Unbefristeter Stress

90 Prozent des wis­sen­schaft­lichen Per­sonals der Uni­ver­sität Kassel sind befristet beschäftigt. Eine Initiative fordert, die Arbeits­ver­träge der Ange­stellten zu ent­fristen.

Ende ver­gan­genen Jahres wurde es eng im größten Hörsaal der Uni­ver­sität Kassel. Knapp 500 Beschäf­tigte der Hoch­schule nahmen am 13. Dezember an einer außer­or­dent­lichen Per­so­nal­ver­sammlung teil. Sie for­derten…

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Anti-Geschichtsbuch: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Novemberrevolution

Klaus Dallmer: Die Meu­terei auf der «Deutschland» 1918/19 – Anpassung, Auf­bäumen und Untergang der ersten deut­schen Arbei­ter­be­wegung. Berlin: Die Buch­ma­cherei, 2018. 320 S., 12 Euro

«Lasst euch nicht ver­drießen. Denn wir wissen absolut! Noske, der wird schießen.»
Dieses Spottlied auf einen berüch­tigten SPD-Poli­tiker, der für die Mas­saker an rebel­li­schen Arbeitern nach der Novem­ber­re­vo­lution ver­ant­wortlich war, stammt bereits von 1907. Damals schon stand Gustav Noske auf dem rechten Flügel der SPD und war als Reichs­tags­ab­ge­ord­neter Experte für Kolo­ni­al­po­litik und Mili­tär­fragen. In dieser Funktion for­derte er im Reichstag, Arbeits­plätze auf deut­schen Schiffen sollten nur Deut­schen vor­be­halten sein, und erklärte, im Falle eines Angriffs würde die SPD Deutschland ver­tei­digen. Zur gleichen Zeit, 1907,…

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GEGEN DIE ZERSTÖRUNG VON HERZ UND HIRN

Arbeits­be­dingte Krank­heiten nehmen zu. Dieser Ent­wicklung sollte Einhalt geboten werden. Dafür möchte ich meine arbeits- und gesund­heits­wis­sen­schaft­liche Kom­petenz ein­setzen.“


Mit diesen Sätzen beschreibt Wolfgang Hien sein lang­jäh­riges Enga­gement für den Gesund­heits­schutz in der Arbeitswelt. Warum das Thema zu seiner Lebens­aufgabe wurde, kann man in einem langen Gespräch erfahren, das Hien mit dem His­to­riker Peter Birke geführt hat. Im VSA-Verlag ist es unter dem Titel

GEGEN DIE ZER­STÖRUNG VON HERZ UND HIRNwei­ter­lesen

Beiderseits der Barrikade

Revo­lution in Bayern

Es gibt wohl nur wenige his­to­rische Groß­ereig­nisse, die im Nach­hinein von einer der­ar­tigen poli­ti­schen Ver­zerrung und Ent­stellung gekenn­zeichnet sind wie die Baye­rische Räte­re­publik, urteilt Rudolf Stum­berger. Er kon­zen­triert sich in seinem neuen Buch auf Akteure, die vor 100 Jahren auf unter­schied­lichen Seiten der Bar­rikade standen.

Aus­führlich schildert er die poli­tische Vita des ersten Minis­ter­prä­si­denten der baye­ri­schen Republik, Kurt Eisner. In seiner kurzen Regie­rungszeit ver­suchte Eisner die unter­schied­lichen Par­tei­flügel zu ver­söhnen. Es war ihm nicht ver­gönnt. Von den Rechten von Anbeginn an mit anti­se­mi­ti­scher Hetze ver­folgt, wurde er am 21. Februar 1919 von einem Mit­glied der völ­ki­schen Thule-Gesell­schaft erschossen. Stum­berger erwähnt, dass sich Eisners Frau Else 1940 in Frank­reich das Leben nahm, als die deutsche Wehr­macht ein­mar­schierte. Sein Sohn aus erster Ehe wurde 1942 im KZ Buchenwald ermordet. Auch an Eisners Pri­vat­se­kretär Felix Fechenbach, der dessen Ver­mächtnis zu wahren suchte, rächten sich die Nazis: Er wurde 1933 von SA-Männern ermordet.

