Jeden Patienten kann es treffen

Axel Köhler-Schnura ist nicht nur Leiter der Stiftung Ethecon und erfah­rener poli­ti­scher Aktivist, sondern seit Neu­estem auch Initiator eines Soli­da­ri­täts­aufrufs mit den Strei­kenden am Uni­ver­si­täts­kli­nikum Düs­seldorf. Dazu bewogen haben ihn unter anderem seine eigenen Erfah­rungen als Patient. Über seine Moti­vation zum Aufruf sprach mit ihm Peter Nowak.

Eine Initiative sam­melte 5000 Euro und Unter­schriften zur Unter­stützung der Kli­nik­streiks in Düs­seldorf

Eigentlich könnte man annehmen, dass Patient*innen sauer sind, wenn das Kli­nik­per­sonal streikt. Warum der Soli­da­ri­täts­aufruf als ehe­malige Patient*innen?

Ja, es gibt zwei­fellos Patient*innen, die sauer sind. Das ist ja genau einer der Gründe, weshalb ich die Initiative ergriffen habe zu dieser Aktion: Jede und jeder von uns war schon mal Patient oder Pati­entin oder wird das viel­leicht einmal sein. Und da muss sich jeder darüber im Klaren sein, dass mise­rabel bezahltes, unter­be­setztes und gehetztes Per­sonal schlecht – wenn nicht sogar tödlich – für die eigene Gesundheit sein kann.

Darüber wollte ich mit meiner Initiative auf­klären. Es muss umge­kehrt sein: Wir alle müssen uns als ehe­malige, tat­säch­liche oder mög­liche zukünftige Patient*innen darüber freuen, dass im Gesund­heits­wesen für bes­seres Entgelt, bessere Per­so­nal­aus­stattung und bessere Aus­bil­dungs­qua­lität gekämpft und auch gestreikt wird.

Gab es bereits Reak­tionen auf Ihren Aufruf?

Da ich wegen einer Reha-Maß­nahme unter zeit­lichem Druck stand, hatte ich nicht viel Zeit, Unter­schriften für den Aufruf zu sammeln. Innerhalb von lediglich einer Woche haben sich eine ganze Menge Patient*innen aus Düs­seldorf gemeldet. Aller­dings wollten einige nicht öffentlich genannt werden, weshalb wir uns darauf geeinigt haben, nur die Zahl der Unter­stüt­ze­rinnen und Unter­stützer zu nennen: mit mir 136 aus Düs­seldorf und 67 aus ganz Deutschland, die die Aktion gut fanden.

Wollen Sie über den Aufruf hinaus Strei­kende ander­weitig unter­stützen, etwa auf Demons­tra­tionen?

Ja, natürlich. Wir haben 5000 Euro Spenden ein­ge­sammelt und unseren Aufruf in allen Tages­zei­tungen in Düs­seldorf mit einer Gesamt­auflage von mehr als 260 000 Stück ver­öf­fent­licht. In meh­reren Zei­tungen und Lokal­radios wurde darüber berichtet. Wir sind im Streikzelt präsent, wir werden auf einer Demons­tration sprechen. Wir druckten den Aufruf auch als Flug­blatt und ver­teilten das.

Sie kri­ti­sieren die unver­ant­wort­liche Haltung der Klinik. Können Sie dafür ein Bei­spiel nennen?

Die Ver­ant­wor­tungs­lo­sigkeit zeigt sich bereits an den kleinen Dingen: Wenn, wie ich es selbst erlebte, eine Pfle­ge­kraft für 30 bis 40 Patient*innen zuständig ist, dann ist nicht mehr gewähr­leistet, dass auf die lebens­ret­tende Not­klingel unmit­telbar reagiert werden kann. Ja, nicht einmal zeitnah wäre das möglich. Ich habe erlebt, dass selbst nach drei Stunden noch niemand kommen konnte. Wie soll dann eine gesund­heits- oder gar lebens­be­droh­liche Situation, für die die Not­klingel ja die letzte Rettung bedeutet, bewältigt werden?

Wenn, wie eine mit­un­ter­zeich­nende Pati­entin berichtete, sie dringend auf die Toi­lette muss, aber wegen der Krankheit nicht kann, und niemand in ange­mes­sener Zeit auf den Notruf reagiert und sie dann vor das Bett uri­nieren muss – was kann denn dann sonst noch pas­sieren? Wenn die Hygiene wegen Arbeits­hetze und Über­lastung nicht ein­ge­halten werden kann und dann Patient*innen durch mul­ti­re­sis­tente Keime zu Tode kommen, dann nenne ich das men­schen­ver­ach­tende Ver­ant­wor­tungs­lo­sigkeit.

Wäre aber nicht auch die Politik in der Ver­ant­wortung, mehr Gelder für die Kli­niken zur Ver­fügung zu stellen?

Selbst­redend. Die Arbeits­kämpfe richten sich auch an die Politik. Doch darf nie ver­gessen werden, wir haben Kapi­ta­lismus und damit kapi­ta­lis­tische Politik. Und im Kapi­ta­lismus, das weiß ja nun schon jedes Kind, da regiert der Profit. Auch in den Kran­ken­häusern und in der Politik. Niemand darf erwarten, dass die Politik es richten wird. Nur wenn wir uns selber helfen, wird uns geholfen – Patient*innen und Per­sonal im Gesund­heits­wesen gemeinsam. Übrigens bei dieser Gele­genheit: Natürlich sind auch die Doktor*innen und Professor*innen an den Kli­niken längst dem Zwang zu Gewinn und Effi­zienz unter­worfen.

Interview: Peter Nowak