Archiv für die Kategorie ‘Interviews’

»Ein Ständchen gebracht«

Samstag, 09. Juni 2018

Small Talk mit Hans-Erich Sauerteig über einen Vorfall vor dem Haus eines Staatsschutzbeamten in Niedersachsen

»60 Vermummte stürmten Polizistengrundstück«, überschrieb die Bild-Zeitung eine Meldung über einen Vorfall vor dem Haus eines bei Linken im Wendland berüchtigten Staatsschutzpolizisten. Auch Politiker verschiedener Parteien gaben sich empört. Die Jungle World hat mit Hans-Erich Sauerteig über die Aktion gesprochen. Der 74jährige war 1980 einer der Gründer des autonomen Tagungshauses Gasthof Meuchefitz im Wendland und ist bis heute dort ­aktiv.

Waren Sie überrascht über die Reaktionen auf die Aktion?
Wir hatten diese bundesweiten Reaktionen nicht erwartet, sondern höchstens mit einigen Berichten in regionalen Medien gerechnet.

Was ist nach Ihrer Beobachtung vor dem Haus geschehen?
Es war ein Flashmob. Wir wollten ihm einige kurdische Fähnchen vorbeibringen, weil der Beamte maßgeblich an einer Razzia beim selbstverwalteten Tagungshaus Meuchelfitz am 20. Februar beteiligt war. Der Grund für die damalige Razzia war ein Transparent, das zur Solidarität mit den kurdischen Kräften in Afrin aufrief, die dort damals gegen die türkische Armee kämpften. Damit die Aktion nicht so martialisch wirkte, kamen wir mit Musikinstrumenten und brachten ihm ein Ständchen.

Zunächst übernahmen fast alle Medien die Pressemitteilung der Polizei, wonach es eine »neue Qualität der Gewalt gegenüber der Polizei und ihren Angehörigen« gegeben habe. Wie kam es, dass nach einigen Tagen doch noch Ihre Darstellung verbreitet wurde, derzufolge es der anschließende Einsatz einer Politzeihundertschaft aus Oldenburg gegen die Protestierenden gewesen sei, der gewalttätig war?

Nachdem wir eine Pressemitteilung verschickt hatten, in der wir der Version der Polizei widersprachen, es habe sich um eine gewalttätige Aktion gehandelt, haben sich sehr viele Medien bei uns ­gemeldet und unsere Darstellung veröffentlicht und die Polizei mit den Widersprüchen konfrontiert. Ich habe den Eindruck, dass heutzutage Journalisten wütend werden, wenn sie nachweislich von der Polizei belogen werden, und dann auch darüber berichten.

Auch Linke kritisierten, dass nicht der Polizeibeamte, sondern seine Familie von der Aktion betroffen war. Haben Sie Anlass zu Selbstkritik?
Wir haben in der Vergangenheit schon Protestaktionen vor dem Grundstück eines CDU-Politikers organisiert. Damals gab es solche Reaktionen nicht. Aber wir haben im Nachhinein festgestellt, dass wir bei der Aktion vor dem Haus des Polizisten nicht gut genug vermittelt haben, um was es uns gegangen ist. Da hätten wir einiges anders machen sollen. Wir haben der Frau des Beamten auch einen Entschuldigungsbrief geschickt, in dem wir ihr mitteilten, dass die Aktion nicht gegen sie gerichtet war.

Der von Ihnen kritisierte Polizeibeamte war nicht im Haus, aber an der anschließenden Festnahme der Gruppe beteiligt. Sie warfen ihm in ­Ihrer Pressemitteilung vor, »in Rage auf am Boden liegende Personen« eingetreten zu haben. Erwarten Sie juristische Konsequenzen gegen ihn?
Der Beamte, der bisher immer in Zivil auftrat, nahm in Uniform an der Festnahme teil. Wir überlegen mit unseren Anwälten, ob wir Anzeige erstatten. Mittlerweile ermittelt nicht mehr die Polizeidirektion Lüneburg, sondern Hamburg-Harburg. Daraus schließen wir, dass wegen des Einsatzes des betroffenen Polizisten ermittelt wird.

Laufen auch gegen die Protestgruppe Verfahren?
Gegen 60 Personen wird wegen schweren Landfriedensbruchs, Gewalt und Beleidigung ermittelt. Doch die Polizei ist schon zurück­gerudert und hat erklärt, dass mit der Aktion nur psychische Gewalt angewandt wurde. Fraglich ist aber, ob bei psychischer Gewalt überhaupt der Tatbestand des Landfriedensbruchs greift. Ich erwarte, dass alle Verfahren nach einigen Wochen eingestellt werden.

JUNGLE.WORLD 2018/23
https://jungle.world/artikel/2018/23/ein-staendchen-gebracht
Peter Nowak

Vielfalt leben, nicht nur drüber reden

Freitag, 08. Juni 2018

Der ver.di-Referent Romin Khan über mangelnden Einfluss migrantischer Mitglieder und Mittel gegen rechts

Romin Khan ist Referent für Migrationspolitik beim Bundesvorstand der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und Mitglied im Vorstand des gewerkschaftlichen Vereins »Mach’ meinen Kumpel nicht an! – für Gleichbehandlung, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus e.V.« Das Gespräch führte Peter Nowak.

Sie sind Referent für Migration im ver.di-Bundesvorstand. Wie sieht Ihre Aufgabe konkret aus?

Es geht darum, die Perspektive der Migrant_innen in der Arbeitswelt sichtbar zu machen und zu stärken. Das in den 1970er Jahren novellierte Betriebsverfassungsgesetz enthält eindeutige Klauseln gegen die Diskriminierung am Arbeitsplatz. Es schuf die Grundlage, dass deutsche und nichtdeutsche Beschäftigte gemeinsam an Betriebsratswahlen teilnehmen. Damit wurden am Arbeitsplatz Partizipationsmöglichkeiten für Migrant_innen geschaffen, die im politischen Rahmen nicht existieren. Noch immer dürfen Menschen ohne deutschen Pass weder an den Bundestagswahlen, noch an kommunalen Volksentscheiden teilnehmen. Das betrifft eine wachsende Gruppe von Beschäftigten in Deutschland, mittlerweile etwa acht bis zehn Millionen Menschen.

Erfüllt das Betriebsverfassungsgesetz seine integrierende Funktion noch angesichts einer seit den Siebzigern komplett veränderten Arbeitswelt?

Aktuell gibt es eine starke Arbeitsmigration aus Osteuropa, beispielsweise bei den Logistiker_innen oder im Sorgebereich. Eine gute Gewerkschaftsarbeit und engagierte Interessensvertretung in diesen Sektoren sind das beste Mittel gegen Ausbeutung und für die Integration von Menschen aus unterschiedlichen Ländern.

Beim DGB-Kongress vor einigen Wochen hatten nur sehr wenige Delegierte einen Migrationshintergrund. Wäre es nicht ein gutes Zeichen, wenn beim nächsten Bundeskongress von ver.di Kolleg_innen mit Einwanderungsgeschichte in die Gremien gewählt würden?

Es muss selbstverständlich werden, dass die Vielfalt in der Gesellschaft und in der Mitgliedschaft sich auch in den gewerkschaftlichen Strukturen abbildet. Die Streiks der letzten Monate, ob im öffentlichen Dienst oder in der Industrie, aber auch empirische Untersuchungen, die es bisher nur bei der IG Metall gibt, haben eines deutlich gezeigt: Viele migrantische Kolleginnen und Kollegen übernehmen Verantwortung in den betrieblichen Interessensvertretungen, sie sind ein wichtiger Teil aktiver Belegschaften und gewinnen neue Mitglieder. Hier steckt viel Potenzial für die Zukunft der Gewerkschaften.

Was müsste ver.di tun, damit Migrant_innen in den eigenen Strukturen besser repräsentiert werden?