Stum­berger stellt auch Eisners Freund, den Anar­chisten Gustav Landauer, vor. Dabei spart er nicht mit Kritik am seiner Meinung nach »rück­wärts­ge­wandten Anar­chismus«. Er würdigt Landauer als Bil­dungs­re­former und Erneuerer der Künste. Der Schrift­steller wurde nach der Zer­schlagung der Baye­ri­schen Räte­re­publik im Mün­chener Zuchthaus Sta­delheim schwer miss­handelt und am 2. Mai 1919 erschossen. Ver­ant­wortung dafür trug der rechte Sozi­al­de­mokrat Johannes Hoffmann, der als »Noske von Bayern« berüchtigt war. Nachdem er auch die Voll­stre­ckung des Todes­ur­teils gegen den Kom­mu­nisten Eugen Leviné am 5. Juni 1919 nicht ver­hin­derte, hatte er selbst in seiner Partei kaum noch Freunde. Hoffmann zog sich aus der Politik zurück, ein Bür­ger­block übernahm die Macht und baute Bayern zur rechten Ord­nungs­zelle aus. Mit Oswald Spengler prä­sen­tiert Stum­berger einen Expo­nenten der Rechten.

Das letzte Kapitel ist dem titel­ge­benden »roten Matrosen« Rudolf Egel­hofer gewidmet. Der Kom­mandeur der baye­ri­schen Roten Armee wurde nach Ver­haftung und eben­falls schweren Miss­hand­lungen am 3. Mai 1919 erschossen. Der Sohn aus einer Arbei­ter­fa­milie zählt zu den »Ver­ges­senen der Geschichte«, zitiert der Autor Walter Ben­jamin. Über Egel­hofer ist wenig bekannt, in Poli­zei­be­richten und Artikeln der bour­geoisen Presse sind nur Ver­leum­dungen zu lesen. »Er galt als Bestie in Men­schen­ge­stalt.« In der DDR waren Straßen und ein Rake­ten­schnellboot nach Egel­hofer benannt. Doch auch dessen Name ver­schwand nach 1990. In der Bun­des­re­publik hatte man das von völ­ki­schen Kreisen und den Nazis geprägte Nega­tivbild von ihm tra­diert. Stum­bergers Buch leistet hier einen Beitrag zur dringend not­wen­digen Kor­rektur.

Rudolf Stum­berger: Das Raubtier und der rote Matrose. Fake News, Orte und Ideo­logien der Revo­lution und Räte­re­publik in München 1918/19. Alibri, 163 S., br., 15 €.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​1​0​6​7​4​7​.​b​e​i​d​e​r​s​e​i​t​s​-​d​e​r​-​b​a​r​r​i​k​a​d​e​.html

Peter Nowak

Deutsch gegen Deutschland

Hans Deutsch kämpfte für die Wie­der­gut­ma­chung von NS-Opfern. Ein Buch erinnert daran, wie ein Kartell von Alt­nazis den jüdi­schen Rechts­anwalt kri­mi­na­li­sierten. Die Spuren führen auch in die Schweiz.

Wenn sich Deutschland heute als Welt­meister bei der Auf­ar­beitung der NS-Ver­brechen feiern lässt, wird häufig ver­gessen, dass in West­deutschland bis in die 1980er Jahre die NS-Opfer und ihre Unter­stüt­ze­rInnen bekämpft und ver­leumdet wurden. Wie die wieder in Amt und Würden gelangte ehe­malige NS-Beam­ten­schaft vorging, zeigt die Kam­pagne gegen den in Öster­reich gebo­renen Rechts­anwalt Hans Deutsch. Der Spiegel-Gerichts­re­porter Gerhard Mauz nannte ihn «einen Vor­kämpfer an der Front der Ent­schä­digung für Opfer natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ver­folgung». Der 1906 in Wien Geborene schaffte es, nach dem Ein­marsch der Wehr­macht, das Land zu ver­lassen. Seine jüdi­schen Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Hans Deutsch hatte in Israel eine Anwalts­praxis eröffnet. Doch er zog nach der Nie­derlage des NS nach Wien zurück. Dort machte er sich bald einen Namen als «Mister Wie­der­gut­ma­chung», wie er in der Presse genannt wurde. Nun ist der Begriff Wie­der­gut­ma­chung schon ein Euphe­mismus. Wie hätten die deut­schen Ver­brechen wie­der­gut­ge­macht werden können? Mil­lionen Men­schen waren ermordet worden, noch mehr waren trau­ma­ti­siert und litten ihr gesamtes Leben an den Folgen der Ver­folgung. Wie­der­gut­ge­macht werden sollte hin­gegen der Ruf Deutsch­lands, hier vor allem der BRD bei ihren Ver­bün­deten und in der Welt.
Hans Deutsch hin­gegen hatte das Ziel, als Rechts­anwalt finan­zielle Kom­pen­sa­tionen für die von den Nazis beraubten JüdInnen juris­tisch zu erstreiten. Dabei ging es um wert­volle Möbel und Kunst­werke, um Tep­piche und Por­zellan, die aus den Häusern von wohl­ha­benden jüdi­schen Men­schen zunächst in Deutschland und dann in sämt­lichen von der Wehr­macht besetzten Ländern aus­ge­plündert wurden. Nach der NS-Nie­derlage wollten die dafür Ver­ant­wort­lichen ihre Beute kei­neswegs ver­lieren. Diese Kreise sahen in Hans Deutsch, der mit der Voll­macht als israe­li­scher Anwalt die ersten Sam­mel­klagen der Opfer ein­reichte, einen Feind, der zur Strecke gebracht werden musste. Wie Büro­kra­tInnen, Poli­ti­ke­rInnen und auch manche Medien dabei vor­gingen, ist das Thema eines im Verlag «Das Neue Berlin» her­aus­ge­ge­benen Buches. Es ist ein wahrer Polit­krimi, den der Publizist Burkhart List unter dem Titel «Die Affäre Deutsch» auf fast 500 Seiten – manchmal etwas zu aus­schweifend – vor den Lese­rInnen aus­breitet. Vor allem die zahl­reichen bis heute offenen Fragen hätten besser gebündelt werden sollen. Denn die von List aus­ge­brei­teten Fakten sind alar­mierend genug.

