Unbefristeter Stress

90 Prozent des wis­sen­schaft­lichen Per­sonals der Uni­ver­sität Kassel sind befristet beschäftigt. Eine Initiative fordert, die Arbeits­ver­träge der Ange­stellten zu ent­fristen.

Ende ver­gan­genen Jahres wurde es eng im größten Hörsaal der Uni­ver­sität Kassel. Knapp 500 Beschäf­tigte der Hoch­schule nahmen am 13. Dezember an einer außer­or­dent­lichen Per­so­nal­ver­sammlung teil. Sie for­derten…

„Unbe­fris­teter Stress“ wei­ter­lesen

GEGEN DIE ZERSTÖRUNG VON HERZ UND HIRN

Arbeits­be­dingte Krank­heiten nehmen zu. Dieser Ent­wicklung sollte Einhalt geboten werden. Dafür möchte ich meine arbeits- und gesund­heits­wis­sen­schaft­liche Kom­petenz ein­setzen.“


Mit diesen Sätzen beschreibt Wolfgang Hien sein lang­jäh­riges Enga­gement für den Gesund­heits­schutz in der Arbeitswelt. Warum das Thema zu seiner Lebens­aufgabe wurde, kann man in einem langen Gespräch erfahren, das Hien mit dem His­to­riker Peter Birke geführt hat. Im VSA-Verlag ist es unter dem Titel

GEGEN DIE ZER­STÖRUNG VON HERZ UND HIRNwei­ter­lesen

Kranke Arbeit

Das Urteil gegen Mon­santo und für Dewayne Johnson ging in den ver­gan­genen Tagen um die Welt. Der Haus­meister hatte jah­relang mit gly­pho­sat­hal­tigen Unkraut­ver­nichtern gear­beitet. Heute hat er Krebs. Der Soziologe Wolfgang Hien hat diesem Thema sein Leben gewidmet: Arbeit darf nicht krank machen. 

Wie kann ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass in einer Gesell­schaft eigentlich an erster Stelle die Gesundheit der Men­schen stehen sollte und nicht der Profit? Wie kann die Arbeit an den Arbeits­stellen so gestaltet werden, dass auch Alte, Kranke und Schwache darin ihren Platz finden? Warum gibt es Beschäf­tigte, die die Härte des Arbeits­lebens feiern und die Kol­le­gInnen, die es nicht aus­halten können oder wollen, abwerten und mobben? Solche Fragen bear­beitet der Arbeits­so­ziologe Wolfgang Hien seit vielen Jahren, mitt­ler­weile in seinem For­schungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen. Tat­sächlich gibt es viele solcher Institute. »Doch bin ich wohl der Einzige, der mit wei­ter­ge­henden poli­ti­schen Inten­tionen nicht hinterm Berg hält. Ich will die Mobi­li­sierung der Betrof­fenen, ich habe eine klare anti­ka­pi­ta­lis­tische Haltung«, erklärt Hien. 

Dass das Thema zu seiner Bestimmung wurde, hat mit seinen Erfah­rungen als Aus­zu­bil­dender zu tun, die der im Saarland geborene Hien 1965 beim Che­mie­riesen BASF in Lud­wigs­hafen begonnen hat. »Ich hatte das Gym­nasium nach der siebten Klasse abge­brochen. Tat­sächlich hatte ich kaum eine Chance, im Saarland mit der Schule wei­ter­zu­machen, was wohl auch damit zusam­menhing, dass meine Eltern keine Aka­de­miker waren, sondern wie man so sagt, ein­fache Leute. Die Suche nach einer Lehr­stelle bei der BASF war die logische Folge, auch wenn man nicht gleich um die Ecke wohnte«, beschreibt Hien seine Berufswahl im Gespräch mit His­to­riker Peter Birke. »Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn« heißt das jüngst erschienene Buch, in dem diese Gespräche über Hiens Leben und seine Erfah­rungen doku­men­tiert sind. 