Die Migrationsausschüsse in ver.di fordern einen Plan zur Öffnung der Strukturen, um den Einfluss der engagierten migrantischen Kolleg_innen zu stärken und ihre Erfahrungen einzubringen. Dazu braucht es ähnliche Instrumente wie in der Gleichstellungspolitik, etwa Gleichstellungspläne oder Quotierungen. Für dieses Ziel erhoffe ich mir mehr Unterstützung von linken und feministischen Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern.

Waren Sie in Ihrer gewerkschaftlichen Arbeit direkt mit Rassismus und Diskriminierung konfrontiert?

Natürlich schwappen die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auch in die Betriebe, nicht zuletzt, weil die politische Bildung vieler Beschäftigter in den sozialen Medien stattfindet. So ist es nicht verwunderlich, dass wir auch auf gewerkschaftlichen Seminaren mit rechten Haltungen konfrontiert sind.

Wie soll die Gewerkschaft damit umgehen?

Klare Kante, aber auch offene Tür. Kann man Menschen, die der Logik »Wir gegen die« der Rechten folgen, noch mit Argumenten erreichen? Dann sollte man sich mit den Äußerungen inhaltlich auseinandersetzen und sie widerlegen. Gegenüber Menschen mit einem verfestigten rechten Weltbild muss allerdings ein klarer Trennungsstrich gezogen werden. Um an die Strukturfrage anzuknüpfen: Noch viel wichtiger als die Frage der Aufklärung über rechte Ideologie ist es meiner Meinung nach, dass unsere Gegenerzählung der Solidarität zwischen verschiedenen lohnabhängigen Menschen sehr viel stärker als bisher auch durch die Auswahl der Personen und Gesichter untermauert wird, die für die Gewerkschaft stehen. Wir leben Vielfalt und reden nicht nur drüber ist ein Ansatz, um den irrigen Gedanken ethnisch homogener Gruppen und Nationen das Wasser abzugraben.

Sie arbeiten auch im Vorstand des antirassistischen Gewerkschaftsvereins »Mach’ meinen Kumpel nicht an!« mit, der am Wochenende seine Jahrestagung hat. Welche Bedeutung hat der Verein über 30 Jahre nach seiner Gründung in der heuten Gewerkschaftsarbeit?

Der Verein war vor ein paar Jahren ein bisschen in Vergessenheit geraten, aber ist heute wieder sehr aktiv. Wir organisieren Bildungsarbeit in den Betrieben und bereiten aktuelle Themen für die Arbeitswelt auf. Bei der Jahrestagung geht es beispielsweise um die rassistisch motivierte Instrumentalisierung von Frauenrechten. Mit unserer Präsenz auf Gewerkschaftstagen und Veranstaltungen erinnern wir daran, dass zur DNA der Gewerkschaften immer auch antirassistische und antifaschistische Haltungen gehören. Auf dieser Basis ist der Verein ein starkes Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Gewerkschaften. Mehr als tausend Betriebs- und Personalräte, Hauptamtliche bis hin zu den Vorsitzenden sind Fördermitglieder.

Vor den Betriebsratswahlen in diesem Jahr gab es große Befürchtungen, dass rechte Kandidaten auch in den Betrieben neue Erfolge feiern könnten. Das ist nun nicht der Fall. Grund zur Beruhigung?

In einigen Betrieben, wo sie eine starke Öffentlichkeitsarbeit gemacht haben, gewannen die Rechten einige Mandate. Ansonsten sind sie erfolglos geblieben. Jetzt haben wir einen realistischeren Blick darauf, dass rechte Betriebskandidaturen kein Selbstläufer sind. Das ist für engagierte Gewerkschafter_innen aber kein Grund, sich zurückzulehnen. Schließlich können die Rechten bei den nächsten Betriebsratswahlen aus den Erfahrungen lernen.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1090458.migranten-in-der-gewerkschaft-vielfalt-leben-nicht-nur-drueber-reden.html

Peter Nowak

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Hinweis auf Labournet:

Mach meinen Kumpel nicht an! Ver.di-Referent Romin Khan über mangelnden Einfluss migrantischer Mitglieder und Mittel gegen rechts im Gespräch mit Peter Nowak bei neues Deutschland vom 8. Juni 2018 :

http://www.labournet.de/politik/gw/zielgruppen/migrant/migranten-der-gewerkschaft-vielfalt-leben-nicht-nur-drueber-reden/

Kollektiv Handel(n)

Montag, 04. Juni 2018

Union Coop: ein neuer Vertrieb für Betriebe in ArbeiterInnen-Hand

Union Coop, 2017 offiziell gegründet, ist ein Versuch zur Organisierung von Kollektivbetrieben, die einen basisgewerkschaftlichen Ansatz verfolgen. Neben den Produkten aus den beteiligten Betrieben sollen in Zukunft auch vermehrt Gewerkschaftsmaterialien und Waren aus zurückeroberten Fabriken wie etwa Vio.Me oder der Teebeutel-Fabrik von Scop Ti (ehemals Lipton) vertrieben werden.

Seit Kurzem  können über die Union Coop Produkte aus gewerkschaftlich orientiertenKollektivbetrieben gekauft werden. Peter Nowak sprach mit Hansi Oostinga von der Union Coop über das Konzept

Was ist die Union Coop?
Es ist ein Zusammenschluss von gewerkschaftlichen Kollektivbetrieben, die sich auf Grundlage einiger Prinzipien zusammengeschlossen haben. So hat z.B. jedes Belegschaftsmitglied in einem Union-Coop-Betrieb die gleichen Rechte bei Entscheidungen.

Sind das nicht alte Ziele von Kollektivbetrieben?
Neu daran ist vermutlich, dass wir diese auf Grundlage verbindlicher Strukturen und in Anbindung an eine breitere Gewerkschaftsbewegung umsetzen wollen Nicht in der Nische, sondern im Verbund mit anderen Kollektivbetrieben und der Basis-Gewerkschaft FAU suchen wir solidarisch mit unseren Kolleginnen und Kollegen in Chef-Betrieben Antworten auf die vielfältigen Zumutungen der heutigen Wirtschaftsform.


Nach welchen Kriterien werden die Produkte ausgewählt, die dort verkauft werden?

Die Vermarktungsplattform „union coop // shop“ ist selbst ein Kollektivbetrieb, der als Projekt aus dem Zusammenschluss der gewerkschaftlichen Kollektivbetriebe entstanden ist. Darüber sollen die Produkte aus den Mitgliedsbetrieben der Union Coop und vergleichbarer Projekte aus dem Ausland sowie Gewerkschaftsmaterialien vertrieben werden.

Welche Rolle spielen ökologische Kriterien bei der Auswahl der Produkte?
Dass wir relativ viele Bio-Produkte im Sortiment haben, ist eher ein Kollateraleffekt der selbstverwalteten Produktionsweise. Dort, wo Beschäftigte über die Produktion entscheiden, wollen sie in der Regel qualitativ hochwertig und nachhaltig produzieren. Dies ist wahrscheinlich effizienter als jedes Bio-Siegel.

Warum verkauft Ihr nun den Tee aus Marseille?
Es war unserer Meinung nach längst überfällig, den Vertrieb von Scop Ti auch in Deutschland zu starten. Das ist nicht nur eine Form konkreter Solidarität mit diesem beeindruckenden Experiment eines selbstverwalteten Betriebs, sondern auch mit einem praktischen Ansatzpunkt für wirtschaftliche Gegenmacht. Zumal die Belegschaft von Scop Ti einen ähnlichen Ansatz vertritt und sich nicht nur während des langjährigen Kampfes, sondern auch heute noch als Teil einer breiteren Bewegung positioniert. Ihr Kampf war auch immer ein gewerkschaftlicher Kampf mit der CGT. Das hat sich bis heute nicht geändert, auch wenn sie, wie ein Kollege es ausdrückte, den Kapitalismus nicht überwunden haben durch ihren Kampf und heute mit seinen Vasallen spielen müssen.

