Betriebsarbeit für die Revolution

Ein Film über eine Gruppe linker Gewerk­schafter bei Opel Bochum ist nicht nur his­to­risch inter­essant

»Ange­fangen hatte es damit, dass sich vor etwa drei Jahren der Reli­gi­ons­lehrer Wolfang Schaumberg und der Volks­schul­lehrer Klaus Schmidt bei den Opel-Werken als Hilfs­ar­beiter ver­dingten.« Am Anfang des Doku­men­tar­films über die Gruppe oppo­si­tio­neller Gewerk­schafter (GoG) in Bochum wird dieses Zitat aus der wirt­schafts­nahen Wochen­zeitung »Die Zeit« vom 24.8.1973 ein­ge­blendet. Gleich danach sitzt Wolfgang Schaumberg im Jahr 2018 in einem Klas­senraum vor einer Tafel und erzählt, wie er und viele Genoss*innen mit ihrer Betriebs­arbeit vor mehr als 45 Jahren die Welt­re­vo­lution vor­an­treiben wollten, berichtet, wie die jungen Linken Kon­takte mit kom­mu­nis­ti­schen Genoss*innen aus Deutschland und Spanien knüpften, die bei Opel arbei­teten. Im Anschluss ist Willi Hajek zu sehen, der als Jugend­licher vom Pariser Mai beein­druckt war und den Geist der Revolte als GoG-Mit­glied in die Bochumer Fabrik tragen wollte. Robert Schlosser erinnert sich schließlich, wie er als Jun­g­ar­beiter zu der Gruppe stieß, weil die – anders als die IG-Metall-Gewerk­schafter – nicht auf Sozi­al­part­ner­schaft setzten, sondern bereit waren, sich mit Bossen und Meistern anzu­legen.

Das kam damals nicht nur bei den jungen Kolleg*innen an. 1975 bekam die GoG bei den Betriebs­rats­wahlen über 5000 Stimmen und erhielt damit knapp ein Drittel der Sitze. Das war auch eine Quittung für den alten Betriebsrat, der mit dem Management gekungelt hatte. Die IG Metall war auf die linke Kon­kurrenz nicht gut zu sprechen. Mehrere GoG-Mit­glieder wurden aus­ge­schlossen, einige erst nach vielen Jahren wieder in die Gewerk­schaft auf­ge­nommen.

Die Gruppe, die sich seit 1972 jede Woche getroffen hatte, hielt auch nach der Schließung von Opel im Jahr 2014 Kontakt und begann, über einen Film nach­zu­denken, der von den vielen Kämpfen der Beleg­schaft erzählt. Die linke Video­plattform labournet​.tv, die Filme über die glo­balen Arbeits­kämpfe ver­öf­fent­licht, wurde schließlich mit der Umsetzung beauf­tragt.

Der ent­standene Film zeigt die all­täg­liche Klein­arbeit linker Gewerkschafter*innen, die für ein lang­fris­tiges Enga­gement ent­scheidend war. Dazu gehört der Kampf um den Bil­dungs­urlaub, der es den Beschäf­tigten ermög­lichte, den Betrieb eine Woche zu ver­lassen und sich mit anderen Themen zu beschäf­tigen. Manche lernten dort Texte von Marx kennen. Noch heute schwärmen Grün­dungs­mit­glieder der GoG von der Euphorie der ersten Jahre, als sie durch die ganze Republik fuhren und über ihre Erfolge bei Opel Bochum berich­teten.

Doch nach 1975 ging in der BRD-Linken das Interesse an Betriebs­arbeit zurück. Im linken Milieu kün­digte sich der Abschied vom Pro­le­tariat an. Auch einige der GoG-Mit­be­gründer ver­ließen die Fabrik und setzten ihr Studium fort.

Doch die Gruppe hatte sich mitt­ler­weile sta­bi­li­siert und sorgte dafür, dass Opel ein rebel­li­scher Betrieb blieb. 2004 machte das Werk mit einem sie­ben­tä­gigen wilden Streik gegen Ent­las­sungs­pläne noch einmal bun­desweit Schlag­zeilen. Beschäf­tigte, die den Betrieb und die Autobahn lahm­legen – solche Bilder kannte man von Arbeits­kämpfen in Frank­reich, aber nicht in der BRD. Hier ging die Saat auf, die die GoG gesät hatte.

Und doch ent­schied sich in einer Urab­stimmung schließlich eine große Mehrheit der Beleg­schaft dafür, den Streik zu beenden, gerade in dem Augen­blick, als er Wirkung zeigte. Noch heute sind damalige Aktivist*innen ent­täuscht. Der Rückgang des Betriebs­ak­ti­vismus machte sich auch in Stimm­ver­lusten für die GoG bei den Betriebs­rats­wahlen bemerkbar. Daher war es für Gewerk­schafter wie Wolfgang Schaumberg nicht ver­wun­derlich, dass bei der Abwicklung von Opel Bochum ein mit 2004 ver­gleich­barer Wider­stand aus­blieb. Im Dezember 2014 ging es nur noch um Abfin­dungen und Auf­fang­ge­sell­schaften – mehr nicht.

Spä­testens seit aus Opel GM geworden war und die ein­zelnen Standorte gegen­ein­ander aus­ge­spielt wurden, war den GoG-Aktivist*innen klar, dass linker Gewerk­schafts­arbeit, wie sie sie vor­an­ge­trieben hatten, eine Nie­derlage drohte. Im Film wird gezeigt, wie die linken Opelaner*innen dieser kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz­logik Arbeiter*innensolidarität ent­ge­gen­setzen wollten. Sie fuhren in den 1990er Jahren an Opel­standorte in anderen Ländern wie Polen oder Spanien, um eine gemeinsame Front gegen die Kapi­tal­stra­tegie zu bilden. Damit sind sie jedoch gescheitert, wie die Betei­ligten heute resü­mieren. Die Kapi­tal­logik der Kon­kurrenz hat sich durch­ge­setzt. Die Bedin­gungen für linke Gewerk­schafts­arbeit, die sich ent­schieden gegen Stand­ort­logik stellt, wurden schlechter.

