Als die Kopf- Handarbeiter wurden

Linke Stu­denten heu­erten in den 70er Jahren in Fabriken an – ein fast ver­ges­senes Expe­riment
Was heute kaum vor­stellbar klingt, war Anfang der 1970er Jahre weit ver­breitet. Einige Tausend junge Linke tauschten den Semi­nar­stuhl gegen die Werkbank ein, um die Arbei­ter­klasse für Revo­lution und Kom­mu­nismus zu begeistern. Einige blieben für immer.
 
Was haben der IG-Metall-Vor­sit­zende Berthold Huber und der grüne Ex-Außen­mi­nister Joschka Fischer gemeinsam? Beide heu­erten in den 70er Jahren in einer Fabrik an, um über die Gründung einer Betriebs­gruppe die Arbeiter zu poli­ti­sieren und so die Revo­lution vor­an­zu­treiben. Wie Huber und Fischer sind in den 70er Jahren tau­sende junge Linke in die Pro­duktion gegangen. In Berichten über die 68er Bewegung bleiben diese »Fabrik­in­ter­ven­tionen« oft aus­ge­spart. Jetzt hat der Ber­liner Poli­tik­wis­sen­schaftler Jan Ole Arps ein gut les­bares Buch über dieses ver­gessene Expe­riment linker Geschichte her­aus­geben.

Dabei tut er die Idee nicht als Spin­nerei ab, wie es heute üblich ist. Vielmehr erklärt Arps, wie es zu dem Interesse an der Fabrik kam. So war die Stu­die­ren­den­be­wegung schon 1968 an ihre Grenzen gestoßen, der SDS als größte Orga­ni­sation war von Flü­gel­kämpfen gelähmt, die erhoffte gesell­schaft­liche Ver­än­derung blieb aus. Nicht nur mao­is­tisch ori­en­tierte Stu­die­rende, sondern auch Anhänger der undog­ma­ti­schen Linken wie Fischer – später Spontis genannt – ori­en­tierten sich um in Richtung Betriebs­arbeit. Arps hat mit eins­tigen Akti­visten beider Rich­tungen gesprochen und arbeitet die Unter­schiede heraus.

Die diversen mao­is­ti­schen Gruppen hatten die Devise aus­ge­geben, dass die Neu­ar­beiter ihre sub­kul­tu­relle Phase hinter sich lassen sollen. »Ich hatte vorher eine lange Matte und Bart und als ich dann zu Ford ging, da hatte ich die Haare ganz kurz«, erinnert sich der Ex-Maoist Reiner Schmidt an den Beginn seines neuen Lebens­ab­schnitts. Die Undog­ma­ti­schen pro­pa­gierten den umge­kehrten Weg. »Es ging nicht um Anpassung ans Arbei­ter­dasein, sondern um die Bewahrung rebel­li­scher Sub­jek­ti­vität … trotz der Arbeit bei Opel«, schreibt Arps. Sie wohnten weiter in Wohn­ge­mein­schaften und erholten sich in der linke Szene von der anstren­genden Fabrik­arbeit. Die Revo­lution konnten beide Strö­mungen bekann­ter­maßen nicht anzetteln. Aber das Inter­mezzo bei den Malo­chern hatte zumindest für die Spontis vorher nicht erwartete Folgen. Vor allem junge Arbeiter begeis­terten sich für deren hedo­nis­ti­schen Lebensstil und schmissen den Job an der Werkbank hin. »Sie ent­flohen der Enge des elter­lichen Zuhauses und der Mono­tonie der Fabrik, zogen in eine der vielen Sze­ne­woh­nungen und schal­teten sich in die auf­kom­menden Haus­be­set­zungen ein.«

Während die Spontis bald ganz Abschied von der Fabrik nahmen, wurde aus manchem Ex-Mao­isten ein linker Gewerk­schafter. Dafür musste ideo­lo­gisch abge­rüstet, Agi­ta­ti­ons­an­lei­tungen igno­riert und sich den realen Pro­blemen im Betrieb zuge­wendet werden. »Die Kon­kurrenz der Linken unter­ein­ander wirkte befremdlich, ebenso die ständige Wie­der­holung, dass wir Arbeiter uns dieses oder jenes nicht gefallen lassen sollen«, erinnert sich Ingrid Köster an die erste Zeit im Betrieb.

Inzwi­schen hat die Com­pu­te­ri­sierung den Beschäf­tigten Ent­lastung gebracht, aber zugleich manchen Freiraum genommen, den sie sich in den großen Fabriken erkämpft hatten. Der Meister oder der Akkord­fachmann konnte nun im Büro ohne Wissen des Arbeiters die Daten abrufen. »Wie viel Stück hat er in der ersten Stunde gemacht? Wann stand die Maschine still?«, zitiert Arps einen Betriebsrat. Heute sind viele gezwungen, unter pre­kären Bedin­gungen zu arbeiten, sitzen ver­einzelt zu Hause. Orga­ni­sierung, nicht Fabrik­in­ter­vention ist die zen­trale Frage.

Jan Ole Arps: Früh­schicht. Linke Fabrik­in­ter­vention in den 70er Jahren. Berlin-Hamburg 2011. 238 Seiten, 16 Euro.

