Mehr Chancengleichheit?

Sabrina Klaus-Schel­letter zur For­derung nach einem freien Mas­ter­zugang / Klaus-Schel­letter ist Refe­rentin in der Abteilung Jugend und Jugend­po­litik beim DGB

ND: Die DGB-Jugend hat sich dieser Tage gemeinsam mit ver­schie­denen Stu­den­ten­ver­bänden gegen die Beschränkung des Zugangs zum Mas­ter­studium für Bache­lor­ab­sol­venten aus­ge­sprochen. Was ver­bindet eine Arbeit­neh­mer­or­ga­ni­sation mit Stu­den­ten­ver­bänden?
Klaus-Schel­letter: Wir setzen uns für u. a. für die Ver­bes­serung der Aus­bil­dungs­si­tuation und die Arbeits­be­din­gungen junger Men­schen ein – sowohl auf der betrieb­lichen wie auf der uni­ver­si­tären Ebene. Zudem treten wir als junge Gewerk­schafter für die Chan­cen­gleichheit im gesamten Bil­dungs­system ein, damit eine qua­li­fi­zierte und nach­haltige Bildung unab­hängig von Her­kunft und Ein­kommen ermög­licht wird.

Augen­blicklich regelt in vielen Fächern der Noten­schnitt beim Bache­lor­ab­schluss die Auf­nahme zu einem Mas­ter­studium. Sie kri­ti­sieren aber nicht nur diesen Numerus clausus (NC).
Richtig. Momentan ist es so, dass Kinder aus Selbst­stän­digen- und Beam­ten­fa­milien, von denen min­destens ein Elternteil einen Hoch­schul­ab­schluss hat, eine fünfmal höhere Chance als Kinder aus klas­si­schen Arbei­ter­fa­milien haben, ein Studium zu beginnen. Der Anteil von Arbei­ter­kindern an den Hoch­schulen liegt nach Ergeb­nissen von Sozi­al­erhe­bungen des Deut­schen Stu­den­ten­werkes seit Jahren stabil bei etwa 20 Prozent. Von Chan­cen­gleichheit kann also keine Rede sein. Wir fordern eine gebüh­ren­freie Bildung auf allen Aus­bil­dungs­stufen.

Was sind die Ursachen für die man­gelnde Chan­cen­gleichheit im Hoch­schul­system?
Im Jahr 2008 nannten in einer Erhebung 76 Prozent der Stu­di­en­be­rech­tigten als Grund für einen Ver­zicht auf eine Ein­schreibung an eine Hoch­schule finan­zielle Gründe. Ver­ständlich – immerhin ist die primäre Finan­zie­rungs­quelle für Stu­die­rende noch immer das Elternhaus, an zweiter Stelle steht der eigene Ver­dienst. Kinder aus Arbei­ter­fa­milien müssen sich ihr Ein­kommen während des Stu­diums häu­figer selber mit­ver­dienen als Kinder von Aka­de­mikern. Auch die Gründe für Stu­di­en­ab­brüche sind sehr oft finan­zi­eller Natur.

In der Kritik steht immer wieder die Bologna-Reform. Die war eigentlich dazu gedacht, den Stu­di­en­zugang zu erleichtern und die Berufs­chancen von jungen Aka­de­mikern zu ver­bessern. Ist die Reform gescheitert?
Die Pro­bleme stammen über­wiegend aus der Zeit vor den Bologna-Reformen, haben sich aber durch Nicht­be­rück­sich­tigung während des Umbaus des Hoch­schul­systems ver­schärft. Die Ver­kürzung der Stu­di­en­zeiten hatte eine Ver­dichtung der Stu­di­en­in­halte zur Folge. Dadurch werden Kinder aus Arbei­ter­fa­milien struk­turell weiter benach­teiligt. Stu­die­rende, die gezwungen sind, ihren Lebens­un­terhalt selber zu bestreiten oder während des Stu­diums dazu­ver­dienen müssen, haben größere Pro­bleme, die ver­schärften Anfor­de­rungen in ihren jewei­ligen Stu­di­en­gängen erfüllen zu können. Ver­dichtete Stu­di­en­gänge mit hoher Arbeits­be­lastung und stu­den­tische Erwerbs­arbeit passen nicht gut zusammen.

Wie soll ein freier Zugang zum Mas­ter­studium ohne Numerus Clausus Abhilfe schaffen?
Das Bil­dungs­system in Deutschland funk­tio­niert wie ein Trichter. An jeder Stufe werden Kinder aus nicht­aka­de­mi­schen Familien aus­ge­filtert. Auch der Master ist eine solche Schwelle. Deshalb braucht es dringend den Abbau von Hürden und dafür ist an dieser Stelle der freie Zugang zum Master not­wendig. Ein freier Zugang würde eine Schwelle abbauen und wäre ein Beitrag zur Erhöhung der Chan­cen­gleichheit im Bil­dungs­be­reich.

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