Dennoch ist der Film kein Abgesang auf geschei­terte Hoff­nungen. Mehrere Kolleg*innen betonen, dass ihre Erfah­rungen auch heute noch aktuell sind, bei Amazon oder im Kampf gegen Leih­arbeit in der Metall­branche: »Ein kon­se­quenter betrieb­licher Ver­tei­di­gungs­kampf erfordert noch immer eine gut begründete Kapi­ta­lis­mus­kritik, die Ent­larvung fal­scher Argu­mente und illu­so­ri­scher Hoff­nungen«, betont Schaumberg.

Zur Fer­tig­stellung benötigt der Film noch Geld, unter anderem für die Lizenz­ge­bühren. Bis zum 25. August sollen per Crowd­funding 4000 Euro gesammelt werden.

www.startnext​.com/gog

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​7​5​4​8​.​a​r​b​e​i​t​s​k​a​m​p​f​-​b​e​t​r​i​e​b​s​a​r​b​e​i​t​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​.html

Peter Nowak

»Open End statt Opel-Ende«

– Crowd­funding für Film über Opel-Betriebs­gruppe GoG gestartet

Viel ist in den letzten Monaten über den gesell­schaft­lichen Auf­bruch vor 50 Jahren dis­ku­tiert worden. Selten wird erwähnt, dass nicht nur Schü­le­rInnen, Jugend­liche und Stu­die­rende um 1968 auf­ge­standen sind. Auch in den Fabriken wuchs der Wider­stand. Diesen pro­le­ta­ri­schen Auf­bruch widmet sich Bärbel Schöna­finger von labournet​.tv mit ihren Doku­men­tarfilm über die Geschichte der Gruppe oppo­si­tio­neller Gewerk­schaftler (GoG) aus Opel. Gleich am Anfang wir ein Zitat aus der wirt­schafts­nahen Wochen­zeitung „Die Zeit“ vom 24.8.1973 über den Beginn der GoG ein­blendet: „Ange­fangen hatte es damit, dass sich vor etwa drei Jahren der Reli­gi­ons­lehrer Wolfang Schaumberg und der Volks­schul­lehrer Klaus Schmidt bei den Opel-Werken als Hilfs­ar­beiter ver­dingten“. Gleich danach sitzt Wolfgang Schaumburg 2018 in einem Klas­senraum vor einer Tafel und berichtet, wie er und viele Genos­sInnen mit ihrer Betriebs­arbeit die Welt­re­vo­lution vor­an­zu­treiben wollten. Er spricht über den Kontakt mit kom­mu­nis­ti­schen Genos­sInnen aus Deutschland und Spanien. Im Anschluss berich­teten Willi Hajek und Robert Schlosser von ihrer Moti­vation, den Auf­bruch von 68 in die Betriebe zu tragen. 1975 bekam die GoG bei den Betriebs­rä­te­wahlen über 5000 Stimmen und 12 Sitze im Betriebsrat. Das war auch eine Quittung für den alten Betriebsrat, der mit dem Management gekungelt hat. Noch heute schwärmen mehrere Grün­dungs­mit­glieder der GoG über die Euphorie der ersten Jahre, als sie durch die ganze Republik fuhren und über ihre Erfolge bei Opel Bochum berich­teten. Doch nach 1975 setzte die Mühe der Ebenen ein. Die Zahl der Unter­stüt­ze­rInnen im und außerhalb des Betriebs ging zurück. Einige der Akti­vis­tInnen ver­ließen die Fabrik und setzten ihr Studium fort. Doch viele blieben und ihnen gelang es, Opel Bochum zu einem rebel­li­schen Betrieb zu machen. Es begann der Kampf um den Bil­dungs­urlaub, mit dem die Beschäf­tigten eine Woche den Betrieb ver­lassen und sich mit anderen Themen beschäf­tigen konnten. Auch dem Thema „Gesundheit am Arbeits­platz“ widmete sich die GoG bereits in den 1980er Jahren. Einen großen Stel­lenwert nehmen im Film die Ver­suche der GoG ein, der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kurrenz eine Arbei­te­rIn­nen­so­li­da­rität ent­ge­gen­zu­setzen. Mitt­ler­weile war aus Opel GM geworden und die ein­zelne Standorte sollten gegen­ein­ander aus­ge­spielt werden. GoG-Kol­le­gInnen fuhren in den 1990er Jahren nach Polen, Spanien und in andere Länder in der Hoffnung, eine gemeinsame Front der Arbeiter Innen gegen die Kapi­tal­stra­tegie bilden zu können. Damit sind sie gescheitert, wie die Betei­ligten heute mit etwas Wehmut resü­mieren. 2004 machte Opel Bochum mit einem sieben tägigen wilden Streik gegen Ent­las­sungs­pläne Schlag­zeilen. Hier ging auch die Saat auf, die GoG mit ihrer jah­re­langen Arbeit im Betrieb gesät hat. Doch als eine große Mehrheit in der Beleg­schaft den Streik mit einer Urab­stimmung gerade in dem Augen­blick beendete, als er Wirkung zeigte, macht einige der Akti­vis­tInnen noch heute traurig. Der Rückgang des Betriebs­ak­ti­vismus machte sich auch bei den Stim­men­rück­gängen für die GoG bei den Betriebs­rats­wahlen bemerkbar. Vor allem die junge Generation fehlte. Umso wich­tiger ist der Film über die GoG, in dem die Betei­ligten ein Stück Geschichte des pro­le­ta­ri­schen 68 ver­mitteln. Um den Film fer­tig­zu­stellen, wird noch Geld gebraucht, unter Anderem für Lizenz­ge­bühren. Bis zum 25. August läuft eine Crowd­funding-Kam­pagne von labournet​.tv und GoG. Bis dahin sollen 4000 Euro gesammelt werden.