 Wie kam der Kontakt zustande?
Die Idee entstand auf dem zweiten Euromediterranen Workers-Economy-Treffen, das im Herbst 2016 auf dem besetzten Betriebsgelände von Vio.Me stattfand. Das Treffen in der auch in Deutschland bekannten Fabrik am Stadtrand von Thessaloniki reihte sich in die Tradition mehrerer globaler und regionaler Treffen von besetzten bzw. durch die Belegschaften übernommenen Betrieben ein. Ein Ergebnis dieser Konferenz, an der auch andere selbstverwaltete Betriebe, politische und gewerkschaftliche Gruppen teilnahmen, war die Erkenntnis, dass ein Schwachpunkt aller Fabriken im Vertrieb liegt. Wir als Bewegung haben gerade im Zusammenspiel mit dem kämpferischen Teil der Gewerkschaften wesentlich mehr Möglichkeiten, hier eigene Strukturen aufzubauen.

Welche Produkte wollt Ihr noch anbieten?
Demnächst wird es neben den eher bekannten Produkten von Vio.Me, also den Seifen und Reinigungsmitteln, auch Liköre aus der besetzten Fabrik Rimaflow in Mailand und Öl aus einer von der Landarbeiter-Gewerkschaft SAT besetzten Finca in Andalusien geben.

aus: express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit
Ausgabe: Heft 5/2018

http://www.labournet.de/express/

Interview: Peter Nowak

Mehr über die Produkte der Union-Coop und der Bestellmöglichkeiten gibt es hier:
https://www.union-coop.org/

»Alles andere als Wehrkraft­zersetzung«

Dienstag, 29. Mai 2018

Malte Meyer, Autor, im Gespräch über das Verhältnis von Gewerkschaften zum Militär in Deutschlan
In seinem Buch »Lieber tot als rot« dekonstruiert Malte Mayer den Mythos, Gewerkschaften seien Teil der Friedensbewegung gewesen. Ein Gespräch

Malte Meyer studierte Politikwissenschaft und Geschichte in Marburg und stieg über die dortige “Arbeitsgemeinschaft für gewerkschaftliche Fragen” in die Bildungsarbeit ein. Im Verlag Edition Assemblage veröffentlichte er kürzlich sein Buch “Lieber tot als rot. Gewerkschaften und Militär in Deutschland seit 1914″

»Friedenspolitik war in vergangenen Jahrzehnten für die Gewerkschaftsbewegung zentrales Anliegen«, behauptete der Vorsitzende der Linkspartei, Bernd Riexinger, Anfang März in einem Interview. Sitzt er damit einem Mythos auf?
Als ehemaliger Verdi-Funktionär wiederholt er eine Standardfloskel aus ­gewerkschaftlichen Sonntagsreden und wahrscheinlich tut er dies auch wider besseren Wissens. Die DGB-Spitzen haben die Kriegseinsätze der Bundeswehr im ehemaligen Jugoslawien und in Afghanistan abgesegnet und hatten faktisch auch gegen die Remilitarisierung deutscher Außenpolitik seit 1990 nichts einzuwenden. Die IG Metall ist in der Rüstungsbranche ein zuverlässiger Verteidiger von Standortinteressen. Und auch Verdi betreibt als Interessenvertretung von Bundeswehrbeschäftigten alles andere als Wehrkraftzersetzung. Das Ausmaß an Integra­tion in den Staatsapparat wird durch solche Aussagen über eine angeblich antimilitaristische »Gewerkschaftsbewegung« nur vernebelt.

Warum hält sich trotzdem so hartnäckig die Vorstellung, Gewerkschaften seien Teil der Friedensbewegung?
Natürlich gibt es zu dem Thema ganze Passagen in gewerkschaftlichen Grundsatzdokumenten und wortradikalen Sonntagsreden, ganz zu schweigen von Gewerkschaftsfahnen auf den Ostermärschen oder lokalen Veranstaltungen zum Antikriegstag am 1. September. Ich finde aber auch, dass man die Leichtgläubigkeit von Teilen des Publikums nicht unterschätzen sollte: Wer – wie zum Beispiel der Kölner DGB – einen Hashtag wie »#No2Percent« (gegen den Nato-Beschluss, die Militärausgaben auf zwei Prozent des Brutto­inlandsprodukts zu erhöhen, Anm. d. Red.) verbreitet, spricht sich eben zunächst einmal nur gegen Aufrüstungspläne aus. Gegen die Bundeswehr, das derzeitige Niveau der Militärausgaben oder auch UN-mandatierte Kriegs­einsätze ist mit so einer Kampagne noch gar nichts gesagt. Im Gegenteil: Solche monströsen Sachen werden von denselben Menschen für unabänderlich erklärt.

Was hat Sie motiviert, mit dem Buch »Lieber tot als rot« diesen Mythos zu dekonstruieren?
Unmittelbarer Anlass war 2013 das Ansinnen der damaligen DGB-Führung, zu einer neuerlichen gemeinsamen Erklärung mit der Bundeswehr zu kommen. Als für die antikapitalistische Praxis wenig hilfreich empfand und empfinde ich aber auch die Bereitschaft vieler Linker, kritische Einsichten gegen etwas einzutauschen, was man früher vielleicht als Gewerkschafts­illusion bezeichnet hätte.

Eine radi­kale Linke, die sich regenerieren möchte, darf sich eben nicht an die Ge­werkschaftsapparate dranhängen, ­sondern muss sich – theoretisch wie praktisch – einen eigenständigen Zugang zu Klassenauseinandersetzungen erarbeiten.

»Deutsche Gewerkschaften: Teil der Friedensbewegung oder ›Organe des imperialistischen Staates‹?« spitzen Sie auf dem Klappentext Ihre Fragestellung zu. Gibt es da keine Grautöne?
Sicherlich stimmt, was ein Befreiungstheoretiker einmal gesagt hat: Es gibt korrupte Leute in integren Organisationen genauso wie es integre Leute in korrupten Organisationen gibt. Dieser Sinn für real existierende Widersprüche verpflichtet aber noch lange nicht dazu, sich die sozialdemokratischen Gewerkschaften oder den kapitalistischen Staat schönzureden. Beide Institutionen sind letztlich nicht dazu da, die bestehende Eigentumsordnung zu beseitigen, sondern sie zu konservieren und möglichen Schaden von ihr abzuwenden. Allen, die sich ernsthaft für die erste Zielsetzung interessieren, dürfte mit nüchterner Lagebeurteilung besser gedient sein als mit mehr oder weniger raffinierter Gewerkschaftsideologie.

»Gewerkschaften und kapitalistischer Staat sind letztlich nicht dazu da, die bestehende Eigentumsordnung zu beseitigen, sondern sie zu konservieren und möglichen Schaden von ihr abzuwenden.«

Sie zitieren Rosa Luxemburg, die während des Ersten Weltkriegs vom »Sieg der Gewerkschaftsbeamten« schrieb. Was meinte sie damit?
Luxemburg hat ganz klar gesehen, wie bereitwillig die Gewerkschaften im Ersten Weltkrieg der imperialistischen Kriegsmaschinerie zuarbeiteten. Als sie vom »Sieg der Gewerkschaftsbeamten« sprach, meinte sie: Die anfänglich leichte Mobilisierbarkeit großer Teile der deutschen Arbeiterklasse für den Krieg war auch ein Ergebnis langjähriger gewerkschaftlicher Schulungsarbeit. Deren heimlicher Lehrplan habe – typisch deutsch, könnte man sagen – darin bestanden, die Organisa­tionsdisziplin zu verabsolutieren und für Vertrauen in die Weisheit der Führungen zu werben. Autonomie, Eigeninitiative und kritische Auseinandersetzung mit Autoritäten sind unter diesen Bedingungen unterentwickelt geblieben.