«Deutsche Unver­schämtheit»
1964 war Deutsch unter dem Vorwurf ver­haftet worden, er habe Beweis­ma­terial über die unga­rische Kunst­sammlung Hatvany gefälscht. Die Bilder seien nicht von der SS, sondern von der Roten Armee geraubt worden, so die Anklage. Deutsch wurde des Betrugs beschuldigt, weil er von der BRD dafür Ent­schä­digung ein­klagte. List befasst sich akri­bisch mit den Gegen­spie­le­rInnen von Deutsch, nennt deren NSDAP-Mit­glieds­nummern und Nach­kriegs­kar­rieren. An erster Stelle seien hier der ehe­malige SS-Unter­sturm­bann­führer und spätere Prä­sident des Bun­des­kri­mi­nalamt Paul Dickopf sowie der Beamte im Bun­des­fi­nanz­mi­nis­terium Ernst Féaux de la Croix genannt. Deutsch sass 18 Monaten in Unter­su­chungshaft, doch der Prozess führte erst nach neun Jahren zu seinem Frei­spruch. Deutsch stritt bis zum Lebensende um seine Reha­bi­li­tation. Unter­stützt wurde er von einem kleinen Freun­dIn­nen­kreis, der vor allem in Frank­reich aktiv war. In Deutschland kannte kaum jemand den Mann, der bis zu seinem Tod im Jahr 2002 von der «deut­schen Unver­schämtheit, die Mörder meines Volkes gegen mich auf­mar­schieren zu lassen», sprach. Sein Sohn setzte den Kampf um Gerech­tigkeit für seinen Vater fort. Mit dem 2005 erstellten Film «Deutsch gegen Deutschland» wurde ein Anfang gemacht. Mit seinem Buch setzt Burkhart List, der über viele Jahre die Affäre Deutsch publi­zis­tisch unter anderem für die «Süd­deutsche Zeitung» begleitet hat, diesen Kampf fort.

Bis in die Schweiz
List beschreibt in seinem Polit­krimi, wie die Nazis auch in der offi­ziell neu­tralen Schweiz JüdInnen beraubten. «Der einstige Indus­trie­magnat Bloch-Bauer lebte seit 1939 in Zürich im Exil, doch die Nazis waren noch nicht fertig mit ihm. (…) Der geflüchtete Bloch-Bauer ahnte nicht, dass Dr. Führer vom SS-Geheim­dienst nach Zürich ent­sandt worden war, um ihn auch noch seines letzten Hab und Guts zu berauben», beschreibt der Autor das Treiben der Nazis in der Schweiz im Jahr 1940. Er beschreibt das Ziel des Nazi­be­suchs in der Schweiz: «Obwohl Bloch-Bauer offi­ziell von Freunden lebte, die ihm eine halbe Million Schweizer Franken über­lassen haben, ver­mutete die SS noch Konten in der Schweiz und ein Bank­depot. An dieses Rest­ver­mögen wollte die SS ran.» Daher wurde Bloch Unter­schla­gungen vor­ge­worfen und die Schweizer Insti­tu­tionen spielten mit. «Die Büro­kraten kon­stru­ierten Steu­er­schulden, Straf­zu­schläge und Geld­strafen nach obskuren Straf­ver­fahren und erfanden neue Steuern, um mit astro­no­mi­schen For­de­rungen ihre Opfer unter Druck setzen zu können. (…) Diese Geld­for­de­rungen wollte der SD auch in der Schweiz ein­treiben, und die Schweizer Banken kamen diesen Ansinnen tat­sächlich nach: etwa 200 Mil­lionen Franken von jüdi­schen Konten an das Deutsche Reich. Die Kon­to­in­haber waren diesem Treiben hilflos aus­ge­liefert.» Der SS-Emissär, der diesen Auftrag erle­digen sollte, hiess Erich Führer. 20 Jahre nach dem Ende des NS war er Teil der braunen Seil­schaft, die Hans Deutsch kri­mi­na­li­sierte.