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Peter Nowak

Großer Aufwasch bei Accor

Filmdoku über Arbeits­kampf von Rei­ni­gungs­kräften in Frank­reich

Einigen sind die express-Berichte über den Arbeits­kampf der drei Dutzend Rei­ni­gungs­kräfte gegen die Hotel­kette Accor in Frank­reich sicher noch in Erin­nerung: Über drei Jahre, von 2002 bis 2004, hatten wir diese Aus­ein­an­der­setzung publi­zis­tisch und mit Ver­an­stal­tungen begleitet. Nicht zuletzt ging es um die Frage, ob und inwiefern poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Druck auf den „Gene­ral­un­ter­nehmer“ in dieser von extremer Frag­men­tierung und Sub­un­ter­neh­mertum geprägten Branche erfolg­reich sein kann. Neben den Erfah­rungen und Ergeb­nissen der Aus­ein­an­der­setzung, die in der Reihe Rän­ke­schmiede (Nr. 14) fest­ge­halten sind, ist nun eine fil­mische Doku­men­tation erschienen, die für gewerk­schaft­liche und öffent­liche Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tungen genutzt werden kann:

„Kämpfen – wie in Frank­reich“, lautet eine viel stra­pa­zierte Parole, wenn es um Streiks und Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen Kapital und Arbeit geht. Der Film „Großer Auf­wasch im Sub­un­ter­nehmen“, der jetzt auf Deutsch erhältlich ist, zeigt, was damit gemeint sein kann. Er doku­men­tiert den jah­re­langen Kampf von Rei­ni­gungs­frauen, meist afri­ka­ni­scher Her­kunft, die in Hotels der Accor-Kette in Frank­reich für die Senkung des Arbeits­ak­kords und die Bezahlung nach Arbeits­stunden statt nach geputzten Hotel­zimmern kämpfen. Der Film zeigt einen Streik, wie er in Deutschland kaum denkbar wäre: Die Frauen besetzen Hotel­foyers und lassen sich dort zum Picknick nieder. Unter den Augen der empörten Hotel­leitung und mancher nicht minder empörter Hotel­gäste, die beim Essen nicht von den Belangen des Rei­ni­gungs­per­sonals gestört werden wollen, das ihnen die Zimmer sauber zu halten hat, machen die Frauen deutlich, dass sie sich nicht weg­schieben und auch nicht den Mund ver­bieten lassen werden.
In einem der Hotels hin­ter­lassen die Frauen gemeinsam mit dem Unter­stüt­zungs­ko­mitee soviel Unordnung, dass es für einige Stunden geschlossen werden muss. Der Film zeigt, mit welcher Gelas­senheit diese Men­schen Aktionen des zivilen Unge­horsams prak­ti­zieren, sich dabei völlig offen äußern und foto­gra­fieren lassen. Auch der Druck von Ehe­männern und Ver­wandten kann ihre Kampf­be­reit­schaft nicht dämpfen. Eine Frau berichtet, wie sie während des Streiks von den Eltern ihres Mannes unter Druck gesetzt wurde, den Streik abzu­brechen, weil sie doch zum Arbeiten nach Frank­reich gekommen sei.
„Großer Auf­wasch im Sub­un­ter­nehmen“ doku­men­tiert damit auch ein Bei­spiel, wo es die Männer sind, die Druck auf die strei­kenden Frauen ausüben – und nicht umge­kehrt, wie es oft in der Geschichte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung erscheint.

Nachdem die Frauen dem Accor-Konzern und seinen Sub­un­ter­nehmen endlich einen akzep­tablen Vertrag abge­rungen haben, wird Faty Mayant, eine der Streik­ak­ti­vis­tinnen der ersten Stunde, ent­lassen. Gemeinsam mit einem Soli­da­ri­täts­ko­mitee nimmt sie den Kampf dagegen auf und lässt sich auch von Polizei und Hotel­leitung nicht ein­schüchtern. Dabei hat sie noch nicht einmal die Unter­stützung all jener Frauen, die jah­relang mit ihr gestreikt haben. Doch in dieser Situation zeigt sich, wie wichtig die Arbeit des Soli­da­ri­täts­ko­mitees ist. Der Film doku­men­tiert, mit welcher Ent­schlos­senheit Faty Mayant für ihre Sache streitet und schließlich einen Teil­erfolg erzielt. Ihren Job bekommt sie zwar nicht zurück, doch erhält sie eine finan­zielle Abfindung. Die Fil­me­ma­cherin Ivora Cusack und das Kol­lektiv 360°, das die Strei­kenden begleitet hat, machen in dem Film deutlich, dass die Rei­ni­gungs­kräfte von Accor und ins­be­sondere Faty Mayant mit ihrem Kampf auch vielen anderen Mut gemacht haben, gegen unhaltbare Zustände an ihren Arbeits­plätzen auf­zu­stehen – und dies in einer Branche, die exem­pla­risch für die Infor­ma­li­sierung, Pre­ka­ri­sierung und Indi­vi­dua­li­sierung von Arbeits­ver­hält­nissen und damit für die These der „Unor­ga­ni­sier­barkeit“ steht.
 
Peter Nowak

„Großer Auf­wasch im Sub­un­ter­nehmen“, Frank­reich 2010, 70 min., mit deut­schen Unter­titeln
Produktion/​Vertrieb: Kol­lektiv 360° et même plus
Bestel­lungen über: http://​remue​-menage​.360et​me​meplus​.org/
Der Film kann für öffent­liche und gewerk­schaft­liche Schu­lungs- und/​oder Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tungen zur Ver­fügung gestellt werden und kostet, je nach Finanz­aus­stattung der Ver­an­stalter, zwi­schen 25 und 100 Euro (Soli­da­ri­täts­ver­an­stal­tungen kos­tenlos).

