Die Sensibilisierung der Behörden reicht nicht aus

Der Film »Das blinde Auge« unter­sucht einen thü­rin­gi­schen Todesfall von 2001 – Axel U. wurde damals von einem Neonazi ermordet

Jan Smendek ist Regisseur des Films »Das blinde Auge – ein Todesfall in Thü­ringen«. 2004 gehörte er zu den Gründern des Erfurter Video­kol­lektivs »Film­pi­ra­tinnen und Film­pi­raten«. Das Projekt hatte gemeinsam mit Ezra, der mobilen Bera­tungs­stelle für Opfer rechter, ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt in Thü­ringen, den Film erstellt. Am 10. April um 19 Uhr findet im Clubhaus Saalfeld die Pre­mie­ren­feier statt.

Herr Smendek, was inter­es­siert Sie an dem Todesfall von vor fast 17 Jahren?

Axel U. wurde in Bad Blan­kenburg zu Him­mel­fahrt 2001 von einem stadt­be­kannten Neonazi umge­bracht. So weit ist das bekannt. Jedoch reicht bei den Sicher­heits­be­hörden die rechte Gesinnung allein zur Ein­ordnung als poli­tisch rechte Straftat nicht aus. Ent­scheidend sind die Umstände der Tat – und die ver­sucht der Film auf­zu­zeigen.

Wie waren die Umstände?

Der Täter gab vor Gericht an, Axel U. unter anderem wegen angeb­licher Dro­gen­ge­schäfte ange­griffen zu haben. Weil Dro­gen­dealer im ideo­lo­gisch rechten Weltbild zu den »Volks­feinden« gehören, ist hier ein rechtes und sozi­al­dar­wi­nis­ti­sches Motiv zu erkennen. Die Sicher­heits­be­hörden haben das ent­weder nicht gesehen oder sogar igno­riert. Der Umgang mit rechten Gewalt­taten ist in Thü­ringen spä­testens seit dem Bekannt­werden des NSU ein wich­tiges Thema.

Nach Ihrer Recherche bewegte sich der Täter auch im Umfeld des NSU. Waren zivil­ge­sell­schaft­liche Gruppen zur Auf­ar­beitung der Mord­serie ein Anstoß für den Film?

Begonnen habe ich Anfang 2017 mit einer umfang­reichen Recherche über durch Rechte ver­ur­sachte Todes­fälle, wie auch über aktuelle rechte Gewalt­taten. Ich war über­rascht, als ich auf den Todesfall in Bad Blan­kenburg gestoßen bin. In Akten der Behörden ist von den Ver­stri­ckungen des Neo­na­zi­täters mit der »Anti-Antifa-Ost­thü­ringen« und dem »Thü­ringer Hei­mat­schutz« die Rede. Eine Poli­zeiakte beschreibt, dass der Täter Neonazi war und legt die Ver­mutung nahe, dass es eine Ver­bindung zu Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gegeben hat.

Wie ist damals die Öffent­lichkeit mit dem Todesfall Axel U. umge­gangen?

Kurz nach der Tötung gab es eine Gedenk­de­mons­tration, die auf das poli­tische Motiv hin­ge­wiesen hatte. Die Ost­thü­ringer Zeitung (OTZ) schrieb über die Demons­tranten als »Trinker und Arbeits­scheue«. Unkri­tisch wurde die unpo­li­tische Inter­pre­tation der Staats­an­walt­schaft Gera über­nommen. Der damalige Bür­ger­meister sah das Image der Stadt in Gefahr. Dafür haben sich die lokalen Medien vor den Karren spannen lassen.

Hat sich an dieser Stimmung 17 Jahre später etwas geändert?

Der Todesfall Axel U. löst in Bad Blan­kenburg auch heute noch einen Abwehr­reflex aus. Der damalige Bür­ger­meister wollte mit mir nicht über den Fall sprechen. Bei Anfragen an die Stadt­ver­waltung Bad Blan­kenburg wurde mir bei­läufig auf Nach­frage am Telefon gesagt, wenn der Film schlecht für den guten Ruf der Stadt sei, bekäme ich meine ange­for­derten Unter­lagen nicht.

Die Opfer­be­ratung Ezra sprach 2016 davon, dass die Region Saalfeld ein Schwer­punkt von rechter Gewalt ist. Hat sich die Situation im Gegensatz zu 2001 kaum ver­bessert?

Neo­nazis haben in den ver­gan­genen Jahren die »Anti-Antifa Ost­thü­ringen« wie­der­ge­gründet. Diese Orga­ni­sation spielte bereits in den 1990er Jahren im NSU-Komplex eine wichtige Rolle. Die Neo­nazis, die ihr heute zuge­rechnet werden, sind in der Ver­gan­genheit durch Bedro­hungen und Gewalt­taten auf­ge­fallen. In dem Film behandeln wir einen Bedro­hungsfall 2016, bei dem die Polizei Saalfeld in einer Pres­se­mit­teilung den poli­ti­schen Hin­ter­grund ver­schweigt. Das spricht nicht für eine aus­rei­chende Sen­si­bi­li­sierung innerhalb der Thü­ringer Sicher­heits­be­hörden.

Wie wird in Thü­ringen all­gemein mit Todes­fällen umge­gangen, für die mög­li­cher­weise Rechte ver­ant­wortlich waren?

Die Amadeu-Antonio-Stiftung zählt acht Todes­opfer in Thü­ringen seit der Wende, die von Rechten umge­bracht wurden. Die Sicher­heits­be­hörden gehen von nur einem Fall aus. Der Todesfall in Bad Blan­kenburg gehört nicht dazu. Nach dem Bekannt­werden des NSU gab es poli­zei­intern eine Über­prüfung meh­rerer Todes­fälle. Dahin­gehend hat sich nichts geändert. Ich hoffe der Film gibt Anstoß für Dis­kus­sionen.

Erwarten Sie mit dem Film eine Dis­kussion auch über Anti­fa­kreise hinaus?

Für uns war es wichtig, die anti­fa­schis­ti­schen Akteure vor Ort zu unter­stützen. Aus diesem Grund findet die Pre­mière in Saalfeld statt. Der Film ist darauf angelegt, eine breite Öffent­lichkeit zu erreichen. Wir wollen dazu in Koope­ration mit der Opfer­be­ratung Ezra Ver­an­stal­tungen in ganz Thü­ringen durch­führen.

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Interview: Peter Nowak