Vielfalt leben, nicht nur drüber reden

Der ver.di-Referent Romin Khan über man­gelnden Ein­fluss migran­ti­scher Mit­glieder und Mittel gegen rechts

Romin Khan ist Referent für Migra­ti­ons­po­litik beim Bun­des­vor­stand der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di und Mit­glied im Vor­stand des gewerk­schaft­lichen Vereins »Mach’ meinen Kumpel nicht an! – für Gleich­be­handlung, gegen Frem­den­feind­lichkeit und Ras­sismus e.V.« Das Gespräch führte Peter Nowak.

Sie sind Referent für Migration im ver.di-Bundesvorstand. Wie sieht Ihre Aufgabe konkret aus?

Es geht darum, die Per­spektive der Migrant_​innen in der Arbeitswelt sichtbar zu machen und zu stärken. Das in den 1970er Jahren novel­lierte Betriebs­ver­fas­sungs­gesetz enthält ein­deutige Klauseln gegen die Dis­kri­mi­nierung am Arbeits­platz. Es schuf die Grundlage, dass deutsche und nicht­deutsche Beschäf­tigte gemeinsam an Betriebs­rats­wahlen teil­nehmen. Damit wurden am Arbeits­platz Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten für Migrant_​innen geschaffen, die im poli­ti­schen Rahmen nicht exis­tieren. Noch immer dürfen Men­schen ohne deut­schen Pass weder an den Bun­des­tags­wahlen, noch an kom­mu­nalen Volks­ent­scheiden teil­nehmen. Das betrifft eine wach­sende Gruppe von Beschäf­tigten in Deutschland, mitt­ler­weile etwa acht bis zehn Mil­lionen Men­schen.

Erfüllt das Betriebs­ver­fas­sungs­gesetz seine inte­grie­rende Funktion noch ange­sichts einer seit den Sieb­zigern kom­plett ver­än­derten Arbeitswelt?

Aktuell gibt es eine starke Arbeits­mi­gration aus Ost­europa, bei­spiels­weise bei den Logistiker_​innen oder im Sor­ge­be­reich. Eine gute Gewerk­schafts­arbeit und enga­gierte Inter­es­sens­ver­tretung in diesen Sek­toren sind das beste Mittel gegen Aus­beutung und für die Inte­gration von Men­schen aus unter­schied­lichen Ländern.

Beim DGB-Kon­gress vor einigen Wochen hatten nur sehr wenige Dele­gierte einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Wäre es nicht ein gutes Zeichen, wenn beim nächsten Bun­des­kon­gress von ver.di Kolleg_​innen mit Ein­wan­de­rungs­ge­schichte in die Gremien gewählt würden?

Es muss selbst­ver­ständlich werden, dass die Vielfalt in der Gesell­schaft und in der Mit­glied­schaft sich auch in den gewerk­schaft­lichen Struk­turen abbildet. Die Streiks der letzten Monate, ob im öffent­lichen Dienst oder in der Industrie, aber auch empi­rische Unter­su­chungen, die es bisher nur bei der IG Metall gibt, haben eines deutlich gezeigt: Viele migran­tische Kol­le­ginnen und Kol­legen über­nehmen Ver­ant­wortung in den betrieb­lichen Inter­es­sens­ver­tre­tungen, sie sind ein wich­tiger Teil aktiver Beleg­schaften und gewinnen neue Mit­glieder. Hier steckt viel Potenzial für die Zukunft der Gewerk­schaften.

Was müsste ver.di tun, damit Migrant_​innen in den eigenen Struk­turen besser reprä­sen­tiert werden?

Die Migra­ti­ons­aus­schüsse in ver.di fordern einen Plan zur Öffnung der Struk­turen, um den Ein­fluss der enga­gierten migran­ti­schen Kolleg_​innen zu stärken und ihre Erfah­rungen ein­zu­bringen. Dazu braucht es ähn­liche Instru­mente wie in der Gleich­stel­lungs­po­litik, etwa Gleich­stel­lungs­pläne oder Quo­tie­rungen. Für dieses Ziel erhoffe ich mir mehr Unter­stützung von linken und femi­nis­ti­schen Gewerk­schaf­te­rinnen und Gewerk­schaftern.

Waren Sie in Ihrer gewerk­schaft­lichen Arbeit direkt mit Ras­sismus und Dis­kri­mi­nierung kon­fron­tiert?

