Der US-Geheimdienst und die Kunst

»Para­po­litik«: Die CIA, kul­tu­relle Freiheit und der Kalte Krieg

Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker sind ja schon lange der Meinung, dass Geheim­dienste aller Art die Welt in ihrem Innersten lenken. Sie sehen hinter allen poli­ti­schen und gesell­schaft­lichen Phä­nomen die Hand­schrift eines Geheim­dienstes. Anti­kom­mu­nisten nicht nur in den USA haben im Kalten Krieg die rote Gefahr so per­manent her­auf­be­schworen, dass sogar einige Minister in der Mc-Carthy-Ära daran glaubten.

Doch auch die auto­ri­tären Kom­mu­nisten, vor allem die Sta­li­nisten, sahen sich oft von Ver­schwö­rungen umgeben. Wenn der von oben ver­ordnete Plan nicht funk­tio­nierte, wenn es Miss­ernten gab, und die Bevöl­kerung unzu­frieden wurde, dann war meistens eine inter­na­tionale Ver­schwörung daran schuld. Die CIA stand da an erster Stelle.

Nun widmet sich die noch bis 8. Januar im Ber­liner Haus der Kul­turen der Welt gas­tie­rende Aus­stellung Para­po­litik: Kul­tu­relle Freiheit und Kalter Krieg der im Kalten Krieg von der CIA gespon­serten Kultur. Doch Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker kommen nicht auf ihre Kosten. Denn es han­delte sich durchaus nicht um Auf­trags­kunst.

In der etwas ver­schro­benen Sprache der Aus­stel­lungs­ka­taloge heißt es:

Das Ver­hältnis von ideo­lo­gi­scher Inan­spruch­nahme und künst­le­ri­schem »Auto­no­mie­ver­halten« ist zen­trales Thema der Aus­stellung. Die gezeigten Arbeiten und Archiv­ma­te­rialien setzen sich mit den ideo­lo­gi­schen Wider­sprüchen und dem Widerhall der US-»Freiheitsoffensive« der Nach­kriegs­jahre aus­ein­ander. Zeit­ge­nös­sische Bei­träge the­ma­ti­sieren das Erbe des Kalten Krieges und erkunden die Beziehung zwi­schen poli­ti­schem Enga­gement und kri­ti­scher Distanz.

Para­po­litik: Kul­tu­relle Freiheit und Kalter Krieg

Wenn man diese Wort­klin­gelei weg­lässt, findet man eine Aus­stellung mit zahl­reichen künst­le­ri­schen Objekten in Ost und West, die sich längst nicht nur um die CIA-gespon­serte Kultur drehen. Natürlich wurde auch die Kunst­de­batte im nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Lager mit ein­be­zogen.

Streit um ein Stalin-Porträt von Picasso

So wird in einen Video von Lena Berg der Disput nach­ge­zeichnet, den Picasso mit seinem Stalin-Porträt in einer fran­zö­si­schen kom­mu­nis­ti­schen Kul­tur­zeitung aus­löste. Picasso, der damals schon lange Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Partei war, wollte damit eigentlich den sowje­ti­schen Regenten wür­digen.

Doch es empörten sich nicht nur Rechte, sondern auch par­tei­treue Kom­mu­nisten in Frank­reich und der Sowjet­union. Für sie hatte Picasso Stalin nicht heroisch genug gestaltet. Er war nicht hart genug, hatte sogar etwas Femi­nines, ein Sakrileg für auto­ritäre Sozia­listen. Immerhin scheint man auch dort lern­fähig.

Die Kleinst­partei MLPD, die sich zumindest in Teilen noch immer auf Stalin bezieht, hat Picassos Porträt aus­drücklich gegen die »Bie­der­männer« von rechts und links ver­teidigt. Nun würde eine Aus­stellung dann nicht besonders auf­fallen, wenn sie noch einmal die zwei­fellos vor­handene Feind­se­ligkeit gegen moderne Kunst im Sta­li­nismus die oft noch mit anti­jü­di­schen Res­sen­ti­ments ver­knüpft war, auf­spießt.

Der Fall Rosenberg: Poli­tische Ver­folgung im Westen

Doch Para­po­litik zeigt, dass es auch im soge­nannten Westen anti­se­mi­tisch grun­dierte Kam­pagnen gegen Linke gab. So sind in der Aus­stellung Arbeiten der US-Künst­lerin Martha Rössler zum Fall Rosenberg zu sehen. Das der Atom­spionage ver­däch­tigte Ehepaar wurde schließlich hin­ge­richtet.

Vorher gab es in den USA eine heftige Kam­pagne gegen die jüdi­schen Kom­mu­nisten. Der Fall Rosenberg geschah mitten im Kalten Krieg und wurde in der linken und libe­ralen Kunst­szene als abso­luter Tabu­bruch wahr­ge­nommen.

Es war ein Stück Faschismus in der bür­ger­lichen Demo­kratie und bis auf eine absolute Min­derheit gab es kaum jemand, der die Rosen­bergs ver­tei­digte. Leider gibt es in Deutschland im Jahr 2017 noch immer Kom­men­ta­toren, die im Geist des Kalten Kriegs eifern. Dazu gehört Marko Martin, der nichts auf seinen so idea­li­sierten »Freien Westen« kommen lassen.