Peter Nowak

aus Express, Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit, 1/2011

http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​r​e​s​s​/​i​n​d​e​x​.html

Maoistische Anklänge und Harmonie

Von Fabrik­ar­bei­ter­sui­ziden über »Boss­napping« bis hin zur Situation von Sex­ar­bei­te­rinnen – in einem neuen Sam­melband unter­suchen Wis­sen­schaftler und Akti­visten die aktuelle Lage der Arbei­ter­klasse in China.
»Sie setzten den Direktor auf die Lade­fläche eins Prit­schen­wagens und zwangen ihn, die schmerz­hafte und ernied­ri­gende Flugzeug-Haltung ein­zu­nehmen – vor­ge­beugt und mit den Armen zur Seite aus­ge­streckt.« Diese Beschreibung eines »Boss­napping« bei einem Streik von Sei­den­webern in der chi­ne­si­schen Provinz Sichuan ver­danken wir dem Hong­konger Sozi­al­wis­sen­schaftler Chris King-Chi Chan. Der Bericht findet sich in einem neuen Sam­melband zur Situation der Arbei­ter­klasse in China.

Vor zwei Jahren war im gleichen Verlag ein Buch über die chi­ne­si­schen Wan­der­ar­bei­te­rinnen erschienen, die aus ihren Dörfern in die Welt­markt­fa­briken zum Arbeiten kommen. In dem neuen Band wurde das Blickfeld erweitert. Neun Wis­sen­schaftler und ein sozi­al­po­li­ti­scher Zusam­menhang ana­ly­sieren die Situation der unter­schied­lichen Sek­toren der chi­ne­si­schen Arbei­ter­klasse. So widmet sich US-Anthro­po­login Zhan Tiantian chi­ne­si­schen Sex­ar­bei­te­rinnen, die offi­ziell als Hos­tessen bezeichnet werden. Sie zeigt auf, dass die regie­rungs­of­fi­zielle Anti-Pro­sti­tu­ti­ons­kam­pagne ihre Arbeits­be­din­gungen ver­schlechtert. Über Formen des Wider­stands gibt es in dieser Branche indes wenig zu berichten.

Die unter­schied­lichsten Formen des Wider­stands, von indi­vi­du­ellen Ver­zweif­lungs­taten bis zu kol­lek­tiver Gegenwehr, werden im Buch vor­ge­stellt. Für inter­na­tionale Auf­merk­samkeit sorgte ein Streik beim Auto­konzern Honda im Mai und Juni 2010. Die Hin­ter­gründe der Arbeits­nie­der­le­gungen werden detail­liert unter­sucht und betont, dass die Arbeits­nie­der­le­gungen ohne jeg­liche gewerk­schaft­liche Unter­stützung von den Arbeitern selbst orga­ni­siert wurden. Beim Auto­konzern Foxconn hin­gegen lenkten mehrere Selbst­morde von Beschäf­tigten den Blick auf die schlechten Arbeits­be­din­gungen.

Bei ihren Pro­testen benutzten die Beschäf­tigten oft Losungen aus der mao­is­ti­schen Tra­dition. »Die Arbeiter sind die Herren des Staates. Nieder mit der neu ent­stan­denen Bour­geoisie. Ja, zum Sozia­lismus. Nein, zum Kapi­ta­lismus«, lau­teten die Parolen auf Trans­pa­renten, mit denen Arbeiter aus der Eisen- und Stahl­in­dustrie in der Provinz Liaoning auf die Straße gegangen sind. Mehrere Autoren berichten über mao­is­tische Bezüge auch bei anderen Kämpfen. Die in Hongkong leh­rende Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Pun Ngai zeigt in einem kurzen his­to­ri­schen Abriss auf, dass bis Ende der 70er Jahre der Klas­sen­kampf in der offi­zi­ellen chi­ne­si­schen Politik eine große Rolle spielte. Erst in den 80er Jahren sei auch in China offi­ziell Karl Marx durch Max Weber ersetzt worden. Ngai betont, dass ein aktu­eller Klas­sen­be­griff sinn­voller- weise nur als Waffe von unten in den Fabriken und Arbei­ter­wohn­heimen neu begründet werden kann. Dafür liefert das Buch viele Bei­spiele.

Mehrere Autoren setzen sich in dem Buch kri­tisch mit unter­schied­lichen Inte­gra­ti­ons­ver­suchen der Arbei­ter­kämpfe aus­ein­ander. Dazu gehört für sie auch der ver­än­derte Diskurs der chi­ne­si­schen Regierung, die für ihr Konzept einer har­mo­ni­schen Gesell­schaft Gewerk­schaften als Sozi­al­partner akzep­tiert. Dazu gehören auch die neu ein­ge­rich­teten und von den Beschäf­tigten häufig genutzten Schlich­tungs­ver­fahren bei Pro­blemen am Arbeits­platz. Kri­tisch wird auch der Versuch bewertet, aus kämp­fe­ri­schen Arbeitern Bürger mit Rechten zu machen. Genauso kri­tisch müssen auch die fal­schen Freunde der chi­ne­si­schen Arbeiter in den west­lichen Ländern ein­ge­schätzt werden, die die berech­tigten Kämpfe der chi­ne­si­schen Beschäf­tigten gleich zu einem Kampf gegen das chi­ne­sische Gesell­schafts­system hoch­sti­li­sieren wollen.