Peter Nowak

Wer für den Film spenden will, findet hier weitere Infos:
https://www​.startnext​.com/gog/

aus: express – Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit

http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/

Opel-Belegschaft will nicht für die Autokrise zahlen

Was das Nein der Bochumer Opel-Beschäf­tigten mit dem Nein des zyprio­ti­schen Par­la­ments zu den EU-Troika-Plänen zu tun hat

Die Beleg­schaft von Opel Bochum hat vor einigen Tagen mit einer Mehrheit von über 76 Prozent ein Abkommen abge­lehnt, das die IG-Metall mit dem Opel-Management aus­ge­handelt hatte. Es hat den hoch­tra­benden Titel »Deutsch­landplan« getragen. Die Beschäf­tigten sollten dort wei­teren Ver­zichts­leis­tungen zustimmen, dar­unter einem Lohn­stopp und der Strei­chung von über­ta­rif­lichen Ent­gelt­be­stand­teilen. Im Gegenzug wollte das Management die Opel-Pro­duktion bis 2016 in Bochum belassen und eine Trans­fer­ge­sell­schaft ein­richten.

In der Regel werden solche Ver­zichts­leis­tungen für den Standort von den Lohn­ab­hän­gigen mehr oder weniger zäh­ne­knir­schend akzep­tiert, gerade dann, wenn eine DGB-Gewerk­schaft als Ver­trags­partner mit im Boot ist. Doch bei Opel Bochum lief es anders. Die Mehrheit der Beleg­schaft hatte genug vom ewigen Ver­zicht und zeigte nicht nur dem Management, sondern auch der IG-Metall die kalte Schulter. Daher ist die Ein­schätzung eines taz-Kom­men­tators, wonach mit dem Votum aus Bochum auch die IG-Metall eine Ohr­feige bekommen habe, völlig korrekt. Schließlich hatte auch die IG-Metall den Standort Bochum längst auf­ge­geben und sich auf den Erhalt von Rüs­selsheim kon­zen­triert.

Sechs Tage der Selbst­er­mäch­tigung

Das Nein aus Bochum kommt nicht über­ra­schend. Mehr als zwei Jahr­zehnte hatte die links­ge­werk­schaft­liche Gruppe Gegenwehr ohne Grenzen in dem Werk eine Basis. Sie lehnte jeden Stand­ort­na­tio­na­lismus ab und setzte sich schon früh für einen län­der­über­grei­fenden Kampf aller Beschäf­tigten gegen die Kon­zern­pläne ein. Im Oktober 2004 erregte ein Großteil der Opel-Beleg­schaft mit einem sechs­tä­gigen wilden Streik bun­desweit große Auf­merk­samkeit (Details können in dem im Verlag Die Buch­ma­cherei her­aus­ge­ge­benen Buch Sechs Tage der Selbst­er­mäch­tigung nach­ge­lesen werden).

Nach dem Schlie­ßungs­be­schluss vom 11. Dezember letzten Jahres war die Stimmung bei Opel zunächst gedämpft. Ca. 100 Beschäf­tigte betei­ligten sich an einer Demons­tration am gleichen Tag. Am 14. Dezember rief die IG Metall zu einer Kund­gebung vor dem Tor 4 auf. »Die meisten Reden ver­brei­teten Zweck­op­ti­mismus«, erklärte der lang­jährige Betriebsrat und GoG-Aktivist Wolfgang Schaumberg. Er regis­triert die Ver­än­de­rungen im Opel-Werk sehr genau und kennt auch die Ursachen.

»Heute liegt der Alters­durch­schnitt im Werk bei über 47 Jahren. Gerade die Älteren hoffen auf eine Abfindung und rechnen sich schon aus, wie sie mit Abfin­dungen und Arbeits­lo­sengeld bis zum Ren­ten­alter kommen«, beschrieb er Situation. Weil die Kom­po­nen­ten­fer­tigung für andere Werke aus Bochum abge­zogen wurde, könnte ein Aus­stand heute nicht mehr, wie 2004, die Opel-Pro­duktion in ganz Europa lahm­legen. Dieser durch die tech­no­lo­gische Ent­wicklung begüns­tigte Verlust der Pro­du­zen­ten­macht hat auch dazu geführt, dass viele Streik­ak­ti­visten von 2004 Abfin­dungen ange­nommen und sich aus dem Betrieb ver­ab­schiedet haben.

Der »Arbei­ter­mi­li­tante«, der, wie der vor einigen Jahren ver­rentete Wolfgang Schaumberg, über Jahr­zehnte im Betrieb arbeitete und seine Erfah­rungen an die jeweils nächste Generation wei­tergab, war auch bei Opel schon vor den Schlie­ßungs­plänen ein ana­chro­nis­ti­scher Typus geworden. Schließlich haben die Bochumer Ope­laner den Macht­verlust selber erfahren. In den ver­gan­genen zwei Jahr­zehnten ist die Zahl der Beleg­schafts­mit­glieder kon­ti­nu­ierlich zurück­ge­gangen. Die Beschäf­tigten haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ihr Ver­zicht nicht etwa belohnt, sondern mit wei­teren Kür­zungs- und Schlie­ßungs­plänen beant­wortet wurde. Das Nein zu einem erneuen Ver­zicht war dann nur eine logische Kon­se­quenz.

Die Wei­gerung

»Die Alter­native wäre gewesen, dass wir noch ein paar Tage länger hätten pro­du­zieren können – mit einer schrump­fenden Beleg­schaft«, beschrieb der durchaus nicht als besonders radikal bekannte Bochumer Opel-Betriebs­rats­vor­sit­zende Reiner Einenkel den von der IG-Metall bewor­benen Vertrag.

Dass sich die Beleg­schaft nicht wider­spruchslos fügen würde, war bereits im letzten Jahr zu erkennen. So empfahl ein oppo­si­tio­neller Betriebsrat den Beschäf­tigten auf einer Kund­gebung am 14. Dezember, sich an den bel­gi­schen Ford-Kol­legen aus Genk ein Bei­spiel zu nehmen. Die sind Anfang November nach der Ankün­digung der Schließung ihres Werkes spontan zum Ford-Werk nach Köln gefahren und haben dort pro­tes­tiert. Die Aktion ist in den Medien in Deutschland als Randale hin­ge­stellt worden und die bel­gi­schen Arbeiter wurden von der Polizei erken­nungs­dienstlich behandelt. Die man­gelnde Soli­da­rität der IG-Metall sorgte an der Gewerk­schafts­basis durchaus für Unmut. Manche der Beschäf­tigten werden sich an diese Aktionen erinnert haben, als sie sich jetzt bei der Abstimmung wei­gerten, dem eigenen Ver­zicht aktiv zuzu­stimmen.

