Braune Schattenarmee: Fakt oder Fiktion?

Warum im Par­lament viele Stunden über eine ver­meint­liche BAMF-Affäre, aber wenig über rechte Sol­daten geredet wird

Mitte November 2018 hatte ein Recher­cheteam der taz [1] einen langen Artikel mit dem Titel »Han­nibals Verein« [2] ver­öf­fent­licht. Dort wird ein Netzwerk aus Bun­des­wehr­sol­daten, mit so genannten »Preppern« und Per­sonen aus dem Sicher­heits­be­reich, beschrieben, die sich angeblich auf einen »Tag X« vor­be­reiten und in Chat­gruppen die Ermordung poli­ti­scher Gegner planen. Auch…

.…der Focus berichtete [3] über diese rechten Umtriebe bei der Bun­deswehr. Knapp zwei Monate nach der Ver­öf­fent­li­chung sei die Reaktion von Medien und Politik auf diese Ver­öf­fent­li­chungen ent­täu­schend ver­halten, meinte Fabian Kunow vom Bil­dungs­verein Helle Panke [4] in Berlin.

So leitete er am Mon­tag­abend eine gut besuchte Ver­an­staltung [5] ein, die sich der Frage widmete, warum der gesell­schaft­liche Auf­schrei aus­ge­blieben ist. Zu Beginn berichte Christina Schmidt vom taz-Recher­cheteam über die mehr als ein­jährige Arbeit der mitt­ler­weile auf fünf Jour­na­listen auf­ge­stockten Gruppe. Im Zentrum steht der Verein Uniter e.V. [6], der ehe­malige Bun­des­wehr­an­ge­hö­rigen Jobs im Sicher­heits­dienst in aller Welt ver­mittelt.

Bärendienst für die Uniter?

Auf der Homepage der Uniter gibt man sich auch nach den Ver­öf­fent­li­chungen gelassen. Unter der Über­schrift »Bären­dienst« [7] heißt es dort:

Ein Gutes hat die Sache mit der plötz­lichen Bekanntheit nun auch, wir bekommen täglich neue Mit­glieder – und bitten an dieser Stelle um Nach­sicht, wenn wir mit der Bear­beitung etwas hin­terher hinken. Etliche der Antrag­steller stammen aus höheren Füh­rungs­po­si­tionen, aus Medien, Politik, den Behörden und sogar grö­ßeren Orga­ni­sa­tionen. So durch­mi­schen sich unsere Reihen, und es gibt neue Ideen und frische Impulse für unser Leit­thema Sicherheit für Leben, Bildung und Ent­wicklung.

Mitt­ler­weile geben auch große Sicher­heits­firmen uns ihre Job­an­gebote, die wir an die jeweils qua­li­fi­zierten Mit­glieder unseres Netz­werkes ver­mitteln. Das gibt unserem Ethik-Kodex für die Sicher­heits­branche wei­teren Auf­trieb und sorgt für Nach­hal­tigkeit und Wer­tigkeit in einer Branche, die in einem gna­den­losen Ver­tei­lungs­kampf steht. UNITER gilt mitt­ler­weile als Qua­li­täts­siegel für gutes, hand­ver­le­senes Per­sonal im Sicher­heits­be­reich. Ein Anspruch für unser wei­teres Handeln.Bären­dienst, Uniter-Netzwerk [8]

Sollten diese Angaben den Tat­sachen ent­sprechen, könnte man denken, dass füh­rende Unter­nehmen sich ange­zogen fühlen von Mel­dungen über rechte Umtriebe. Teile des Kapitals sehen wohl nicht nur in Bra­silien eine Option.

Dass man Ermitt­lungen nicht zu fürchten scheint, wird plau­sibel, wenn Schmidt aus der Antwort der Bun­des­re­gierung auf eine Kleine Anfrage zitiert. Dort wird den Unitern bescheinigt, ein gemein­nüt­ziger Verein zu sein, der demo­kra­ti­schen Grund­werten ver­pflichtet ist.