Pun Ngai, Ching Kwan Le, u.a.: Auf­bruch der zweiten Generation, Wan­der­ar­beiter, Gender und Klas­sen­zu­sam­men­setzung in China. Berlin/​Hamburg 2010. Verlag Asso­ziation A, 294 Seiten, 18 Euro.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​9​0​6​6​5​.​m​a​o​i​s​t​i​s​c​h​e​-​a​n​k​l​a​e​n​g​e​-​u​n​d​-​h​a​r​m​o​n​i​e​.html

Peter Nowak

NS-Falschgeldaktion

Durch den preis­ge­krönten Film »Der Fäl­scher« wurde ein bisher wenig beach­tetes Kapitel der NS-Ver­bre­chens­ge­schichte bekannt. Im Rahmen der »Ope­ration Bernhard« mussten jüdische Zwangs­ar­beiter im KZ-Sach­sen­hausen Falschgeld her­stellen. Florian Osuch hat sich in der Abschluss­arbeit seines Diplom­in­ge­nieur-Stu­diums im Bereich Druck­technik diesem Thema gewidmet. Das daraus ent­standene Buch beginnt mit einem kurzen his­to­ri­schen Exkurs über die Geschichte von Geld­fäl­schungen seit der Antike. Osuch arbeitet die besondere ver­bre­che­rische Qua­lität der NS-Falsch­geld­aktion heraus, die in einem abge­schirmten Bereich im KZ Sach­sen­hausen durch­ge­führt wurde. 142 Drucker, Gra­veure und Schrift­setzer wurden zwi­schen 1942 und 1944 in die Fäl­scher­werk­statt ver­schleppt; sieben erkrankte Häft­linge wurden von der SS erschossen. Die Nazis wollten mit der Falsch­geld­aktion zunächst Groß­bri­tannien und später auch die USA öko­no­misch desta­bi­li­sieren. Mit der abseh­baren Nie­derlage des NS-Regimes dienten die gefälschten Geld­mengen auch dazu, NS-Ver­ant­wort­lichen die Flucht nach Spanien oder Latein­amerika zu erleichtern. Adolf Burger, einer der letzten Über­le­benden der »Ope­ration Bernhard«, mit dem Osuch Gespräche führte, berichtet auch, wie die Zwangs­ar­beiter unter Lebens­gefahr den Druck des Falsch­geldes ver­zö­gerten und so einen Beitrag zum Wider­stand leis­teten. In seinem Fazit kommt Osuch zu dem Schluss, dass die »Ope­ration Bernhard« der bri­ti­schen Öko­nomie beträcht­lichen Schaden zugefügt hat. Noch in den 1950er Jahren mussten zahl­reiche Geld­scheine aus dem Verkehr gezogen werden. Im Anhang listet Osuch die Namen von 70 an der Falsch­geld­aktion feder­führend betei­ligte NS-Tätern auf. Es wäre lohnend zu erfor­schen, wie viele davon später das Falschgeld für den Ein­stieg in die Post-NS-Ära nutzten.

http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​5​5​7​/​3​3.htm

Peter Nowak

Florian Osuch: »Blüten« aus dem KZ. Die Falsch­geld­aktion »Ope­ration Bernhard« im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Sach­sen­hausen. VSA-Verlag, Hamburg 2009. 136 Seiten, 12,80 EUR

Lob der Lagerfeuer-Initiative

Vom Sturm auf die Gip­felorte zur Blo­ckade – der libertäre Teil der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Bewegung

Während die glo­ba­li­sie­rungs­kri­tische Bewegung in der Flaute ist, scheint das Interesse an der Zeit zu wachsen, als inter­na­tionale Polit­Gipfel von län­der­über­grei­fenden Mas­sen­pro­testen begleitet waren. So hat der Laika-Verlag gerade einen Film von Verena Vargas wieder aus­ge­graben, die den Son­derzug von Glo­ba­li­sie­rungs­kri­tikern zu den G8-Pro­testen nach Evian im Juni 2003 begleitet hatte. In »evain­naive« zeigt Vargas auch, wie in zahl­reichen Plena in einem spe­zi­ellen Waggon die direkte Demo­kratie auf die Probe gestellt wurde. Für den israe­li­schen Sozi­al­wis­sen­schaftler und Anar­chisten Uri Gordon sind diese Ver­suche von Selbst­or­ga­ni­sierung Bei­spiele für aktuelle anar­chis­tische Theorie und Praxis.