Eine Form der Kri­sen­pro­teste

Das Management hat die Ablehnung mit der Bemerkung kom­men­tiert, man bedauere, dass die Beleg­schaft ein attrak­tives Angebot aus­ge­schlagen hat und werde nun das Opel-Werk bereits 2014 schließen. Bei großen Teilen der Beleg­schaft wird diese Ankün­digung als Bluff auf­ge­fasst. Das Management könne sich eine Schließung im nächsten Jahr gar nicht leisten und werde weiter ver­handeln, lautet eine weit­ver­breitete Ein­schätzung. Doch was ist, wenn sie nicht zutrifft und das Werk tat­sächlich geschlossen werden soll? Gibt es dann eine Werks­be­setzung?

Solche Fragen sollten sich die Beschäf­tigten in Bochum zumindest stellen. Denn sie haben mit ihrer Wei­gerung, weiter für den Standort Ver­zicht zu üben, in Deutschland etwas Sel­tenes getan. Sie haben Nein gesagt und dem Druck wie­der­standen, der auf sie aus­geübt wurde.

In dieser Hin­sicht kann man das Nein zum Ver­zichtsplan in Bochum mit dem Nein des zyprio­ti­schen Par­la­ments zu dem von der Troika fest­ge­legten Kri­senplan ver­gleichen. In beiden Fällen waren sich fast sämt­liche Medien und Poli­tiker einig, eine Annahme der Pläne ist sowohl in Zypern als auch in Bochum alter­na­tivlos, eine Ablehnung dagegen würde schlimme Folgen haben. Im Fall Zypern will die EU-Troika nun mit allen Mitteln durch­setzen, dass die reni­tenten Par­la­men­tarier doch noch einen Rück­zieher machen und den EU-Plan akzep­tieren. Solche Pres­sionen könnten auch der Beleg­schaft in Bochum noch bevor­stehen.
http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​53986
Peter Nowak

Aus für Opel – und nichts passiert

Opel Bochum zeigt, wie schwer sic hdie Beleg­schaften mit der Auto­mo­bil­krise tun

»Hier hat sich die Beleg­schaft selbst orga­ni­siert. Von Don­nerstag an stand fest, die Beleg­schaft handelt und ent­scheidet gemeinsam jeden Schritt und jede Aktion. Ohne groß­artige Abstim­mungen wurden die Tore besetzt, um zu ver­hindern, dass LKWs mit Ladung das Werk ver­ließen – leer konnten sie fahren.« Dieser Lage­be­richt des oppo­si­tio­nellen Bochumer Opel-Betriebs­rates Manfred Strobel ist vor acht Jahren in der Zeit­schrift Express erschienen, die gewerk­schaft­lichen Kämpfen in und außerhalb des DGB ein Forum gibt.
Damals hatte ein durch ange­kün­digte Mas­sen­ent­las­sungen aus­ge­löster sechs­tä­giger Streik der Opel-Beleg­schaft in Teilen der Linken für Begeis­terung gesorgt. Denn die Aktion hatte erkennbar nicht die Hand­schrift der IG-Metall-Führung getragen. Der Ber­liner Verlag „Die Buch­ma­cherei“ hat unter dem Titel „6 Tage der Selbst­er­mäch­tigung“ ein Buch her­aus­ge­geben, in dem die dama­ligen Kämpfe anschaulich doku­men­tiert sind. Acht Jahre später wurde der Schlie­ßungs­be­schluss des Opel­werkes ver­kündet und es gab keine Tor­be­set­zungen und Streiks. Kurz nach Bekannt­werden des Beschlusses demons­trierten am 10. Dezember knapp 100 Beschäf­tigten durch das Werk. Am 14. Dezember hatte die IG-Metall zu einer Kund­gebung vor dem Tor 4 auf­ge­rufen. Der Tenor der meisten Reden war Zweck­op­ti­mismus. Es sei schon ein Erfolg, dass die Gespräche wei­ter­gehen. So soll über die Aus­zahlung der 4,3% Tarif­lohn­er­höhung, die Opel wegen als Vor­leistung der Beleg­schaft gestundet worden sind, wei­ter­ver­handelt und das Ergebnis dann den Kol­legen zur Abstimmung vor­gelegt werden. Zudem wurde von den Betriebs­räten die Auf­sichts­rats­ver­sammlung vom 12. Dezember als erfolg­reich bezeichnet, weil dort kein Schlie­ßungsplan vor­gelegt worden war.
„Das halte ich für eine Nebel­kerze. Schließlich wissen alle, dass es den Schlie­ßungs­be­schluss gibt“, kom­men­tierte Wolfgang Schaumberg diesem Versuch, die Beleg­schaft ruhig zu stellen. Schaumberg war jahr­zehn­telang in der oppo­si­tio­nellen Gewerk­schafts­gruppe Gegenwehr ohne Grenzen (GoG) aktiv. Sie und ihre Vor­läufer haben in den ver­gan­genen drei Jahr­zehnten bei Opel eine wichtige Rolle gespielt und sicher auch mit zum 6tägigen Streik vor 8 Jahren bei­getragen. Dass die Gruppe, die die Stand­ort­logik und das gewerk­schaft­liche Coma­nagement immer bekämpft hat, bei der letzten Betriebs­ratswahl erstmals kein Mandat mehr bekommen hat, zeigt das ver­än­derte Klima.

