Anti-Geschichtsbuch: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Novemberrevolution

Klaus Dallmer: Die Meu­terei auf der «Deutschland» 1918/19 – Anpassung, Auf­bäumen und Untergang der ersten deut­schen Arbei­ter­be­wegung. Berlin: Die Buch­ma­cherei, 2018. 320 S., 12 Euro

«Lasst euch nicht ver­drießen. Denn wir wissen absolut! Noske, der wird schießen.»
Dieses Spottlied auf einen berüch­tigten SPD-Poli­tiker, der für die Mas­saker an rebel­li­schen Arbeitern nach der Novem­ber­re­vo­lution ver­ant­wortlich war, stammt bereits von 1907. Damals schon stand Gustav Noske auf dem rechten Flügel der SPD und war als Reichs­tags­ab­ge­ord­neter Experte für Kolo­ni­al­po­litik und Mili­tär­fragen. In dieser Funktion for­derte er im Reichstag, Arbeits­plätze auf deut­schen Schiffen sollten nur Deut­schen vor­be­halten sein, und erklärte, im Falle eines Angriffs würde die SPD Deutschland ver­tei­digen. Zur gleichen Zeit, 1907,…

…war Karl Lieb­knecht unter Anklage des Hoch­verrats wegen Ver­fassens anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Schriften zu einer ein­ein­halb­jäh­rigen Zucht­haus­strafe ver­ur­teilt worden.
Damals gehörten Noske und Lieb­knecht noch der gleichen Partei an. Zwölf Jahre später wird Noske für den Mord an Karl Lieb­knecht, Rosa Luxemburg und Tau­senden anderen Arbeitern mit­ver­ant­wortlich sein. Klaus Dallmer hat sich mit seinem Anti-Geschichtsbuch Die Meu­terei auf der «Deutschland» 1918/19 auf die Suche nach den his­to­ri­schen Kon­ti­nui­täten gemacht, die Noske zum selbst­er­nannten Bluthund und Lieb­knecht zum Kämpfer für eine Gesell­schaft ohne Kapi­ta­lismus und Krieg werden ließen.
Dort stellt sich der ehe­malige Werk­zeug­macher Klaus Dallmer die Frage, warum nur 14 Jahre nach der Novem­ber­re­vo­lution die Nazis an die Macht kommen konnten und kein Gene­ral­streik sie darin hin­derte. Dabei hatte die Arbei­ter­be­wegung im Kampf gegen den Kapp-Putsch im Jahr 1920 die Erfahrung gemacht, dass die Rechte besiegt werden kann, wenn alle Räder still stehen. Die Haupt­ver­ant­wortung sieht Dallmer bei der SPD, der der bür­ger­liche Soziologe Max Weber bereits 1907 pro­gnos­ti­zierte, nicht die Sozi­al­de­mo­kratie werde den Staat, sondern der Staat die Partei erobern.
Dieser Prozess begann nicht 1914, sondern wurde dort voll­endet, wie Dallmer gut her­aus­ar­beitet. Hart ins Gericht geht der Autor aller­dings auch mit der KPD von ihrer Gründung an, nach seiner Meinung ist sie zu früh erfolgt. Man hätte zumindest die Revo­lu­tio­nären Obleute von Anfang an mit ins Boot holen müssen. Nicht belegt ist seine Ver­mutung, Rosa Luxemburg habe über die KPD einen Par­la­mentssitz erringen wollen. Wenn auch Luxemburg auf dem Grün­dungs­par­teitag für den Wahl­an­tritt der KPD stritt, was von Dallmer unter­stützt wird, so hatte sie doch keine Par­la­ments­kar­riere geplant.
Auch der Ein­fluss der Sowjet­union auf die KPD wird im Buch teil­weise über­zeichnet. So richtig die Kritik am Beginn der Sta­li­ni­sierung war, so sollte die Rolle der Kom­intern in den frühen 1920er Jahren doch dif­fe­ren­zierter beur­teilt werden. Es waren gerade die Linken in der KPdSU und der Kom­intern, die mit einer Revo­lution in Deutschland auch die Okto­ber­re­vo­lution retten und einen Impuls für eine welt­weite Aus­dehnung der Revo­lution geben wollten. Das ist ein grund­le­gender Unter­schied zur der Rolle der Kom­intern nach der Sta­li­ni­sierung, wo revo­lu­tionäre Pro­zesse ver­hindert wurden, weil sie nicht ins außen­po­li­tische Konzept der neuen Staats­partei passten. Hier wäre mehr Dif­fe­ren­zierung wün­schenswert gewesen.
Auch die starke Distanz des Autors zur radi­kalen Linken in- und außerhalb der Partei ist frag­würdig. Dallmer sym­pa­thi­siert mit den Posi­tionen der KPO, in der sich aus­ge­schlossene oder aus­ge­tretene Mit­glieder des sog. rechten Flügels der KPD orga­ni­siert hatten. Tat­sächlich waren die vor allem von den KPO-Grün­dungs­mit­gliedern Heinrich Brandler und August Thal­heimer ver­fassten Ana­lysen zum Faschismus und Natio­nal­so­zia­lismus treffend. Das ver­hin­derte aller­dings nicht, dass die KPO sich selbst zer­legte.
Sehr sym­pa­thisch ist Dallmers Moti­vation für das Buch. Er hält den Kampf für die Über­windung des Kapi­ta­lismus noch immer für not­wendig und will dazu bei­tragen, dass dabei nicht die gleichen Fehler wie­derholt werden.

Peter Nowak