Diese Selbst­dar­stellung des Vereins steht aber im Wider­spruch zur von Schmidt geschil­derten Reaktion der Uniter auf eine Pres­se­an­frage des taz-Recher­che­teams. In einer Mail wurde die Zeitung mit der Mit­teilung beschieden, dass man nicht mit der Presse kom­mu­ni­ziere und bei wei­teren Bedrän­gungs­ver­suchen den Mili­tä­ri­schen Abschirm­dienst ein­schalten werde.

Das Par­lament inter­es­sierte sich wenig dafür. Man arbeitete sich lieber an dem angeb­lichen Bremer BAMF-Skandal ab, der gar keiner war [9], als sich mit einer mög­lichen rechten Schat­ten­armee zu befassen.

Vorbild Wehrsportgruppe Hoffmann?

Die Spre­cherin für anti­fa­schis­tische Politik der Links­fraktion im Bun­destag und stell­ver­tre­tende Vor­sit­zende der Partei Die Linke, Martina Renner [10], zog auf der Ver­an­staltung Par­al­lelen zur neo­na­zis­ti­schen Wehr­sport­gruppe Hoffmann [11], die bereits Ende der 1970er Jahre gute Kon­takte zu Kon­zernen und Stützen der bür­ger­lichen Gesell­schaft hatte.

An pro­mi­nenten und prak­ti­schen Bekannt­schaften schien es Hoffmann nicht zu mangeln. Es war ein offenes Geheimnis, dass ein­fluss­reiche Per­sön­lich­keiten ihm den Rücken frei­hielten und ihn unter­stützten. Nam­hafte Per­sön­lich­keiten wie der Nürn­berger Rüs­tungs­fa­brikant Diehl, seit 1997 Ehren­bürger der Stadt Nürnberg, sollen zum Unter­stüt­zer­kreis der Hoff­mann­truppe gehört haben. Ent­spre­chende Andeu­tungen machte Freiherr Gilbert von Sohlern, Schlossherr in Göß­wein­stein und Gönner Hoff­manns, gegenüber als Geld­ku­riere getarnten Jour­na­listen.Hagali [12]

Dass das Pak­tieren mit Rechts­außen in der Bun­deswehr so selten nicht ist, zeigte Renner an der Geschichte des 1996 gegrün­deten Kom­mandos Spe­zi­al­kräfte [13] auf.

Deren ehe­ma­liger Kom­mandeur Reinhard Günzel stellte die Spe­zi­al­einheit in dem von einem extrem rechten Verlag 2015 her­aus­ge­ge­benen Buch »Geheime Krieger« [14] in die Tra­dition [15] der Wehr­machts-Spe­zi­al­di­vision Bran­denburg [16].

Renner plä­dierte für die Auf­lösung der KSK. Aus dem Publikum wurde darauf hin­ge­wiesen, dass in den 1950er Jahren eine aus Ex-Nazis gebildete Geheim­armee Schnez [17] Listen mit Oppo­si­tio­nellen erstellte, die am Tag X liqui­diert werden sollte. Es waren Kom­mu­nisten, Juden und Sozi­al­de­mo­kraten, auch der damalige hes­sische Minis­ter­prä­sident, dar­unter. Fabian Kunow erin­nerte an den Mord der Namens­ge­berin der Rosa-Luxemburg-Stiftung vor 100 Jahren.