Was ist von Rosa Luxemburgs vor allem in den letzten Lebensjahren geäußerter Gewerkschaftskritik heutzutage noch brauchbar?
Sie kritisierte die Gewerkschaften nicht nur in ihren letzten Lebensjahren. Die Einsicht, dass Arbeiterorganisationen nicht Produzentinnen, sondern Produkte von Klassenkämpfen sind, hat sie bereits in der Massenstreikdebatte formuliert und damals auch schon vor dem strukturellen Konservatismus des gewerkschaftlichen Beamtenapparats gewarnt. In der Burgfriedensko­alition des Weltkriegs hat sie dann eine neuartige Form bürgerlicher Herrschaft erblickt. Als wichtigstes Problem erschien ihr aber immer deutlicher der Untertanengeist, den viele Mitglieder der Arbeiterorganisationen gerade in Deutschland an den Tag legten. Bekanntlich konnte Luxemburg diese aus meiner Sicht sehr interessanten An­sätze einer antiautoritären Gewerkschaftstheorie nicht weiter ausführen. Aber ihr Schüler Jacob Walcher zum Beispiel hat am »Roten Gewerkschaftsbuch« mitgearbeitet.

Gibt es neben Rosa Luxemburg weitere Autorinnen und Autoren, die sich ähnlich zur Politik der Gewerkschaften geäußert haben?
Die gab und gibt es, ganz klar. Neben den klassischen Rätekommunisten fallen mir bezogen auf die deutsche Gewerkschaftsgeschichte spontan vor ­allem Achtundsechziger wie Hannes Heer oder Karl Heinz Roth ein. Für meine Überblicksdarstellung waren ihre Fallstudien zur gewerkschaftlichen Querfrontpolitik Anfang der dreißiger Jahre beziehungsweise zum Widerstandskämpfer Wilhelm Leuschner überaus wertvoll. Aber auch der ehemalige SDS-Vorsitzende und DFG-VK-Mitbegründer Helmut Schauer hat Ende der sechziger Jahre den Beitrag der Gewerkschaften zum Kampf gegen die Notstandsgesetze aus meiner Sicht zutreffend bilanziert, als er von einer »halbierten Opposition« der Gewerkschaften sprach.

Sie beschäftigten sich mit den großen Gewerkschaften ADGB und DGB. Gilt Ihre Kritik auch der anarchistischen und kommunistischen Opposition?
Meine Kritik gilt tatsächlich auch verschiedenen Varianten parteikommunistischer Praxis innerhalb der Gewerkschaften und ich will wirklich nicht so tun, als sei der gewerkschaftliche Antikommunismus völlig gegenstandslos gewesen. Als die UdSSR im Juni 1953 die Arbeiterunruhen in der DDR militärisch niederschlug, verspielte sie ja nicht nur den Rest dessen, was der Parteikommunismus an antimilitaristischem Kredit vielleicht noch besaß, sondern untergrub auch den Einsatz westdeutscher Kommunistinnen und Kommunisten gegen die Remilitarisierung. Mit ihrer prinzipiellen Skepsis gegenüber Parteidisziplin, Staat und Militär waren anarchistische Oppositionelle für mich dagegen eher eine Inspirationsquelle.

Ziehen Sie aus Ihrem Buch den Schluss, dass die DGB-Gewerkschaften kein Feld für antimilitaristische Po­litik sein können?
Ich stelle ihre parastaatliche Integration und Formierung fest und ziehe daraus die Konsequenz, dass Bündnispolitik von links sich über Sinn und Zweck dieser Organisationen unbedingt im Klaren sein sollte. Die Förderung antimilitaristischer oder antikapitalistischer Umtriebe gehört nach meiner Einschätzung jedenfalls nicht dazu. Wer seine politischen Energien nicht vergeuden will, sollte derlei Dinge von den Gewerkschaften folglich auch nicht erwarten, sondern besser nach geeigneteren Mitteln und Wegen Ausschau halten.

https://jungle.world/artikel/2018/21/alles-andere-als-wehrkraft-zersetzung

Interview: Peter Nowak

»Globales Festgelage des monetären Kapitals«

Samstag, 26. Mai 2018

Achim Szepanski im Gespräch über die Zukunft der Kapitalakkumulation
Der Labelbetreiber, Musiker und Theoretiker Achim Szepanski sieht in die Zukunft der Maschinisierung: Die planetarische Arbeiterklasse habe den Tisch gedeckt, der übermorgen von Robotern abgeräumt werde.

Angesichts der vielen Neuerscheinungen zum 200. Geburtstag könnte man sagen: Marx lebt. Ein gutes Zeichen für Menschen, die sich nicht nur zu Jubiläum mit ihm auseinandersetzen?
Man könnte mit Wolfgang Pohrt ­argumentieren, dass im Marxismus ins­besondere bei Jubiläen ganz ­signifikant wird, dass die angepeilte Revo­lution ausgeblieben und die ­Papierschleuder im Dauerbetrieb angeworfen ist, wenn sie nicht sogar wie in Trier als Lutscher mit Marx-Motiv verramscht wird. Das System kann einfach nicht anders, man muss versuchen, alles und jedes zu kapitalisieren.

Tragen Sie mit dem von Ihnen veröffentlichten Buch »Kapital und Macht im 21. Jahrhundert« nicht auch dazu bei?
»Macht und Kapital im 21. Jahrhundert« ist vor allem kein philosophisches Buch über Marx. Man sollte endlich damit aufhören, den Marxismus mit philosophischen Begriffen verbessern oder ihn dekonstruieren zu wollen, um ihn in letzter Konsequenz zu etwas zu machen, das entlang der zeitgemäßen Anforderungen eines linken akademischen Publikums verhandelt wird. Stattdessen ist es längst überfällig, den Marxismus, was seine philosophischen Komponenten anbelangt, radikal zu enteignen. Folgerichtig ist das Buch eine kritische politökonomische Analyse der immanenten »Logik« des Kapitals, der verschiedenen Kapitalformen, insbesondere der Derivate, die einerseits eine Machttechnologie, andererseits eine neue Form des spekulativen Kapitals darstellen, und schließlich der zeitgenössischen Aktualisierung des Kapitals als Weltökonomie.

»Ohne den Einsatz der kybernetischen Technologien wäre die systematische globale Organisation der Arbeit, ihre Flexibilität und Granularität, ihre Produktion und Zirkulation nicht möglich gewesen.«#

Sie vertreten die These, dass das finanzielle Kapital historisch die kapitalistische Produktionsweise von Anfang an begleitet hat. ­Richtet sich das gegen die weitverbreitete Vorstellungen, dass das Finanzkapital erst in den vergangenen Jahrzehnten im Zuge der Globalisierung eine besondere Bedeutung bekommen hat?
Begrifflich ist das Kapital tatsächlich nicht als ein positiver Wert zu ver­stehen, sondern als eine prozessuale Relation, wobei das Negative – Schulden – als positive Bedingung für die kapitalistische Produktion aufzufassen ist. Kapital ist Schuldenproduktion, wobei die Schulden mit den ­zukünftig zu produzierenden Waren versichert und mit deren Realisierung abgeglichen werden. So ist der Platz des Kapitals, das erste G in der berühmtem Marxschen Formel ­G-W-G’, von zwei Subjekten besetzt, nämlich vom Geldkapitalisten und dem industriellen Kapitalisten. Und die Formel der monetären Kapitalzirkulation beinhaltet den primären Mechanismus der Ökonomie, der die Warenproduktion als Produktion-für-den-Profit und als Produktion-für-die-Zirkulation konstant begleitet und einschließt.

Sie konstatieren aber auch, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten ein steigender Teil der Profite privater Banken aus finanziellen Aktivitäten speist. Ist also doch was dran an der These von der wachsenden Bedeutung des Finanzsektors?
Das finanzielle Kapital operationalisiert heute in enormen Summen Kredite, fiktives und spekulatives Kapital und weitere Kapitaläquivalente, die sich durch ihre hohe Liquidität, Mobilität und Kommensurabilität auszeichnen. Dabei sind die aus den Derivaten resultierenden Gewinne nicht in einem vulgären Sinn fiktiv, denn die Derivate werden ja in Geld realisiert und besitzen damit potentiell alle Merkmale der Kapitalmacht, insbesondere auch im Zugriff auf den abstrakten Reichtum, der in einer Ökonomie produziert wird. Die Derivate haben zwar keinen unmittel­baren Bezug zur industriellen Produktion und zur Zirkulation von klassischen Waren. Dennoch besitzen sie ganz reale Wirkungen auf die »Realwirtschaft«. Es gilt hier von vornherein zu berücksichtigen, dass der »Wert« einer finanziellen Anlage dem kapitalistischen Produktionsprozess nicht nachgeordnet ist, sondern ihm logisch vorausgeht.