Viele wollen lieber die Abfindung kas­sieren

Heute liegt der Alters­durch­schnitt im Werk bei über 47 Jahren. „Gerade die Älteren hoffen auf eine Abfindung und rechnen sich schon aus, wie sie mit Abfin­dungen und Arbeits­lo­sengeld bis zum Ren­ten­alter kommen“, beschreibt Schaumberg die Situation Weil die Kom­po­nen­ten­fer­tigung für andere Werke aus Bochum abge­zogen wurde, könnte ein Aus­stand heute nicht mehr wie 2004 die Opel-Pro­duktion in ganz Europa lahm­legen. Dieser durch die tech­no­lo­gische Ent­wicklung begüns­tigte Verlust der Pro­du­zen­ten­macht hat auch dazu geführt, dass sich viele Streik­ak­ti­vis­tInnen von 2004 mit Abfin­dungen aus dem Betrieb ver­ab­schiedet haben. Dazu gehört auch der Express-Autor Manfred Strobel. Die Figur des “Arbei­ter­mi­li­tanten“, der, wie der vor einigen Jahren ver­rentete Wolfgang Schaumberg, über Jahr­zehnte im Betrieb arbei­teten und Kampf­erfah­rungen an neue Genera­tionen wei­ter­gaben, war auch bei Opel schon vor den Schlie­ßungs­plänen ein Aus­lauf­modell. Schließlich haben die Bochumer Ope­la­ne­rInnen den Macht­verlust selber erfahren können. In den letzten zwei Jahr­zehnten ist die Anzahl der Beleg­schafts­mit­glieder kon­ti­nu­ierlich zurück gegangen.
Dieser Rückgang der Arbei­ter­In­nen­macht, bedingt durch den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt und die Politik der Wirt­schafts­ver­bände, machen Beleg­schaften in vielen euro­päi­schen Ländern zu schaffen. Diese Erfah­rungen haben dazu geführt, dass Ent­schei­dungs­streiks in ein­zelnen Fabriken in den letzen Jahren zurück­ge­gangen sind und dafür die aus der Defensive geführten poli­ti­schen Streiks zuge­nommen haben, lautet die These des von Alex­ander Gallas, Jörg Nowak und Florian Wilde kürzlich im VSA-Verlag erschie­nenen Buch „Poli­tische Streiks im Europa der Krise“.
Der IG-Metall-Vor­stand zumindest macht sich über neue Kampf­formen kaum Gedanken. Auf ihrer Homepage wird der Opel-Kon­flikt zu einem Kampf zwi­schen den Stand­orten USA und Deutschland sti­li­siert. Dort ist von „einer Kampf­ansage von General Motors an Opel Bochum“ die Rede. Das Management habe die Marke Opel beschädigt, lautet die Klage der gewerk­schaft­lichen Koma­nager, die ein pro­fi­tables Opel-Werk fordern. „Damit sind weitere Ver­zichts­er­klä­rungen der Beschäf­tigten schon vor­pro­gram­miert“, kom­men­tiert Schaumberg rea­lis­tisch.
Aller­dings gibt auch bei Opel noch ver­schiedene Formen von Wider­spruch gegen diese IG-Metall Linie. So empfahl ein oppo­si­tio­neller Betriebsrat auf der Kund­gebung am 14. Dezember, sich an den bel­gi­schen Ford-Kol­legen aus Genk ein Bei­spiel zu nehmen, die Anfang November nach der Ankün­digung der Werk­schließung vor dem Ford-Werk in Köln pro­tes­tierten. Die Aktion sei in den Medien in Deutschland als Randale hin­ge­stellt worden, es habe sich aber um eine Pro­test­aktion mit Vor­bild­cha­rakter, erklärte er unter Applaus.

Oppo­si­to­nelle Gewerk­schafter gespalten

Eben­falls aus den Reihen oppo­si­tio­neller Opel-Gewerk­schafter wird mit dem Vor­schlag, Gewerk­schaften und Umwelt­or­ga­ni­sa­tionen sollen sich gemeinsam für die Pro­duktion umwelt­freund­licher Autos ein­setzen, an die Kon­ver­si­ons­pläne der 70er Jahre ange­knüpft.
„Solche For­de­rungen können nicht in einem Werk umge­setzt werden, sondern setzen eine ganz andere Aus­ein­an­der­setzung mit dem Kapital voraus“, betont Schaumberg. Bei der GoG wird daher die For­derung dis­ku­tiert, dem Management mit der Position gegenüber zu treten, die Arbeit könnt ihr behalten, aber ihr müsst uns weiter bezahlen. Schließlich hätten die Lohn­ab­hän­gigen die Situation nicht ver­ur­sacht, die zum Schlie­ßungs­be­schluss führte. Damit knüpfen sie an die Parole „Wir zahlen nicht für Eure Krise“ an. Im Fall Opel ist die Parole sehr treffend. Denn es ist auch die durch die deutsche Kri­sen­po­litik der euro­päi­schen Peri­pherie auf­ok­troy­iertes Ver­ar­mungs­pro­gramm, das den deut­schen Export ein­brechen ließ und Opel unren­tabel macht. Wer jeden Cent zweimal umdrehten muss, kauft schließlich keine Autos.
Ein erstes Fazit, das sich aus den Reak­tionen auf die Opel-Krise ziehen lässt, ist so also durchaus zwie­spältig. Viele außer­par­la­men­ta­rische Linke hätten natürlich jeden direkten Wider­stand im Werk als Zeichen für die wei­terhin lebendige Arbei­te­rIn­nen­be­wegung inter­pre­tiert. Dass aber die Kol­le­gInnen eben nicht einfach die Brocken hin­werfen und statt­dessen ihre Abfin­dungen aus­rechnen, ist auch der Erkenntnis geschuldet, dass im heu­tigen Kapi­ta­lismus eine iso­lierte Lösung in einer ein­zelnen Fabrik nicht möglich ist.
Die von der Umwelt­ge­werk­schaft ange­fachte Debatte über die Pro­duktion von umwelt­freund­lichen Fahr­zeugen ist nur möglich, wenn die Eigen­tums­frage und Pro­du­zen­tIn­nen­macht und Kon­zepte einer gesamt­ge­sell­schaft­lichen, demo­kra­ti­schen Planung der Pro­duktion wieder gestellt wird. In Zeiten, in denen die Markt- und Kapi­tal­logik scheinbar alter­na­tivlos erscheint , könnten damit linke Ziel­vor­stel­lungen wieder in der Öffent­lichkeit plat­ziert werden. Für das erste März-Wochenende plant die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Stuttgart eine Kon­ferenz zum Thema „Erneuerung durch Streik“. In dem detail­lierten Pro­gramm, das auf der Homepage http://​www​.rosalux​.de/​e​v​e​n​t​/​4​6​5​3​8​/​e​r​n​e​u​e​r​u​n​g​-​d​u​r​c​h​-​s​t​r​e​i​k​.html ver­öf­fent­licht, ist bisher aller­dings Opel-Bochum nicht erwähnt.