Kul­tur­gruppe im Lehr­lings­wohnheim

Hien und einige seiner Kol­le­gInnen waren vom gesell­schaft­lichen Auf­bruch beein­flusst, der heute mit der Chiffre 1968 belegt wird. Sie dis­ku­tierten über die Kriegs­dienst­ver­wei­gerung und grün­deten im Lehr­lings­wohnheim eine Kul­tur­gruppe, die sich mit Nietzsche und Marx beschäf­tigte und Texte von Heinrich Böll und den pazi­fis­ti­schen Autor Wolfgang Bor­chert gelesen hat. 

Hien war damals bei BASF eigentlich weit weg von den Uni­ver­si­täten, wo Stu­die­rende die Schriften von Marx und Adorno zu lesen begannen und sich bald fragten, warum die Arbei­te­rInnen nicht revo­lu­tionär waren. Manche kehrten den Uni­ver­si­täten den Rücken und gingen für einige Zeit in die Fabriken, um die Arbei­te­rInnen zu orga­ni­sieren. Bei Hien lief es genau anders herum. Er bezeichnet sich heute als »umge­kehrten 68er« – denn nach einigen Jahren verließ er die Fabrik, holte das Abitur nach und begann ein Studium an der Uni­ver­sität Hei­delberg: Bio­chemie, Toxi­ko­logie, Phi­lo­sophie, Sozio­logie, Psy­cho­logie und Päd­agogik.

Wie stark seine erste Arbeits­stätte noch heute sein Leben prägt, zeigt ein aktu­elles Foto von Hien auf der Homepage des von ihm gegrün­deten For­schungs­büros für Arbeit, Leben und Bio­graphie in Bremen. Auf­ge­nommen ist es in unmit­tel­barer Nähe der BASF in Lud­wigs­hafen-Frie­senheim. Er macht den Ein­druck eines fein­glied­rigen Intel­lek­tu­ellen, der in der rauen Män­nerwelt einer Groß­fabrik um Aner­kennung kämpfen muss. 

Doch mit BASF ver­bindet Hien nicht nur die Erfahrung von Selbst­or­ga­ni­sation und Kol­lek­ti­vität, sondern auch die Härte des Arbeits­lebens. Noch heute ist ihm im Gedächtnis, dass der BASF-Arbeits­di­rektor sagte, die Mit­ar­bei­te­rInnen seien für ihn nur Rädchen im Getriebe. »Wir wollten keine Rädchen, sondern Sand im Getriebe sein«, betont er. Auch ein auto­ri­tärer Vor­ar­beiter mit NS-Ver­gan­genheit ist ihm noch heute in Erin­nerung. Der, erinnert sich Hien, habe ihm immer wieder schlechte Arbeit gegeben und ihn ange­schrien, bis er in einen Sitz­streik trat. 

Neo­li­be­ra­lismus bürdet Körper und Geist hohe Belas­tungen auf

Doch auch mit gesund­heits­schäd­lichen Arbeits­be­din­gungen kam Hien früh in Kontakt. Immer wieder wurde er krank und konnte nicht wei­ter­ar­beiten. »Ich hatte Gesund­heits­pro­bleme, war am Rande des Alko­ho­lismus und hatte Herz­rhyth­mus­stö­rungen«, erklärt er in dem Interview. Als Gründe nennt er den Stress bei der Arbeit in der Fabrik, kom­bi­niert mit den Über­for­de­rungen durch die poli­ti­schen Akti­vi­täten und dem Scheitern einer Beziehung. Er machte aber auch bereits damals die Erfahrung, dass sich manche seiner Kol­legen nicht über die Arbeits­be­din­gungen auf­regten, sondern über Men­schen wie ihn, die angeblich zu schwach waren, um sie aus­zu­halten. 

Die Arbeitswelt, for­mu­lierte Hien viele Jahre später, habe großen Ein­fluss auf unser Leben. »Sie kann uns Aner­kennung und Sinn geben. Doch die neo­li­berale Radi­ka­li­sierung unserer Betriebe bürdet Körper, Geist und Seele hohe Belas­tungen auf. Die Folge: Arbeits­be­dingte Krank­heiten nehmen zu.« Waren es früher vor allem kör­per­liche Beschwerden, erkranken immer mehr Men­schen heute an der Seele. 

