»Globales Festgelage des monetären Kapitals«

Achim Sze­panski im Gespräch über die Zukunft der Kapi­talak­ku­mu­lation

Der Label­be­treiber, Musiker und Theo­re­tiker Achim Sze­panski sieht in die Zukunft der Maschi­ni­sierung: Die pla­ne­ta­rische Arbei­ter­klasse habe den Tisch gedeckt, der über­morgen von Robotern abge­räumt werde.

Ange­sichts der vielen Neu­erschei­nungen zum 200. Geburtstag könnte man sagen: Marx lebt. Ein gutes Zeichen für Men­schen, die sich nicht nur zu Jubiläum mit ihm aus­ein­an­der­setzen?
Man könnte mit Wolfgang Pohrt ­argu­men­tieren, dass im Mar­xismus ins­besondere bei Jubiläen ganz ­signi­fikant wird, dass die ange­peilte Revo­lution aus­ge­blieben und die ­Papier­schleuder im Dau­er­be­trieb ange­worfen ist, wenn sie nicht sogar wie in Trier als Lut­scher mit Marx-Motiv ver­ramscht wird. Das System kann einfach nicht anders, man muss ver­suchen, alles und jedes zu kapi­ta­li­sieren.

Tragen Sie mit dem von Ihnen ver­öf­fent­lichten Buch »Kapital und Macht im 21. Jahr­hundert« nicht auch dazu bei?
»Macht und Kapital im 21. Jahr­hundert« ist vor allem kein phi­lo­so­phi­sches Buch über Marx. Man sollte endlich damit auf­hören, den Mar­xismus mit phi­lo­so­phi­schen Begriffen ver­bessern oder ihn dekon­stru­ieren zu wollen, um ihn in letzter Kon­se­quenz zu etwas zu machen, das entlang der zeit­ge­mäßen Anfor­de­rungen eines linken aka­de­mi­schen Publikums ver­handelt wird. Statt­dessen ist es längst über­fällig, den Mar­xismus, was seine phi­lo­so­phi­schen Kom­po­nenten anbe­langt, radikal zu ent­eignen. Fol­ge­richtig ist das Buch eine kri­tische polit­öko­no­mische Analyse der imma­nenten »Logik« des Kapitals, der ver­schie­denen Kapi­tal­formen, ins­be­sondere der Derivate, die einer­seits eine Macht­tech­no­logie, ande­rer­seits eine neue Form des spe­ku­la­tiven Kapitals dar­stellen, und schließlich der zeit­ge­nös­si­schen Aktua­li­sierung des Kapitals als Welt­öko­nomie.

»Ohne den Einsatz der kyber­ne­ti­schen Tech­no­logien wäre die sys­te­ma­tische globale Orga­ni­sation der Arbeit, ihre Fle­xi­bi­lität und Gra­nu­la­rität, ihre Pro­duktion und Zir­ku­lation nicht möglich gewesen.«#

Sie ver­treten die These, dass das finan­zielle Kapital his­to­risch die kapi­ta­lis­tische Pro­duk­ti­ons­weise von Anfang an begleitet hat. ­Richtet sich das gegen die weit­ver­breitete Vor­stel­lungen, dass das Finanz­ka­pital erst in den ver­gan­genen Jahr­zehnten im Zuge der Glo­ba­li­sierung eine besondere Bedeutung bekommen hat?
Begrifflich ist das Kapital tat­sächlich nicht als ein posi­tiver Wert zu ver­stehen, sondern als eine pro­zes­suale Relation, wobei das Negative – Schulden – als positive Bedingung für die kapi­ta­lis­tische Pro­duktion auf­zu­fassen ist. Kapital ist Schul­den­pro­duktion, wobei die Schulden mit den ­zukünftig zu pro­du­zie­renden Waren ver­si­chert und mit deren Rea­li­sierung abge­glichen werden. So ist der Platz des Kapitals, das erste G in der berühmtem Marx­schen Formel ­G-W-G‘, von zwei Sub­jekten besetzt, nämlich vom Geld­ka­pi­ta­listen und dem indus­tri­ellen Kapi­ta­listen. Und die Formel der mone­tären Kapi­tal­zir­ku­lation beinhaltet den pri­mären Mecha­nismus der Öko­nomie, der die Waren­pro­duktion als Pro­duktion-für-den-Profit und als Pro­duktion-für-die-Zir­ku­lation kon­stant begleitet und ein­schließt.