In Erklä­rungsnot
Auch in seiner unmit­tel­baren Umgebung in Lau­sanne lebte ein Altnazi. «Sein Name: Francis Genoud, der ehe­malige SD-Agent aus Lau­sanne», schreibt List. Er konnte nach­weisen, dass Genoud vom dama­ligen Vize­prä­si­denten des BKA Paul Dickopf in den 1960er Jahren auf Hans Deutsch ange­setzt worden war. List setzt auch hinter den thea­tra­lisch insze­nierten Selbstmord von Genoud im Mai 1996 ein Fra­ge­zeichen und geht auf Gerüchte ein, er habe sich mit 81 Jahren mit neuer Iden­tität nach Latein­amerika abge­setzt, wie viele Ex-Nazis 40 Jahre vorher. «Aus einem ein­fachen Grund könnte das es durchaus so sein: Zu diesem Zeit­punkt war die Jagd nach dem Nazigold aus­ge­brochen und Genoud wegen seiner Rolle als Beu­te­schieber der SS in Bedrängnis geraten.» Damals war auch die Schweizer Politik in Erklä­rungsnot geraten. Der Kon­flikt um das Nazigold führte zu einer Aus­ein­an­der­setzung zwi­schen den füh­renden Poli­ti­ke­rInnen der USA und der Schweiz. Von Seiten der rechten SVP wurde der Kon­flikt mit anti­se­mi­ti­schen Tönen «gegen die Anwälte der US-Ost­küste» befeuert. List streifte dieses Thema in einigen Kapiteln nur. Denn bei der Frage, ob Genoud wirklich Selbstmord beging oder nur sein Schweizer Leben beendete, ist er auf Mut­mas­sungen ange­wiesen. Schnell wird dann einem Autoren unter­stellt, er stützte sich auf Ver­schwö­rungs­theorien, um das gesamte Buch zu dis­kre­di­tieren. Das wäre im Fall von Burkhart List besonders bedau­erlich. Hat er doch hier sein pro­fundes Wissen zusam­men­ge­tragen, dass er zur Affäre Deutsch gesammelt hat. Die war so gründlich in Ver­ges­senheit geraten, dass nur zu hoffen ist, dass Buch auch einen Start­schuss gibt, um an einen Mann zu erinnern, der von den Nazis bis in die 1960er Jahre ver­folgt wurde.

List Burkhart: Die Affäre Deutsch. Verlag Das Neue Berlin, 29 Euro.

aus: Vorwärts/17.11.2018

Deutsch gegen Deutschland

Peter Nowak

Umgedeutetes Familienernährermodell

Die For­scherin Lisa Yashodhara Haller über die Pro­bleme junger Eltern bei der Arbeits­teilung
Lisa Yashodhara Haller arbeitet am Institut für Sozial- und Orga­ni­sa­ti­ons­päd­agogik der Stiftung Uni­ver­sität Hil­desheim. Jüngst erschien ihr Buch »Eltern­schaft im Kapi­ta­lismus«. Mit der Fami­li­en­for­scherin sprach Peter Nowak

Für Ihr Buch lei­teten Sie Dis­kus­sionen mit jungen Paaren. Nach welchen Kri­terien wählten Sie diese aus?

Zunächst habe ich all die­je­nigen Gesetze gesichtet, die Eltern bei der Fami­li­en­gründung darin unter­stützen, die Kosten für Kinder zu bestreiten. Anschließend habe ich dann die­je­nigen einer genaueren Analyse unter­zogen, in die ent­weder explizite oder aber implizite Steue­rungs­me­cha­nismen ein­ge­schrieben sind. Weil die sozial- und fami­li­en­po­li­tische Steue­rungs­funktion umso weniger greift, je geringer die von einer gewissen Ein­kom­mens­stärke abhängige Par­ti­zi­pation ist, ist die Aus­handlung um die ver­blei­benden Leis­tungs­an­sprüche in ein­kom­mens­schwachen Familien besonders auf­schluss­reich. Und da es mir um die Frage ging, wie die sozial- und fami­li­en­po­li­ti­schen Leis­tungen die Arbeits­teilung der Eltern beein­flussen, lag es auf der Hand, die Paare ent­spre­chend ihrer Leis­tungs­be­rech­tigung aus­zu­wählen.

