«Lobbygruppen verbieten!»

Die Abgas­tests an Men­schen haben Schlag­zeilen gemacht, Poli­ti­ke­rInnen aller Par­teien äus­serten sich empört und der ver­ant­wort­liche Konzern sagt, dass soll nicht mehr vor­kommen. WarumIn Deutschland empörten sich Medien und Politik über Abgas­tests an Men­schen. Der wirk­liche Skandal liegt woanders. Ein Gespräch mit dem Arbeits­wis­sen­schaftler und Medi­zin­so­zio­logen Wolgang Hien.

Die Abgas­tests an Men­schen haben Schlag­zeilen gemacht, Poli­ti­ke­rInnen aller Par­teien äus­serten sich empört und der ver­ant­wort­liche Konzern sagt, dass soll nicht mehr vor­kommen. Warum diese Auf­regung?

Ich befasse mich als Arbeits- und Gesund­heits­wis­sen­schaftler seit Jahr­zehnten mit Gefahr­stoffen und Belas­tungen am Arbeits­platz. Auf mich wirkt dieser ganze Hype oder diese ganze Auf­regung sehr seltsam. Natürlich machen die Chemie- und die Phar­ma­in­dustrie seit mehr als 100 Jahren ent­weder selbst Expe­ri­mente, auch mit Men­schen, oder sie ver­geben solche Expe­ri­men­tal­auf­träge an Uni­ver­si­täten und andere Institute. Das ist über­haupt nichts Neues. Ich selbst habe auf diese Dinge in Publi­ka­tionen und in Vor­trägen seit den 1980er Jahren des letzten Jahr­hun­derts immer wieder hin­ge­wiesen. Und natürlich ist das Interesse der Industrie grund­sätzlich immer, her­aus­zu­be­kommen, wie viel Gifte der Mensch gerade noch ver­trägt, wie viel er ver­kraften kann. Und immer wieder hat die Industrie ver­sucht, der Frage aus­zu­weichen, was denn gesund­heitlich pas­siert, wenn die Expo­sition – also das Aus­ge­setztsein gegenüber schäd­lichen Stoffen oder Ein­flüssen – sich über Jahre und Jahr­zehnte hin­zieht.

Können Sie dafür ein Bei­spiel nennen?
Das Problem haben wir auch beim NO2, dem Stick­stoff­dioxid. Die Ver­suche, die mit total gesunden Per­sonen und nur mit jeweils wenigen Stunden in Aachen gemacht wurden, sind ziemlich harmlos. Da kann gar nichts Schlimmes her­aus­kommen. Die Expo­sition lag weit unterhalb der maxi­malen Arbeits­platz­kon­zen­tration, die bis 2008 jahr­zehn­te­lange Geltung hatte. Das waren über lange Zeiten hinweg 5 ppm, das sind 5 Kubik­zen­ti­meter Gas auf einen Kubik­meter Atemluft. Das waren umge­rechnet 9,5 mg/​m3. In Aachen wurde junge gesunde Leute maximal 1,5 ppm aus­ge­setzt. 2009 gab es eine Ent­scheidung der MAK-Kom­mission, das ist eine Wis­sen­schaft­le­rIn­nen­kom­mission, auch solche aus der Industrie, die die Maximale Arbeits­platz-Kon­zen­tration (MAK) fest­stellen bzw. Vor­schlage für deren amt­liche Fest­legung machen. Die MAK-Kom­mission hat 2009 den Grenzwert auf ein Zehntel des bis­he­rigen Grenz­wertes her­un­ter­ge­setzt, auf 0,5 ppm, weil eben doch nicht aus­zu­schliessen ist, dass eine lang­fristige Expo­sition, die darüber liegt, Lun­gen­schäden ver­ur­sacht. Das weiss man längst und in Aachen wurde das nochmal bestätigt.