Was bedeutet das?
Der Wert existiert nicht, weil entweder Mehrwert produziert oder eine ­andere Art des Vermögens an den Märkten realisiert wurde, sondern weil das finanzielle Kapital bis zu einem gewissen Maße zuversichtlich ist, dass die Realisierung von Renditen im Rahmen der Produktion und Zirkulation von Kapital in der Zukunft stattfinden und sich nach den Maßstäben der erweiterten Reproduktion auch wiederholen wird. Wenn die Produktion und Zirkulation klassischer Waren wie Kleidung, Nahrungsmittel oder Computer direkt durch ­einen Kredit affiziert werden kann und dieser sich wiederum durch den Preis eines Derivats erheblich beeinflussen lässt, dann kann man die bisherige hierarchische Ordnung der Klassen von drei ökonomischen ­Objekten Ware, Kredit, Derivat nicht beibehalten.

Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?
Ein Tisch ist ein Ding zur Bereitstellung einer Mahlzeit, aber wenn ­Faktoren wie Zinsraten auf die Kre­dite des Tische produzierenden ­Unternehmens, Optionen und Versicherungen auf den Holzpreis und schließlich Währungsschwankungen mit den entsprechenden Faktoren in der Produktion übereinander geblendet sind und dies im Kontext der Produktion weiterer Güter und Dienstleistungen geschieht, so wird doch auf dem bescheidenen Tisch ein globales Festgelage des monetären Kapitals platziert.

Sie gehen in dem Buch auf das Kreditwesen ein und beschreiben die wachsende Verschuldung von großen Teilen der
Lohnabhängigen als eine Strategie des ­Kapitals. Klingt das nicht nach ­einer Verschwörungstheorie?
Die relative Mehrwertproduktion beziehungsweise die technologische Innovation verringern den Wert der Waren, die für die Reproduktion der Arbeiter notwendig sind. Dasselbe gilt aber auch für finanzielle Innova­tionen, mit denen die Reallöhne reduziert werden können, wenn beispielsweise ein Auto, das Teil des Warenkorbs ist, durch einen Bank­kredit finanziert wird. Ein Aspekt der Finanzialisierung bestand vor der letzten Finanzkrise darin, dass höhere Risiken in den Immobiliensektor transferiert wurden. Dabei stieg nicht nur die private Verschuldungsquote derjenigen Haushalte, die Hypothekenkredite aufnahmen, sondern auch die Preise der auf die Immobilien bezogenen Assets erhöhten sich. Die finanziellen Innovationen ermöglichten also neue Spielräume für das Kapital, um Lohnsenkungen durchzusetzen. Die steigende Verschuldung der Lohnabhängigen ist somit kein Resultat der Unterkonsumtion oder einer schwachen Perfomance des Kapitals, vielmehr verweist der Aufstieg des Finanzsystems auf einen konsolidierten Kapitalismus.

Sie schreiben, dass es heute eine »planetarische Arbeiterklasse« gibt, »die sich selbst aus ihren Jobs herausarbeitet« und beziehen sich damit auf die Robotik. ­Gehen Sie da aber nicht den Verheißungen der High-Tech-Indus­trie auf dem Leim, da in der Realität der Einsatz von Robotern ­bisher nur sehr begrenzt gelingt?
Von 1980 bis 2010 ist der Korpus der planetarischen Arbeitskräfte von 1,2 Milliarden auf drei Milliarden Menschen angestiegen. Dies war keineswegs allein die Folge des globalen Bevölkerungswachstums, sondern eine Folge der Vertiefung der Kapitalakkumulation und der Märkte im globalen Maßstab. Ohne den Einsatz der kybernetischen Technologien wäre die systematische globale Organisation der Arbeit, ihre Flexibilität und Granularität, ihre Produktion und Zirkulation nicht möglich gewesen. In Zukunft wird sich die Kapitalakkumulation weniger um die Repro­duktion der Arbeitskräfte drehen, sondern um die Reproduktion der ­kybernetischen Systeme selbst. Die Verbindung von Globalisierung und Kybernetik hat zwei Tendenzen in der Dynamik des Kapitalakkumulation offengelegt: Zum einen die Erfassung der globalen Population durch Lieferketten und bewegliche Produktion, die die Arbeit für das ­Kapital auf einem planetarischen ­Niveau verfügbar hält, und zum anderen der Drive hin zur Automation, Algorithmisierung, Robotik und digitalen Netzwerken, womit eine für das Kapital nutzlose Surplusbevölkerung erzeugt wird. Dieser »bewegende Widerspruch« schafft Arbeitsplätze, aber er zerstört auch welche – und dies keineswegs in einem gleichgewichtigen Prozess, sondern in einer spiralförmigen Bewegung, die zu einer immer intensiveren Maschinisierung des Kapitals führt.

https://jungle.world/artikel/2018/21/globales-festgelage-des-monetaeren-kapitals

Interview: Peter Nowak

Szepanski Achim, Kapital und Macht im 21. Jahrhundert
Erschienen Januar 2018, 20,00 €, 354 Seiten, ISBN:978-3-944233-901

Politische Korrektheit – das Apo-Lexikon

Mittwoch, 25. April 2018

Lexikon der Bewegungssprache

Anfang der 90er Jahre wurde der Begriff »political correctness« (PC – politische Korrektheit) einer größeren Öffentlichkeit durch Artikel in der »Zeit« bekannt, die über die US-amerikanische PC-Debatte und ihre Auswirkungen informierten. Bald wurde PC von Kulturlinken wie dem Satiriker Wiglaf Droste verwendet, um eine verspießerte humorfreie Linke zu kritisieren. Doch nachdem die Rechten den Begriff gekapert hatten, traute sich in der Linken höchstens noch ein Monchi von Feine Sahne Fischfilet, politisch inkorrekt zu sprechen. Zumindest bei ihm weiß jeder, dass er nichts mit »PI-News« zu schaffen hat – der rechten Onlineplattform, die schon im Namen bekennt, politisch inkorrekt zu berichten. PC ist mittlerweile ein Begriff, der die zerstrittene Rechte eint. Sie verbindet damit einen Kampf gegen politische Werte von Linken, Grünen, Ökologen und Feministen. Als vor mehr als einem Jahrzehnt die rechte Wochenzeitung »Junge Freiheit« ihre »PC-Nein-Danke«-Aufkleber verteilte, dachten manche noch, hier gehe es gegen Personal Computer. Doch eine Linke, die aus guten Gründen nicht in die Anti-PC-Debatte einstimmen mag, sollte sich immer daran erinnern, dass das »Politische Korrektheits«-Verständnis des linksliberalen Milieus an den kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen in der Regel nichts auszusetzen hat. Es kann deshalb kein Ersatz für antikapitalistische Politik sein.
Lexikon der Bewegungssprache

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1086444.politische-korrektheit.html

Peter Nowak

»Mein Mann wurde verprügelt«

Donnerstag, 19. April 2018

Small Talk mit Silke Streipert über einen neonazistischen Mord in Thüringen 2001

Am 24. Mai 2001 tötete ein damals 24jähriger Neonazi im thüringischen Bad Blankenburg den 27jährigen Epileptiker Axel U. Der Regisseur Jan Smendek erinnert mit seinem kürzlich vorgestellten Dokumentarfilm »Das blinde Auge« an den Fall. Silke Streipert berichtet in dem Film als Zeitzeugin über das Geschehen.