Wie ist die Situation junger Paare mit Kindern auf dem Arbeits­markt?

Aus­ge­sprochen schwierig. Wir haben es hier mit einer Generation zu tun, die im Glauben auf­ge­wachsen sind, in einer gleich­be­rech­tigten Gesell­schaft zu leben. Tat­sächlich hat sich aber die männ­liche Erwerbs­bio­grafie auch für Frauen ver­all­ge­meinert. Darin kommen Kinder und all die Arbeit, die für diese auf­ge­bracht wird, schlicht nicht vor. Viele junge Eltern rea­li­sieren erst nach der Geburt eines Kindes, was das bedeutet – nämlich eine Erwerbs­un­ter­bre­chung. Obwohl die Für­sorge den Müttern zuge­schrieben wird, müssen diese sich für die Für­sorge, die sie anstelle einer Erwerbs­arbeit erbringen, recht­fer­tigen. Und das tun sie innerhalb der von mir ange­lei­teten Paar­dis­kus­sionen vehement. Dabei recht­fer­tigen sie ihre Erwerbs­un­ter­bre­chung nicht mit den Kindern, sondern damit, dass sie sich eine Erwerbs­un­ter­bre­chung ver­dient haben. Kin­des­für­sorge und der Umstand, dass diese Zeit und sehr viel Energie erfordert, sind in unserer Gesell­schaft irgendwie abhan­den­ge­kommen.

Wird nicht ver­stärkt auch die Betei­ligung der Väter an der Kin­der­er­ziehung gefordert?

Die neue Fami­li­en­po­litik for­ciert eine Gleich­stel­lungs­po­litik, adres­siert aber wei­terhin den Vater als Fami­lien­er­nährer. Indi­vi­duell ist es den Eltern nicht möglich, diese Wider­sprüche auf­zu­lösen. Aus diesem Grund wird die Paar­be­ziehung mit der Fami­li­en­gründung zu einer Arena von Umdeu­tungen. Für die Paare besteht die dop­pelte Her­aus­for­derung, die wirt­schaft­liche Not­wen­digkeit einer Arbeits­teilung, bei welcher der Vater die Familie finan­ziert, im Anschluss an die Fami­li­en­gründung mit einer Gleich­stel­lungs­rhe­torik zu recht­fer­tigen. Indem die Mütter den Bezug fami­li­en­po­li­ti­scher Leis­tungen als selbst­be­stimmte Ent­scheidung inter­pre­tieren, kommen sie zumindest rhe­to­risch der staat­lichen Auf­for­derung nach, in jeder Lebens­phase selbst­ständig und autonom zu agieren.

Welche Folgen hat diese Situation für die Mütter?

Lang­fristig führt das männ­liche Fami­lien­er­nährer­modell zu weib­licher Armut. Aber auch dazu, dass Kinder häu­figer als bislang ange­nommen in rela­tiver Armut auf­wachsen. Die oben auf­ge­führte Studie schlägt ein Teil­ha­begeld für Kinder vor, eine Art Kin­der­grund­si­cherung, in dem bereits bestehenden mone­tären Leis­tungen gebündelt werden.

Wieso gibt es so wenig wider­stän­diges Ver­halten bei den betrof­fenen Paaren?

Tat­sächlich können sich nur wenige Paare vor­stellen, was auf sie im Zuge der Fami­li­en­gründung zukommt. Das ist ja auch gut so, aber es führt dazu, dass man in der Situation dann alles richtig machen möchte, ange­sichts der Ver­ant­wortung für ein Kind sehr gefordert ist und die Hand­lungs­mög­lich­keiten sehr ein­ge­schränkt sind. Es ist immer leichter, sich indi­vi­duell mit den Ver­hält­nissen zu arran­gieren, als sich zu orga­ni­sieren. Das trifft auf Eltern in beson­derem Maße zu, weil sie mit ihren Res­sourcen und konkret mit der ihnen zur Ver­fügung ste­henden Zeit sehr gut haus­halten müssen.

Also liegt die man­gelnde Wider­stands­be­reit­schaft an der man­gelnden Zeit der Paare?