Lange Zeit pen­delte Hien zwi­schen ver­schie­denen Städten hin und her und hielt sich mit schlecht bezahlten aka­de­mi­schen Jobs über Wasser. Wich­tiger war für ihn, mit­zu­mi­schen bei der Koope­ration zwi­schen Umwelt­in­itia­tiven und kri­ti­schen Gewerk­schaf­te­rInnen, die es in den 1980er Jahren auch in der Che­mie­branche gab.

»Mit­mi­scher« nannte sich auch eine der Gruppen im Rhein-Main-Gebiet, in der Hien mit spa­ni­schen Che­mie­ar­bei­te­rInnen orga­ni­siert war. Auch eine Betriebs­zeitung, die in einer Auflage von 10 000 Exem­plaren von Ende der 1970er bis in die 1990er Jahre bei BASF Lud­wigs­hafen ver­teilt wurde, trug diesen Namen. Ver­ant­wortlich dafür war eine kleine Gruppe von Beschäf­tigten. Linke Chris­tInnen waren ebenso dar­unter wie Öko­so­zia­lis­tInnen und undog­ma­tische Sozia­lis­tInnen. Sie koope­rierten mit einer ört­lichen Bür­ger­initiative und infor­mierten über die Schat­ten­seiten der hoch­ge­prie­senen Che­miewelt. 

Fast in jeder Nummer wurden die Kol­le­gInnen über die gif­tigen Sub­stanzen infor­miert, mit denen sie ständig in Berührung kamen. »Lassen wir uns nicht länger ver­walten. Ergreifen wir die Initiative«, hieß es im Aufruf des Anfang des 1980er Jahre gegrün­deten Akti­ons­kreis Gesundheit in der Rhein-Neckar-Region. 

Motiv: Pro­fit­stei­gerung, Täter: Wirt­schaft, Politik, Medizin

Eine von Hiens Themen war die Asbest-Kata­strophe, die eigentlich besser als Kri­mi­nalfall bezeichnet werden sollte. Motiv: Pro­fit­stei­gerung, Täter: Ver­treter aus Wirt­schaft, Politik und Arbeits­me­dizin, gedeckt wurden sie von DGB-Vor­ständen und jenem Teil der Lohn­ab­hän­gigen, die für einen Arbeits­platz über Leichen gehen. Hien hat auch die Arsen­ka­ta­strophe an der Mosel auf­ge­ar­beitet. Von 1920 bis in die 1950er Jahre wurde Arsen als Abfall­produkt der Che­mie­in­dustrie im Mosel­weinbau als Schäd­lings­be­kämp­fungs­mittel ein­ge­setzt. »Es gab wahr­scheinlich mehr als tausend Krebs­fälle von Mosel­winzern, die im Alter von etwa 40 bis 50 Jahren starben«, erinnert sich Hien. 

Dass ein Großteil der Gesund­heits­be­wegung später in eine eso­te­rische Richtung abdriftete, bedauert Hien. Ihm geht es bis heute um Men­schen­würde am Arbeits­platz. Das heißt für ihn, den Bedin­gungen in der Arbeitswelt den Kampf anzu­sagen, die die Men­schen im Betrieb krank machen. 

Zu seinen Kon­tra­hen­tInnen gehörten nicht nur die Indus­trie­ver­bände, sondern oft auch Betriebsräte und Gewerk­schaf­te­rInnen, die auf Sozi­al­part­ner­schaft setzten und in Hiens Enga­gement eine Kam­pagne gegen die Che­mie­in­dustrie sahen. »Solche wie Dich brauchen wir hier nicht« – diesen Satz, sagt er, habe er öfter gehört, wenn er sich auf eine gewerk­schaft­liche Stelle bewarb oder einen Antrag zur För­derung eines Pro­jekts bei der gewerk­schafts­nahen Hans-Böckler-Stiftung stellte.

