegen Juden vor­zu­gehen, die eine kri­tische Sicht auf Israel haben.
Vor 20 Jahren, als in kleinen Gruppen der Linken die Aus­ein­an­der­setzung mit dem linken Anti­se­mi­tismus begann, hätte sich wohl niemand träumen lassen, dass einige der dort aus­ge­tauschten Argu­mente einmal von deut­schen Linken dazu benutzt werden könnten, um Juden klar­zu­machen, wie sie sich zu Israel zu posi­tio­nieren haben.
Die Nach­kommen der deut­schen Volks­ge­mein­schaft, vor nunmehr 65 Jahren erst durch die Alli­ierten am wei­teren Juden­morden gehindert, sollten die letzten sein, die in dieser Debatte Zen­suren ver­teilen. Auch jede Instru­men­ta­li­sierung der unter­schied­lichen jüdi­schen Ansichten zu Israel für den inner­linken Mei­nungs­kampf in Deutschland ist abzu­lehnen.

Die nicht­jü­di­schen Deut­schen – israel­kri­tisch, soli­da­risch oder was immer – sollten in dieser Debatte einfach nur mal das Maul halten.
Antonin Dick, als Sohn deutsch-jüdi­scher Emi­granten in England geboren
Peter Nowak, Jour­nalist, Berlin
Bernhard Schmid, Jour­nalist, Paris

http://​www​.trend​.info​par​tisan​.net/​t​r​d​0​1​1​0​/​t​3​8​0​1​1​0​.html

Neuer Nahostkonflikt in Hamburg

Um den Film »Warum Israel« von Claude Lanzmann gibt es seit Monaten eine mitt­ler­weile auch im Ausland beob­achtete Aus­ein­an­der­setzung
Hamburg ist eine der Metro­polen, in denen poli­tische Demons­tra­tionen eigentlich zum Alltag gehören. Doch die für den 13. Dezember anbe­raumte Pro­test­aktion unter dem Motto »Es darf keine anti­se­mi­tische Film­zensur in Hamburg geben« fällt aus dem Rahmen. Das zeigt schon der Auf­rufer- und Unter­stüt­zer­kreis, zu dem neben Poli­tikern auch viele Künstler, Wis­sen­schaftler und Intel­lek­tuelle aus dem In- und Ausland gehören. An erster Stelle steht der fran­zö­sische Fil­me­macher Claude Lanzmann auf der Unter­stüt­zer­liste. Sein Film »Warum Israel« (1973, unlängst als DVD erschienen) ist der Aus­löser für die Demons­tration. Sie ist der Höhe­punkt einer Aus­ein­an­der­setzung, die als Ham­burger Kiez­posse begonnen hat und mitt­ler­weile nicht nur in vielen deut­schen Medien, sondern auch in Israel und Frank­reich dis­ku­tiert wird.
 
Israe­li­scher Check­point in Hamburg?

Begonnen hatte alles am 25. Oktober im Ham­burger Schan­zen­viertel. An diesem Tag wollte die isra­el­so­li­da­rische Ham­burger Gruppe Kri­tik­ma­xi­mierung »Warum Israel« in einem Ham­burger Sze­nekino zeigen. In dem Film werden jüdische Bürger Israels inter­viewt, die sich aus ver­schie­denen Ländern kommend eine neue Heimat auf­gebaut haben. Gegen die Vor­führung wandte sich das israel­kri­tische Inter­na­tionale Zentrum B5, das sich in der direkten Nach­bar­schaft des Kinos befindet. Zunächst ver­suchten sie erfolglos eine Absetzung des Filmes zu erreichen. Dann ver­hin­derten sie mit einer Art Agitprop-Aktion die Auf­führung. Vor dem Kino wurde eine Nach­bildung eines israe­li­schen Check­points auf­gebaut und den Kino­be­su­chern wurde der Einlass ver­weigert. Es kam zu erregten Debatten und auch zu Hand­greif­lichen.

Bis zu diesem Punkt schien die Aktion sich ein­reihen, in den Jahre langen, längst nicht mehr nur verbal aus­ge­tra­genen Streit zwi­schen isra­el­so­li­da­ri­schen und israel­kri­ti­schen Linken, der in ver­schie­denen Städten schwelt. Das hatte bisher meistens zur Folge, dass sich soge­nannte linke Zusam­men­hänge, Wohn­ge­mein­schaften und Volks­küchen zer­streiten und oft über Jahre kein Wort mehr mit­ein­ander reden. Viele linke Flyer und seit einiger Zeit auch Blogs beschäf­tigen sich sehr akri­bisch mit allen Details der Aus­ein­an­der­setzung. Doch darüber hinaus nimmt in der Regel niemand davon Notiz.