„Lob der Lager­feuer-Initiative“ wei­ter­lesen

Vom Linkskommunisten zum Ustascha-Freund

1926 fuhr der kroa­tische Kom­munist Ante Ciliga voll Begeis­terung in die junge Sowjet­union. Dort wurde er schnell zum Kri­tiker der sowje­ti­schen Ent­wicklung. Zunächst sym­pa­thi­sierte er mit der trotz­kis­ti­schen Oppo­sition, der er aber bald vorwarf, lediglich Sym­ptome zu kri­ti­sieren. Seitdem rekla­mieren einige räte­kom­mu­nis­tische und anar­chis­tische Gruppen Ciliga für sich. Das könnte sich jetzt ändern. Denn der Ber­liner Verlag Die Buch­ma­cherei hat Ciligas Schrift über seine Jahre in der Sowjet­union auf­gelegt und auch seinen wei­teren Wer­degang nicht ver­schwiegen. Genau schildert Ciliga das Leben in Sibirien, wohin er in den 1930er-Jahren mit vielen anderen Oppo­si­tio­nellen depor­tiert wurde. Auch die soziale Rea­lität beschreibt der Autor präzise. So hatte sich 15 Jahre nach der Okto­ber­re­vo­lution die Lohn­schere wieder weit geöffnet: Spe­zia­lis­tInnen konnten jetzt 20 Mal so viel ver­dienen wie ein­fache Arbei­te­rInnen. Doch Ciliga kam zunehmend auch zu äußerst zwei­fel­haften Urteilen. So behauptete er, viele Sowjet­men­schen würden auf eine Besetzung durch NS-Deutschland hoffen. Obwohl er in die USA hätte emi­grieren können, kehrte er in das von der faschis­ti­schen Ustascha regierte Kroatien zurück. 1944 floh er vor den Tito-Par­ti­sanen nach Deutschland. »Er war neu­gierig auf die sozialen Ver­hält­nisse in Deutschland zwi­schen dem NS-Staat und den Massen«, baga­tel­li­siert der bri­tische His­to­riker Stephen Schwartz im letzten Kapitel diesen Schritt. Anfang der 1990er-Jahre wurde Ciliga noch einmal auf unrühm­liche Weise bekannt, weil der ultra­rechte kroa­tische Prä­sident Tudjman Ciligas Angriffe auf die von der Ustascha ermor­deten Juden wie­der­holte und damit einen inter­na­tio­nalen Skandal aus­ge­löste. Als Stich­wort­geber für Links- oder Räte­kom­mu­nis­tInnen taugt ein solcher Mann also kei­neswegs.

http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​5​5​6​/​0​4.htm

Peter Nowak

Ante Ciliga: Im Land der ver­wir­renden Lüge. Her­aus­ge­geben von Jochen Gester und Willi Hajek. Die Buch­ma­cherei, Berlin 2010. 304 Seiten, 12 EUR

Teufelswerk?Neue Studie zur RGO -

Stefan Heinz: »Moskaus Söldner? Der Ein­heits­verband der Metall­ar­beiter Berlins: Ent­wicklung und Scheitern einer kom­mu­nis­ti­schen Gewerk­schaft«, VSA-Verlag, Hamburg 2010, 34,80 Euro, ISBN 978–389965-406–6

Das Argument, die Kan­di­datur auf eigenen Listen gefährde die Gewerk­schafts­einheit und die Mit­glieder solcher »alter­na­tiver« Listen hätten aus der Geschichte nichts gelernt, ist bis heute ver­breitet und wird manchmal bis hinein in die Gewerk­schafts­linke ver­treten. Damit wird auf die End­phase der Wei­marer Republik Bezug genommen, als sich nicht nur SPD und KPD feindlich gegen­über­standen. Auch auf Gewerk­schafts­ebene lie­ferten sich der SPD-nahe All­ge­meine Deutsche Gewerk­schaftsbund (ADGB) und die der KPD nahe­ste­hende Revo­lu­tionäre Gewerk­schafts­op­po­sition (RGO) heftige Aus­ein­an­der­set­zungen. Für manche war schon damals klar, wer hinter der Spaltung steht: »Ihr seht auf der anderen Seite das Werk von Moskau. Teuf­lische Pläne, dem Hirn Mos­kauer Dik­ta­toren ent­sprungen, mit den gemeinsten und ver­werf­lichsten Mitteln, mit Lügen und Ver­leum­dungen in Deutschland in Szene gesetzt, zum Schaden der deut­schen Arbei­ter­klasse, zum Wohle der Kapi­ta­listen« (S. 442), so drosch die Orts­ver­waltung des SPD-nahen Deut­schen Metall­ar­bei­ter­ver­bands (DMV) in einem Rund­schreiben an ihre Mit­glieder auf die linke Kon­kurrenz ein. Diese Lesart der Geschichte hat sich weit­gehend durch­ge­setzt. Die RGO-Politik wird als Werk der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tionale und des Zen­tral­ko­mitees der KPdSU ange­sehen.