Sie kon­sta­tieren aber auch, dass sich in den ver­gan­genen Jahr­zehnten ein stei­gender Teil der Profite pri­vater Banken aus finan­zi­ellen Akti­vi­täten speist. Ist also doch was dran an der These von der wach­senden Bedeutung des Finanz­sektors?
Das finan­zielle Kapital ope­ra­tio­na­li­siert heute in enormen Summen Kredite, fik­tives und spe­ku­la­tives Kapital und weitere Kapi­tal­äqui­va­lente, die sich durch ihre hohe Liqui­dität, Mobi­lität und Kom­men­sura­bi­lität aus­zeichnen. Dabei sind die aus den Deri­vaten resul­tie­renden Gewinne nicht in einem vul­gären Sinn fiktiv, denn die Derivate werden ja in Geld rea­li­siert und besitzen damit poten­tiell alle Merkmale der Kapi­tal­macht, ins­be­sondere auch im Zugriff auf den abs­trakten Reichtum, der in einer Öko­nomie pro­du­ziert wird. Die Derivate haben zwar keinen unmittel­baren Bezug zur indus­tri­ellen Pro­duktion und zur Zir­ku­lation von klas­si­schen Waren. Dennoch besitzen sie ganz reale Wir­kungen auf die »Real­wirt­schaft«. Es gilt hier von vorn­herein zu berück­sich­tigen, dass der »Wert« einer finan­zi­ellen Anlage dem kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­prozess nicht nach­ge­ordnet ist, sondern ihm logisch vor­ausgeht.

Was bedeutet das?
Der Wert exis­tiert nicht, weil ent­weder Mehrwert pro­du­ziert oder eine ­andere Art des Ver­mögens an den Märkten rea­li­siert wurde, sondern weil das finan­zielle Kapital bis zu einem gewissen Maße zuver­sichtlich ist, dass die Rea­li­sierung von Ren­diten im Rahmen der Pro­duktion und Zir­ku­lation von Kapital in der Zukunft statt­finden und sich nach den Maß­stäben der erwei­terten Repro­duktion auch wie­der­holen wird. Wenn die Pro­duktion und Zir­ku­lation klas­si­scher Waren wie Kleidung, Nah­rungs­mittel oder Com­puter direkt durch ­einen Kredit affi­ziert werden kann und dieser sich wie­derum durch den Preis eines Derivats erheblich beein­flussen lässt, dann kann man die bis­herige hier­ar­chische Ordnung der Klassen von drei öko­no­mi­schen ­Objekten Ware, Kredit, Derivat nicht bei­be­halten.

Können Sie das an einem Bei­spiel ver­deut­lichen?
Ein Tisch ist ein Ding zur Bereit­stellung einer Mahlzeit, aber wenn ­Fak­toren wie Zins­raten auf die Kre­dite des Tische pro­du­zie­renden ­Unter­nehmens, Optionen und Ver­si­che­rungen auf den Holz­preis und schließlich Wäh­rungs­schwan­kungen mit den ent­spre­chenden Fak­toren in der Pro­duktion über­ein­ander geblendet sind und dies im Kontext der Pro­duktion wei­terer Güter und Dienst­leis­tungen geschieht, so wird doch auf dem beschei­denen Tisch ein glo­bales Fest­gelage des mone­tären Kapitals plat­ziert.

