Befristete Arbeitsverträge an Universitäten

Der Frust mit der Frist

Befristete Jobs sind für junge Wis­sen­schaftler an Uni­ver­si­täten der Nor­malfall. Doch gegen die pre­kären Arbeits­be­din­gungen regt sich Wider­stand. Von

»Frist ist Frust« – so lautet das Motto eines Bünd­nisses aus Gewerk­schaften, Hoch­schul- und Stu­die­ren­den­gruppen sowie des »Netz­werks für gute Arbeit in der Wis­sen­schaft«. Mit seiner Kam­pagne »Ent­fris­tungspakt 2019« will das Bündnis die lau­fenden Ver­hand­lungen über den neuen Hoch­schulpakt beein­flussen, der am 3. Mai vom Bun­desrat ver­ab­schiedet werden soll. Zum Kam­pa­gnen­auftakt hatten die betei­ligten Gruppen…

.… zu einem Hearing an die Ber­liner Hum­boldt-Uni­ver­sität geladen, auf dem die Dring­lichkeit der For­de­rungen deutlich wurde. Andreas Keller, stell­ver­tre­tender Vor­sit­zender der »Gewerk­schaft Erziehung und Wis­sen­schaft« (GEW), und Mat­thias Neis, der bei der Bun­des­ver­waltung der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Verdi für den Bereich Hoch­schule und Bildung zuständig ist, kri­ti­sierten das Unwesen der befris­teten Arbeits­ver­träge an den Uni­ver­si­täten. Hanna Hil­brandt vom »Netzwerk gute Arbeit in der Wis­sen­schaft« benannte die Folgen für die Betrof­fenen, sprach die Zunahme von gesund­heit­lichen Pro­blemen durch die unsi­chere beruf­liche Situation an und stellte fest: »Beruf­liche Per­spek­tiven sind für die Ver­ein­barkeit von wis­sen­schaft­licher Kar­riere und pri­vater Lebens­planung zwingend not­wendig.«

Stu­die­ren­den­schaften« (FZS) ging auf einen anderen Aspekt der Befris­tungen ein. Sie beklagte, dass es Stu­die­renden heut­zutage immer schwerer falle, Leh­rende für ihre Prü­fungen zu finden, weil durch die Befristung deren Ver­weil­dauer an den Hoch­schulen zu kurz sei. Die oft ver­geb­liche Suche nach Leh­renden zur Abnahme von Prü­fungen führe bei vielen Stu­die­renden zu Frust und schließlich zu Stu­di­en­ab­brüchen.

Mechthild Kor­euber vom Vor­stand der »Bun­des­kon­ferenz der Frauen- und Gleich­stel­lungs­be­auf­tragten an Hoch­schulen« wies darauf hin, dass Frauen besonders häufig von den Befris­tungen betroffen seien. Dadurch seien ihre Hoch­schul­kar­rieren oft beein­trächtigt. Sabine Berghahn, die an ver­schie­denen Hoch­schulen Jura und Poli­tik­wis­sen­schaft gelehrt hat, vertrat bei dem Hearing die Initiative der Pri­vat­do­zenten. Sie beschrieb, wie sie sich als Wis­sen­schaft­lerin von einer befris­teten Stelle zur nächsten hangeln müsse. Wer zwi­schen diesen längere Pausen hat, stehe beim Gehalt wieder auf der unteren Stufe. Das mache sich dann auch bei der Rente bemerkbar, die wesentlich geringer aus­falle als bei unbe­fristet Ange­stellten. Berghahn sagte, dass sie es noch gut getroffen habe, weil sie auch als Rechts­an­wältin arbeite. Doch ihr seien mehrere Kol­le­ginnen und Kol­legen bekannt, die mit Hartz IV auf­stocken müssten, weil sie ihren Lebens­un­terhalt von ihrer Arbeit in der Wis­sen­schaft allein nicht bestreiten könnten.

