Terrortribunal

Wilhelm Lehmann war 73, als er an die Wand eines Toi­let­ten­häus­chens am Mari­an­nen­platz in Berlin-Kreuzberg Parolen gegen Hitler und den Krieg schrieb. Er wurde denun­ziert und vom »Volks­ge­richtshof« zum Tod ver­ur­teilt. Der Rentner war einer von 5700 Opfern des Ter­ror­tri­bunals. Dieses war am 24. April 1934 als Son­der­ge­richt zur Abur­teilung von Gegnern des NS-Regimes ein­ge­richtet worden. An dessen unheil­volles Wirken erinnert jetzt in der Topo­graphie des Terrors eine Son­der­aus­stellung, die die Opfer in den Mit­tel­punkt rückt.

Gewürdigt wird unter anderen Bank­di­rektor Georg Miethe, der sich kri­tisch über Hitler geäußert hatte und von einer Ange­stellten ver­raten wurde. Auf einem anderem Foto ist der Pianist Karl­robert Kreiten zu sehen, der von einer Jugend­freundin seiner Mutter ange­zeigt worden ist und dessen Hin­richtung der spätere WDR-Jour­nalist Werner Höfer am 20. Sep­tember 1943 im »12-Uhr-Blatt« beju­belte. Das Kla­vier­talent nie­der­län­di­scher Abstammung nannte er einen »ehr­ver­ges­senen Künstler«. Obwohl bun­des­deutsche Anti­fa­schisten schon Anfang der 1960er Jahre darauf ver­wiesen, endete Höfers TV-Kar­riere erst 1987. Auch dem spätere Bun­des­kanzler Helmut Schmidt begegnet man hier – in Wehr­machts­uniform. Er war mit seiner Kom­panie zum Besuch der Pro­zesse gegen die Ver­schwörer des 20. Juli 1944 abkom­man­diert worden.

Der Vor­sit­zende des »Volks­ge­richts­hofes« Roland Freisler wird als einen gna­den­loser Richter vor­ge­stellt, der Todes­ur­teile in Serie fällte. Ein Film­aus­schnitt lässt ihn in Aktion erleben; mit gei­fernder, sich über­schla­gender Stimme beschimpft er die Ange­klagten als »Volks­ver­räter«. Freisler starb im Februar 1945 bei einem alli­ierten Bom­ben­an­griff auf das Gebäude des »Volks­ge­richtshofs« in Schö­neberg. Weniger bekannt als er sind seine Vor­gänger und Nach­folger sowie die Staats­an­wälte des »Volks­ge­richtshofs«, über die hier ebenso berichtet wird. Die meisten von ihnen wurden in der Bun­des­re­publik mit hohen Pen­sionen belohnt, nicht wenige konnten ihre juris­tische Kar­riere unge­hindert fort­setzen. Freislers Witwe bezog nicht nur die Pension ihres Mannes, sondern erhielt 1974 auch eine Scha­dens­aus­gleichs­rente. Erich Geißler war einer der wenigen Juristen des »Volks­ge­richts­hofes«, der 1982 zu einer 15-jäh­rigen Haft­strafe ver­ur­teilt wurde – in Ost­berlin. In der DDR unter fal­schem Namen getaucht, wurde er erst spät ent­tarnt.

»Der Volks­ge­richtshof 1934 – 1945. Terror durch Recht«, bis 21. Oktober, Topo­graphie des Terrors, täglich 10 bis 20 Uhr, Ein­tritt ist frei.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​8​8​6​7​2​.​t​e​r​r​o​r​t​r​i​b​u​n​a​l​.html

Peter Nowak