Beerensträucher statt Giftpflanzen!“


Eva Willig macht Kräu­ter­füh­rungen durch Neu­kölln. Nun hat sie ein Buch ver­öf­fent­licht, das essbare und giftige Wild­ge­wächse des Bezirks beschreibt

Über Groß­stadt­ge­wächse
Das Buch Eva Willig, 70, hat kürzlich im Eigen­verlag das Buch „Heil­sames Neu­kölln“ her­aus­ge­geben. Auf 175 Seiten werden Heil-, Gewürz-, Salatp anzen, Getreide, Bäume und Sträucher vor­ge­stellt, die in Neu­kölln wild wachsen, essbar sind und eine heilsame Wirkung haben sollen. Ein Kapitel behandelt Giftp anzen. Das Buch kann über ewil@​gmx.​de für18 Euro bestellt werden.
Der Spa­ziergang Von März bis Oktober lädt Eva Willig zu kosten- losen Kräu­ter­spa­zier­gängen in Neu­kölln und den angren­zenden Stadt­teilen ein. Der nächste Spa­ziergang beginnt am Samstag, dem 28. Juli 2018, 16 Uhr in Rudow an der Hal­te­stelle des Busses 271 „Am Großen Rohr­pfuhl“

taz: Frau Willig, wann begann Ihr Interesse an Neu­köllner Kräutern?
Eva Willig: Als ich zu früh in die Wech­sel­jahre rutschte und meinem Arzt nichts anderes einfiel, als mir Hor­mon­pillen zu ver­schreiben, erin­nerte ich mich an meine Kindheit auf dem Lande. Damals hieß es, ­gegen fast alles sei ein Kraut gewachsen. Ich besorgte mir dar­aufhin Bücher und stellte schnell fest, dass der Spruch auch für Berlin gilt.

Wann star­teten Sie mit den Kräu­ter­füh­rungen?
Die ersten Kräu­ter­spa­zier­gänge habe ich in den 1990er Jahren auf Kreta orga­ni­siert. Ich war auf Job­suche, fand aber nichts und hatte dann die Idee, Tou­ris­tInnen in die dortige Pflan­zenwelt ein­zu­führen. Seit zehn Jahren gehe ich in Berlin all­jährlich von März bis Oktober immer am letzten Samstag mit Inter­es­sierten spa­zieren und zeige ihnen Kräuter und andere Pflanzen. Um ein wenig legi­ti­miert zu sein, habe ich bei der IHK (Industrie- und Han­dels­kammer; d. Red.) sogar eine Prüfung für den Erlaub­nis­schein für frei­ver­käuf­liche Heil­mittel abgelegt.

Wer kommt zu den Spa­zier­gängen?
Das ist ganz unter­schiedlich. Über­wiegend sind es aber Frauen, junge und alte. Ich finde es immer sehr inter­essant, neue Leute ken­nen­zu­lernen. Nur mag ich es gar nicht, wenn Men­schen auf den Spa­zier­gängen mis­sio­na­risch auf­treten. Sei es, dass sie für vegane Ernährung oder irgend­welche eso­te­ri­schen Sachen werben.

Nun ist Ihr Buch „Heil­sames Neu­kölln“ erschienen. Ihr Ziel?
Ich will damit erreichen, dass die Men­schen die Pflanzen um sie herum besser wahr­nehmen, die Fotos ver­gleichen und ein anderes Ver­hältnis zur Natur in der Stadt bekommen. So emp­fehle ich Gue­rilla Gar­dening auf dem eigenen Balkon. Ich pflanze dort Wild­pflanzen, keine Geranien. So habe ich Hummeln, Wespen und Bienen mitten auf der Karl-Marx-Straße. Das ist ein Beitrag zur Pflan­zen­vielfalt.

Wieso haben Sie sich auf Neu­kölln fokus­siert?
Ich hatte auf der Web­seite mundraub​.org fest­ge­stellt, dass in dem Stadtteil, in dem ich lebe, keine Fund­stellen für Kräuter auf­ge­führt waren. Das hat mich ange­spornt, das Buch zu ver­öf­fent­lichen. Zudem hat Neu­kölln beim Thema „essbare Stadt“ noch starken Nach­hol­bedarf.

Können Sie ein Bei­spiel nennen?
Als ich auf der Les­singhöhe, einer der Neu­köllner Grün­flächen, Rucola ernten wollte, stellte ich fest, dass die Bepflanzung an den Weg­rändern weg­ge­si­chelt war. Das Grün­flä­chenamt teilte mir mit, man habe auf Wunsch der Polizei die Sicht unter die Büsche ver­bessern wollen, um zu ver­hindern, dass dort Woh­nungslose über­nachten. Des­wegen werden essbare Nutz­pflanzen ver­nichtet. Vor zwei Jahren lehnte die Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung in Neu­kölln einen Antrag der Grünen, die Ent­wicklung zur ess­baren Stadt zu unter­stützen, mit ähn­lichen Argu­menten ab. Pankow hat sich dagegen vor zwei Jahren zum ess­baren Bezirk erklärt und auch ent­spre­chende Maß­nahmen ein­ge­leitet. Daran kann sich Neu­kölln ein Bei­spiel nehmen.

Warum haben Sie neben Heil- auch Gift­pflanzen im Buch auf­ge­führt?
Seit Jahren fordere ich, dass in öffent­lichen Grün­an­lagen keine Gift­pflanzen stehen sollen, und wenn doch, dass sie gekenn­zeichnet werden. Am besten wäre es, auch um dem Ziel „essbare Stadt“ näher zu kommen, die Gift­pflanzen aus den Anlagen her­aus­zu­holen und durch essbare Bee­ren­sträucher zu ersetzen.

Können Sie ein Bei­spiel für eine solche gefähr­liche Pflanze in Neu­kölln nennen?
Kürzlich waren die Zei­tungen voll mit Mel­dungen über einen geplanten Anschlag mit Rizinus. Es wurde behauptet, dass die Samen­körner des Rizinus, auch Wun­derbaum genannt, aus dem Darknet oder aus Bau­märkten stammen sollen. Tat­sächlich kann man etwa im Neu­köllner Kör­nerpark die Samen von acht Wun­der­bäumen sammeln.

taz mittwoch, 11. juli 2018

Interview: Peter Nowak

Hinweis auf das Interview im Tages­spiegel:
Neu­köllner Kräuter. Eva Willig macht Kräu­ter­füh­rungen durch den Bezirk. Nun hat sie ein Buch ver­öf­fent­licht, das essbare und giftige Wild­ge­wächse des Bezirks beschreibt. Interview in der taz.