In der Jüdi­schen All­ge­meinen Zeitung beschul­digte er die Aus­stellung, »anti­west­liche Mythen« zu ver­breiten. Dabei greift Martin selber in die Pro­pa­gan­da­kiste des Kalten Krieges:

Nichts erfährt man also von den jüdi­schen Bio­grafien der dama­ligen Intel­lek­tu­ellen, deren Anti­to­ta­li­ta­rismus im Aus­stel­lungstext lediglich in Anfüh­rungs­zeichen vor­kommt, während Laskys öffent­licher Protest gegen Schrift­stel­ler­ver­fol­gungen in der UdSSR als »infam« denun­ziert wird und die uralte sta­li­nis­tische Geschichtslüge wie­der­auflebt, nach der anti­to­ta­li­täres Denken auf einer »Gleich­setzung« von Nazismus und Kom­mu­nismus beruhe.

Marko Martin

Natürlich beruhte der Anti­to­ta­li­ta­rismus auf der Gleich­setzung von NS und Sta­li­nismus. Manche sahen aller­dings sogar die Sowjet­union als die größere Gefahr. Vor allem natürlich die vielen ehe­ma­ligen wil­ligen Voll­strecker der NS-Politik in Deutschland und Europa.

Martin hat Recht, wenn er fest­stellt, dass es unter­schied­liche Gründe gab, warum Men­schen anti­to­ta­litäre Ideo­logien ver­treten haben. Es gab nicht nur die NS-Mit­läufer, die nun hofften, unter dem Banner des freien Westens ihrem alten Ziel, der Zer­schlagung der Sowjet­union, näher­zu­kommen.

Es gab auch gewan­delte Ex-Sta­li­nisten, die nun als Rene­gaten den gleichen Eifer, mit der sie vorher alle linken Abwei­chungen bekämpft haben, gegen ihre ehe­ma­ligen Gesin­nungs­ge­nossen wandten. Linke Dis­si­denten, die schon immer in Wider­spruch zum auto­ri­tären Sozia­listen standen, waren wieder die Ver­folgten. Sie wurden von den nun rechten Anti­to­ta­li­tären erneut bekämpft, die ihnen bereits als Sta­li­nisten das Leben schwer gemacht hatten.

Es ist natürlich nicht ver­wun­derlich, dass Martin in seinem Artikel nicht die auf die Rosen­bergs eingeht. Jüdische Opfer des Kalten Krieges darf es nur im Ost­block, nicht aber im Westen gegeben haben

Kunst vor der Zer­störung der Ver­nunft

Die Aus­stellung kann ein wirk­sames Antidot gegen ein solches Schwarz-Weiß-Denken sein, wenn man sich wirklich auf sie ein­lässt und sich Zeit nimmt. Da ent­deckt man wahre künst­le­rische Rari­täten, so die Instal­lation Come out von Steve Reich, eine Homepage an die schwarze Bür­ger­rechts­be­wegung der 1960er.

Das waren noch Zeiten, als sich enga­gierte Künstler mit weißer Haut­farbe mit einer solchen Arbeit nicht den Vorwurf ein­fingen, sie würden über ein Thema arbeiten, dass sie nichts angeht. Solche Vor­würfe müssen sich heute enga­gierte Künst­le­rinnen und Künstler, seien es Film­re­gis­seure, Maler oder Foto­grafen anhören, wenn sie die falsche Haut­farbe haben. Das ist auch ein Aus­druck von Regression und Zer­störung der Ver­nunft.

So hält die Aus­stellung auch die Idee fest von einer Gesell­schaft, die als ganzes von Unge­rech­tigkeit, von Unter­drü­ckung und Aus­beutung betroffen ist. Heute hin­gegen leben wir in einer Welt, wo es nur noch Opfer, aber keine Gesell­schaft mehr zu geben hat. Wenn aber die Idee von einer Gesell­schaft, in der niemand mehr Opfer sein soll, nicht mehr denkbar ist, bleibt nur noch, den eigenen Opfer­status auch mit Zähnen und Klauen gegen Kon­tra­henten zu ver­tei­digen.

Das kann auch eine Künst­lerin oder ein Künstler sein, die das Unrecht zeigen, um die Gesell­schaft damit zu kon­fron­tieren. Noch in den oft künst­le­risch sehr anspruchs­losen Bildern, die im Ost­ber­liner Palast der Republik hingen, ist die Idee einer anderen Welt als uto­pi­scher Über­schuss zu erkennen.

Das macht die Bilder, die zurzeit in dem Pots­damer Pri­vat­museum Bar­barini wieder gezeigt werden, trotz allem sehenswert. Anders sieht es der Rezensent Claus Löser, der in einem Taz-Kom­men­tator die Bilder mit ihren durchaus kri­tik­wür­digen, aber auch anrüh­renden Utopien als Gut-Böse-Schau­tafeln abqua­li­fi­ziert. Das zeigt auch wieder, dass der Kalte Krieg bis heute nicht beendet ist.

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Peter Nowak

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