Der Ber­liner Poli­tik­wis­sen­schaftler Stefan Heinz hat jetzt in einer monu­men­talen Arbeit diese These infrage gestellt. Heinz widmet sich auf 572 Seiten der Vor­ge­schichte, der Ent­stehung, der Arbeit und dem Ende des Ein­heits­ver­bandes der Metall­ar­beiter Berlins, des ersten Ver­bands innerhalb der RGO. Dazu wertete er eine Vielzahl von Akten aus den Archiven der beiden Gewerk­schafts­ver­bände aus, aber auch Über­wa­chungs­pro­to­kolle von Polizei und Gestapo, interne Berichte der KPD und der SPD sowie Artikel aus der linken Presse, die weder der KPD noch der SPD nahe­stand. An erster Stelle sind die Berichte der Publi­kation »Gegen den Strom« zu nennen, die der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Deutsch­lands – Oppo­sition (KPO) ver­bunden war. Sie hatte schon früh für eine Zusam­men­arbeit aller Arbei­ter­par­teien gegen den NS geworben und ana­ly­sierte die Ereig­nisse rund um die Betriebs­arbeit mit ana­ly­ti­scher Schärfe und ohne par­tei­po­li­tische Ein­sei­tigkeit. Für Heinz liegen die Wurzeln der RGO nicht in Moskau, sondern im Kampf gegen die Burg­frie­dens­po­litik von SPD und Gewerk­schaften während des ersten Welt­kriegs. Damals hatte sich vor allem unter den Ber­liner Metall­ar­beitern ein Kreis linker Arbei­ter­ak­ti­visten her­aus­ge­bildet, die sich in Oppo­sition zu den offi­zi­ellen Gewerk­schaften befanden und während der Novem­ber­re­vo­lution 1918 die Räte als Alter­native zu den durch die Burg­frie­dens­po­litik kom­pro­mit­tierten Gewerk­schaften pro­pa­gierten. Viele dieser Akti­visten bil­deten den Kern der Revo­lu­tio­nären Obleute, die ent­schei­denden Anteil am Aus­bruch der Novem­ber­re­vo­lution hatten. Viele von ihnen enga­gierten sich auch im linken Flügel der Unab­hän­gigen Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Partei (USPD). In den ersten Jahren der Wei­marer Republik initi­ierten sie Pro­teste für eine Räte­ver­fassung, die im Januar 1920 in Berlin von der Reichs­re­gierung blutig unter­drückt wurden. Heinz beschreibt dies am Bei­spiel zweier füh­render Arbei­ter­ak­ti­visten, die sich später in der RGO enga­gierten. »Arbeiter wie Hermann Braun und Karl Jarick erlebten erneut, wie der Aus­nah­me­zu­stand über Berlin ver­hängt wurde und 42 Arbeiter bei Pro­testen ums Leben kamen« (S. 391). Solche Erleb­nisse bestärkten eine ganze Generation von Metall­ar­bei­ter­ak­ti­visten zum Wider­stand gegen die offi­zielle ADGB-Politik. Dadurch standen sie zugleich immer am Rande des Aus­schlusses und wurden mit allen admi­nis­tra­tiven Mitteln von der Gewerk­schafts­bü­ro­kratie bestraft. Sie bil­deten die Basis für die spätere RGO-Politik, wie Heinz betont.

»Ab 1930/31 konnten die ›roten Ver­bände‹ dort am ehesten Resonanz bean­spruchen, wo bereits in der Anfangs­phase der Wei­marer Republik in der USPD auf Auto­nomie gerichtete Radi­kal­po­si­tionen in der Gewerk­schafts­frage ver­treten wurden« (S. 395).

Ratio­na­li­sierung und Radi­ka­li­sierung

Sehr gut zeigt Heinz auch die öko­no­mi­schen Aspekte auf, die die Her­aus­bildung der RGO begüns­tigten. Da wären in erster Linie die Folgen der Ratio­na­li­sierung zu nennen, wodurch vor allem im Metall­be­reich viele Arbeits­kräfte frei­ge­setzt wurden, was die kom­mu­nis­ti­schen Gewerk­schaf­te­rInnen besonders tan­gierte. So hieß es in dem Bericht einer kom­mu­nis­ti­schen Betriebs­zelle in den Ber­liner AEG-Werken aus dem Jahr 1926: »Wir haben durch die Ratio­na­li­sierung 50 Prozent, dar­unter zwei Drittel unserer aktiven Genossen, ver­loren. Durch die fort­ge­setzte Akkord­preis­senkung und die Ein­führung des Fließ­band­systems haben unsere Genossen nicht mehr die Zeit und die Mög­lichkeit, eine größere münd­liche Agi­tation während der Arbeitszeit betreiben zu können« (S. 418). Zudem ging die ADGB-Büro­kratie in der End­phase der Wei­marer

Zeit ver­stärkt dazu über, Kol­legen durch ihre Unter­schrift bestä­tigen zu lassen, dass sie die Gewerk­schafts­po­litik der KPD nicht unter­stützten. Wer sich wei­gerte, konnte aus­ge­schlossen werden. Die Zahl der Aus­ge­schlos­senen stieg schnell, als infolge der Welt­wirt­schafts­krise die Angriffe auf die Löhne und die erkämpften sozialen Rechte der Lohn­ab­hän­gigen von Seiten der Wirt­schaft und der Politik zunahmen. Als sich im Herbst 1930 die staat­lichen Schlich­tungs­stellen auf die Seite des Unter­neh­mer­lagers stellten und Lohn­kür­zungen fest­legten, die vom ADGB akzep­tiert wurden, war das der unmit­telbare Anlass für die Gründung des Ein­heits­ver­bands der Metall­ar­beiter Berlin (EVMB), des ersten RGO-Ver­bands. Heinz weist nach, dass die Initiative zur Gründung nicht von der KPD-Führung oder der KI, sondern von der Basis ausging. Viele vom ADGB aus­ge­schlossene Gewerk­schaf­te­rInnen hatten schon lange auf eine eigene kom­mu­nis­tische Gewerk­schaft gedrängt.