Sie gehen in dem Buch auf das Kre­dit­wesen ein und beschreiben die wach­sende Ver­schuldung von großen Teilen der
Lohn­ab­hän­gigen als eine Stra­tegie des ­Kapitals. Klingt das nicht nach ­einer Ver­schwö­rungs­theorie?
Die relative Mehr­wert­pro­duktion bezie­hungs­weise die tech­no­lo­gische Inno­vation ver­ringern den Wert der Waren, die für die Repro­duktion der Arbeiter not­wendig sind. Das­selbe gilt aber auch für finan­zielle Innova­tionen, mit denen die Real­löhne redu­ziert werden können, wenn bei­spiels­weise ein Auto, das Teil des Waren­korbs ist, durch einen Bank­kredit finan­ziert wird. Ein Aspekt der Finan­zia­li­sierung bestand vor der letzten Finanz­krise darin, dass höhere Risiken in den Immo­bi­li­en­sektor trans­fe­riert wurden. Dabei stieg nicht nur die private Ver­schul­dungs­quote der­je­nigen Haus­halte, die Hypo­the­ken­kredite auf­nahmen, sondern auch die Preise der auf die Immo­bilien bezo­genen Assets erhöhten sich. Die finan­zi­ellen Inno­va­tionen ermög­lichten also neue Spiel­räume für das Kapital, um Lohn­sen­kungen durch­zu­setzen. Die stei­gende Ver­schuldung der Lohn­ab­hän­gigen ist somit kein Resultat der Unter­kon­sumtion oder einer schwachen Per­fo­mance des Kapitals, vielmehr ver­weist der Auf­stieg des Finanz­systems auf einen kon­so­li­dierten Kapi­ta­lismus.

Sie schreiben, dass es heute eine »pla­ne­ta­rische Arbei­ter­klasse« gibt, »die sich selbst aus ihren Jobs her­aus­ar­beitet« und beziehen sich damit auf die Robotik. ­Gehen Sie da aber nicht den Ver­hei­ßungen der High-Tech-Indus­trie auf dem Leim, da in der Rea­lität der Einsatz von Robotern ­bisher nur sehr begrenzt gelingt?
Von 1980 bis 2010 ist der Korpus der pla­ne­ta­ri­schen Arbeits­kräfte von 1,2 Mil­li­arden auf drei Mil­li­arden Men­schen ange­stiegen. Dies war kei­neswegs allein die Folge des glo­balen Bevöl­ke­rungs­wachstums, sondern eine Folge der Ver­tiefung der Kapi­talak­ku­mu­lation und der Märkte im glo­balen Maßstab. Ohne den Einsatz der kyber­ne­ti­schen Tech­no­logien wäre die sys­te­ma­tische globale Orga­ni­sation der Arbeit, ihre Fle­xi­bi­lität und Gra­nu­la­rität, ihre Pro­duktion und Zir­ku­lation nicht möglich gewesen. In Zukunft wird sich die Kapi­talak­ku­mu­lation weniger um die Repro­duktion der Arbeits­kräfte drehen, sondern um die Repro­duktion der ­kyber­ne­ti­schen Systeme selbst. Die Ver­bindung von Glo­ba­li­sierung und Kyber­netik hat zwei Ten­denzen in der Dynamik des Kapi­talak­ku­mu­lation offen­gelegt: Zum einen die Erfassung der glo­balen Popu­lation durch Lie­fer­ketten und beweg­liche Pro­duktion, die die Arbeit für das ­Kapital auf einem pla­ne­ta­ri­schen ­Niveau ver­fügbar hält, und zum anderen der Drive hin zur Auto­mation, Algo­rith­mi­sierung, Robotik und digi­talen Netz­werken, womit eine für das Kapital nutzlose Sur­plus­be­völ­kerung erzeugt wird. Dieser »bewe­gende Wider­spruch« schafft Arbeits­plätze, aber er zer­stört auch welche – und dies kei­neswegs in einem gleich­ge­wich­tigen Prozess, sondern in einer spi­ral­för­migen Bewegung, die zu einer immer inten­si­veren Maschi­ni­sierung des Kapitals führt.

Interview: Peter Nowak

Sze­panski Achim, Kapital und Macht im 21. Jahr­hundert
Erschienen Januar 2018, 20,00 €, 354 Seiten, ISBN: 978–3-944233–901