Wo bleibt das »CyberSyn« in Venezuela?

Bleibt ehe­ma­ligen Unter­stützern des boli­va­ria­ni­schen Pro­zesses nur, Abbitte zu leisten?

Der Macht­kampf um Vene­zuela geht weiter. Je länger die Dop­pel­herr­schaft andauert, desto größer wird die Gefahr eines mili­tä­ri­schen Ein­greifens der Nach­bar­länder gemeinsam mit den USA. Dagegen haben in den letzten Tagen in vielen Ländern, auch in Deutschland, Men­schen unter der Parole »Hände weg von Vene­zuela« [1] demons­triert. Es ist aller­dings…

…eine unklare Parole, weil sie unter­stellt, ein ganzes Land würde auf der Seite Maduros stehen.

Dabei wird aus­ge­blendet, dass es in Vene­zuela einen Kon­flikt in der Gesell­schaft gibt zwi­schen der Ober­schicht und Teilen der Mit­tel­schicht, die den Umsturz wollen, und Teilen der Unter­klasse, die hinter Chavez standen und in wesentlich abge­schwächter Form auch hinter Maduro stehen. Der von Chavez im Wesent­lichen ange­stoßene boli­va­ria­nische Prozess war dadurch geprägt, dass die lange von der Macht aus­ge­schlossene Unter­klasse ein­be­zogen wurde. 

Das betraf die soziale Inte­gration durch Maß­nahmen der Bildung, durch Gesund­heits- und Woh­nungs­pro­gramme und auch durch eine Form von Räten in den Stadt­teilen, den Barrios. Dieser boli­va­ria­nische Prozess und nicht abs­trakt ein »Land Vene­zuela« sind durch die Umsturz­ver­suche bedroht. Die Soli­da­ri­sierung wird durch die unzwei­fel­haften Fehler der Regierung erschwert. 

Die Rolle von Chavez und Madurdo

Man könnte es schon als einen Fehler von Chavez sehen, mit Maduro einen Nach­folger ernannt zu haben, der wohl mit dem Amt über­fordert ist. Dabei hatte die Wahl von Maduro sicher nach­voll­ziehbare poli­tische Gründe. Der an Krebs erkrankte Chavez hoffte anscheinend lange auf eine Heilung und erst wenige Wochen vor seinen Tod ernannte er mit Maduro einen Mann, der in der radi­kalen Linken Vene­zuelas aktiv war, schon lange bevor Chavez auf der poli­ti­schen Bild­fläche erschienen war. 

Er sollte wohl den Linkskurs garan­tieren, den Chavez erst in den letzten 10 Jahren seines Lebens ein­ge­leitet hat. Erst dann bezog er sich auf den Sozia­lismus des 21. Jahr­hun­derts. Dadurch wurde auch der in Mexiko leh­rende Sozi­al­wis­sen­schaftler Heinz Die­terich [2] bekannt, dessen Buch über den »Sozia­lismus des 21. Jahr­hun­derts« damit beworben wurde, dass Chavez und Fidel Castro das Werk gelesen haben. 

Seit damals wird immer behauptet, Die­terich sei einst der engste Berater von Chavez gewesen. Obwohl das nicht gestimmt hat, wurde diese Falsch­be­hauptung auch in den letzen Tagen wie­derholt, als Die­terich pro­phe­zeite [3], dass Maduro bald gestürzt würde. 

Aller­dings pro­phezeit Die­terich den Sturz Maduros schon länger. So richtig seine Kritik an Maduro als doch eher durch linke Klein­gruppen sozia­li­sierter Kader sein mag, so frag­würdig ist der Gestus als selbst­er­nannter engster Berater Chavez, wie er in deutsch­spra­chigen Medien gerne ange­kündigt wird. Dort wird auch häufig nur Die­te­richs vehe­mente Kritik an Maduro zitiert. Weniger bekannt ist hier, dass er auch vehe­mente Kritik am Oppo­si­ti­ons­kan­di­daten Guaido und seinem Pro­gramm äußert [4]

Müssen ehemalige Bewunderer des bolivarianischen Prozesses Abbitte leisten?

Vor 13 Jahren hatte der Jour­nalist Christoph Twickel mit seiner Chavez-Bio­graphie [5] auch zu einem dif­fe­ren­zier­teren Bild des Mannes mit bei­getragen, der die Politik auf dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­tinent für mehr als ein Jahr­zehnt beein­flusste. Twickel zeigte vor allem, auf welche poli­ti­schen Strö­mungen sich Chavez schon in jungen Jahren stützte und dass es durchaus eine Kon­ti­nuität im Denken und Handeln bei ihm gab. 

