Solidarität im Mietengerangel

Politik Soli­da­rische Woh­nungs­ge­nos­sen­schaft Leipzig

In Leipzig ver­sucht eine Gemein­schaft von Enthu­si­asten, sich ohne Pro­fit­in­ter­essen im Woh­nungs­markt zu behaupten

Auf den ersten Blick unter­scheidet sich das Gebäude der Mer­se­burger Straße 38c im Leip­ziger Stadtteil Lin­denau nicht von den Nach­bar­häusern. Am unteren Teil der Fassade haben sich Grafittikünstler*innen aus­pro­biert. Fahr­räder lehnen an der Wand. Eine Gruppe jün­gerer Leute sitzt an dem son­nigen Herbsttag vor dem Haus. Einige gehören zu den 23 Bewohner*innen des Hauses, das mitt­ler­weile als Merse 38c in Leipzig bekannt geworden ist. Denn es ist eines der beiden Gebäude, mit denen die Soli­da­rische Woh­nungs­ge­nos­sen­schaft Leipzig (SoWo) im Kampf um bezahlbare Woh­nungen neue Wege geht.

Nach mehr­mo­na­tigen Ver­hand­lungen zwi­schen Mieter*innen und Eigen­tü­merin erzielte man eine ein­ver­nehm­liche Lösung. Die SoWo kaufte das Haus, und die Mieter*innen über­nahmen die Ver­ant­wortung. Auch die ehe­malige Ver­mie­terin ist Mit­glied der Genos­sen­schaft. »So ist es uns gelungen, einen dau­er­haften Rahmen für die Gemein­schaft zu schaffen, vor allem aber auch, die Mieten im Haus auf einem sozi­al­ver­träg­lichen Niveau von 4,80 Euro pro Qua­drat­meter zu halten«, sagt Paul Schubenz dem »nd«. Der Hand­werker ist vor einigen Jahren von Berlin nach Leipzig gezogen und gehört zu den Mit­be­gründern der Genos­sen­schaft. Der starke Zuzug nach Leipzig habe zu der Suche nach neuen Formen soli­da­ri­schen Wohnens bei­getragen, erklärt SoWo-Vor­stands­mit­glied Tobias Bernet. Er forscht als His­to­riker zur Woh­nungs- und Stadt­po­litik und ist seit Jahren in der Recht-auf-Stadt-Bewegung aktiv.

Die Zeit des großen Leer­stands ist auch in Leipzig vorbei. Damals wurden in vielen Stadt­teilen Erfah­rungen selbst­ver­wal­teten Wohnens gesammelt. Wegen des anhal­tenden Bevöl­ke­rungs­wachstums gibt es inzwi­schen so gut wie keine leeren Häuser zu ver­nünf­tigen Preisen mehr. »Ande­rer­seits kommen zunehmend die Bewohner*innen in nor­malen Miets­häusern unter Druck: Gerade in Gebäuden, die nicht auf dem neusten Sanie­rungs­stand sind, drohen nach einem Verkauf emp­find­liche Miet­stei­ge­rungen«, skiz­ziert Bernet die Situation auf dem Leip­ziger Woh­nungs­markt. An diesem Punkt will die SoWo mittels genos­sen­schaft­licher Haus­über­nahmen inter­ve­nieren und Selbst­ver­wal­tungs­mo­delle mit bezahl­baren Mieten ver­binden. Es sei wesentlich effi­zi­enter, bezahlbare Mieten im Alt­bau­be­stand durch dau­erhaft nicht-pro­fit­ori­en­tierte Bewirt­schaftung zu sichern, als Neu­bau­kosten teuer zu fördern, meint Bernet. Doch die SoWo will auch Neu­bau­pro­jekte unter­stützen. Dabei handle es sich nicht um »Schöner-Wohnen-Pro­jekte« eines gut ver­die­nenden Mit­tel­stands, betonen Schubenz und Bernet. Es gehe nicht um Ein­zel­haus­pro­jekte. »Wir wollen mehr Leuten sicheres, selbst­ver­wal­tetes Wohnen ermög­lichen.« Dabei ist die Miethöhe selbst­ver­ständlich ein Knack­punkt.

»In der Merse 38c liegen die Mieten sogar unter dem Bestands­mieten-Durch­schnitt in Leipzig und im Bereich dessen, was auch das Job­center über­nimmt – obwohl dessen Sätze eigentlich schon lange rea­li­tätsfern sind«, sagt Bernet. Die niedrige Miethöhe war nur möglich, weil die Ver­käu­ferin die Preise nicht in die Höhe getrieben hat. In dem zweiten Haus, in dem noch umfang­reiche Sanie­rungen anstehen, werde die Miete höher aus­fallen. Auf einem Zukunfts­wo­chenende der SoWo will man Vor­aus­set­zungen schaffen, damit die Genos­sen­schaft im nächsten Jahr weitere Häuser erwerben kann. Das ist aus­nahms­weise eine Expansion am Woh­nungs­markt, bei dem es nicht um mehr Profit geht.

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Peter Nowak

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