Ausgewiesen! Berlin, 28.10.1938

In diesen Tagen jährt sich zum 80ten Mal eine weit­gehend ver­gessene Aktion, mit der NS-Deutschland die Grenzen des Unrechts aus­testete. Heute, wo der Faschismus für die Märkte wieder eine Option ist, ist es not­wendig, sich zu erinnern.

»Die Aktion wurde von der Polizei mit großer Bru­ta­lität durch­ge­führt.

Den unglück­se­ligen Opfern wurde kaum Zeit gelassen, ihre Bündel mit den dürf­tigen Hab­se­lig­keiten zusam­men­zu­packen…. Mütter mit kleinen Kindern stol­perten und vielen die Treppe hin­unter. Gepäck­stücke, not­dürftig in Minu­ten­frist zusam­men­ge­bündelt, fielen aus­ein­ander und gossen ihren Inhalt über die Straße. Greise und Krüppel wurden roh in die bereit­ge­stellten Poli­zei­autos gestoßen. Es war ein Bild des Grauens.«

So beschrieb ein Betrof­fener eine Juden­de­por­tation, die sich in diesen Tagen zum 80ten Mal jährt und doch in der Geschichts­schreibung und der öffent­lichen Auf­merk­samkeit weit­gehend ver­gessen ist.

Es handelt sich um eine Aktion, die mit der fal­schen Bezeichnung »Polen­aktion« in die Geschichte einging, der Begriff wird heute mit Recht nur noch in Anfüh­rungs­strichen gesetzt. Denn es war das NS-Régime, das am letzten Okto­ber­wo­chenende 1938 über 17.000 Men­schen aus ihren Woh­nungen ver­schleppte und an die pol­nische Grenze depor­tierte. Die oben zusam­men­ge­fasste Schil­derung von Abraham Szanto zeigt deutlich, mit welcher Bru­ta­lität und Men­schen­ver­achtung diese Depor­tation von den wil­ligen deut­schen Voll­stre­ckern ins Werk gesetzt wurde.

Betroffen waren vor allem jüdische Migran­tinnen und Migranten, die aus Polen nach Deutschland ein­ge­reist waren. Für viele war Berlin ein Sehn­suchtsort, auch wenn sie dort über­wiegend ein sehr küm­mer­liches, heute würde man sagen: pre­käres Leben hatten, zogen viele es doch der Armut und den Ver­fol­gungen in den ost­eu­ro­päi­schen Ländern vor. Des­wegen war Berlin der Ort, von dem vor 80 Jahren ein Großteil der Men­schen depor­tiert wurde. Aber auch aus vielen anderen grö­ßeren und klei­neren Orten Deutsch­lands wurden die Jüdinnen und Juden an die pol­nische Grenze depor­tiert.

Einige Doku­mente sind in dem sehr infor­ma­tiven, im Metropol Verlag erschie­nenen Buch »Aus­ge­wiesen Berlin, 28.10.1938 [1] doku­men­tiert. Das Buch ist eine Fund­grube, gerade weil über diese unmit­telbare Vor­ge­schichte der Shoah so wenig bekannt ist. Es ist eigentlich als Katalog zu der in Berlin noch bis zum Jah­resende im Ber­liner Judaicium gezeigten Aus­stellung zu der Depor­tation [2] kon­zi­piert worden, ist aber vor allem eine sehr gute Ein­führung auch in die geschicht­lichen Hin­ter­gründe der Ereig­nisse vor 80 Jahren.

Der pol­nische Anti­se­mi­tismus wird dort ebenso wenig aus­ge­spart, wie die Hoffnung mancher zeit­ge­nös­si­scher Ver­treter der damals noch mino­ri­tären zio­nis­ti­schen Strömung in der jüdi­schen Bewegung, dass die anti­se­mi­ti­schen, natio­na­lis­ti­schen Bewe­gungen, bei­spiels­weise in Polen, den Auf­schwung einer Bewegung bringen könnte, die immer betonte, dass wegen des Anti­se­mi­tismus in Europa die Jüdinnen und Juden einen eigenen Staat brauchen und sie die Assi­mi­lation in die euro­päi­schen Mehr­heits­ge­sell­schaften nicht vor Ver­folgung schützen würde. Die Shoah hat diese Prä­misse der zio­nis­ti­schen Bewegung leider aufs Grau­en­haf­teste bestätigt und manche der Shoah-Über­le­benden, die vor 80 Jahren den Zio­nisten wider­sprochen haben, machten sich später Vor­würfe des­wegen. Viel­leicht hätten mehr Juden vor der Shoah gerettet werden könnten, wenn die zio­nis­tische Theorie und Praxis schon damals unter der jüdi­schen Bevöl­kerung stärker ver­ankert gewesen wäre?

Die stig­ma­ti­sierten Ost­juden

Diese Frage muss offen­bleiben. Klar ist hin­gegen heute, dass die Juden­de­por­ta­tionen, die in manchen Städten von einem deut­schen Mob befeuert wurden, ein Test des Regimes waren, wie weit sie mitten in Europa mit der Ent­rechtung von Men­schen gehen konnten. Es gab nach dem 31.1.1933 viele Ereig­nisse, mit der die anti­se­mi­tische Politik vor aller Augen ins Werk gesetzt wurde.