Auch Twickel meldete sich in der Taz zur aktu­ellen Ent­wicklung in Vene­zuela zu Wort [6]: Dort kri­ti­sierte er sowohl die Politik von Maduro wie die seines Gegen­spielers und erklärte, dass die durchaus viru­lente Kor­ruption nicht das zen­trale Problem in Vene­zuela sei. 

Anfang der nuller Jahre ver­suchte das damalige anti­chavis­tische Management des größten vene­zo­la­ni­schen Erd­öl­kon­zerns PDVSA mit einem mona­te­langen Streik, die Regierung zu stürzen – dass die Cha­visten damals die Oppo­sition im Erd­öl­konzern nie­der­rangen und die Kon­trolle über das Unter­nehmen bekamen, inter­pre­tierten wir, die wir die »Boli­va­rische Revo­lution« mit Sym­pathie ver­folgten, als Sieg auf dem Weg zu einer Ölge­sell­schaft, die für Wohl­stand sorgen sollte, statt ihre Gewinne ins Ausland zu schaffen und nur einer Élite zugu­te­kommen zu lassen. 

In Wahrheit war es ein Pyr­rhussieg. Rund 18.000 Beschäf­tigte ver­ließen damals den Konzern, dar­unter viele hoch­spe­zia­li­sierte Kräfte – ein Brain­drain, von dem sich der Staats­konzern nie erholt hat. Schon unter Chávez ver­schlossen die ver­ant­wort­lichen Poli­tiker die Augen vor dem Nie­dergang der Ölin­dustrie, Kri­tiker in den eigenen Reihen stellte man kalt. Stei­gende Ölpreise über­kom­pen­sierten damals die sin­kenden För­der­quoten und machten es möglich, Sozial- und Bil­dungs­pro­gramme sowie Infra­struk­tur­maß­nahmen zu finanzieren.Christoph Twickel, Taz

Am Ende des Artikels fordert Twickel die Unter­stützer des boli­va­ria­ni­schen Pro­zesses auf anzu­er­kennen, »dass man zwei Jahr­zehnte lang soli­da­risch mit einer angeb­lichen Revo­lution war, die tat­sächlich das Projekt einer ver­ant­wor­tungs­losen Élite gewesen ist, die die Res­sourcen des Landes rui­niert hat, um sich an der Macht zu halten«. 

Wie passt dieser Befund zur vor­he­rigen Analyse über die Folgen der Ent­lassung des PDVSA-Manage­ments? Schließlich hat Twickel selbst geschrieben, dass die nicht grundlos erfolgt ist. Das Management war ein Staat im Staat und ver­suchte 2002/2003 mit einem Unter­neh­mer­streik die Chavez-Regierung zu stürzen. Die Ent­lassung des Manage­ments war die Bedingung für den Reform­prozess. Will Twickel also behaupten, man hätte das unter­lassen und so die Politik der alten Herr­schaft fort­setzen sollen? 

Die von Twickel beschrie­benen Pro­bleme, die ent­stehen, wenn man die alte Mana­ger­schicht ent­lässt, treten bei grund­le­genden gesell­schaft­lichen Umwäl­zungen immer auf. So gab es in der frühen Sowjet­union die Dis­kussion, wie man mit den alten Fach­leuten umgehen soll, die nach der Revo­lution mit den alten Grund­sätzen wei­ter­ar­beiten wollten. 

Man gab diesen Tech­nikern in einigen Branchen Pri­vi­legien und setzte ihnen Kader zur Kon­trolle vor die Nase, was die Büro­kra­ti­sierung för­derte. Grund­sätzlich müssten Tech­niker durch neu geschulte Kräfte aus der Arbei­ter­schaft ersetzt werden. Das braucht Zeit. 

So gilt für Vene­zuela heute, was der 1973 gestürzte sozia­lis­tische Prä­sident Sal­vador Allende in Chile über die Situation seines Landes sagte. Man leide dar­unter, dass man alle nega­tiven Erschei­nungen der alten Gesell­schaft habe, aber die posi­tiven Erschei­nungen der neuen Gesell­schaft sich noch nicht ent­falten konnten. Das ist die Zeit, in der die Kräfte, die zur alten Gesell­schaft zurück­wollen, besonders massiv auf­treten. Das war ab 1973 in Chile so und das ist seit einiger Zeit in Vene­zuela nicht anders. 