Die von der SPD ange­wor­benen Frei­wil­ligen- und später Frei­korps­ver­bände können auch als eine Form der pro­to­fa­schis­ti­schen Schat­ten­armee unter Noskes Befehl [18] bezeichnet werden. 100 Jahre später werden die Morde an Tau­senden Arbeitern in den Jahren 1918–1923 von füh­renden Sozi­al­de­mo­kraten, aber auch von libe­ralen Publi­zisten wie Arno Widmann [19] und His­to­rikern wie Mark Jones, der für sein Buch »Am Anfang war Gewalt« [20] auch von Linken gelobt wurde, ver­teidigt [21]. So zitiert die Frank­furter Rund­schau Mark Jones so:

Die unmit­telbare Gefahr für die Republik kam 1918/1919 nicht von rechts, sondern von links. Darum musste die Republik sich mittels der alten Militärs gegen die Spar­ta­kisten weh­renMark Jones, His­to­riker

Tat­sächlich spielte der Spar­ta­kusbund vor 100 Jahren keine große Rolle. Es waren Arbeiter, die für eine gesell­schaft­liche Umwälzung kämpften, die so noch nach 100 Jahren zum Abschuss frei­ge­geben sind.

Nur Andrea Nahles hat sich leicht von Noske distan­ziert [22]. Wenn man also von den rechten Schat­ten­armeen redet, sollte man über nicht darüber schweigen, dass sie Teil der bür­ger­lichen Politik und in Kri­sen­zeiten Zulauf bekommen könnten wie vor 100 Jahren.


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Peter Nowak

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.taz.de
[2] http://www.taz.de/!5557397/
[3] https://www.focus.de/politik/deutschland/politik-die-verschwoerung_id_9879853.html
[4] https://www.helle-panke.de/
[5] https://www.helle-panke.de/de/topic/3.termine.html?id=2671
[6] https://www.uniter-network.de/
[7] https://www.uniter-network.de/baerendienst
[8] https://www.uniter-network.de/baerendienst
[9] https://www.tagesschau.de/inland/bamf-bremen-revision-101.html
[10] https://www.martinarenner.de/uebersicht/wahlkreis/
[11] http://www.hagalil.com/archiv/2006/01/hoffmann.htm
[12] http://www.hagalil.com/archiv/2006/01/hoffmann.htm
[13] http://www.deutschesheer.de/portal/a/heer/start/dienstst/dsk/gliederung/kommandospezialkraefte/!ut/p/z1/hU5NC4IwGP4tHbzuHZPUuq0OQRh9GKS7xNQ1jbXJXNrPz_AUJD2355MHGKTANO9qyV1tNFcDz1hwXUXxOSYLQuJgjTHdb8ITXe386Ejg8i_ABhtPgGJISgHZsBFOb4SQAAN25x1_ocZYp4RDvPg8hKziulTiYAo6CltgUpl8vE517kcSmBU3YYVFTzvIlXNNu_Swh_u-R9IYqQQqhYd_NSrTOki_gtA80h77c9XFdPYGg7Of8w!!/dz/d5/L2dBISEvZ0FBIS9nQSEh/#Z7_B8LTL2922L6C00AOG7RABM38Q7
[14] https://www.zvab.com/9783932381294/Geheime-Krieger-Drei-deutsche-Kommandoverb%C3%A4nde-3932381297/plp
[15] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundeswehr-elitetruppen-ex-ksk-chef-lobt-ns-spezialeinheit-als-vorbild-a-468421.html
[16] http://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/Die-Brandenburger-Kommandotruppe-Und-Frontverband/die-brandenburger-kommandotruppe-und-frontverband.html
[17] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-126954483.html
[18] https://www.jungewelt.de/m/beilage/art/347048
[19] https://www.berliner-zeitung.de/politik/novemberrevolution-1918-19-der-deutsche-gluecksfall-31568258
[20] https://www.hal-berlin.de/veranstaltung/mark-jones-am-anfang-war-gewalt-die-deutsche-revolution-1918-1919-und-der-beginn-der-weimarer-republik/
[21] http://www.fr.de/kultur/weimarer-republik-angst-macht-mir-die-verrohung-der-sprache-a-1618988
[22] https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/mord-an-liebknecht-und-luxemburg-sozialdemokrat-beteiligt-15974449.html