»Wir sind ein kleiner verrückter Haufen«

Seit 25 Jahren unter­stützt der Sozi­al­hil­fe­verein Tacheles Erwerblose – Gespräch über ein Enga­gement, das sich selbst über­flüssig machen will.

Harald Thomé (Jg. 1962) hat den Verein Tacheles als Inter­es­sen­ver­tretung von Arbeits­losen und mate­riell benach­tei­ligten Men­schen in Wup­pertal gegründet. Der Verein ist inzwi­schen über­re­gional bekannt. Die Homepage ver­zeichnet ca. 4,5 Mil­lionen Zugriffe im Monat. Peter Nowak sprach mit dem Ver­eins­vor­sit­zenden.

Sie haben den Verein Tacheles gegründet. Was war Ihre Moti­vation?

Der Erwerbs­losen- und Sozi­al­hil­fe­verein Tacheles wurde vor 25 Jahren, am 24. Februar 1994, als Reaktion auf die ras­sis­ti­schen Brand­an­schläge von Solingen und Mölln gegründet. Solingen ist Nach­bar­stadt von Wup­pertal und wir haben damals an meinem Küchen­tisch überlegt, was man gegen diese ras­sis­tische Mobi­li­sierung und gegen Nazis machen kann. Im Ergebnis stand das Projekt Tacheles als Inter­es­sen­ver­tretung von Arbeits­losen und mate­riell benach­tei­ligten Men­schen. Unser Ziel war und ist es, mit Rat und Tat Betrof­fenen zur Seite zu stehen, sozi­al­po­li­tische Höf­lichkeit zu betreiben und so mit prak­ti­scher und guter Arbeit zu über­zeugen.

In den 1990er Jahren ver­suchten bun­desweit eine Reihe von Sozi­al­hil­fe­initia­tiven, die Lage der damals ca. 2,1 Mil­lionen Sozialhilfebezieher*innen zu ver­bessern. Diese Initia­tiven waren rebel­lische Grup­pie­rungen, die im Sozi­al­be­reich Ver­än­de­rungen erstreiten wollten und erstritten haben. Sie waren als Bewegung von Mitte der 90er Jahre bis zur Ein­führung von Hartz IV aktiv. Für Hartz IV wurden viele Struk­turen vom Bun­des­so­zi­al­hil­fe­gesetz über­nommen. Das kannten wir also schon.


Warum sind Sie solange dabei­ge­blieben, während viele andere Initia­tiven schnell ver­schwanden?

Weil man Kämpfe, die man begonnen hat, solange sie not­wendig sind, poli­tisch und gesell­schaftlich wei­ter­führen muss. Wir beraten jedes Jahr ungefähr 2000 Men­schen per­sönlich – in 25 Jahren also eine mittlere fünf­stellige Zahl. Trotz eines ver­grö­ßertem Teams können wir in unserer Sozi­al­be­ratung den Bedarf an Hilfe und Unter­stützung kaum decken.

Gibt es Haupt­be­ruf­liche im Verein?

Nein. Keiner der Men­schen, die in der Beratung tätig sind, kriegt dafür Geld. Wir machen das seit 25 Jahren ehren­amtlich. Wir sind ein kleiner ver­rückter Haufen, dem sich immer wieder neue Men­schen anschließen, weil ihnen wichtig ist, sich sozialer Aus­grenzung, Armut, Behör­den­willkür und Ras­sismus ent­ge­gen­zu­stellen.

Hat das Erstarken rechter Kräfte wie der AfD Ihre Arbeit ver­ändert?

Anti­fa­schis­tische Arbeit und Mobi­li­sierung wird immer not­wen­diger. Das heißt, sich den Nazis auf der Straße ent­ge­gen­zu­stellen, Protest zu orga­ni­sieren, ihren dumpfen Parolen zu wider­sprechen. Auf der anderen Seite haben wir uns überlegt, dass wir in die Breite gehen müssen. Das heißt, wir wollen mehr Men­schen ansprechen und ihnen zeigen, dass linke anti­fa­schis­tische Kräfte gut sind und rechte faschis­tische Kräfte schlecht. Dem­entspre­chend haben wir unsere Außen­arbeit als Tacheles deutlich aus­ge­weitet. Gleich­zeitig geraten auch wir ins Visier von Nazis und Ras­sisten. So gab es vor zwei Jahren eine rechte Kam­pagne gegen Tacheles und gegen mich als Ver­eins­vor­sit­zenden. Es gab auch schon einen Anschlag mit zer­dep­perten Fenstern auf unsere Räume. Derzeit ist es wieder etwas ruhiger, aber ich fürchte, das ist nur die Ruhe vor dem Sturm.

Leistet der Verein eher Sozi­al­arbeit oder gelingt es, Betroffene zu akti­vieren?

Die wenigsten Erwerbs­losen trauen sich, ihre Inter­essen zu arti­ku­lieren und auf die Straße zu bringen. Sie betei­ligen sich daher nicht an Pro­jekten wie Tacheles. Ande­rer­seits ist das Selbst­ver­ständnis von Tacheles keine soziale Arbeit. Unser Vor­bilder sind die Anwalts­büros des Volkes in der Türkei. Dort können sich Arbeiter*innen und unter­pri­vi­le­gierte Men­schen an Anwält*innen wenden und erfahren Unter­stützung bei dem Kampf um ihre Rechte.

Neben dem Bera­tungs­an­gebot enga­giert sich der Verein in der Sozi­al­po­litik. Tacheles schreibt Stel­lung­nahmen zu Gesetz­ge­bungs­ver­fahren, oder auch Gut­achten für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu den Folgen von Hartz IV. Haben Sie Hoffnung, dass das Gericht Hartz IV beendet oder zumindest abmildert?

Wir wurden vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt als Sach­ver­ständige zum Thema Sank­tionen benannt. In der Folge haben wir dem Gericht vor zwei Jahren eine 80-seitige Abhandlung vor­gelegt und begründet, warum wir die Sank­tionen in keinem ein­zigen Fall für zulässig halten und sie gegen deut­sches und inter­na­tio­nales Recht ver­stoßen. Nach der münd­lichen Ver­handlung vor einigen Wochen bin ich opti­mis­tisch, dass das Ver­fas­sungs­ge­richt zumindest Teile der Sank­tionen kippen wird.

Das Urteil wird auf jeden Fall ein Pau­ken­schlag werden. In der Zeit vorher und danach wird sich die öffent­liche Debatte über­schlagen. Spä­testens dann ist es an der Zeit, aktiv zu werden. Es wäre prima, wenn dann eine bun­des­weite Demons­tration statt­finden würde. Ich würde mir auch Brücken zu den jungen Umweltaktivist*innen wün­schen, die jetzt jede Woche auf die Straße gehen. Wenn sie sagen, dass sie für ihre Zukunft kämpfen, müssen sie nicht nur auf dem Gebiet der Umwelt, sondern auch im Sozi­al­be­reich aktiv werden.