Für viele seiner Freun­dInnen war es eine Über­ra­schung, als Hien 2003 Referent für Gesund­heits­schutz beim Vor­stand des DGB wurde. Recht schnell geriet er mit seinen Enga­gement für eine Arbeitswelt, in der auch die Lang­samen und chro­nisch Kranken ihren Platz haben sollen, in Kon­flikt mit einer Gewerk­schafts­logik, die Arbeits­plätze vor Gesund­heits­schutz stellte. 

Nachdem er im Büro mit einer Herz­neurose zusam­men­ge­brochen war – Hien führte sie auf die stressige Arbeits­si­tuation zurück –, kün­digte er beim DGB und machte sich mit 57 Jahren selb­ständig. Seitdem leitet er das For­schungsbüro in Bremen. 

Gesunde Arbeits­be­din­gungen sind eine globale Her­aus­for­derung

Gute und gesunde Arbeits­be­din­gungen zu schaffen, sei eine globale Aufgabe, sagt Hien. Leih­ar­bei­te­rInnen aus Ost­europa oder dem glo­balen Süden sterben in ihren Hei­mat­ländern an den Krank­heiten, die sie sich bei gesund­heits­ge­fähr­denden Arbeiten im Norden zuge­zogen haben. Oder das Gift­ma­terial wird gleich in den glo­balen Süden expor­tiert, was Hien am Bei­spiel der Demontage von Schiffen in Asien zeigt. Und es kamen neue Pro­bleme hinzu, bei­spiels­weise die der Pfle­ge­berufe, einer Arbeit mit und am Men­schen, die wie Indus­trie­arbeit orga­ni­siert werden. Oder die Frage nach dem Einsatz von mög­li­cher­weise – so sagt es Hien süf­fisant – »gele­gentlich gesund­heits­schäd­lichem« Gly­phosat, das mit großer Wahr­schein­lichkeit – so urteilte Ende letzter Woche ein Gerichts in San Fran­cisco – die Ursache der Krebs­er­krankung von Dewayne Johnson ist, der jah­relang mit gly­pho­sat­hal­tigen Unkraut­ver­nichtern gear­beitet hat. 

Ein solches Urteil, wenn auch auf der anderen Seite des Globus, ist ein kleiner Erfolg im Kampf für gesunde Arbeit. Aus solchen kleinen Bau­steinen setzt sich auch der Erfolg von Wolfgang Hien zusammen. »Heute sind bestimmte Stan­dards im Gesund­heits­schutz erreicht, die vor 50 Jahren absolut undenkbar waren. Daran habe ich ein bisschen mit­ge­wirkt«, so das Fazit seines lang­jäh­rigen Enga­ge­ments. 

Doch das ist für ihn kein Grund, sich zurück­zu­lehnen. »Diese Stan­dards gelten nicht für eine wach­sende Zahl von prekär arbei­tenden und lebenden Men­schen in aller Welt, aber auch eine wach­sende Zahl von Pre­kären in Deutschland.« Denn die Gesund­heits­be­las­tungen in der Arbeitswelt haben nicht abge­nommen. Den Ver­hei­ßungen einer schönen, neuen Arbeitswelt im Zeit­alter von Com­puter und Internet setzt Hien den ernüch­ternden Befund ent­gegen: »Letztlich wird der gesund­heit­liche Ver­schleiß durch neue Arbeits­formen nicht abge­schafft. Die Körper von Aber­mil­lionen Tex­til­ar­bei­te­rinnen oder Stahl­ar­beitern werden wie eh und je drang­sa­liert wie die Körper von Mil­lionen, viel­leicht auch schon Aber­mil­lionen von digi­talen Crowd­wor­ke­rinnen, die neben ihrer Fami­li­en­arbeit noch nachts am Com­puter sitzen, kaum schlafen und für ein paar Cent ihre Gesundheit rui­nieren.« 

Wolfgang Hien, Peter Birke: Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn – »68« und das Ringen um men­schen­würdige Arbeit. VSA-Verlag, 256 Seiten, 22,80 Euro.