aus analyse und kritik 579
http://​www​.akweb​.de/
Peter Nowak

»Es gibt keine Patentlösungen für Opel«


Gewerk­schafts­ak­tivist fordert neue Aus­ein­an­der­setzung mit dem Kapital statt abs­trakter Ret­tungs­pläne
GM will das Bochumer Opel-Werk 2016 schließen. Der richtig große Auf­schrei bleibt aber bisher aus, kri­ti­siert der ehe­malige Betriebsrat Wolfgang Schaumberg, der in der gewerk­schaft­lichen Gruppe »Gegenwehr ohne Grenzen (GoG) mit­ar­beitet.

nd: Die Zukunft des Opel-Werks in Bochum scheint besiegelt. Vor acht Jahren gab es nach Schlie­ßungs­dro­hungen noch spontane Streiks und Demons­tra­tionen. Wie ist die Situation heute?
Alle wissen, dass der Alters­durch­schnitt der Beschäf­tigten bei Opel-Bochum bei über 47 Jahren liegt. Gerade die Älteren hoffen auf eine Abfindung und rechnen sich schon aus, wie sie mit Abfin­dungen und Arbeits­lo­sengeld bis zum Ren­ten­alter kommen. Außerdem hat man nicht mehr die Macht wie 2004, durch Streiks ganz Opel Europa kurz­fristig lahm­zu­legen.

Am Freitag legten 300 Ope­laner die Arbeit mehrfach kurz­zeitig nieder und es gab Kund­ge­bungen. Was sind die For­de­rungen?
Die Betriebs­rats­mehrheit sieht es schon als Erfolg, dass die Gespräche wei­ter­ge­führt werden. Auch über die Aus­zahlung der 4,3-Prozent-Tariflohnerhöhung, die Opel wegen »Ver­hand­lungen gestundet worden sind«, soll am 8. Januar wei­ter­ver­handelt und das Ergebnis dann der Beleg­schaft zur Abstimmung vor­gelegt werden. Zudem erklärten die Betriebsräte, die Auf­sichts­rats­ver­sammlung am ver­gan­genen Don­nerstag sei ein Erfolg gewesen, weil kein Schlie­ßungsplan vor­gelegt wurde. Auch das halte ich für eine Nebel­kerze. Schließlich wissen alle, dass es den Schlie­ßungs­be­schluss gibt.

● Aber alle Redner betonten doch, dass Wider­stand gegen die Schlie­ßungs­pläne nötig sei?
Da muss man schon genauer hin­hören. Wenn gesagt wird, wir haben jetzt noch vier Jahre Zeit, um Wider­stand gegen die Schließung zu leisten, müssen wir fragen, wer dann noch bei Opel ist. Wir waren bei Opel in den letzten Jahr­zehnten mit einer Ver­zichts­er­klärung nach der anderen kon­fron­tiert. Die Zahl der Arbeits­plätze ist immer mehr geschrumpft, von 19 200 noch im Jahr 1992 auf 3200 jetzt.

● Gab es auch wider­stän­digere Stimmen?
Ja, ein Betriebsrat, der nicht zur Mehr­heits­fraktion gehört, hat an die Ford-Kol­legen vom bel­gi­schen Genk erinnert, die im Oktober wegen des dor­tigen Schlie­ßungs­be­schlusses vor dem Kölner Ford-Werk pro­tes­tiert haben. Er erin­nerte daran, dass die Aktion in den Medien in Deutschland als Randale hin­ge­stellt wurde, es sich aber um eine Pro­test­aktion han­delte. Der Kollege schloss seine Rede mit dem Satz. »Wer uns wehtut, dem tun wir auch weh« und bekam dafür viel Applaus.

Wie beur­teilen Sie die For­de­rungen der IG Metall?
Der Gewerk­schaft wird von der Mehrheit der Beleg­schaft nicht zuge­traut, dass sie bereit ist, den Wider­stand über das Opel-Werk hin­aus­zu­tragen. Dass bestätigt sich, wenn man auf der Homepage der IG Metall die Klage liest, dass das Management die Marke Opel beschädigt hat und ein pro­fi­tables Opel-Werk gefordert wird. Damit sind weitere Ver­zichts­er­klä­rungen der Beschäf­tigten pro­gram­miert.

Was fordern linke Gewerk­schafts­gruppen wie »Gegenwehr ohne Grenzen« (GoG), die im Werk Ein­fluss haben?
Es gibt keine Patent­lö­sungen. For­de­rungen nach Streiks bis zur Rück­nahme des Schlie­ßungs­be­schlusses, die Ein­führung der 30-Stunden-Woche oder eine andere Pro­dukt­pa­lette, wie sie jetzt von linken Gruppen wieder ver­treten werden, sind abs­trakt richtig, gehen aber an der Rea­lität im Opelwerk vorbei. Denn solche For­de­rungen können nicht in einem Werk umge­setzt werden, sondern setzen eine ganz andere Aus­ein­an­der­setzung mit dem Kapital voraus.

Die GoG dis­ku­tiert daher die For­derung: »Die Arbeit könnt ihr behalten, aber ihr müsst uns weiter bezahlen.« Schließlich haben die Lohn­ab­hän­gigen die Situation nicht ver­ur­sacht, die zum Schlie­ßungs­be­schluss führte. Damit knüpfen sie an die Parole »Wir zahlen nicht für Eure Krise« an. Aller­dings ist für diese Ein­stellung das Bewusstsein nicht weit ver­breitet

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Interview: Peter Nowak

Auf Eigeninitiative der Beschäftigten gesetzt

Ex-Ope­laner Wolfgang Schaumberg über die Nie­derlage linker Gewerk­schafter bei der Betriebs­ratswahl
Wolfgang Schaumberg arbeitete 30 Jahre im Opel-Werk Bochum und war 25 Jahre lang im Betriebsrat. Auch als Vor­ru­he­ständler ist er wei­terhin in der links­ge­werk­schaft­lichen Gruppe »Gegenwehr ohne Grenzen« (GoG) aktiv. Über die Betriebs­ratswahl 2010 sprach mit ihm Peter Nowak.
ND: Die Gruppe »Gegenwehr ohne Grenzen« (GoG) hat bei der letzten Betriebs­ratswahl bei Opel-Bochum erstmals seit 30 Jahren keinen Sitz bekommen. War die Nie­derlage über­ra­schend?
Schaumberg: Nicht wirklich. Wir haben unsere Stim­menzahl von der letzten Betriebs­ratswahl gehalten. Damals haben wir im Bündnis mit der »Liste Offensiv« kan­di­diert, einer wei­teren linken Gewerk­schafts­gruppe. Jede Gruppe hatte einen Sitz. Bei der dies­jäh­rigen Betriebs­ratswahl haben wir getrennt kan­di­diert. Die »Liste Offensiv« hat ihren Sitz gehalten, weil sie mehr Stimmen hatte. Wir gingen leer aus.