Ja. Erst mit der Fami­li­en­gründung wird die Trennung von Lebens­be­reichen, die für unsere kapi­ta­lis­tische Wirt­schaft so signi­fikant ist, für die Eltern erfahrbar. Die Pro­bleme, die mit der Fami­li­en­gründung ein­her­gehen, werden aber nicht auf die Wirt­schaft zurück­ge­führt, sondern indi­vi­dua­li­siert. Sie sprechen die Pro­bleme nicht an, sondern ver­tu­schen sie – oder deuten sie um. Durch diese Indi­vi­dua­li­sierung machen sie das Problem unsichtbar. Das ist eine restriktive Bewäl­ti­gungs­stra­tegie, mit deren Hilfe Eltern die Wider­sprüche durch Umdeu­tungen auf­zu­lösen ver­suchen. Diese Form der Wider­spruchs­be­wäl­tigung ist deshalb pro­ble­ma­tisch, weil sie die all­täg­lichen Kon­flikte nicht auf die Ver­hält­nisse zurück­führt, weshalb deren Ver­än­derung aus­ge­schlossen bleibt.

Interview: Peter Nowak

Spanische Revolution

Buen­aventura Durutti ist vielen als spa­ni­scher Anar­chist bekannt. Doch wer kennt Amparo Poch y Gascón? Über die Mit­be­grün­derin der liber­tären Frau­en­or­ga­ni­sation Mujeres Libres hat Martin Bax­meyer jetzt eine Bio­grafie her­aus­geben, die sich auch kri­tisch mit dem Umgang der spa­ni­schen Anarchist_​innen mit selbst­be­wussten Frauen aus­ein­an­der­setzt. Bax­meyer erwähnt den mili­tanten Anti­fe­mi­nismus Proudhons, der auch unter spa­ni­schen Anarchist_​innen Anhänger_​innen fand. Doch er beschreibt auch Strö­mungen im Anar­chismus, die sich für die Rechte der Frauen ein­setzten. Den Femi­nismus lehnten aller­dings auch sie ab, weil er im dama­ligen Spanien als Bewegung wohl­ha­bender Frauen aus dem Bür­gertum galt. Kri­tisch geht Bax­meyer mit dem anar­chis­ti­schen Mythos der bewaffnet kämp­fenden Frau um. Auf den während der Spa­ni­schen Revo­lution ver­brei­teten Fotos seien Models in Uniform abge­bildet gewesen; mit der Rea­lität innerhalb der liber­tären Milizen habe das nur wenig zu tun gehabt. Bax­meyer hat mit seinem Buch über Amparo von Poch y Gascón auch eine kri­tische Aus­ein­an­der­setzung mit Mythos und Rea­lität der liber­tären Bewegung in Spanien vor­gelegt – ganz im Sinne von Poch y Gascón, die auch in den eigenen Reihen nicht mit Kritik und Spott sparte. Das belegen ihre am Schluss des Buches doku­men­tierten Artikel, in denen sie sich über büro­kra­ti­schen Leerlauf und den Drang, Pro­bleme in irgend­welche Komitees abzu­schieben, lustig machte.

Peter Nowak

aus: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 643 / 13.11.2018
https://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​6​4​3​/​0​3.htm


Martin Bax­meyer (Hg.): Amparo Poch y Gascón. Bio­graphie und Erzäh­lungen aus der spa­ni­schen Revo­lution. Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution, Hei­delberg 2018. 152 Seiten, 13, 90 EUR.

Vor 80 Jahren

Rezension von: Alina Bothe und Gertrud Pickhan (Hg.): »Aus­ge­wiesen! Berlin, 28. 10. 1938. Die Geschichte der ´Polen­aktion´«


»Pol­nische Juden unter Einsatz von Schuss­waffen über die Grenze gezwungen«, lautete am 30. Oktober 1938 eine Schlag­zeile in der bri­ti­schen Presse. Es ging um

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Ausgewiesen! Berlin, 28.10.1938

In diesen Tagen jährt sich zum 80ten Mal eine weit­gehend ver­gessene Aktion, mit der NS-Deutschland die Grenzen des Unrechts aus­testete. Heute, wo der Faschismus für die Märkte wieder eine Option ist, ist es not­wendig, sich zu erinnern.


»Die Aktion wurde von der Polizei mit großer Bru­ta­lität durch­ge­führt.