Wie gut kannten Sie das Mordopfer?
Axel gehörte zum Stadtbild von Bad Blankenburg. Der Ort ist ja nicht sehr groß. Da kennt jeder jeden.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von dem Filmprojekt erfuhren?
Ich war zunächst überrascht und habe mich gefragt, ob ich dazu nach so langer Zeit etwas beitragen soll. Doch dann habe mich auch gefreut, dass es doch noch die Gelegenheit gibt, darzustellen, dass Axel sterben musste, weil er ein Handicap hatte. Dass er deshalb zum Ziel rechter Gewalt wurde.

In dem Film wird eine Passage aus der Lokalzeitung zitiert, in der Teilnehmer einer Gedenkkundgebung für Axel U. als »stadtbekannte Trinker und Arbeitsscheue« bezeichnet werden. Drückt sich hier das ­Klima in dem Ort aus?
Das war tatsächlich die Mehrheitsmeinung. Axel kam aus einer sozial schwachen Gruppe und war benachteiligt. Diese Menschen wurden nicht nur von Neonazis abqualifiziert.

Sie gehörten zu einer kleinen Gruppe in dem Ort, die sich der Stimmung entgegenstellte. Was haben Sie damals getan?
Ich war Sozialarbeiterin im örtlichen Jugendclub. In unserer Wohnung haben wir damals eine Jugendgruppe, die »Kulturbrigade«, gegründet, die maximal 15 Leute umfasste. Wir haben antifaschistische Stadtspaziergänge organisiert und Neonaziaufkleber entfernt. Nach Axels Tod organisierten wir ein Fest für Demokratie und Toleranz. Nach etwa zwei Jahren löste sich die Gruppe auf.

Was war der Grund?
Viele der oft sehr jungen Aktiven haben die Stadt nach dem Ende ihrer Schulzeit verlassen. Wir hatten wenig Unterstützung in der Stadt. Auch die PDS hat die Position vertreten, dass wir den Ruf der Stadt schädigen. Da hat sich bis heute wenig geändert. Auch der jetzige Bürgermeister, ein Mitglied der Linkspartei, hat die Filmarbeiten nicht unterstützt.

Sind Sie in Bad Blankenburg geblieben?
Ja, aber ich habe mich auch aus der politischen Arbeit zurückgezogen, nachdem ich massive Drohungen und Gewalt erlebt hatte. Mein Mann wurde verprügelt, unserem Hund wurden die Rippen gebrochen. Als aber mein Sohn in der Schule rassistischen Anfeindungen ausgesetzt war, begann ich vor zwei Jahren wieder, mich einzumischen.

Hat sich in dem Ort seit dem Mord etwas verändert?
Es gibt heute in Bad Blankenburg keine »national befreiten Zonen« mehr, wo sich Linke nicht hintrauen könnten. Mittlerweile positionieren sich Leute aus der Mitte der Gesellschaft gegen Rechtsextremismus und für Flüchtlinge.

Könnten Sie sich vorstellen, dass der Film »Das blinde Auge« in Bad Blankenburg gezeigt wird?
An der Premiere im Saalfelder Clubhaus nahmen auch einige Bürger aus Bad Blankenburg teil. Sie waren sich im Anschluss einig, dass der Film dort gezeigt werden muss, wo Axel ermordet wurde. Ort und Zeit stehen aber noch nicht fest.


Welche Wirkung erhoffen Sie sich von dem Film?

Ich erhoffe mir einen anderen Umgang mit allen Formen von Rassismus und Antisemitismus. Zudem könnte der Tod von Axel doch noch als neonazistische Gewalttat eingestuft werden. Das ist bisher nicht der Fall. Und selbstverständlich hoffe ich, dass der Film dazu beiträgt, an Axel zu erinnern.

JUNGLE.WORLD 2018/16
https://jungle.world/artikel/2018/16/mein-mann-wurde-verpruegelt

Interview: Peter Nowak

Protestlauf mit Rollstuhl

Dienstag, 10. April 2018

Um auf die Lage von pflegenden Angehörigen aufmerksam zu machen, lief Arnold Schnittger von Hamburg nach Berlin

Arnold Schnittger ist 66 Jahre alt und Vater eines behinderten Sohnes. Der ehemalige Fotograf ist Autor des Buches »Ich berühr’ den Himmel«, in dem er über die Situation eines pflegenden Vaters berichtet und das über info@nicosfarm.de bezogen werden kann. Am Freitagnachmittag endete sein Protestlauf mit dem Rollstuhl seines Sohnes, der am 24. März in Hamburg begonnen hatte, vor dem Brandenburger Tor in Berlin.

Was war der Grund Ihres ungewöhnlichen Marsches?

Es war ein Protest gegen die Ernennung von Jens Spahn zum Gesundheitsminister. Ich hatte diesen Marsch über Facebook und mit einen Offenen Brief an den neuen Minister für Gesundheit angekündigt.

Was stört Sie an Jens Spahn?

Er ist mir länger schon als besonders empathieloser Politiker aufgefallen. Seine Lobbytätigkeit für die Pharmaindustrie will ich da nur als Beispiel nennen. Dazu kamen seine jüngsten Äußerungen über Hartz IV als soziale Maßnahme. Aber eigentlich war die Ernennung von Jens Spahn nur der auslösende Faktor. Mein Protest richtet sich gegen die Politik von Angela Merkel, die nicht erst mit der Ernennung von Jens Spahn den Menschen in den Rücken gefallen ist, die tagtäglich Angehörige pflegen.

Sie sind als Vater eines behinderten Sohnes ein Betroffener. Was kritisieren Sie?

Die katastrophale Pflegepolitik ist dafür verantwortlich, dass immer mehr Menschen keine Zeit mehr haben, einer Lohnarbeit nachzugehen, weil sie Angehörige pflegen. Sie landen dann unter Hartz IV und sind den ganzen Demütigungen ausgesetzt, die damit verbunden sind.


Können Sie ein Beispiel nennen?

Es geht ja nicht nur um das Geld. Es geht um die zahlreichen Restriktionen des Hartz-IV-Systems. Dazu gehört beispielsweise, dass auch Angehörige von Behinderten regelmäßig beim Jobcenter erscheinen müssen. Sie können nicht einfach für einige Tage die Stadt verlassen, weil sie dem Jobcenter zur Verfügung stehen müssen. Dass bedeutet, dass ich mit meinem Sohn nicht einfach für einige Tage zu Verwandten nach München fahren kann. Das ist eine reale Einschränkung. Wir werden von Jobcentern so behandelt, als hätten wir keine Arbeit. Aber das ist überhaupt nicht wahr. Wir sind mit der Pflege rund um die Uhr beschäftigt. Das ist ja auch der Grund, warum wir keinen weiteren Beruf mehr ausüben können. Viele von uns haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Arbeit von den Jobcentern nicht genügend anerkannt wird.

Welche Folgen hat diese Missachtung für die Betroffenen?

Sie werden oft selber zum Pflegefall und geraten in die gesellschaftliche Isolation. Statt auf Verständnis und Hilfe stoßen viele Betroffene bei Mitmenschen auf Kopfschütteln und Intoleranz.

Die Zahl der Menschen, die Verwandte oder ihre Eltern pflegen, nimmt zu. Haben Sie sich mit anderen Betroffenen zusammengetan?

Das ist schwierig. Pflegende Angehörige sind oft so mit ihrer Arbeit beschäftigt und danach völlig ausgepowert, dass sie keine Kapazitäten haben, um noch Protest zu organisieren. Daher war es mit dem Protestmarsch auch ein wichtiges Ziel von mir, eine Debatte über die Pflege anzustoßen.

Ist Ihnen das gelungen?

Ja. Es gab viele Gespräche und Begegnungen. Ich habe auf dem Blog inwendig-warm.de ausführlich über die Tour berichtet. Sehr erfreulich war es auch, dass ich von anderen Menschen, die Angehörige pflegen, kontaktiert wurde. Das will ich mit meinen Aktionen erreichen.

Haben Sie auch von der Politik oder den Gewerkschaften Unterstützung bekommen?

