Mit spitzer Feder und einer Portion Spott

Liane Bednarz und Christoph Giesa berichten über gefähr­liche Bürger und wie die Neue Rechte zunehmend in die Mitte der Gesell­schaft rückt

Der Auf­stieg der AfD und die stän­digen Pegida-Auf­märsche lassen kaum einen Zweifel, dass sich in Deutschland rechts von der Union eine neue poli­tische Kraft her­aus­bildet. Noch sind sich viele poli­tische Ana­lysten unsicher, ob dies nur ein Kurz­zeit­phä­nomen ist oder sich, wie in euro­päi­schen Nach­bar­ländern, auch in Deutschland dau­erhaft eine Rechte eta­bliert.

Liane Bednarz und Christoph Giesa befassen sich seit über zwei Jahren mit den gesell­schaft­lichen Unter­strö­mungen, die zu Pegida und den AfD-Erfolgen führten. Schon damals stellten sie fest: »Die Prot­ago­nisten einer neuen rechten Denk­schule haben ihre passive Haltung auf­ge­geben … Inzwi­schen treten sie zunehmend aus den weithin unbe­leuch­teten Nischen der Gilden, Bur­schen­schaften, Salons und Gesprächs­zirkel, Bür­ger­initia­tiven und Jugend­or­ga­ni­sa­tionen heraus. Mit dem Ziel eine aggressive Gegen­ideo­logie zu unserer offenen Gesell­schaft ins Gespräch zu bringen.«

Ihre Pro­gnose hat sich erfüllt. Sie sehen es daher als Pflicht an, sich den Popu­listen »mit der spitzen Feder, einer klaren, leicht ver­ständ­lichen Sprache und einer Portion Spott« ent­ge­gen­zu­stellen. »Wir wollen sie ent­larven und Sie als Leser nicht nur infor­mieren, sondern auch auf­rütteln.«

Die beiden Autoren sind keine Linken. Bednarz ist CDU-Mit­glied und Giesa gehört der FDP an. Sie sind erklärte Ver­tei­diger der sozialen Markt­wirt­schaft und beken­nende Atlan­tiker. Kapi­ta­lis­mus­kritik wird man bei ihnen sowenig finden wie eine dif­fe­ren­zierte Sicht auf den Sozia­lismus. Doch wenn sie mit den rechten Gegnern der »Offenen Gesell­schaft« ins Gericht gehen, dann können auch manche Linke etwas von ihnen lernen, selbst wenn sie mit vielen Grund­an­nahmen der beiden nicht über­ein­stimmen. Die Ablehnung der Autoren gegen alle rechten und rechts­po­pu­lis­ti­schen Anwand­lungen ist ehrlich und ihre Kritik scharf und treffend. »Die AfD ist nur das sicht­barste Symptom einer nach rechts drif­tenden, sich radi­ka­li­sie­renden Mitte«, bemerken sie.

Im ersten Kapitel begleiten sie einen »zwangs­pen­sio­nierten älteren Herrn« beim Spa­ziergang durch den Ber­liner Stadtteil Kreuzberg. Es ist Thilo Sar­razin, der seine These belegen will, dass sich Deutschland abschafft. Im Erfolg des Sar­razin-Buches sieht das Autorenduo ein Indiz für das Driften der Gesell­schaft nach rechts. Bednarz/​Giesa nehmen rechte Christen sowie die soge­nannten Reichs­bürger unter die Lupe, die von einer Fort­existenz des »Deut­schen Reiches« schwafeln. Ein Kapitel befasst sich mit rechten Wirt­schafts­be­ratern, die einen angeblich bevor­ste­henden Euro-Crash beschwören und mit ihren Hiobs-Büchern und Bro­schüren mit Rat­schlägen viel Geld machen. Ein wei­teres Kapitel stellt die his­to­ri­schen Vor­läufer der Neuen Rechten in der Wei­marer Republik vor. In den letzten drei Kapiteln geht es um Gegen­stra­tegien zur rechten, ras­sis­ti­schen Ideo­logie. Dazu gehört die Ent­larvung von Hass­mails. Deren Ver­fasser und Hin­ter­männer müssen ent­larvt werden, ebenso rechte Blogger. Sie arbeiten gern im Ver­bor­genen, sind zu feige, Klar­namen anzu­geben. Ihnen das Handwerk zu legen, ist zuvör­derst Pflicht des Staates.

Liane Bednarz/​Christoph Giesa: Gefähr­liche Bürger. Die Neue Rechte greift nach der Mitte.
Hanser. 255 S., geb., 17,90 €.

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Peter Nowak