War es also ein Fehler, getrennt zu kan­di­dieren?
Wir sehen die Eigen­kan­di­datur auch im Nach­hinein nicht als Fehler. Die poli­ti­schen Vor­stel­lungen waren in vielen Fragen zu unter­schiedlich. Im Gegensatz zur »Liste Offensiv« war die GoG nicht in der Lage, im Wahl­kampf mit einem his­to­ri­schen Opti­mismus auf­zu­treten.

Was war der Schwer­punkt Ihres Betriebs­rats­wahl­kampfes?
Wir haben auf die Eigen­in­itiative der Beschäf­tigten gesetzt. Das Motto unserer Liste lautete: »Gegenwehr – das müssen wir schon selber tun«. Das ist auch ein Bruch mit einer Art linker Gewerk­schafts­arbeit, die Hoff­nungen auf den Betriebsrat setzt, wenn da nur die rich­tigen Leute drin sind.

Warum haben Sie nicht mehr Zustimmung bekommen?
Viele Kol­legen sagen uns, Ihr habt mit Euren For­de­rungen recht, aber wo ist die Bewegung, die sie durch­setzen kann? Die Fabrik kann nicht als gal­li­sches Dorf alleine Wider­stand leisten.

Es gibt außer­be­trieb­liche linke Gruppen, die Flug­blätter vor dem Fabriktor ver­teilen …
Die gibt es, doch sie tragen oft eher zur Resi­gnation der Bewegung bei. Deren For­de­rungen führen bei den Kol­legen oft zu Kopf­schütteln, weil sie die kon­krete Situation im Betrieb über­haupt nicht erfassen.

Können Sie ein Bei­spiel dafür geben?
Wenn die Ver­ge­sell­schaftung von Opel-Bochum gefordert wird, fragen die Kol­legen mit Recht, wie soll das gehen in einem Betrieb, der hoch­gradig in die globale Pro­duktion inte­griert ist? Selbst die For­derung nach einer Arbeits­zeit­ver­kürzung auf 30 Stunden halten viele Kol­legen für unrea­lis­tisch.

Hatten Sie Kontakt zu Kol­legen in anderen Opel-Werken?
Wir haben viele Ver­suche gestartet, um uns mit den Kol­legen zu ver­netzen und gemeinsam gegen das General-Motors-Management agieren zu können. Dabei haben wir aber zu viel Wert auf den Kontakt zu Gewerk­schafts­funk­tio­nären und Betriebs­räten gelegt und die betriebs­über­grei­fende Debatte mit den Kol­legen in den anderen Werken ver­nach­lässigt. Des­wegen ist aus unseren inter­na­tio­nalen Kon­takten keine lebendige Zusam­men­arbeit ent­standen.

Wie will die GoG ohne Betriebs­rats­mandat wei­ter­machen?
Wir wollen über die klas­sische Gewerk­schafts­arbeit hin­aus­gehen, die sich in wöchent­lichen Treffen und dem Ver­teilen von Flug­blättern erschöpft. Bei­spiels­weise haben wir bei der letzten Per­so­nal­ver­sammlung, als Bett­ler­truppe ver­kleidet, Arbeits­hetze und Lohn­ver­zicht kri­ti­siert.

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Peter Nowak

Immer auf die eigene Kraft vertraut

Seit den 1970er Jahren ist die gewerk­schafts­linke Gruppe GoG bei Opel in Bochum aktiv
GoG-Mit­be­gründer Wolfgang Schaumberg war am Mittwoch in Berlin, um über die Geschichte der Gruppe zu sprechen. Die drei Buch­staben stehen heute für »Gegenwehr ohne Grenzen«. Gegründet hatte man sich dagegen in den bewegten 70er Jahren als Gewerk­schaft­liche Oppo­si­tions-Gruppe.
»In 10 Jahren können wir viel­leicht die Macht­frage bei Opel stellen«, hat ein selbst­be­wusster Gewerk­schafter einmal gesagt. Das war Anfang der 1970er Jahre. Nicht nur an den Uni­ver­si­täten, auch in den Nicht nur an den Uni­ver­si­täten auch in den Betrieben wuchs die Unruhe. Erstmals gab es auch in der BRD nicht vom DGB kon­trol­lierte, soge­nannte wilde Streiks. Damals grün­deten unzu­friedene Arbeiter gemeinsam mit Stu­die­renden, die die Arbei­ter­klasse ent­deckt hatten, bei Opel-Bochum die Gewerk­schaft­liche Oppo­si­tions-Gruppe (GoG). Anders als viele Neu­grün­dungen jener Jahre gibt es die GoG noch immer. Nach Aus­ein­an­der­set­zungen mit der DGB-Führung nannte sie sich in Gegenwehr ohne Grenzen um. „Das war das einzige Zuge­ständnis, das wir gemacht haben, als wir nach mehr­jäh­rigen Gewerk­schafts­aus­schlüssen wieder in den DGB auf­ge­nommen wurden, meinte Wolfgang Schaumberg am Mitt­woch­abend in Berlin. Dort sprach der GoG-Mit­be­gründer und lang­jährige Opel-Betriebsrat über die Geschichte der Gruppe. Kon­flikte hat es in der 38jährigen Geschichte viele gegeben, nicht nur mit dem DGB. „Wir haben die Aus­schlüsse nicht so ernst genommen und unsere Politik fort­ge­setzt.