Das begann mit dem von mas­siver Hetze, tät­lichen Angriffen und Morden begleitete Boykott jüdi­scher Geschäfte am 1. April 1933 [3], der ganz bewusst eine Kampf­ansage an die euro­päische, ja an die Welt­öf­fent­lichkeit ins­gesamt war. Damals wurden im Ausland massive Gegen­re­ak­tionen, bei­spiels­weise ein Wirt­schafts­boykott, dis­ku­tiert, aber nie umge­setzt. In den Fol­ge­jahren wurde das NS-Régime von den Regie­rungen in aller Welt hofiert. Mitte der 30er Jahre schätzte man in der bür­ger­lichen Welt ein Régime, das mit Klas­sen­kampf, Streiks und allen Linken Schluss gemacht hatte und die Roten ins Exil oder ins KZ getrieben hat. Höhe­punkt dieser Aner­ken­nungs­po­litik war die Olym­piade im Jahr 1936, wo deutlich wurde, wie sehr die bür­ger­liche Welt und der NS har­mo­ni­sierten.

Natürlich gab es im Teilen des Bür­gertums, in Deutschland vor 1933 ebenso wie im Ausland, manche Irri­ta­tionen über die besonders rohe Gewalt und die Vul­gär­spräche des NS. Da aber die Feinde die gleichen waren, sah man darüber gerne hinweg. Auch den Anti­se­mi­tismus teilte ein Großteil der bür­ger­lichen Welt in- und außerhalb Deutsch­lands mit dem NS. Schließlich gehörten die soge­nannten Ari­er­ge­setze, die Juden aus bestimmten Ver­einen, aus aka­de­mi­schen Gesell­schaften, aber auch von Bade­stränden (http://​buecher​.hagalil​.com/​f​i​s​c​h​e​r​/​b​a​j​o​h​r.htm) aus­schloss, zum Reper­toire des bür­ger­lichen Deutsch­lands, als die NSDAP noch gar nicht gegründet worden war.

Auch das Feindbild des Ost­juden [4] teilten Nazis und ihre anfäng­lichen bür­ger­lichen Kon­tra­henten und spätere Bünd­nis­partner. Mit der Kon­struktion vom Ost­juden gegen die arme Ein­wan­derer, die angeblich die Gesell­schaft unter­wandern, wurde die Angst vor einer fremden »Kultur« ebenso auf­ge­rufen wie die Furcht vor Revo­lution und Rebellion. Im Zweifel war der so ima­gi­nierte »Ostjude« sowohl für einen angeb­lichen Kul­tur­verfall, für revo­lu­tionäre Umtriebe, als auch für die kapi­ta­lis­tische Aus­beutung ver­ant­wortlich. Es war kein Zufall, dass die Depor­ta­tionen vor 80 Jahren sich zunächst gegen diese Bevöl­ke­rungs­gruppe rich­teten. Man hatte sie über Jahre derart stig­ma­ti­siert, dass man hier zeigen konnte, wie weit man vor aller Augen mit der Ent­mensch­li­chung gehen konnte.

Testlauf für die Shoah

Für die Nazis und ihre wil­ligen Voll­strecker in Deutschland lief dieser Test erfolg­reich ab. Es gab keinen kol­lek­tiven Auf­schrei der soge­nannten zivi­li­sierten Welt. Was den Opfern der Depor­tation damals noch meist das Leben rettete, war eine Soli­da­rität an der pol­ni­schen Grenze. Anwohner leis­teten Über­le­bens­hilfe und unter­stützten die Depor­tierten. Die Unter­stützung von jüdi­schen Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen vor allem aus den USA sorgte dafür, dass sich zumindest ein Teil der Betrof­fenen aus dem unmit­tel­baren Herr­schafts­be­reich des NS in Sicherheit bringen können.

Doch vielen gelang es nicht zu fliehen. Sie wurden von ihren Ver­folgern und dann auch ihren wil­ligen Helfen aus ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern gejagt. Viele kamen in der Shoah um. Auch Her­schel Grünspan [5] über­lebte den NS. Er setzte mit der Attacke auf den deut­schen Attaché in der Schweiz ein mili­tantes Zeichen gegen die Juden­de­por­tation, von der auch seine Eltern und Ver­wandten betroffen waren. Das NS-Régime nahm die Attacke zum Vorwand für die Reichs­po­grom­nacht und diese Lesart wurde auch häufig in den Geschichts­bü­chern über­nommen. So wurde doch wieder die Schuld für den Anti­se­mi­tismus beim Juden gesucht. Tat­sächlich gehört Grünspan in die Reihe jener jüdi­schen Kämp­fe­rinnen und Kämpfer gegen den NS, deren Wür­digung auch heute noch oft aus­steht.