Das Projekt »CyberSyn« – eine andere Form von Solidarität

Doch das Bei­spiel Chile zeigt auch, dass ehe­malige Unter­stützer einer gesell­schaft­lichen Trans­for­mation nicht dazu ver­dammt sind, nur die Zweck­lo­sigkeit eines solchen Bemühens zu kon­sta­tieren. 

Es gab Wis­sen­schaftler aus aller Welt, die in Chile unter Allende das Projekt CyberSyn [7] ent­wi­ckelten, das kyber­ne­tisch gesteuert die ver­ge­sell­schaf­teten Fabriken koor­di­nieren sollte. CyberSyn kam beim Kampf gegen den Unter­neh­mer­streik 1972/73 zum Einsatz, aller­dings ver­hin­derte der Putsch eine all­ge­meine Inbe­trieb­nahme (vgl. Mit der Industrie 4.0 zur Plan­wirt­schaft 2.0 [8]). 

So traf hier auch Allendes Verdikt zu, dass die posi­tiven Ele­mente des Neuen noch nicht genügend ent­faltet waren. Sascha Reh, der die Geschichte von CyberSyn dem Ver­gessen entriss (Ver­ges­senes sozia­lis­ti­sches Com­pu­ternetz [9]schreibt [10] über den Enthu­si­asmus der Ent­wickler während des Unter­neh­mer­streiks: 

Nun schlug die Stunde von Cybersyn. Über das Netzwerk wurden Nach­schub- und Ersatz­teil­lie­fe­rungen, regie­rungs­treue Trans­port­fahrer und Fach­kräfte, ja sogar Lebens­mittel orga­ni­siert und ver­teilt, wodurch die Aus­wir­kungen des Streiks für die Bevöl­kerung spürbar ein­ge­dämmt wurden. 

Plötzlich betei­ligten sich auch die zuvor unwil­ligen Arbeiter, die nun erkannten, dass das System half, die besetzten Fabriken in Eigen­regie am Laufen zu halten. Wochenlang harrte Beers Team in der sti­ckigen Ein­satz­zen­trale des CORFO aus, in dem ein Dutzend Fern­schreiber Tag und Nacht infer­na­lische Hitze und Lärm pro­du­zierten. Das System ver­hin­derte, dass die Regierung unter dem Streik zusam­men­brach, und ver­schaffte Allende Zeit, sein Kabinett umzu­bilden und sich so den Rückhalt des Militärs zu sichern.Sascha Reh [11]

Wo bleibt das CyberSyn von Vene­zuela? Wo bleiben die jungen Ent­wickler, die die selbst­ver­wal­teten Fabriken in Vene­zuelas [12] und die Stadt­teil­ko­mitees [13] dabei unter­stützen, die Zeit zu über­stehen, in der noch alle Erschei­nungen der alten und noch wenig positive Ent­wick­lungen der neuen Zeit erfahrbar sind? 


Peter Nowak

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Links in diesem Artikel:
[1] https://amerika21.de/termin/2019/02/221820/bremen-venezuela
[2] https://www.aporrea.org/ideologia/a126595.html
[3] https://www.handelsblatt.com/politik/international/interview-mit-ex-berater-von-chavez-maduro-haelt-sich-nur-noch-ein-paar-wochen/23940226.html?ticket=ST-2136444-YmiYT9xgs15v4tZQsuLP-ap6
[4] https://www.elmostrador.cl/noticias/mundo/2019/02/01/heinz-dieterich-el-peligro-es-que-venezuela-caiga-en-manos-de-un-grupo-inepto-y-neoliberal-al-servicio-de-washington-encabezado-por-guaido/
[5] https://edition-nautilus.de/programm/hugo-chavez/
[6] http://www.taz.de/!5567159/
[7] https://www.uni-due.de/~bj0063/texte/chile.pdf
[8] https://www.heise.de/tp/features/Telepolis-Salon-Mit-der-Industrie-4-0-zur-Planwirtschaft-2-0-3905303.html
[9] https://www.heise.de/tp/features/Vergessenes-sozialistisches-Computernetz-3374926.html
[10] http://www.spiegel.de/einestages/projekt-cybersyn-stafford-beers-internet-vorlaeufer-in-chile-a-1035559.html
[11] http://www.spiegel.de/einestages/projekt-cybersyn-stafford-beers-internet-vorlaeufer-in-chile-a-1035559.html
[12] http://www.ressler.at/de/besetzte-fabriken-in-venezuela-2/
[13] https://www.vsa-verlag.de/uploads/media/VSA_Holm_Movimentor_Venezuela.pdf