Wandel der Linken

Doch die Aktion vom 25. Oktober wurde zum Poli­tikum, weil auch Mit­glieder der Jüdi­schen Gemeinde an der Film­vor­führung gehindert wurden und weil Claude Lanzmann den Vorfall sofort öffentlich machte und sein Unver­ständnis über die geringe Sen­si­bi­lität in den deut­schen Medien mit der Film­ver­hin­derung zum Aus­druck brachte.

»Weltweit ist es nicht ein ein­ziges Mal pas­siert, und in Deutschland schon gar nicht«, betont der Regisseur, der als Kämpfer in der fran­zö­si­schen Resis­tance und als Freund von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir zu den füh­renden fran­zö­si­schen Intel­lek­tu­ellen gehört. Mit dem Film Shoah über die Mas­sen­ver­nichtung der euro­päi­schen Juden wurde er welt­be­kannt.

Dass aus­ge­rechnet ein Film von Lanzmann von der Aktion betroffen wurde, erklärt sicher die große Publicity. Dar­über­hinaus macht die Aus­ein­an­der­setzung auch deutlich, wie stark sich ein Großteil der Linken zumindest in der Nah­ost­frage in den letzten 25 Jahren gewandelt hat. Heute will sich kaum jemand mit der Position der B5 gemein machen. Nur in einem Text wird die Kritik an der Film­ver­hin­derung als »anti­deutsche Schmie­ren­ko­mödie« bezeichnet. Die B5-Akti­visten rudern selber zurück und betonen in einer Erklärung, ihre Aktion hätte nicht die Ver­hin­derung des Films, sondern die einer »anti­deut­schen Ver­an­staltung« zum Ziel gehabt. Eine der betei­ligten Gruppen hat mitt­ler­weile den Film in der B5 gezeigt, der in einem Flyer bei der Ver­hin­de­rungs­aktion noch als »zio­nis­ti­scher Pro­pa­gan­dafilm« klas­si­fi­ziert wurde.

Ende der 80er Jahre wäre die Position der B5 durchaus noch mehr­heits­fähig gewesen. Damals prangten an der Ham­burger Hafen­straße in einem besetzten Gebäu­de­komplex, der einer großen Soli­da­ri­täts­be­wegung ihre Lega­li­sierung ver­dankt, Parolen, die zum Boykott israe­li­scher Waren auf­riefen. Das war der Anlass einer ersten inner­linken Nahost-Debatte, die manchmal zur Geburts­stunde der isra­el­so­li­da­ri­schen Linken in Deutschland erklärt wird. Die Kri­tiker der Parolen waren damals aller­dings noch eine absolute Min­derheit in der Linken und nahmen keine Stellung zur israe­li­schen Politik. Sie wandten sich vielmehr dagegen, dass ange­sichts der NS-Ver­gan­genheit mit Israel­boy­kott­pa­rolen in Deutschland Politik gemacht wird. Einige der heu­tigen B5-Kri­tiker waren damals noch Teil des anti­zio­nis­ti­schen Milieus, wie sie jetzt bekennen. Die Polit­ve­te­ranen von der Ham­burger Hafen­straße reden heute auf ihren Ver­samm­lungen aber lieber über den Putzplan als über den Nah­ost­kon­flikt.
 
http://​www​.heise​.de/​t​p​/​r​4​/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​1​/​3​1​7​1​8​/​1​.html

Peter Nowak

Warum Israel?

Klaus The­weleit und Hermann L. Gremliza dis­ku­tierten mit Claude Lanzmann
 
Schon um 18 Uhr hatte sich am Mon­tag­abend eine lange Schlange vor einem alten Ham­burger Bunker gebildet. Viele mussten wegen Über­füllung den Rückzug antreten. Im Popclub »Uebel & Gefährlich« war jeder Platz besetzt und auch um die Theken drängten sich die Men­schen. Zu sehen war der Film »Warum Israel«. Seit im Oktober ver­gan­genen Jahres in einem Ham­burger Kino eine Auf­führung durch sich als pro­pa­läs­ti­nen­sisch ver­ste­hende Linke ver­hindert wurde (ND berichtete), wurde der Film mehrere Male in Hamburg und auch in anderen deut­schen Städten gezeigt. In dem 1973 ent­stan­denen Film lässt der fran­zö­sische Fil­me­macher Claude Lanzmann unter­schied­liche Bewohner Israels zu Wort kommen, die über die Pro­bleme des Staates, aber auch über dessen und ihren Über­le­bens­willen in einer weit­gehend feind­lichen Umgebung sprechen.

