Eine Geschichte der griechischen Stadtguerilla

Geboren am 17. November

Über viele Jahre sorgten die Attentate der „Bewegung 17. November“ in Grie­chenland auch in linken Kreisen für Ver­wirrung und Spe­ku­lation

Es gab Ver­mu­tungen, dass die Gruppe von Teilen des Staats­ap­pa­rates pro­te­giert werde. Schließlich zeichnete sie zwi­schen 1975 und 2002 für eine ganze Reihe von bewaff­neten Aktionen ver­ant­wortlich, ohne dass über Jahre jemand erwischt wurde. Doch das hat sich am 29. Juni 2002 geändert. An diesem Tag wurde…

…Savvas Xiros lebens­ge­fährlich ver­letzt, als er aus Soli­da­rität mit strei­kenden Hafenarbeiter*innen im Hafen­ge­lände von Athen eine Bombe plat­zieren wollte. Er über­lebte schwer­ver­letzt und musste sich gegen Iso­la­ti­ons­haft­be­din­gungen zur Wehr setzen. 2007 über­setzte die in Athen lebende Jour­na­listin Heike Schrader das von Savvas ver­öf­fent­lichte Buch „Guan­tánamo auf Grie­chisch: Zeit­ge­nös­sische Folter im Rechts­staat“ ins Deutsche. Dimitris Kou­fon­tinas war mit Savvas an dem Anschlag beteiligt und sah seine lebens­ge­fähr­liche Ver­letzung. Savvas wurde unter schweren Medi­ka­menten verhört, so dass die Ermitt­lungs­be­hörden an Namen und Struk­turen der Orga­ni­sation kamen. Kou­fon­tinas konnte zunächst unter­tauchen und beob­achtete, wie immer mehr Grup­pen­mit­glieder ver­haftet wurden, Aus­sagen machten und sich von der Gruppe und dem bewaff­neten Kampf distan­zierten. Das war der Grund für ihn, sich der Justiz zu stellen und die poli­tische Ver­ant­wortung zu über­nehmen. Mit dem Buch legte er einen poli­ti­schen Rechen­schafts­be­richt ab, der auch Leser*innen beein­druckt, die mit den poli­ti­schen Prä­missen des Schreibers nicht über­ein­stimmen. Kou­fon­tinas gibt einen sub­jek­tiven Rück­blick auf die Geschichte Grie­chen­lands nach 1945. Als in vielen Ländern die NS-Herr­schaft und die ihrer Unter­stützer zer­brach, konnten die grie­chi­schen Nazi­ver­bün­deten mit Unter­stützung Groß­bri­tan­niens weiter die Macht ausüben. Nachdem sich die Lage in Grie­chenland zuspitzte, begann der Bür­ger­krieg, der wesentlich von der sta­li­nis­ti­schen KP orga­ni­siert, aber von der sta­li­nis­ti­schen Sowjet­union nicht unter­stützt wurde. Letz­terer ging es um die Abgrenzung von geo­po­li­ti­schen Inter­es­sen­sphären und nicht um Soli­da­rität. Nach der Zer­schlagung des kom­mu­nis­ti­schen Auf­stands in Grie­chenland setzte eine gna­denlose Repression gegen alle Oppo­si­tio­nellen ein, die sich nach dem Mili­tär­putsch von 1967 noch einmal ver­schärfte. Doch auch der 1968er Auf­bruch ging an Grie­chenland nicht spurlos vorüber. Dieser kul­mi­niert in dem blutig nie­der­ge­schla­genen Auf­stand an der Athener Uni­ver­sität. Das Datum gab der Gue­rilla-Gruppe ihren Namen. Kou­fon­tinas beschreibt die Ent­täu­schung über die Kom­mu­nis­tische Partei, was aber nicht den Bruch mit dem Sta­li­nismus bedeutet. So gibt es Stellen im Buch, an denen er vom Revi­sio­nismus redet, der angeblich nach 1956 die kom­mu­nis­tische Bewegung zer­störte – was ein klas­sisch sta­li­nis­ti­scher Topoi ist. Aller­dings wurden wohl in der Gruppe auch Texte des Trotz­kisten Ernest Mandel gelesen, was für Stalinist*innen unge­wöhnlich ist.

Begrenzt selbst­kri­tisch

Der Autor ver­sucht eine Selbst­kritik, die aber dadurch begrenzt ist, dass er das – von ihm wesentlich geprägte – Projekt ver­teidigt, weil damit auch sein Leben ver­bunden ist. Wahr­scheinlich wird er das Gefängnis nicht mehr lebend ver­lassen. So fragt er nicht, welchen poli­ti­schen Gehalt ein Projekt hatte, in dem es nur noch um das tech­nische Abwi­ckeln der Attentate ging und das eigene Sicher­heits­konzept im Ernstfall ver­sagte.

So beschreibt Kou­fon­tinas, wie er nach dem Unfall von Savvas zu dem für solche Fälle fest­ge­legten Treffen ging und niemand außer ihm vor Ort war, wie er als Ein­ziger ver­zweifelt ver­suchte, Beweise zu besei­tigen, als sich seine Ex-Genoss*innen bereits über ihre Aus­sagen Gedanken machten. Hier wäre eine fun­da­mentale Kritik am strikten Kader­prinzip ange­bracht, die er wohl nicht leisten kann, ohne sein ganzes Lebensziel infrage zu stellen. Daher ver­wendet er auch gele­gentlich Alle­gorien, die fast reli­giöse Züge haben. So, wenn er beschreibt, wie ihn eine alte Frau in Bau­ern­tracht mit ihren Blicken Mut zuge­sprochen hat, als er den Ent­schluss fasste, sich der Polizei zu stellen. Dass Kou­fon­tinas Rechen­schafts­be­richt nun dank des Bahoa Books-Verlag auch auf Deutsch zu lesen ist, sollte als Ein­ladung zur kri­ti­schen Debatte ver­standen werden. Sie sollte auch von Leser*innen ange­nommen werden, die den bewaff­neten Kampf ablehnen. Der US-Schrift­steller Dan Berger plä­diert in seinem im Laika-Verlag ver­öf­fent­lichten Buch „Weather Under­ground“ dafür, dass Gewalt­freie und Pazifist*innen sich mit den Motiven der Linken beschäf­tigen sollen, die Gewalt anwandten und ihre Kritik und ihre Gegen­ar­gu­mente ein­bringen. Das gilt auch für Kou­fon­tinas Rechen­schafts­be­richt.

Dimitris Kou­fon­tinas
Geboren am 17. November, Eine Geschichte der grie­chi­schen Stadt­gue­rilla
Bahoe Books, Wien 2018
281 Seiten, 15 Euro
ISBN 978–3903022-89–8

Peter Nowak

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
https://www.graswurzel.net/gwr/category/ausgaben/437-maerz-2019/ Dieser Artikel erschien zuerst in der gras­wur­zel­re­vo­lution vom März 2019