KONTEXT:Wochenzeitung
Ausgabe 385

https://​www​.kon​text​wo​chen​zeitung​.de/​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​/​3​8​5​/​k​r​a​n​k​e​-​a​r​b​e​i​t​-​5​2​8​3​.html

Peter Nowak


Hinweis in der Print­ausgabe von Kontext:-Wochenzeitung, 18.8.2018

Kranke Arbeit
Das Urteil gegen Mon­santo und für Dewayne Johnson ging in den vergan- genen Tagen um die Welt. Der Haus- meister hatte jah­relang mit gly­phosat- hal­tigen Unkraut­ver­nichtern gearbei- tet. Heute hat er Krebs. Der Soziologe Wolfgang Hien hat diesem Thema sein Leben gewidmet: Arbeit darf nicht krank machen. Von Peter Nowak

Umgekehrter 68er


Den gesell­schaft­lichen Auf­bruch vor 50 Jahren erlebte Wolfgang Hien als junger Arbeiter.

Ich hatte das Gym­nasium nach der siebten Klasse abge­brochen. Tat­sächlich hatte ich kaum eine Chance, im Saarland mit der Schule wei­ter­zu­machen, was wohl auch damit zusam­menhing, dass meine Eltern keine Aka­de­miker waren, sondern, wie man so sagt, ein­fache Leute. Die Suche nach einer Lehr­stelle bei der BASF war die logische Folge, auch wenn man nicht gleich um die Ecke wohnte.« Als »umge­kehrten 68er« beschreibt Wolfgang Hien sich und seinen Lebensweg von der Fabrik, wo er 1965 eine Lehre als Laborant begann, an die Uni­ver­sität.

Von dem gesell­schaft­lichen Auf­bruch wurden er und ein Teil seiner Kolleg*innen in der Che­mie­fabrik beein­flusst. Sie dis­ku­tierten über Kriegs­dienst­ver­wei­gerung und die Aus­beutung im glo­balen Süden. Im Lehr­lings­wohnheim gründete Hien mit Kolleg*innen eine Kultur-AG, wofür sie anfangs Unter­stützung von der Heim­leitung bekamen. Die freute sich über junge Men­schen, die sich in der Freizeit wei­ter­bilden wollten. Doch die Poli­ti­sierung sorgte auch dafür, dass die kri­ti­schen Jungarbeiter*innen ihre Arbeits­be­din­gungen hin­ter­fragten. So ging Hien bald den Weg vieler Arbei­ter­ju­gend­lichen, die mit den Ideen von 1968 in Berührung gekommen waren. Sie ver­ließen die Fabriken, holten auf dem zweiten Bil­dungsweg das Abitur nach und begannen ein Studium.

Doch die Zeit bei BASF prägt Hien bis heute. Seine aka­de­mi­schen und poli­ti­schen Akti­vi­täten widmete er dem gesund­heit­lichen Schutz der Lohn­ab­hän­gigen. Über Jahre orga­ni­sierte er Kam­pagnen gegen eine »Kranke Arbeitswelt«, wie auch eines seiner Bücher heißt, das er im VSA-Verlag ver­öf­fent­licht hat. Lange Zeit pen­delte er zwi­schen ver­schie­denen Städten hin und her und hielt sich mit schlecht bezahlten aka­de­mi­schen Jobs über Wasser. Wich­tiger als eine Kar­riere war ihm sein poli­ti­sches Enga­gement in Koope­ration mit Umwelt­in­itia­tiven und kri­ti­schen Gewerkschafter*innen. Besonders der erste Alter­native Gesund­heitstag 1980 in Berlin gab Hien den Anstoß für sein Enga­gement, Betriebs­ba­sis­gruppen für Gesundheit auf­zu­bauen. Dabei ging es ihm um Men­schen­würde am Arbeits­platz und die Bedin­gungen, die Men­schen krank machen.