Kein Ende der Arbei­ter­be­wegung
Anfang der 80er Jahre gab es bei der GoG eine große Zäsur. Ein Teil der Aka­de­miker verließ die Fabrik, beendete das Studium oder widmete sich anderen Tätig­keiten. Gleich­zeitig ver­schlech­terten sich mit der begin­nenden Mas­sen­ar­beits­lo­sigkeit die Kampf­be­din­gungen. Statt der Abschaffung des Kapi­ta­lismus stand nun der Erhalt der Arbeits­plätze im Mit­tel­punkt. Doch die GoG-Akti­visten stellten sich schnell auf die neuen Her­aus­for­de­rungen ein. Sie ver­suchten sie Antwort auf die Glo­ba­li­sierung des Kapitals eine Bewegung der Lohn­ab­hän­gigen zu orga­ni­sieren. Deshalb reisten viele GoG-Akti­visten zu Opel-Werken in anderen euro­päi­schen Ländern und sogar in die USA. „Im Nach­hinein muss ich selbst­kri­tisch ein­schätzen, dass wir zu viel mit Gewerk­schafts­funk­tio­nären und zu wenig mit der Basis Kontakt hielten, meint Schaumberg heute selbst­kri­tisch. 
Die Zahl der Betriebs­mandate der GoG ist in den letzten Jahren geschrumpft und seit den letzten Betriebs­rats­wahlen ist sie erstmals gar nicht in dem Gremium ver­treten. Dabei hat sich an der Stim­menzahl gegenüber der vor­he­rigen Wahl kaum ver­ändert. Doch während die GoG damals mit einer wei­teren Linken Liste koope­rative, setzte sie in diesem Jahr auf dem Alleingang. Im Wahl­kampf setzte sie stark auf die Selbst­or­ga­ni­sation. „Wir kri­ti­sierten dabei auch eine Stell­ver­tre­ter­po­litik, wie sie bei Gewerk­schafts­linken zu finden ist“, meine Schaumberg. „Das müssen wir schon selber tun“ lautete das Motto.
Nach ihrer Nie­derlage dis­ku­tiert die GoG ver­stärkt auch neue Akti­ons­me­thoden. „Vor allem junge Men­schen können sich nicht mehr ohne Wei­teres mit der klas­si­schen Gewerk­schafts­arbeit iden­ti­fi­zieren, die im wöchent­lichen Treffen und dem Ver­fassen und Ver­teilen von Flug­blättern und Betriebs­zei­tungen besteht, betont Schaumberg. Auch die Iden­ti­fi­kation mit dem Betrieb schwindet in Zeiten der fle­xiblen Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse. Das hat auch Ein­fluss auf die Kampf­be­reit­schaft. Die GoG will auch diese Krise über­stehen und pro­biert neue Akti­ons­formen. So haben bei der letzten Per­so­nal­vers­sammlung von Opel GoG –Akti­visten als Bett­ler­truppe ver­kleidet Arbeits­hetze und Lohn­ver­zicht kri­ti­siert. 

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Peter Nowak

Krisenzeiten für Betriebslinke

»Gegenwehr, das müssen wir schon selber tun«, lautete ein zen­trales Motto, mit dem die links­ge­werk­schaft­liche Gruppe Gegenwehr ohne Grenzen (GoG) bei Opel-Bochum zu den Betriebs­rats­wahlen antrat. Sie erhielt aller­dings nur 90 Stimmen und ist damit nicht mehr im Betriebsrat ver­treten. Dabei scheuten die Links­ge­werk­schafter seit mehr als 30 Jahren bei Opel-Bochum mit ihrem kämp­fe­ri­schen Kurs keinen Kon­flikt mit dem Management und der Gewerk­schafts­bü­ro­kratie.

Die Ursachen der Nie­derlage sind sicher auch in der Zer­split­terung zu suchen. So kan­dierten IG-Metall-Mit­glieder auf 12 Listen. Min­destens die Hälfte monierte mehr oder weniger deutlich die offi­zielle Ver­zichts­po­litik. Zudem ver­tei­digte die der MLPD nahe­ste­henden Liste Offensiv ihren Sitz im Betriebsrat. Während es bei den letzten Betriebs­rats­wahlen zwi­schen GoG und Offensiv zu einer Koope­ration kam, wollte die GoG mit ihrer Eigen­kan­di­datur ihre Distanz auch zu einer links­ge­werk­schaft­lichen Position deutlich machen, die in erster Linie für eine kämp­fe­rische Betriebs­rats­arbeit steht und am Stell­ver­tre­ter­modell wenig Kritik übt.

Neben der Selbst­or­ga­ni­sation wandte sich die GoG gegen Stand­ort­na­tio­na­lismus und die Ver­zichts­logik. Ein großer Teil der Beleg­schaft, die mit Ver­zicht auf Lohn­er­hö­hungen und Kurz­arbeit schon lange für die Krise zahlt, folgt aus Über­zeugung oder mit der Faust in der Tasche dieser Stand­ort­logik. So erhielt die Liste »Wir gemeinsam« des Betriebs­rats­vor­sit­zenden Rainer Einenkel in Bochum ebenso klare Mehr­heiten wie sein Rüs­sels­heimer Kollege Klaus Franz, der sich mit seiner Liste »IG-Metall: Wir sind Opel« als der bessere Manager geriert.

Für die Gewerk­schafts­linke, die nur bei den Betriebs­rats­wahlen im Mer­cedes-Benz-Werk Berlin-Mari­en­felde, wo die Liste der »Alter­na­tiven Metaller« fünf Sitze erhielt, einen Erfolg ver­buchen konnte, sollte das Scheitern der GoG Anlass zur ver­stärkten kri­ti­schen Reflexion sein. Ebenso wie in der übrigen Gesell­schaft kann auch in den Betrieben die Linke in Kri­sen­zeiten nicht auto­ma­tisch Erfolge erzielen. Ihre Stärke gewinnt sie in kon­kreten Ausein-ander­set­zungen, wie beim sechs­tä­gigen Streik bei Opel-Bochum im Jahr 2004.

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Peter Nowak