Kritik aus der KPD

Vor allem die vom ADGB Aus­ge­schlos­senen und Gemaß­re­gelten standen im EVMB auch für einen Kurs der strikten Abgrenzung von den alten Gewerk­schaften und zogen sich damit schnell den Unmut der KPD zu. Vor allem, nachdem sich bald her­aus­stellte, dass dem linken Verband eine mas­sen­hafte Abwerbung von Mit­gliedern aus der alten Gewerk­schaft nicht gelingen würde und dass vom EVMB orga­ni­sierte Streiks deshalb bis auf seltene Aus­nahmen erfolglos abge­brochen werden mussten, begann eine Aus­ein­an­der­setzung mit den KPD-Gremien, die sich bis in die Phase der Ille­ga­lität beider Orga­ni­sa­tionen während des NS hinzog. Die Par­tei­gremien warfen den roten Ver­bänden vor, die Bünd­nis­arbeit mit den noch unor­ga­ni­sierten Kol­legen zu ver­nach­läs­sigen. »Ich habe in Berlin kon­trol­liert, dass die Funk­tionäre der EVMB seit Monaten nicht die refor­mis­ti­schen Zei­tungen gelesen haben. Sie haben keinen Dunst, wie man die refor­mis­ti­schen Gewerk­schafts­mit­glieder für die Oppo­si­ti­ons­arbeit im DMV gewinnen will« (S.231), lautete die Kritik auf einer Sitzung der Kom­mu­nisten im Reichs­ko­mitee der KPD. Dabei han­delte es sich um poli­tische Gegen­sätze. Während die KPD eine linke Frak­ti­ons­tä­tigkeit im DMV nicht auf­geben wollte, wurde eine solche Option immer unwahr­schein­licher, je mehr sich der EVMB als eigen­stän­diger roter Gewerk­schafts­verband ver­stand. Diese Aus­ein­an­der­setzung sollte 1933/34 noch einmal an Schärfe gewinnen. Während die KPD die Taktik des tro­ja­ni­schen Pferdes pro­pa­gierte und einen Ein­tritt von linken Gewerk­schaf­te­rInnen in die nazis­tische Deutsche Arbeits­front vertrat, lehnten viele EVM­BAk­ti­vis­tInnen diesen Schritt vehement ab. Der rote Verband hatte sich nach der Zer­schlagung des ADGB in der Ille­ga­lität zunächst kon­so­li­diert. Doch durch mehrere Ver­haf­tungs­wellen wurden in den Jahren 1933 und 1934 die Struk­turen des Ver­bandes emp­findlich geschwächt. Im Zuge der von der KPD ver­folgten Volks­front­po­litik, die eine Koope­ration mit den Sozi­al­de­mo­kraten pro­pa­gierte, wurde der EVMB von der KPDFührung schließlich auf­gelöst, vor allem weil er die Volks­front­po­litik und den tak­ti­schen Ein­tritt in die DAF nicht mit­machen wollte. Doch viele der Akti­vis­tInnen setzten ihren Wider­stand fort. Heinz zieht Ver­bin­dungen bis zur Uhrig-Gruppe, die während des zweiten Welt­krieges kom­mu­nis­tische Wider­stands­zellen in vielen Ber­liner Betrieben auf­gebaut hatte. Nachdem die Gestapo ihnen auf die Spur gekommen waren, wurden viele ihrer Mit­glieder hin­ge­richtet.

Wider­spenstige Genossen

Stefan Heinz hat in seinem Buch die Geschichte einer Generation von Arbei­ter­ak­ti­vis­tInnen nach­ge­zeichnet, die im Wider­stand gegen die Kriegs­po­litik des ersten Welt­kriegs poli­ti­siert, in den Wochen der Novem­ber­re­vo­lution radi­ka­li­siert wurden und die syn­di­ka­lis­tische Tra­dition auch in der Aus­ein­an­der­setzung mit den KPD-Struk­turen ver­teidigt haben. »Ihr im ›roten Metall­ar­bei­ter­verband‹ prak­ti­ziertes, oft wider­spens­tiges Ver­halten gegenüber der eigenen Partei wandten einige Per­sonen später auch in der SED an. Es führte nach den Worten Peschkes (eines EVMB-Aktivsten, P.N.) dazu, dass manche frühere EVMB-Füh­rungs­kräfte wie er nur ungern als ›erste Gar­nitur‹ der Partei- und Staats­führung ver­wendet wurden« (S. 474). Kenn­zeichnend für die EVMB-Akti­visten sind nach Heinz unter anderem »Ele­mente syn­di­ka­lis­ti­scher Politik, der radikale Anspruch und der sozi­al­re­vo­lu­tionäre Bewe­gungs­cha­rakter, die For­derung nach eigener Ent­schei­dungs­freiheit, die Ver­wei­ge­rungs­haltung bei Ein­griffen von Außen« (S. 475). Mit der gründ­lichen his­to­ri­schen Rekon­struktion dieser linken Gewerk­schafts­op­po­sition liegt eine gerade auch vor dem Hin­ter­grund der aktu­ellen Krise ver­dienst­volle und inter­es­sante Studie vor – auch wenn das Buch auf­grund seines wis­sen­schaft­lichen Stils oft nicht ganz leicht zu lesen ist. Mit seinem Blick auf die Akteure vor Ort beant­wortet Stefan Heinz zugleich auch die Frage des Titels: Das waren keine Söldner Moskaus – wie die RGO-Akti­vis­tInnen noch heute gerne dar­ge­stellt werden.

erschienen im express, Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit, 12/10

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Peter Nowak

Marx statt Mohammed

Eine Anatomie des kurdischen Freiheitskampfes

PKK – diese drei Buch­staben stehen für die kur­dische Arbei­ter­partei, die in Deutschland noch immer mit Gewalt und Fana­tismus in Ver­bindung gebracht wird. Die Partei und alle ihre ihr nahe­ste­henden Orga­ni­sa­tionen sind in Deutschland ver­boten. Und immer wieder werden deren Akti­visten zu hohen Haft­strafen ver­ur­teilt.

