Wissenschaftler verweigern den Dienst

Dem Afri­ka­be­auf­tragten der Bun­des­re­gierung, Günter Nooke, wird vor­ge­worfen, den deut­schen Kolo­nia­lismus zu ver­harm­losen. Ein Gespräch zwi­schen ihm und Afri­ka­wis­sen­schaftlern endete im Eklat.

Die Debatten über die deutsche Ver­gan­genheit in Afrika haben sich in jüngster Zeit ver­ändert. Der Druck, das kolo­niale Erbe Deutsch­lands auf­zu­ar­beiten, wächst, unter anderem durch das poli­tische Enga­gement der schwarzen respektive afri­ka­ni­schen Commu­nity und kri­ti­scher Wis­sen­schaft­le­rinnen und Wis­sen­schaftler.

Der Afri­ka­be­auf­tragte der Bun­des­re­gierung, Günter Nooke (CDU), wird seit Wochen…

.…wegen eines Inter­views kri­ti­siert, das er im Oktober 2018 dem Ber­liner Bou­le­vard­blatt B.Z. gab. Ins­be­sondere seine Aussage, die Kolo­ni­alzeit habe dazu bei­getragen, »den Kon­tinent aus archai­schen Struk­turen zu lösen«, sorgte für Empörung. In dem Gespräch mit der B.Z. hatte Nooke ein Bild afri­ka­ni­scher Gesell­schaften gezeichnet, die in »Clan-Struk­turen« mit »Stam­mes­führern« ver­haftet seien und in denen »tra­dierte Ver­hal­tens­weisen«, Gebär­freu­digkeit und kli­ma­tisch bedingte Arbeitsin­ef­fi­zienz die wirt­schaft­liche Ent­wicklung lähmten. Nookes Ein­schätzung, die Kolo­ni­alzeit habe Afrika nicht so sehr geschadet wie der Kalte Krieg, deuten seine Kri­tiker als Versuch, den Kolo­nia­lismus zu reha­bi­li­tieren. Nooke solle von seinem Amt zurück­treten, for­derte der Fach­verband Afri­ka­nistik e. V.

Mitte ver­gan­gener Woche kam es im Bun­des­mi­nis­terium für wirt­schaft­liche Zusam­men­arbeit auf Nookes Ein­ladung zu einem Gespräch zwi­schen ihm und dem Leiter der Ham­burger »For­schungs­stelle (post-)koloniales Erbe«, Jürgen Zim­merer, dem Sprecher der »Initiative Schwarzer Men­schen in Deutschland«, Tahir Della, der Kölner Afri­ka­nis­tik­dok­to­randin Sara Zavaree und anderen.

Vor dem Treffen hatten die Kri­tiker klare Erwar­tungen geäußert. »Zwei­fellos gehört die Debatte über den Umgang mit Deutsch­lands kolo­nialem Erbe zu den zen­tralen kul­tur­po­li­ti­schen Debatten dieser Legis­la­tur­pe­riode. Die Politik ver­weist Kri­tiker gerne auf die Absichts­er­klä­rungen des Koali­ti­ons­ver­trages. Das Gespräch mit Herrn Nooke wird zeigen, was diese Erklä­rungen wert sind«, sagte Zim­merer. Raija Kramer, die Vor­sit­zende des Fach­ver­bands Afri­ka­nistik und Juni­or­pro­fes­sorin für Afri­ka­nistik an der Uni­ver­sität Hamburg, sagte der Jungle World vor dem Treffen: »Wir gehen mit der Hoffnung in das Gespräch, dass Herr Nooke wirk­liches Interesse an einem Dialog mit der Afri­ka­wis­sen­schaft in Deutschland hat. Wenn der respekt­volle Aus­tausch zwi­schen Deutschland und Afrika Regie­rungsziel ist, dürfen kolo­ni­al­re­vi­sio­nis­tische Äuße­rungen in diesen Bezie­hungen keinen Platz haben.«

Nach dem zwei­stün­digen Treffen wollte sich Kramer zunächst gar nicht mehr äußern. Sie hatte von Nooke ein juris­ti­sches Gut­achten erhalten, das auch ihrem Vor­ge­setzten, dem Dekan an der Uni­ver­sität Hamburg, zuge­stellt werden soll. Es war von einem lang­jäh­rigen Ver­trauten Nookes, Mat­thias Vogt, ver­fasst worden, der den Kri­tikern Unwis­sen­schaft­lichkeit vor­wirft. Vogt fun­gierte während des Gesprächs als Mode­rator.

Die Wis­sen­schaftler waren über dieses Vor­gehen empört. Anne Storch, an der Uni­ver­sität Köln leh­rende Pro­fes­sorin für Afri­ka­studien, sprach auf Nach­frage der Jungle World von Ver­suchen, kri­tische Wis­sen­schaftler ein­zu­schüchtern, zumal Nooke auch schon während des Gesprächs nicht mit Bemer­kungen über die Kri­tiker gespart habe, die abge­hoben seien und sich mehr mit der Rea­lität befassen sollten. Zuvor habe man sich über die Frage aus­ge­tauscht, welchen Beitrag die Afri­ka­for­scher für die Arbeit der Bun­des­re­gierung in Afrika leisten könnten. Während des Gesprächs habe sich bald abge­zeichnet, dass über den Aus­tausch von Höf­lich­keits­formeln hinaus keine Annä­herung erzielt werden kann. Mehrere Teil­nehmer der Wis­sen­schafts­de­le­gation sagten, sie sähen es nicht als ihre Aufgabe an, die wirt­schaft­lichen Ziele der Bun­des­re­gierung in Afrika wis­sen­schaftlich ab­zusichern.

Als Nooke dann eine vor­be­reitete Erklärung prä­sen­tierte, in der er sich von den Wis­sen­schaftlern beschei­nigen lassen wollte, dass er kein Rassist sei und sich auch alle Rücktrittsfor­derungen erledigt hätten, war der Eklat perfekt. Die Wis­sen­schaftler beteu­erten, sie hätten Nooke nie als Ras­sisten bezeichnet und könnten daher diesen Vorwurf auch nicht zurück­nehmen. Tahir Dellas Vor­schlag, Nooke solle sich von den kri­ti­sierten Pas­sagen des Inter­views distan­zieren, wies der Poli­tiker zurück. Es sei nicht seine Absicht gewesen, in aka­de­mi­schen Kreisen ver­standen zu werden, sondern von B.Z.-Lesern.

Nookes Büro hatte zum Gespräch auch den B.Z.-Kolumnisten Gunnar Schu­pelius ein­ge­laden. Der geriert sich seit Jahren als Stimme des unter­drückten weißen Mannes gegen eine angeblich von Linken, Grünen und Femi­nis­tinnen geför­derte Dik­tatur der poli­tical cor­rec­tness. Diesem Ton blieb er auch diesmal treu. Schon wenige Stunden nach dem Gespräch lie­ferte Schu­pelius die Schlag­zeile: »Ras­sis­mus­prüfer ver­hören Afri­ka­be­auf­tragten der Bun­des­re­gierung Nooke«. Auch die Klage über den »Ras­sis­muspranger«, an dem Poli­tiker heut­zutage angeblich so schnell lan­deten, durfte nicht fehlen.

Peter Nowak