Von den politischen Parteien hat mich nur die LINKE unterstützt. Ein ver.di-Mitglied hat die Kundgebung vor dem Gesundheitsministerium in Berlin angemeldet. Aber insgesamt bin ich über die zögerliche Haltung von ver.di enttäuscht. Mir ist klar, dass es im Pflegebereich nicht so einfach möglich ist, so zu streiken wie bei der Eisenbahn. Aber wäre da nicht mehr möglich?

»Wir müssen reden«, stand auf dem Plakat, das sie bei dem Marsch trugen. Hat sich der neue Gesundheitsminister bei Ihnen gemeldet?

Nein, von ihm und seinem Büro gab es keinerlei Reaktionen.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1084832.pflegenotstand-protestlauf-mit-rollstuhl.html

Interview: Peter Nowak

Antifaschismus aus der Gegenwart herleiten

Montag, 09. April 2018

Geschichte: Henning Fischer hat eine politische Kollektivbiografie von kommunistischen “Ravensbrückerinnnen” geschrieben

Der Berliner Historiker Henning Fischer hat die Lebenswege von Frauen vorgelegt, die die Lagergemeinschaft Ravensbrück gründeten. Er verfolgt ihren Lebensweg von ihrer Politisierung in der Weimarer Republik und beschreibt ihr Engagement für den politischen Umbruch, der in der völligen Entrechtung des KZ-Systems endet. Sehr detailliert beschreibt er die Hoffnungen der Frauen nach der Befreiung sowie ihre diamental unterschiedliche Geschichte in West- und Ostdeutschland. Während sie in der BRD bald an den Rand gedrängt und als Kommunistinnen wieder kriminalisiert werden, werden sie in der DDR zur Teil der offiziellen Erzählung vom antifaschistischen Staat.

*1.) Du hast über einen Zeitraum von mehreren Jahren über die Geschichte derFrauen der Lagergemeinschaft Ravensbrück geforscht. Woher kommt Dein Interesse für das Thema? Und planst Du weitere historische Arbeiten zum NS-Widerstand?**
Fischer: .Abgesehen von den üblichen Zufälligkeiten bei der Themenwahl rührte mein Interesse an der Geschichte der Lagergemeinschaften von zwei Dingen. Erstens umfasst sie die Zeit vor und nach 1945 und damit den angeblichen Bruch der „Stunde Null“ zwischen Nationalsozialismus und Bundesrepublik. Zweitens ging es auch darum, etwas zur immer noch im Schatten ‚großer Männer‘ stehenden Frauengeschichte beizutragen.


*2.) Welchen Stellenwert spielt Deine politische Positionierung bei Deiner Arbeit? *

Fischer: Weil sie unter anderem eine antifaschistische Positionierung ist, hat sie sicher zur Themenwahl beigetragen. Außerdem hat sie das Spannungsfeld der historischen Untersuchung bestimmt: Einerseits in Form von geschichtlicher Empathie für die Protagonistinnen, andererseits als Korrektiv aus der Gegenwart, das eine Identifizierung mit ihnen vermeiden soll.


*3.) Wie war der Kontakt zu den noch lebenden Widerstandskämpfer_innen und ihren Angehörigen?*

Sehr offen und hilfreich. Mehrere Töchter und Söhne von Überlebenden haben mir durch Gespräche und auch die Weitergabe von Unterlagen sehr geholfen. Für Gespräche mit Überlebenden selbst, die zum Buch viel hätten beitragen können, kam ich leider viel zu spät.

*4.) In dem Buch wird an mehreren Stellen Deine Distanz zu traditionskommunistischen Politikvorstellungen deutlich. Wie ist Dir trotzdem eine Beschreibung gelungen, die den Frauen als handelnden Subjekten gerecht wird, obwohl sie zum großen Teil Kommunist_innen waren?*
Fischer: Wenn mir diese Beschreibung gelungen ist, dann genau deswegen: Als Teil linker Geschichte steht meine Arbeit den Lebensgeschichten der Frauen der Lagergemeinschaften nahe. Meine historische und politische Kritik
gegenüber traditionellen, zum Beispiel zentralistischen Politikformen hat dabei dann zur notwendigen Distanz beigetragen, die eine historische Beschäftigung braucht.

*5.) Du bringst in Deiner Arbeit eine Genderperspektive ein, die die Frauen selber oft nicht hatten. Siehst Du darin nicht auch ein Problem, zumal die sozialistischen und kommunistischen Gleichberechtigungsvorstellungen nicht weiter ausgeführt werden? *
Fischer: Meine Arbeit nimmt keine explizite, ausdifferenzierte geschlechterpolitische Position ein, in die die Lebensgeschichten der Überlebenden eingezwängt würden. Geschlecht als Thema muss in der Geschichte der Lagergemeinschaften aber präsent sein, da die Frauen in einer männlich dominierten (politischen) Welt agieren mussten. Zudem waren die historischen Lagergemeinschaften Ravensbrück ja Verbände von Frauen. Es braucht da also ein ‚Vokabular‘ in der historischen Darstellung und eine entsprechende Linse zum Verständnis des Geschehenen. Zudem gibt es in einigen Lebenserinnerungen von Überlebenden aus Ravensbrück deutliche
Äußerungen, wie sie die Abwertung weiblicher politischer Aktivität selbst erfuhren, z.B. in der KPD und der SED. Es ist dann die Aufgabe der historischen Darstellung, diese Aspekte damit zusammen zu bringen, dass sich die meisten der beschriebenen Protagonistinnen tatsächlich eher als ‚Kommunistinnen‘, weniger als ‚Frauenkämpferinnen‘ sahen. Das ist sicher sehr interessant, weiter zu untersuchen, auch im Hinblick auf die
Vorstellungen von Gleichberechtigung. Die Geschichte der Lagergemeinschaften, die ich geschrieben habe, war aber zunächst eine ‚Gesamtdarstellung‘ und Längsschnittstudie, und dieser Aspekt ist einer von vielen innerhalb dieser Geschichte, der noch genauer beschrieben werden könnte.

*6.) An mehreren Stellen schreibst Du, dass sich die Frauen nach ihrer Befreiung gleich wieder in die politische Arbeit stürzten, wäre eine Form von Traumabewältigung gewesen. Gibt es dafür Belege bei den Frauen selber oder ist es DeineInterpretation?*
Fischer: Da Traumabewältigung ja von einem Schockerlebnis und seiner Verdrängung ausgeht, gibt es hier wenig Gesagtes und wenig konkrete Belege. Auch deswegen, weil sich die Lebenserzählung der Überlebenden in der Regel auf das Politische und die Betonung der eigenen gesellschaftlichen Aktivität konzentrierte. Die Phase nach 1945, wie ich sie im Buch rekonstruiere, und ihre historische Deutung ist also eine Interpretation. Allerdings sind die Dokumente, z.B. Briefe, und Erinnerungsberichte der Überlebenden in diesem Punkt untereinander so ähnlich und als Interpretament so deutlich, dass es mir sicher scheint, dass eine solche „Rumraserei“ der politischen
Aktivität eine mögliche Art des Umgangs mit dem erlebten Schrecken gewesen ist: Sie war gleichzeitig Verdrängung durch Neues und Verarbeitung durch politische wie persönliche Sinngebung und Trauerarbeit.

*7.) Du sparst auch kritische Punkte nicht aus, wie den Umgang der Lagergemeinschaft mit Frauen, die bei der Partei in Ungnade gefallen sind. Wares schwer, mit den Überlebenden und ihren Angehörigen solche Punkte
anzusprechen?*

Fischer: Die Arbeit beruht ganz hauptsächlich auf schriftlichen Quellen, insofern gab es solche Situationen kaum. In einem ersten Gespräch ging es aber zum Beispiel um die These einer „Militarisierung“ des Gedenkens in der DDR.
Es war aber auch klar, dass es ein gemeinsames Interesse an der Geschichte der Lagergemeinschaften gibt und unterschiedliche Interpretationen oder ‘kritische Punkte‘ Teil dieser Geschichte sein können. Überlebende wie
Rita Sprengel hatten zudem bereits in den 1990ern in Lebenserinnerungen von Parteiausschluss und persönlichen Enttäuschungen berichtet.