Wer sich über die Hin­ter­gründe der kur­di­schen Natio­nal­be­wegung infor­mieren will, kann jetzt auf ein umfang­reiches wie infor­ma­tives Buch zurück­greifen, das von zwei Autoren ver­fasst wurde, die sich seit Jahren mit der kur­di­schen Frage und dem kur­di­schen Frei­heits­kampf befassen: von der Karls­ruher Rechts­an­wältin Bri­gitte Kiechle und dem Ber­liner His­to­riker Nikolaus Brauns.

Brauns geht aus­führlich auf die Vor­ge­schichte und Gründung der PKK ein, die ihre Wurzeln in der radi­kalen Linken der 60er und 70er Jahre hat. Von Anfang an war Abdullah Öcalan die zen­trale Figur der Bewegung. 1972 war er beim Ver­teilen linker Flug­blätter ver­haftet und musste sieben Monate in einem Mili­tär­ge­fängnis ver­bringen, wo er seine end­gültige poli­tische Prägung erfuhr. Nach der Haft ver­kündete der junge Öcalan: »Mohammed hat ver­loren, Marx hat gewonnen.«

Brauns berichtet, wie sich die PKK nach dem Mili­tär­putsch von 1980 poli­tisch fes­tigen konnte, während die Linke weit­gehend zer­schlagen wurde. Vor allem junge Akti­visten mit pro­le­ta­ri­schem Hin­ter­grund stießen damals zur PKK. Darin sieht der His­to­riker auch eine Begründung für die Militanz, mit der diese auf ver­meint­lichen Verrat reagierte. Dut­zende junger Männer und Frauen, die sich der PKK anschließen wollten, wurden will­kürlich als ver­meint­liche Spione getötet. Dar­unter waren auch ein Dutzend Stu­die­rende aus Eski­sehir, die nach ihrer Ankunft im Gue­ril­lacamp exe­ku­tiert wurden, nur weil eine junge Frau unter ihnen als Tochter eines Poli­zisten aus­ge­macht wurde. Mitt­ler­weile ist ein großer Teil der Mit­be­gründer der PKK ermordet, einige von den eigenen Genossen. Es spricht für das Buch, dass dieses dunkle Kapitel in der PKK-Geschichte nicht ver­schwiegen, zugleich jedoch die kur­dische Bewegung nicht auf diese oder andere Ver­brechen redu­ziert wird.

Brauns ver­weist darauf, wie der Kampf der PKK auch die unter­drückte kur­dische Bevöl­kerung in Syrien und Iran mobi­li­sierte. Akti­visten der ira­ni­schen Partei für ein freies Leben in Kur­distan (PJAK) sind vom Mullah-Régime in Teheran besonders bedroht. Mehrere der in den letzten Monaten hin­ge­rich­teten Oppo­si­tio­nellen sollen dieser Strömung nahe­ge­standen haben. Während das ira­nische Régime die PJAK als von den USA gesteuert dif­fa­miert, bekämpft die Admi­nis­tration in Washington diese wie­derum wegen man­gelnder Distanz zur PKK.

Aus­führlich setzen sich Brauns und Kiechle mit der isla­mi­schen AKP-Regierung aus­ein­ander. Sie dis­ku­tieren, wie sich ein EU-Bei­tritt der Türkei auf die Lage der Kurden aus­wirken würde. Sie zeigen sich im Gegensatz zu anderen Autoren dies­be­züglich skep­tisch. Im letzten Kapitel bilan­zieren Brauns und Kiechle, dass die kur­dische Bewegung die Inhaf­tierung Öcalans und nach­fol­gende inner­par­tei­liche Macht­kämpfe, Umbe­nen­nungen und Neu­grün­dungen relativ gut über­standen habe. Eine Eman­zi­pation der Kurden hält das Autorenduo jedoch nur im Rahmen einer inter­na­tio­nalen anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Bewegung für möglich. Brauns und Kiechle ver­weisen darauf, dass zahl­reiche kur­dische Orga­ni­sa­tionen innerhalb der tür­ki­schen Linken eine wichtige Rolle spielen. Das aktuelle Wie­der­auf­leben der Kämpfe in Kur­distan ist auch eine Folge der Ent­täu­schungen über die gegen­wärtige Politik in Ankara.

In einem spe­zi­ellen Kapitel geht Bri­gitte Kiechle auf die Rolle der Frauen in der kur­di­schen Bewegung ein. Ihr Fazit: »Im Ver­gleich zu anderen Par­teien und poli­ti­schen Strö­mungen in der Türkei, in Kur­distan und in dem gesamten Nahen und Mitt­leren Osten fällt die PKK durch eine hohe Betei­ligung von Frauen im poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Bereich und eine intensive Dis­kussion über die Geschlech­ter­ver­hält­nisse und die Befreiung der Frau auf.« Dies ist nur ein Aspekt, der in der hier­zu­lande üblichen ein­sei­tigen Beur­teilung des kur­di­schen Frei­heits­kampfes igno­riert wird oder schlichtweg nicht bekannt ist.

Nikolaus Brauns/​Brigitte Kiechle: PKK – Per­spek­tiven des kur­di­schen Frei­heits­kampfes. Zwi­schen Selbst­be­stimmung, EU und Islam. Schmet­terling Verlag, Stuttgart 2010. 510 S., geb., 26,80 €.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​8​3​3​5​7​.​m​a​r​x​-​s​t​a​t​t​-​m​o​h​a​m​m​e​d​.html

Peter Nowak