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Möglichkeiten von Befreiung

Karl Reitters »Heinz Steinert und die Wider­stän­digkeit seines Denkens«

Der 2011 ver­storbene Heinz Steinert war ein Uni­ver­sal­ge­lehrter. Er stu­dierte Phi­lo­sophie, Psy­cho­logie, Ger­ma­nistik und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, absol­vierte eine psy­cho­ana­ly­tische Aus­bildung, wurde im Fach Psycho­logie pro­mo­viert und habi­li­tierte sich in Sozio­logie. Er war Mit­be­gründer und bis 2000 wis­sen­schaft­licher Leiter des Instituts für Rechts- und ­Kri­mi­nal­so­zio­logie in Wien und von 1978 bis 2007 Pro­fessor für Sozio­logie an der Goethe-Uni­ver­sität in Frankfurt. Nun ist eine Ein­führung in das Denken Stei­nerts, der mit ­seiner Arbeit immer auch die gesell­schaft­liche Eman­zi­pation vor­an­treiben wollte, erschienen. Ver­fasst hat sie der Wiener Phi­losoph Karl Reitter.

Mit Adorno und der Frank­furter Schule hatte sich Steinert jah­relang beschäftigt. Während er trotz aller Kritik im Detail die Frank­furter Schule zum wider­stän­digen Denken zählte, hielt er Max ­Webers zen­trales Werk »Die pro­tes­tan­tische Ethik und der Geist des Kapi­ta­lismus« für unwis­sen­schaftlich. Reitter zeichnet in einem Kapitel die gra­vie­renden Fehler nach, die Steinert Weber nachwies. Ein wei­teres Kapitel widmet sich dem Kri­mi­nal­so­zio­logen Steinert, der sich wis­sen­schaftlich begründet für eine Gesell­schaft ohne Gefäng­nisse ein­setzte und die Sinn­haf­tigkeit von Haft­strafen hin­ter­fragte.

Dabei for­mu­lierte er Thesen, die gerade in der der­zei­tigen Law-and-Order-Stimmung erstaunlich aktuell sind: »Zwi­schen der Strenge der Strafen, der Anzahl der Men­schen in Gefäng­nissen und der Summe der ver­übten Strafen besteht ein erkenn­barer Zusam­menhang. Weder die Höhe der Strafen noch die Wahr­schein­lichkeit, ein­gesperrt zu werden, selbst die Todes­strafe ver­hindern Ver­brechen.« Reitter schließt das infor­mative Buch mit der Hoffnung, dass es dazu bei­trage, »wider­stän­diges Denken ­bekannter zu machen«. Das ist ihm zu wün­schen.

Karl Reitter: Heinz Steinert und die Wider­stän­digkeit seines Denkens. Dampfboot-Verlag, Münster 2018, 213 Seiten

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​4​3​/​m​o​e​g​l​i​c​h​k​e​i​t​e​n​-​v​o​n​-​b​e​f​r​eiung

Peter Nowak

Von den Schwierigkeiten, Revolution zu machen

Rainer Thomann und Anita Frie­detzky über Auf­stieg und Fall der Arbei­ter­macht in Russland

»Dadurch, dass sich die Arbeiter an der Selbst­ver­waltung in den ein­zelnen Unter­nehmen betei­ligen, bereiten sie sich auf jene Zeit vor, wenn das Pri­vat­ei­gentum an Fabriken und Werken abge­schafft sein wird und die Pro­duk­ti­ons­mittel zusammen mit den Gebäuden, die auch von Arbei­terhand geschaffen wurden, in die Hände der Arbei­ter­klasse über­gehen.«
Dies ist ein Zitat aus den Pro­to­kollen der Fabrik­ko­mitees der Putilow-Werke in Petersburg, dem spä­teren Leningrad. Die Beschäf­tigten des Maschi­nen­bau­kon­zerns spielten 1917 eine wichtige Rolle beim Sturz des Zaren und in der Zeit der Dop­pel­herr­schaft, als den Arbei­ter­räten ein gewich­tiges Wort in der gesell­schaft­lichen Umwandlung Russ­lands zukam.