Natürlich schwappen die gesell­schaft­lichen Aus­ein­an­der­set­zungen auch in die Betriebe, nicht zuletzt, weil die poli­tische Bildung vieler Beschäf­tigter in den sozialen Medien statt­findet. So ist es nicht ver­wun­derlich, dass wir auch auf gewerk­schaft­lichen Semi­naren mit rechten Hal­tungen kon­fron­tiert sind.

Wie soll die Gewerk­schaft damit umgehen?

Klare Kante, aber auch offene Tür. Kann man Men­schen, die der Logik »Wir gegen die« der Rechten folgen, noch mit Argu­menten erreichen? Dann sollte man sich mit den Äuße­rungen inhaltlich aus­ein­an­der­setzen und sie wider­legen. Gegenüber Men­schen mit einem ver­fes­tigten rechten Weltbild muss aller­dings ein klarer Tren­nungs­strich gezogen werden. Um an die Struk­tur­frage anzu­knüpfen: Noch viel wich­tiger als die Frage der Auf­klärung über rechte Ideo­logie ist es meiner Meinung nach, dass unsere Gegen­erzählung der Soli­da­rität zwi­schen ver­schie­denen lohn­ab­hän­gigen Men­schen sehr viel stärker als bisher auch durch die Auswahl der Per­sonen und Gesichter unter­mauert wird, die für die Gewerk­schaft stehen. Wir leben Vielfalt und reden nicht nur drüber ist ein Ansatz, um den irrigen Gedanken eth­nisch homo­gener Gruppen und Nationen das Wasser abzu­graben.

Sie arbeiten auch im Vor­stand des anti­ras­sis­ti­schen Gewerk­schafts­vereins »Mach’ meinen Kumpel nicht an!« mit, der am Wochenende seine Jah­res­tagung hat. Welche Bedeutung hat der Verein über 30 Jahre nach seiner Gründung in der heuten Gewerk­schafts­arbeit?

Der Verein war vor ein paar Jahren ein bisschen in Ver­ges­senheit geraten, aber ist heute wieder sehr aktiv. Wir orga­ni­sieren Bil­dungs­arbeit in den Betrieben und bereiten aktuelle Themen für die Arbeitswelt auf. Bei der Jah­res­tagung geht es bei­spiels­weise um die ras­sis­tisch moti­vierte Instru­men­ta­li­sierung von Frau­en­rechten. Mit unserer Präsenz auf Gewerk­schafts­tagen und Ver­an­stal­tungen erinnern wir daran, dass zur DNA der Gewerk­schaften immer auch anti­ras­sis­tische und anti­fa­schis­tische Hal­tungen gehören. Auf dieser Basis ist der Verein ein starkes Bin­de­glied zwi­schen den unter­schied­lichen Gewerk­schaften. Mehr als tausend Betriebs- und Per­so­nalräte, Haupt­amt­liche bis hin zu den Vor­sit­zenden sind För­der­mit­glieder.

Vor den Betriebs­rats­wahlen in diesem Jahr gab es große Befürch­tungen, dass rechte Kan­di­daten auch in den Betrieben neue Erfolge feiern könnten. Das ist nun nicht der Fall. Grund zur Beru­higung?

In einigen Betrieben, wo sie eine starke Öffent­lich­keits­arbeit gemacht haben, gewannen die Rechten einige Mandate. Ansonsten sind sie erfolglos geblieben. Jetzt haben wir einen rea­lis­ti­scheren Blick darauf, dass rechte Betriebs­kan­di­da­turen kein Selbst­läufer sind. Das ist für enga­gierte Gewerkschafter_​innen aber kein Grund, sich zurück­zu­lehnen. Schließlich können die Rechten bei den nächsten Betriebs­rats­wahlen aus den Erfah­rungen lernen.

Peter Nowak


Hinweis auf Labournet:

Mach meinen Kumpel nicht an! Ver.di-Referent Romin Khan über man­gelnden Ein­fluss migran­ti­scher Mit­glieder und Mittel gegen rechts im Gespräch mit Peter Nowak bei neues Deutschland vom 8. Juni 2018:

http://​www​.labournet​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​g​w​/​z​i​e​l​g​r​u​p​p​e​n​/​m​i​g​r​a​n​t​/​m​i​g​r​a​n​t​e​n​-​d​e​r​-​g​e​w​e​r​k​s​c​h​a​f​t​-​v​i​e​l​f​a​l​t​-​l​e​b​e​n​-​n​i​c​h​t​-​n​u​r​-​d​r​u​e​b​e​r​-​r​eden/