Wer den Film gesehen hat, wird noch weniger ver­stehen können, warum Linke in Deutschland die Auf­führung dieses Films ver­hindern wollten. Beim anschlie­ßenden Film­ge­spräch bot der Kul­tur­theo­re­tiker Klaus The­weleit eine Erklärung. Für ihn ist das ein Bei­spiel für rechtes Denken unter linken Vor­zeichen. Der Publizist und Her­aus­geber der Monats­zeitung »konkret«, Hermann L. Gremliza, wollte mit seiner Teil­nahme an dem Gespräch vor allem ein Zeichen gegen jene setzen, die den Film zu ver­hindern suchten. Für ihn ist das Problem dabei nicht die kleinen, sich als links ver­ste­hende Gruppen, sondern der unter­schwellige Anti­se­mi­tismus bei einem Großteil der Bevöl­kerung. Der habe mitt­ler­weile gelernt, bestimmte Begriff­lich­keiten zu ver­meiden, um Ärger aus dem Weg zu geben, so Gremliza.

Gremliza hatte einen Einwand zu dem Film: Die Paläs­ti­nenser fehlten in Lanz­manns Werk weit­gehend, sowohl als Bewohner des Landes als auch als Israel bedro­hende Orga­ni­sa­tionen. Lanzmann ließ diesen Einwand nicht gelten. Er haben keinen aus­ge­wo­genen, beiden Seiten gerecht wer­denden Film machen können. Zur Erläu­terung berichtete Lanzmann aus seiner Bio­grafie. Der Gründung Israels habe er anfangs keine Auf­merk­samkeit geschenkt. Später wollte er die Ein­drücke, die er von einer Israel­reise mit­brachte, schriftlich ver­ar­beiten. Dazu sei es aber nicht gekommen. Mit dem Film »Warum Israel« lie­ferte er schließlich 1973 sein ganz per­sön­liches Statement zu diesem Land mit all seinen Wider­sprüchen.

Arte zeigt heute, 20.15 Uhr, den 1. Teil von Claude Lanz­manns Doku »Shoah«, der zweite folgt am 27. Januar, dem Holo­caust-Gedenktag.

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Peter Nowak

Im Gespräch mit Claude Lanzmann – eine Hamburger Begegnung

Schon um 18 Uhr hatte sich am 18. Januar vor einem alten Ham­burger Bunker eine lange Schlange gebildet. Die Men­schen wollten aller­dings nicht eine ange­sagte Band, sondern eine Film­vor­führung mit einem anschlie­ßenden Gespräch besuchen. Viele mussten wegen Über­füllung den Rückzug antreten. Im Popclub „Übel und gefährlich“ war jeder Platz besetzt und auch um die Theken drängten sich die Men­schen. Auf vier Lein­wänden war der Film „Warum Israel“ zu sehen. Seit im Oktober in einem Ham­burger Kino sich als pro­pa­läs­ti­nen­sisch ver­ste­hende Linke die Auf­führung dieses Films ver­hin­derten, wurde der Film mehrere Male in Hamburg und auch in anderen deut­schen Städten gezeigt. In dem 1973 ent­stan­denen Film lässt der fran­zö­sische Fil­me­macher Claude Lanzmann unter­schied­liche Bewohner Israels zu Wort kommen, die über die Pro­bleme des Staates, aber auch den Über­le­bens­willen der Bevöl­kerung in einer weit­gehend feind­lichen Umgebung sprechen. Wer den Film gesehen hat, wird noch weniger ver­stehen können, warum aus­ge­rechnet Linke in Deutschland die Auf­führung dieses Films ver­hindern wollten.

Beim anschlie­ßenden Gespräch bot der Kul­tur­theo­re­tiker Klaus The­weleit eine Erklärung. Für ihn sei das ein Bei­spiel für rechtes Gedan­kengut unter linken Vor­zeichen. Der Publizist und Her­aus­geber der Monats­zeitung KONKRET, Hermann L. Gremliza, wollte mit seiner Teil­nahme an dem Gespräch vor allem ein Zeichen gegen jene setzen, die den Film ver­hindern wollten. Für ihn sind das Problem dabei nicht kleine, sich als links ver­ste­hende Gruppen sondern ein Großteil der Bevöl­kerung. Die habe aller­dings mitt­ler­weile gelernt, bestimmte Begriff­lich­keiten zu ver­meiden, um Ärger aus dem Weg zu geben, so Gremliza, der in der Konkret jeden Monat Bei­spiele für getarnten Anti­se­mi­tismus auf­spürt und sprachlich seziert. Gremliza hatte einen Einwand zu dem Film. Die Paläs­ti­nenser fehlen weit­gehend, sowohl als Bewohner als auch die Israel bedro­henden Orga­ni­sa­tionen.