Zeug­nisse dieser Selbst­or­ga­ni­sation rus­si­scher Arbeiter liegen jetzt erstmals auf Deutsch vor. Zu danken ist dies der Ham­burger Rus­sisch­leh­rerin und Publi­zistin Anita Frie­detzky, die sich der schwie­rigen Aufgabe gewidmet hat, Pro­to­kolle von Sit­zungen der Fabri­kräte im revo­lu­tio­nären Russland so zu über­setzen, dass sie heu­tigen Lesern ver­ständlich sind und ihnen authen­tische Ein­blicke in eine stür­mische, längst ver­gangene Zeit geben, als Arbeiter Geschichte schrieben. Grundlage ihrer Über­setzung ist ein schon 1979 in einem Mos­kauer Wis­sen­schafts­verlag erschie­nener Sam­melband: »Die Fabrik- und Werk­ko­mitees Petro­grads 1917.
Der Ber­liner Verlag Die Buch­ma­cherei hat die Pro­to­kolle ver­dienst­voll­er­weise noch mit einem aus­führ­lichen Glossar ver­sehen. Dort werden heute kaum noch bekannte Per­sonen vor­ge­stellt und Orga­ni­sa­tionen erklärt, die vor über 100 Jahren die Geschicke in Russland mit­be­stimmten. Das Pro­tokoll selbst, ein­schließlich der dazu­ge­hö­renden Anlagen und Erläu­te­rungen, nimmt nur knapp ein Drittel des Buches ein, zwei Drittel sind der his­to­ri­schen Ein­führung aus der Feder des Schweizer Räte­kom­mu­nisten Rainer Thomann vor­be­halten. Er bietet einen sach­kun­digen Über­blick nicht nur über die ent­schei­denden Monate des tur­bu­lenten Jahres 1917, sondern auch über die Geschichte der Indus­tria­li­sierung und der Arbei­ter­be­wegung im zaris­ti­schen Russland.

Thomann stützt sich dabei vor allem auf Nikolai Suchanow, dessen Tagebuch der Rus­si­schen Revo­lution in deut­scher Sprache nur noch anti­qua­risch erhältlich ist. Suchanow war gelernter Eisen­bahner, der ein Phi­lo­so­phie­studium aufnahm. Schon früh enga­gierte er sich in der rus­si­schen Arbei­ter­be­wegung, blieb aber auf Distanz zu allen Par­teien. Auch das Agieren der Bol­schewiki 1917 bewertete er äußerst kri­tisch, warnte gar vor deren Macht­an­spruch. Trotzdem stellte er sich nach der Okto­ber­re­vo­lution der neuen Macht als Wirt­schafts­fachmann zur Ver­fügung. Seine Hoffnung, mög­lichst viel von den Räten und den Ideen und Prak­tiken der Selbst­ver­waltung zu erhalten, erfüllte sich nicht. Thomann stellt sich 100 Jahre später die Frage, warum das nicht gelungen ist. Wer die Pro­to­kolle der Beschäf­tigten der Putilow-Werkle liest, wird sich hüten, dafür allein die auto­ri­tären Ansprüche der Bol­schewiki ver­ant­wortlich zu machen. Denn in den Berichten werden auch die immensen Pro­bleme deutlich, mit denen damals Land und Leute, vor allem die arbei­tenden Massen, kon­fron­tiert waren.

In den Pro­to­kollen ist oft von Ver­ta­gungen der Dis­kussion um strittige Punkte und von der Über­weisung wich­tiger Fragen in ein anderes Komitee die Rede. Da drohte bei­spiels­weise der Betriebs­apo­theke wegen 80 000 Rubel Schulden die Schließung, was sich für die Ver­sorgung der Arbeiter fatal aus­wirken musste. Man erfährt, dass die Betriebs­ko­mitees auch Sank­tionen aus­sprechen konnten, etwa gegen Per­sonen, die sich den Anord­nungen der Werks­ko­mitees oder der Werk­ab­tei­lungs­ko­mitees nicht unter­ord­neten bzw. als Störer der Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tionen des Betriebes emp­funden wurden. Pro­to­kol­liert sind Akti­vi­täten der »Eiferer für Bildung und Kunst«, die in den Putilow-Werken Thea­ter­stücke auf­führten. Viel Raum wid­meten die Komitees den Bezie­hungen zur Bevöl­kerung auf dem Land. So sollten im direkten Kontakt Pro­dukte aus der Fabrik gegen Nah­rungs­mittel bei den Bauern ein­ge­tauscht werden.

Der ewige Kon­flikt zwi­schen Stadt und Land hat die frühen Jahre der Sowjet­union über­schattet, die Groß­städte waren vom Land abhängig wie auch umge­kehrt. Vielfach wurden die fal­schen Maß­nahmen ergriffen, bei­spiels­weise Zwangs­ein­trei­bungen und Requi­rie­rungen.

Es ist zu begrüßen, dass mit diesem Band ein Zeit­do­kument auf dem deut­schen Buch­markt erschienen ist, das die Schwie­rig­keiten einer Revo­lution auf­zeigt.

• Rainer Thomann/​Anita Frie­detzky: Auf­stieg und Fall der Arbei­ter­macht in Russland.
Die Buch­ma­cherei, 682 S., kart. 24 €.

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Peter Nowak