Heute ist Faschismus wieder eine Option der Märkte

80 Jahre nach der deut­schen Juden­de­por­tation ist eine Erin­nerung besonders dringlich. Denn schon längst wird in vielen auch euro­päi­schen Ländern aus­ge­testet, wie stark man ein­zelne Men­schen­gruppen stig­ma­ti­sieren und dann zur Ver­folgung frei­geben kann. Heute sind es oft nicht in erster Linie die Mehrheit der Juden, das ist sicher ein Ver­dienst der Existenz des Staates Israel. Doch der Anti­se­mi­tismus mas­kiert sich, gehetzt wird gegen Soros und gegen Jüdinnen und Juden, die sich nicht positiv auf Israel beziehen. Massiv stig­ma­ti­siert werden aber ver­schiedene andere Min­der­heiten, die von Land zu Land auch wechseln können. Seien es Roma, Migranten aus ver­schie­denen Ländern oder auch Obdachlose. Das Stadium ihrer Ent­rechtung ist oft schon weit fort­ge­schritten.

Mas­sen­aus­wei­sungen wie in Deutschland vor 80 Jahren sind durchaus in einigen Ländern denkbar. Und wie würde dann die viel­ge­rühmte zivi­li­sierte Welt reagieren? Einen Hinweis darauf gibt die poli­tische Situation in Bra­silien. Dort wurde die Wahl eines Faschisten, der bisher prak­tisch alle Feind­bilder der Rechten bedient [6], nur beim Anti­se­mi­tismus hält er sich bisher zurück, von sämt­lichen Frak­tionen des bra­si­lia­ni­schen Bür­gertums unter­stützt. Auch er will die Roten ent­weder im Exil oder im Gefängnis sehen. Des­wegen gingen nach seiner Wahl die Akti­en­kurse nach oben. Der Taz-Jour­nalist Ingo Arzt ver­steht die Welt nicht mehr:

Jair Bol­sonaro könnte aus Bra­silien einen faschis­ti­schen Staat machen. Gleich­zeitig gilt er als Traummann der Märkte. Das liegt daran, dass die sich bloß für die Bilanz inter­es­sieren. Muss man das hin­nehmen?
Ingo Arzt, taz

Das kommt davon, wenn man sich von Marx ver­ab­schiedet hat. Daher sei hier ein viel­stra­pa­ziertes Zitat [7] des Phi­lo­sophen noch einmal mal im Wortlaut wie­der­ge­geben.

Kapital, sagt der Quar­terly Reviewer, flieht Tumult und Streit und ist ängst­licher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen Horror vor Abwe­senheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit ent­spre­chendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv wag­halsig; für 100 Prozent stampft es alle mensch­lichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es exis­tiert kein Ver­brechen, das es nicht ris­kiert, selbst auf Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird es sie beide encou­ra­gieren. Beweis: Schmuggel und Skla­ven­handel.
Karl Marx

Daher haben die Märkte noch jeden rechten Putsch, wie den gegen Allende, ebenso bejubelt wie die Wahl von Trump. Die Märkte ver­halten sich also auch im Fall Bol­sonaro nur regel­konform. Wider­stands­po­ten­tiale kann es nur aus der Bevöl­kerung geben, und dann vor allem derer, die wenig bis nichts zu ver­lieren haben. Gerade deshalb ist es wichtig, sich der Depor­ta­tionen in Deutschland von vor 80 Jahren zu erinnern, an ihre Voll­strecker, an ihre Pro­fit­gierige und auch an die, die Wider­stand geleistet haben wie Her­schel Grünspan.

Peter Nowak
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Links in diesem Artikel:
[1] http://metropol-verlag.de/produkt/ausgewiesen-berlin-28–10-1938-die-geschichte-der-polenaktion/
[2] https://​www​.aktives​-museum​.de/​a​u​s​s​t​e​l​l​u​n​g​e​n​/​a​u​s​g​e​w​i​esen/
[3] https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-régime/ausgrenzung-und-verfolgung/geschaeftsboykott-1933.html
[4] https://​www​.fischer​verlage​.de/​b​u​c​h​/​d​a​n​_​m​i​c​h​m​a​n​_​a​n​g​s​t​_​v​o​r​_​d​e​n​_​o​s​t​j​u​d​e​n​/​9​7​8​3​5​9​6​1​82084
[5] https://​www​.ifz​-muenchen​.de/​h​e​f​t​a​r​c​h​i​v​/​1​9​5​7​_​2​_​2​_​h​e​i​b​e​r.pdf
[6] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​B​r​a​s​i​l​i​e​n​-​M​i​l​i​t​a​e​r​-​i​n​-​R​e​g​i​e​r​u​n​g​-​s​o​z​i​a​l​e​-​B​e​w​e​g​u​n​g​-​t​e​r​r​o​r​i​s​t​i​s​c​h​-​4​2​0​7​9​6​6​.html
[7] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​6​4​6​4​9​.​w​i​e​-​l​a​u​t​e​t​-​d​a​s​-​m​a​r​x​-​z​i​t​a​t​-​e​x​a​k​t​.html

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