Doch der Regisseur Claude Lanzmann, der für den Publi­kums­an­drang gesorgt hatte, betonte, dass er zu Israel keinen aus­ge­wo­genen, beiden Seiten gerecht wer­denden Film machen könne. Ein ent­spre­chendes Angebot des dama­ligen israe­li­schen Minis­ter­prä­si­denten Rabin musste er daher ablehnen. Zur Erläu­terung berichtete Lanzmann aus seiner Bio­graphie.

Als Schüler war er Mit­glied des kom­mu­nis­ti­schen Jugend­ver­bandes und orga­ni­sierte in seiner Hei­mat­stadt den Wider­stand gegen die Nazis und die fran­zö­si­schen Unter­stützer. Die Gründung Israels habe bei ihm noch kein beson­deres Interesse erzeugt. Damals habe er an der Freien Uni­ver­sität Berlin gelehrt. Noch Anfang der 50er Jahre habe er sich mehrere Wochen in der jungen DDR ohne Papiere auf­ge­halten und Berichte für große fran­zö­sische Zei­tungen geliefert. Als er einige Jahre später erstmals Israel besuchte, war es ihm aus per­sön­lichen Gründen nicht möglich, Zei­tungs­ar­tikel darüber zu schreiben. Auch eine geplante Buch­ver­öf­fent­li­chung kam nicht zum Abschluss. Mit dem Film „Warum Israel“ lie­ferte er schließlich 1973 sein ganz per­sön­liches Statement zu diesem Land und seinen Wider­sprüchen. Es war auch das Statement eines ehemals aktiven Kom­mu­nisten, der wegen der nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Praxis von seinen poli­ti­schen Über­zeu­gungen abge­rückt war und durch den Besuch in Israel den Zio­nismus ent­deckte.

Rufmord an Lanzmann

Der Applaus des Publikums weit nach Mit­ter­nacht galt dem Film und dem Lebensweg dieses Mannes. Diese Aner­kennung wird ihm in großen Teilen der Öffent­lichkeit ver­weigert. Das zeigt sich an einer uner­freu­lichen Debatte über eine im Herbst im Rowohlt-Verlag erschei­nende Bio­graphie „Der pata­go­nische Hase“. Ein Autor der ZEIT unter­stellte Lanzmann indirekt, die Geschichte zu fäl­schen. Die FAZ hin­gegen sprach von einem Rufmord an Lanzmann. Die Tat­sache, dass Teile des deut­schen Feuil­letons aus­ge­rechnet den Regisseur des Filmes Shoah in die Nähe der Geschichts­fäl­schung bringen, zeigte die Not­wen­digkeit dieser Ver­an­staltung und gibt auch Gremliza recht, der das Problem in der deut­schen Gesell­schaft und nicht in erster Linie bei kleinen linken Gruppen sieht .

Die Reak­tionen auf die Film­vor­führung und die Debatte waren denkbar unter­schiedlich. Im Ham­burger Abend­blatt wurde unter der Über­schrift „Zu viel Ehr­furcht vor dem Stargast“ der Angriff gegen Lanzmann fort­ge­setzt: „Zwei Fragen nach der Aktua­lität des Films und seiner künst­le­ri­schen Hand­schrift nutzte der aus Paris ein­ge­flogene Regisseur zu einem 45 Minuten langen Monolog, in dem er viel aus seinem Leben erzählte und nebenbei Werbung für seine im Herbst erschei­nende Auto­bio­grafie machte.“

Diese Aus­füh­rungen, aus denen die Aversion gegen Lanzmann her­aus­zu­lesen ist,  sind tat­sächlich eine Unver­schämtheit.

Diesen Vorwurf macht der Ham­burger Publizist Günther Jakob in seinen „spon­tanen Notizen“ aber auch den Orga­ni­sa­toren der Ver­an­staltung. Er bezeichnete sie als „ein poli­ti­sches Desaster«, und eine »unver­schämte Zumutung« für Lanzmann. Dieser schlug dann auch nach einer Stunde vor, den Abend abzu­brechen. Nun könnte dieser Wunsch auch der fort­ge­schrit­tenen Zeit geschuldet sein. Es war schon nach Mit­ter­nacht und der Saal begann sich zu leeren. Außerdem hat Lanzmann deutlich gemacht, dass er keine Lust hat, über den Gaza-Streifen und die Paläs­ti­nenser zu dis­ku­tieren. Das hatte aber auch Hermann L. Gremliza nicht im Sinn, als er seine Frage stellte. Er betonte aus­drücklich, dass er auch die paläs­ti­nen­si­schen Orga­ni­sa­tionen, die Israel bedrohen, in dem Film ver­misst.

Peter Nowak

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