»Ein Ständchen gebracht«

Small Talk mit Hans-Erich Sauerteig über einen Vorfall vor dem Haus eines Staats­schutz­be­amten in Nie­der­sachsen

»60 Ver­mummte stürmten Poli­zis­ten­grund­stück«, über­schrieb die Bild-Zeitung eine Meldung über einen Vorfall vor dem Haus eines bei Linken im Wendland berüch­tigten Staats­schutz­po­li­zisten. Auch Poli­tiker ver­schie­dener Par­teien gaben sich empört. Die Jungle World hat mit Hans-Erich Sauerteig über die Aktion gesprochen. Der 74jährige war 1980 einer der Gründer des auto­nomen Tagungs­hauses Gasthof Meu­chefitz im Wendland und ist bis heute dort ­aktiv.

Waren Sie über­rascht über die Reak­tionen auf die Aktion?
Wir hatten diese bun­des­weiten Reak­tionen nicht erwartet, sondern höchstens mit einigen Berichten in regio­nalen Medien gerechnet.

Was ist nach Ihrer Beob­achtung vor dem Haus geschehen?
Es war ein Flashmob. Wir wollten ihm einige kur­dische Fähnchen vor­bei­bringen, weil der Beamte maß­geblich an einer Razzia beim selbst­ver­wal­teten Tagungshaus Meu­chelfitz am 20. Februar beteiligt war. Der Grund für die damalige Razzia war ein Trans­parent, das zur Soli­da­rität mit den kur­di­schen Kräften in Afrin aufrief, die dort damals gegen die tür­kische Armee kämpften. Damit die Aktion nicht so mar­tia­lisch wirkte, kamen wir mit Musik­in­stru­menten und brachten ihm ein Ständchen.

Zunächst über­nahmen fast alle Medien die Pres­se­mit­teilung der Polizei, wonach es eine »neue Qua­lität der Gewalt gegenüber der Polizei und ihren Ange­hö­rigen« gegeben habe. Wie kam es, dass nach einigen Tagen doch noch Ihre Dar­stellung ver­breitet wurde, der­zu­folge es der anschlie­ßende Einsatz einer Polit­zei­hun­dert­schaft aus Oldenburg gegen die Pro­tes­tie­renden gewesen sei, der gewalt­tätig war?

Nachdem wir eine Pres­se­mit­teilung ver­schickt hatten, in der wir der Version der Polizei wider­sprachen, es habe sich um eine gewalt­tätige Aktion gehandelt, haben sich sehr viele Medien bei uns ­gemeldet und unsere Dar­stellung ver­öf­fent­licht und die Polizei mit den Wider­sprüchen kon­fron­tiert. Ich habe den Ein­druck, dass heut­zutage Jour­na­listen wütend werden, wenn sie nach­weislich von der Polizei belogen werden, und dann auch darüber berichten.

Auch Linke kri­ti­sierten, dass nicht der Poli­zei­beamte, sondern seine Familie von der Aktion betroffen war. Haben Sie Anlass zu Selbst­kritik?
Wir haben in der Ver­gan­genheit schon Pro­test­ak­tionen vor dem Grund­stück eines CDU-Poli­tikers orga­ni­siert. Damals gab es solche Reak­tionen nicht. Aber wir haben im Nach­hinein fest­ge­stellt, dass wir bei der Aktion vor dem Haus des Poli­zisten nicht gut genug ver­mittelt haben, um was es uns gegangen ist. Da hätten wir einiges anders machen sollen. Wir haben der Frau des Beamten auch einen Ent­schul­di­gungs­brief geschickt, in dem wir ihr mit­teilten, dass die Aktion nicht gegen sie gerichtet war.

Der von Ihnen kri­ti­sierte Poli­zei­beamte war nicht im Haus, aber an der anschlie­ßenden Fest­nahme der Gruppe beteiligt. Sie warfen ihm in ­Ihrer Pres­se­mit­teilung vor, »in Rage auf am Boden lie­gende Per­sonen« ein­ge­treten zu haben. Erwarten Sie juris­tische Kon­se­quenzen gegen ihn?
Der Beamte, der bisher immer in Zivil auftrat, nahm in Uniform an der Fest­nahme teil. Wir über­legen mit unseren Anwälten, ob wir Anzeige erstatten. Mitt­ler­weile ermittelt nicht mehr die Poli­zei­di­rektion Lüneburg, sondern Hamburg-Harburg. Daraus schließen wir, dass wegen des Ein­satzes des betrof­fenen Poli­zisten ermittelt wird.

Laufen auch gegen die Pro­test­gruppe Ver­fahren?
Gegen 60 Per­sonen wird wegen schweren Land­frie­dens­bruchs, Gewalt und Belei­digung ermittelt. Doch die Polizei ist schon zurück­gerudert und hat erklärt, dass mit der Aktion nur psy­chische Gewalt ange­wandt wurde. Fraglich ist aber, ob bei psy­chi­scher Gewalt über­haupt der Tat­be­stand des Land­frie­dens­bruchs greift. Ich erwarte, dass alle Ver­fahren nach einigen Wochen ein­ge­stellt werden.

JUNGLE​.WORLD 2018/23
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Peter Nowak