Anre­gungen für seine Tätigkeit holte sich Hien von ita­lie­ni­schen Aktivist*innen, die schon in den frühen 1960er Jahren skan­da­li­sierten, dass Arbeiter*innen in bestimmten Branchen wie der Che­mie­in­dustrie eine signi­fikant nied­rigere Lebens­er­wartung als der Bevöl­ke­rungs­durch­schnitt hatten. Inspi­ra­tionen holte sich Hien auch aus Schriften von Oskar Negt und Andre Gorz. Engen Kontakt hält er bis heute zu kri­ti­schen Gewerkschafter*innen, die auch in der Che­mie­in­dustrie in den 1980er Jahren noch grö­ßeren Ein­fluss hatten.

Zu seinen Kontrahent*innen gehörten aber nicht nur die Indus­trie­ver­bände, sondern oft auch Betriebsräte und Gewerkschafter*innen, die auf Sozi­al­part­ner­schaft setzten und in Hiens Enga­gement eine Kam­pagne gegen die Che­mie­in­dustrie sahen. »Solche, wie dich brauchen wir hier nicht.« Diesen Satz hörte Hien öfter, wenn er sich auf eine gewerk­schaft­liche Stelle oder um Pro­jekt­för­derung durch die gewerk­schaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung bewarb. Als er dann 2003 doch noch als Referent für Gesund­heits­schutz beim DGB-Vor­stand ange­stellt wurde, geriet er schnell in den Kon­flikt mit einer Gewerk­schafts­logik, die Arbeits­plätze vor Gesund­heits­schutz stellt. Hien setzte sich vehement dafür ein, dass auch die Lang­samen und chro­nisch Kranken im Arbeits­leben ihren Platz finden sollten. Doch damit machte er sich viele Gegner*innen.

Der Kon­flikt hatte für Hien gesund­heit­liche Kon­se­quenzen. Er brach im Büro zusammen und musste längere Zeit im Kran­kenhaus bleiben. Anschließend kün­digte er beim DGB und machte sich mit 57 Jahren selbst­ständig. Seitdem leitet er das For­schungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Bio­grafie in Bremen. Dort setzt er sich für Lohn­ab­hängige und ihre Rechte ein. So beschäf­tigte er sich in einer Studie mit dem Schicksal der Beschäf­tigten der Bremer Vul­kan­werft, die 1997 geschlossen worden war. »Aus dem Regio­nal­ge­dächtnis war die Werft­schließung mehr oder weniger ver­schwunden«, erinnert sich Hien.

Daneben publi­ziert er Bücher, die sich mit seinem Lebens­thema »Gesundheit am Arbeits­platz« befassen. In dem Werk »Die Arbeit des Körpers« setzt er sich kri­tisch mit einer Arbei­ter­kultur aus­ein­ander, die das Leiden am Arbeits­platz als Härte ver­klärt und Men­schen, die das nicht aus­halten können oder wollen, als schwächlich abwertet. Was Hien bei seinem Enga­gement antreibt, steht im Titel eines Bandes, in dem er mit dem Sozi­al­wis­sen­schaftler Peter Birke über sein Leben spricht: »Es geht gegen die Zer­störung von Herz und Hirn der Men­schen«. Ein Thema, das im Zeit­alter von Com­puter- und Inter­net­ar­beits­plätzen noch dring­licher geworden ist.

Wolfgang Hien/​Peter Birke: Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn. »68« und das Ringen um men­schen­würdige Arbeit. VSA Verlag, 256 S., 22,80 Euro.

Wolfgang Hien: Die Arbeit des Körpers von der Hoch­in­dus­tria­li­sierung in Deutschland und Öster­reich bis zur neo­li­be­ralen Gegenwart, Man­delbaum Verlag, 344 S., 25 €.


Am 3. Juli um 19 Uhr stellt Wolfgang Hien die Bücher im Regen­bo­genKino, Lau­sitzer Straße 22, in Berlin vor.

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Peter Nowak