*8.) Eine dieser bei der Partei in Ungnade gefallenen Gefangenen ist MargaretheBuber Neumann, die später politisch in ultrarechten Kreisen aktiv war. Hat es einen Grund, dass Du das nicht erwähnst?*

Das hat keinen anderen Grund als dass sich das Buch im Kern mit den Frauen der Lagergemeinschaften beschäftigt – und Buber-Neumann gehörte eben nicht dazu. Es gibt viele Aspekte quer durch diese Jahrhundertgeschichte, die nicht angemessen präsent sein können. Zum Beispiel leider auch das ganze Thema der Frauen, die bei den
Internationalen Brigaden oder als Anarchistinnen im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft haben.

*9.) Es gibt kaum noch Zeitzeug_innen aus dem Widerstand gegen den NS. Welche Rolle kann die Geschichtswissenschaft dabei spielen, damit diese Erfahrungen nicht vergessen werden? *
Solange die Forderungen des russischen Kosmismus (Unsterblichkeit und Wiederauferstehung für Alle!) nicht erfüllt sind, kann auch die Geschichtswissenschaft die Zeit nicht anhalten. Was sie kann, ist, durch kritische Rekonstruktion der Menschen aus dem antifaschistischen Widerstand – ihres Handelns, ihrer Umgebung, ihrer Möglichkeiten und Grenzen – sie selbst und ihre Erfahrungen sozusagen anschaubar zu machen. Ob Geschichtswissenschaft viel mehr kann, weiß ich nicht – die „Lehren aus der Geschichte“ zum Beispiel sind oft eine tendenziöse Angelegenheit, die sich aus der Vergangenheit moralisch-raunende Legitimation holt. Antifaschismus sollte sich ohne Weiteres aus der Gegenwart herleiten lassen.

Interview: Peter Nowak


Henning Fischer: Überlebende als Akteurinnen. Die Frauen der Lagergemeinschaften Ravensbrück: Biografische Erfahrung und politisches Handeln, 1945 bis 1989. 542 Seiten, zahlr. Fotografien, 29 Euro, Universitätsverlag Konstanz.


Am 21. und 22. April finden in der Gedenkstätte Ravensbrück die Festlichkeiten zum 73. Jahrestag der Befreiung statt.

aus: ak 636, März 2018

Die Sensibilisierung der Behörden reicht nicht aus

Dienstag, 03. April 2018

Der Film »Das blinde Auge« untersucht einen thüringischen Todesfall von 2001 – Axel U. wurde damals von einem Neonazi ermordet

Jan Smendek ist Regisseur des Films »Das blinde Auge – ein Todesfall in Thüringen«. 2004 gehörte er zu den Gründern des Erfurter Videokollektivs »Filmpiratinnen und Filmpiraten«. Das Projekt hatte gemeinsam mit Ezra, der mobilen Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen, den Film erstellt. Am 10. April um 19 Uhr findet im Clubhaus Saalfeld die Premierenfeier statt.

Herr Smendek, was interessiert Sie an dem Todesfall von vor fast 17 Jahren?

Axel U. wurde in Bad Blankenburg zu Himmelfahrt 2001 von einem stadtbekannten Neonazi umgebracht. So weit ist das bekannt. Jedoch reicht bei den Sicherheitsbehörden die rechte Gesinnung allein zur Einordnung als politisch rechte Straftat nicht aus. Entscheidend sind die Umstände der Tat – und die versucht der Film aufzuzeigen.

Wie waren die Umstände?

Der Täter gab vor Gericht an, Axel U. unter anderem wegen angeblicher Drogengeschäfte angegriffen zu haben. Weil Drogendealer im ideologisch rechten Weltbild zu den »Volksfeinden« gehören, ist hier ein rechtes und sozialdarwinistisches Motiv zu erkennen. Die Sicherheitsbehörden haben das entweder nicht gesehen oder sogar ignoriert. Der Umgang mit rechten Gewalttaten ist in Thüringen spätestens seit dem Bekanntwerden des NSU ein wichtiges Thema.

Nach Ihrer Recherche bewegte sich der Täter auch im Umfeld des NSU. Waren zivilgesellschaftliche Gruppen zur Aufarbeitung der Mordserie ein Anstoß für den Film?

Begonnen habe ich Anfang 2017 mit einer umfangreichen Recherche über durch Rechte verursachte Todesfälle, wie auch über aktuelle rechte Gewalttaten. Ich war überrascht, als ich auf den Todesfall in Bad Blankenburg gestoßen bin. In Akten der Behörden ist von den Verstrickungen des Neonazitäters mit der »Anti-Antifa-Ostthüringen« und dem »Thüringer Heimatschutz« die Rede. Eine Polizeiakte beschreibt, dass der Täter Neonazi war und legt die Vermutung nahe, dass es eine Verbindung zu Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gegeben hat.

Wie ist damals die Öffentlichkeit mit dem Todesfall Axel U. umgegangen?

Kurz nach der Tötung gab es eine Gedenkdemonstration, die auf das politische Motiv hingewiesen hatte. Die Ostthüringer Zeitung (OTZ) schrieb über die Demonstranten als »Trinker und Arbeitsscheue«. Unkritisch wurde die unpolitische Interpretation der Staatsanwaltschaft Gera übernommen. Der damalige Bürgermeister sah das Image der Stadt in Gefahr. Dafür haben sich die lokalen Medien vor den Karren spannen lassen.

Hat sich an dieser Stimmung 17 Jahre später etwas geändert?

Der Todesfall Axel U. löst in Bad Blankenburg auch heute noch einen Abwehrreflex aus. Der damalige Bürgermeister wollte mit mir nicht über den Fall sprechen. Bei Anfragen an die Stadtverwaltung Bad Blankenburg wurde mir beiläufig auf Nachfrage am Telefon gesagt, wenn der Film schlecht für den guten Ruf der Stadt sei, bekäme ich meine angeforderten Unterlagen nicht.

Die Opferberatung Ezra sprach 2016 davon, dass die Region Saalfeld ein Schwerpunkt von rechter Gewalt ist. Hat sich die Situation im Gegensatz zu 2001 kaum verbessert?

Neonazis haben in den vergangenen Jahren die »Anti-Antifa Ostthüringen« wiedergegründet. Diese Organisation spielte bereits in den 1990er Jahren im NSU-Komplex eine wichtige Rolle. Die Neonazis, die ihr heute zugerechnet werden, sind in der Vergangenheit durch Bedrohungen und Gewalttaten aufgefallen. In dem Film behandeln wir einen Bedrohungsfall 2016, bei dem die Polizei Saalfeld in einer Pressemitteilung den politischen Hintergrund verschweigt. Das spricht nicht für eine ausreichende Sensibilisierung innerhalb der Thüringer Sicherheitsbehörden.

Wie wird in Thüringen allgemein mit Todesfällen umgegangen, für die möglicherweise Rechte verantwortlich waren?

Die Amadeu-Antonio-Stiftung zählt acht Todesopfer in Thüringen seit der Wende, die von Rechten umgebracht wurden. Die Sicherheitsbehörden gehen von nur einem Fall aus. Der Todesfall in Bad Blankenburg gehört nicht dazu. Nach dem Bekanntwerden des NSU gab es polizeiintern eine Überprüfung mehrerer Todesfälle. Dahingehend hat sich nichts geändert. Ich hoffe der Film gibt Anstoß für Diskussionen.

Erwarten Sie mit dem Film eine Diskussion auch über Antifakreise hinaus?

Für uns war es wichtig, die antifaschistischen Akteure vor Ort zu unterstützen. Aus diesem Grund findet die Premiere in Saalfeld statt. Der Film ist darauf angelegt, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Wir wollen dazu in Kooperation mit der Opferberatung Ezra Veranstaltungen in ganz Thüringen durchführen.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1084308.die-sensibilisierung-der-behoerden-reicht-nicht-aus.html

Interview: Peter Nowak