Dürfen Wissenschaftler Politiker zum Rücktritt auffordern?

Afri­ka­for­scher stehen wegen Kritik an Günther Nooke unter Druck

»Was darf ein Poli­tiker heute eigentlich noch sagen, ohne am Ras­sismus-Pranger zu landen?« Solche Fragen stellen Rechts­po­pu­listen aller Couleur. Zu solchen Fra­ge­stellern gehörte…

…der B.Z‑Kolumnist Gunnar Schu­pelius [1] bereits, als es die AfD noch gar nicht ab. Sein Lieb­lings­feindbild sind Linke aller Couleur, Femi­nis­tinnen und soge­nannte abge­hobene Geis­tes­wis­sen­schaftler, wenn sie sich noch dazu poli­tisch äußern.

Dazu zählt [2] für ihn natürlich auch der Fach­verband Afri­ka­nistik [3], eine Gruppe von Afri­ka­wis­sen­schaftlern, die das Afri­kabild des Son­der­be­auf­tragen der Bun­des­re­gierung, Günther Nooke [4], kri­ti­siert und seinen Rück­tritt gefordert hatten. Ent­zündet hatte sich die Kon­tro­verse an einem B.Z.-Interview [5] von Günther Nooke vor einigen Monaten.

Nach Ansicht der Afri­ka­for­scher habe er damit Ste­reo­typen über Afrika bedient, was Jürgen Zim­merer, einer der Unter­zeichner der Erklärung, in einem Taz-Beitrag [6] weiter begründete. Dabei erläutert Zim­merer, dass es bei der Debatte nicht um die Ver­gan­genheit, sondern die aktuelle Politik geht.

Nooke geht es nicht (nur) um Geschichte: Für seine Idee, exter­ri­to­riale Pacht­zonen in Afrika für die Rück­führung Geflüch­teter zu errichten, muss Invasion und Mas­sen­raubmord der Ver­gan­genheit vom Stigma befreit werden. Ver­gan­genheit wird umge­schrieben, um der Gegenwart zu dienen. Dafür wärmt er, mit allen kolo­nia­lis­ti­schen Ste­reo­typen, die Mär von der Zivi­li­sa­ti­ons­mission wieder auf: Als Vorteil für die Kolo­ni­sierten wird aus­ge­geben, was den Kolo­ni­sierern nutzt.Jürgen Zim­merer, Taz

Wie Recht Zim­merer und die anderen Kri­tiker mit dieser Ein­schätzung hatten, zeigte sich bei einem zwei­stün­digen Gespräch, das Nooke mit einer Dele­gation der kri­ti­schen Afri­ka­for­scher am ver­gan­genen Mittwoch in den Räumen des Bun­des­mi­nis­te­riums für Wirt­schaft­liche Zusam­men­arbeit [7] führte.

Nooke hatte dazu ein­ge­laden. Er ver­wahrte sich pflicht­schuldig gegen den Vorwurf des Ras­sismus und ging dann auf die afri­ka­po­li­ti­schen Visionen ein, die eben vor allem in der Ein­richtung von Son­der­wirt­schafts­zonen und der Stärkung von feu­dalen Struk­turen bei­spiels­weise in Kamerun bestand.

Sonderwirtschaftszonen statt Kolonialismuskritik

Dann lotete Nooke noch aus, ob einige der Wis­sen­schaftler zur wis­sen­schaft­lichen Expertise für das BMZ taugen. Die mussten mehrmals betonen, dass ihre For­schungs­ge­gen­stände nicht in der Wirt­schafts­för­derung liegen. Immer wieder ver­teilte Nooke Spitzen gegen zu abge­hobene Wis­sen­schaftler, die sich mehr mit der Rea­lität ver­traut machen sollen.

Nooke und das Minis­terium sind natürlich mehr an Wis­sen­schaftlern inter­es­siert, die die Ein­richtung der Son­der­wirt­schafts­zonen begleiten als an Kolo­nia­lis­mus­kri­tikern. Prompt kam dann auch die Bemerkung, dass es auch noch andere Afri­ka­wis­sen­schaftler gäbe. Nur wissen die kri­ti­schen Wis­sen­schaftler, dass sie auf ihrem Fach­gebiet eine Min­derheit sind.

Am Ende kam der Eklat

Nun waren die zwei Stunden fast zu Ende und dann holte Nooke ein Schreiben raus, auf dem eine vor­for­mu­lierte Erklärung zu dem Treffen stand. Dort sollten die Wis­sen­schaftler fest­halten, dass sie ihn von jeden Ras­sis­mus­ver­dacht frei­sprechen. Nur haben sie nie einen pau­schalen Ras­sis­mus­vorwurf gegen ihn erhoben, sondern kri­ti­siert, dass in dem Interview kolo­ni­al­re­vi­sio­nis­tische For­mu­lie­rungen ent­halten sind.

Als klar war, dass es die gemeinsame Erklärung nicht geben wird, übergab Nooke der Lei­terin der Dele­gation, der Vor­stands­vor­sit­zenden des Fach­ver­bands Afri­ka­nistik Raija Kramer [8], ein juris­ti­sches Gut­achten, das auch dem Dekan der Ham­burger Uni­ver­sität zugehen soll, an der Kramer als Juni­or­pro­fes­sorin arbeitet.

Die anwe­senden Wis­sen­schaftler emp­fanden dieses Vor­gehen als Ein­schüch­terung. »Ich dachte, Majes­täts­be­lei­digung gibt es heute nicht mehr«, sagte eine der Wis­sen­schaft­le­rinnen. Sie kri­ti­sierte auch, dass das Gut­achten vom Direktor des Instituts für kul­tu­relle Infra­struktur Sachsen [9], Mat­thias Vogt, ver­fasst wurde. Der Nooke-Ver­traute war für das Gespräch als neu­traler Mode­rator aus­ge­sucht worden.

Die Wis­sen­schaftler fühlen sich hin­ter­gangen, als sie erfuhren, dass Vogt bereits vorher ein Gut­achten gegen die Kri­tiker for­mu­liert hat. Kritik an dem Gespräch übte auch Tahri Della von der Initiative Schwarzer Men­schen in Deutschland [10]. Er hatte gehofft, dass Nooke sich von den inkri­mi­nierten Pas­sagen des Inter­views distan­ziert. Statt­dessen hat er sie aber bekräftigt.


Peter Nowak

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[1] https://www.bz-berlin.de/berlin/kolumne/rassismus-pruefer-verhoeren-den-afrika-beauftragten-guenter-nooke
[2] https://www.bz-berlin.de/berlin/kolumne/rassismus-pruefer-verhoeren-den-afrika-beauftragten-guenter-nooke
[3] http://www.uni-koeln.de/phil-fak/afrikanistik/fv/organisation/beirat/
[4] http://www.bmz.de/de/ministerium/leitung/nooke/index.html?follow=adword
[5] https://www.bz-berlin.de/deutschland/afrikabeauftragter-guenter-nooke-der-kalte-krieg-hat-afrika-mehr-geschadet-als-die-kolonialzeit
[6] https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5538566&s=&SuchRahmen=Print/
[7] http://www.bmz.de/de/index.html
[8] https://www.aai.uni-hamburg.de/afrika/personen/kramer.html
[9] https://kultur.org
[10] http://isdonline.de