Die bei dem Hearing geäu­ßerten Erfah­rungen mit dem täg­lichen Frust im Wis­sen­schafts­be­trieb werden bestätigt durch Berichte, die Betroffene auf Twitter unter dem Hashtag #Aus­stiegHoch­schule über den pre­kären Alltag als befristet Ange­stellte an Hoch­schulen ver­öf­fent­lichen. »Unbe­zahlt, befristet, unten« sind die drei Adjektive, die einer Wis­sen­schaft­lerin mit Dok­tor­titel zu ihren Arbeits­be­din­gungen ein­fallen. Die Hashtag-Kam­pagne ver­deut­liche, wie Uni­ver­si­täten und Fach­hoch­schulen den wis­sen­schaft­lichen Nach­wuchs ver­heizten, so der Kom­mentar einer anderen Wis­sen­schaft­lerin. »Ohne die rich­tigen Bezie­hungen, die rich­tigen Für­sprecher und/​oder die richtige Stelle kann man Kar­riere ver­gessen. Und selbst dann gibt es keine Garantie«, resü­miert sie frus­triert.

Vielfach geteilt wurde ein Tweet eines anderen Wis­sen­schaftlers: »Die Hoch­schule kann Pro­mo­vie­renden keine lang­fristige und unprekäre Per­spektive bieten, schon gar nicht über die Dis­ser­tation hinaus. Daher kam mein früher Aus­stieg aus der Hoch­schule.« Manche suchen bessere Arbeits­be­din­gungen in einer Beschäf­tigung an Schulen. Nicht wenige aber nehmen Abschied vom Wis­sen­schafts- und Lehr­be­trieb.

Doch immer mehr Betroffene wollen sich nicht länger damit abfinden. So ist die Kam­pagne »Frist ist Frust« ent­standen. Die Betei­ligten fordern, dass der Hoch­schulpakt ein »Ent­fris­tungspakt« wird. Die Dring­lichkeit ihrer For­derung macht die große Unter­stützung deutlich, die die Kam­pagne in kurzer Zeit bekommen hat. Die Liste der Unter­stützer reicht vom FZS über den DGB und Fach­ge­werk­schaften bis hin zu Betriebs- und Per­so­nal­räten der großen außer­uni­ver­si­tären For­schungs­ge­mein­schaften. Die wis­sen­schaft­liche Fach­presse hat die Kam­pagne wohl­wollend zur Kenntnis genommen. Mehr als 10 000 Men­schen haben die Petition mit der For­derung der Kam­pagne unter­zeichnet.

»Die Debatte ver­schiebt sich langsam. Immer mehr auch eta­blierte Player wie der Wis­sen­schaftsrat müssen aner­kennen, dass die der­zeitige Befris­tungs­si­tuation irr­witzig ist«, sagt Peter Ullrich vom »Netzwerk für gute Arbeit in der Wis­sen­schaft« der Jungle World. Als beson­deren Erfolg betrachtet er, dass es der Kam­pagne gelungen sei, »Akteure mit ins Boot zu holen, die sich oft nicht poli­tisch posi­tio­nieren«. Das sei nicht selbst­ver­ständlich und habe ent­scheidend zu der großen öffent­lichen Unter­stützung bei­getragen.

Auch Norma Tie­demann vom Bündnis »Uni Kassel unbe­fristet« (Jungle World 1/2019) sieht einen Fort­schritt darin, dass Reiner Fin­keldey, der Prä­sident der Uni­ver­sität Kassel, auf einer Per­so­nal­ver­sammlung Mitte März Ver­ständnis für die For­derung nach einer Ent­fristung der Beschäftigungs­verhältnisse gezeigt habe. »Aller­dings hätte es uns weit mehr gefreut, wenn er sich bereit gezeigt hätte, umfas­sende und ver­bind­liche Maß­nahmen zur Besei­tigung der Befris­tungs­pro­ble­matik zu ergreifen«, so Tie­demann.

Ullrich begrüßt, dass das Bun­des­bil­dungs­mi­nis­terium die Ent­fristung zu einer Bedingung machen will, damit ein Projekt über den Hoch­schulpakt För­der­mittel erhalten kann. Aller­dings würden die Minister einiger Bun­des­länder dieses Vor­haben noch blo­ckieren. Für Ullrich gibt es also keinen Grund, sich zurück­zu­lehnen. »Derzeit ver­suchen wir auch noch, Poli­tiker in den Ländern zu über­zeugen, endlich diese unnötige Frust­quelle anzu­gehen. Wenn sich die Wis­sen­schafts­mi­nister im Mai in Berlin treffen, werden wir wieder pro­tes­tieren. Und nach den Beschlüssen geht es auch darum, die Umsetzung kri­tisch zu begleiten«, beschreibt Ullrich die Pläne der Kam­pagne.

Peter Nowak