Wo müsste die eigent­liche Kritik ansetzen?
Der eigent­liche Skandal liegt erstens darin, dass Hun­dert­tau­sende von Men­schen am Arbeits­platz über Jahr­zehnte einer tat­sächlich schä­di­genden Kon­zen­tration aus­ge­setzt waren, obwohl es seit Jahr­zehnten eine klare Kritik an der alten Grenz­wert­setzung gegeben hat. Zweitens ist es ein Skandal, dass viele Mil­lionen Men­schen, vor allem Kinder, chro­nisch Kranke und Alte, an stark befah­renen Strassen nicht nur acht Stunden am Tag und vierzig Stunden in der Woche, sondern rund um die Uhr mit erheb­lichen Kon­zen­tra­tionen belastet sind, die mit Sicherheit sta­tis­tisch gesehen Schäden ver­ur­sachen. Der eigent­liche Skandal ist, dass hier seit Jahr­zehnten ein Mas­sen­ex­pe­riment am Men­schen vor­ge­nommen wird. All das haben wir kri­ti­schen Wis­sen­schaft­le­rInnen seit langem the­ma­ti­siert.

Wie wurde auf diese Kritik reagiert?
Die Reaktion war immer eher ver­halten. Man ent­gegnete uns: Wir leben halt nun mal in einem Indus­trieland, ein Zurück zur Natur kann es nicht geben, Kol­la­te­ral­schäden gibt es immer. Dass man sich jetzt plötzlich aufregt, ist in vielen Fällen Heu­chelei, manchmal viel­leicht aber auch eine erste Erkenntnis, nach welcher Logik die Dinge bei uns laufen.

Sind die 25 Pro­ban­dInnen, die sich den Abgas­tests unter­zogen haben, über­haupt reprä­sen­tativ?
Es geht ja hier um toxi­ko­lo­gische For­schungen, um erste Anzeichen einer schä­di­genden Wirkung beim Men­schen zu ermitteln. Man kann der­artige Tests durchaus mit so wenigen Leuten machen, je nach Ver­suchs­aufbau kann das schon Erkennt­nisse bringen. Wichtig wäre eine sehr genaue Wahr­nehmung von Befind­lich­keits­stö­rungen

Die Lob­by­ver­ei­nigung «Euro­päische For­schungs­ver­ei­nigung für Umwelt und Gesundheit», die Tests ver­an­lasste, wurde bereits im letzten Jahr auf­gelöst. Kommt die Kritik nicht zu spät?
Es gibt Hun­derte von aggres­siven Lob­by­gruppen, und wenn es nach mir ginge, müssten die ver­boten werden. Zumindest aber müsste aus Steu­er­mitteln den unab­hän­gigen Ver­bänden und kri­ti­schen Wis­sen­schaft­le­rInnen das Hun­dert­fache an Zuwen­dungen gegeben werden, damit auch sie Lob­by­arbeit im Sinne der Men­schen und des Schutzes ihrer Gesundheit machen können.

Ist also die Regel, dass kon­zernnahe Lob­by­or­ga­ni­sa­tionen solche Tests machen?
Das kommt häufig vor und am Schlimmsten sind die Geheim­hal­tungs­rechte der Kon­zerne. Gerade bei Pes­ti­ziden wissen wir seit Jahr­zehnten, dass sehr besorg­nis­er­re­gende Daten geheim gehalten werden. Bas­agran, ein früher ver­wen­detes Pes­tizid des Che­mie­kon­zerns BASF, hat in höheren Dosie­rungen im Tier­versuch Krebs erzeugt. Das kam erst heraus, nachdem eine US-ame­ri­ka­nische Bür­ge­rIn­nen­in­itiative eine Klage auf ihr «Right to know» gewonnen hat. Von Gly­phosat ist das Gleiche durch­ge­si­ckert – auch dieser Stoff erzeugt Krebs. Die zustän­digen Behörden, hier das Bun­des­in­stitut für Risi­ko­be­wertung, ein Teil des frü­heren Bun­des­ge­sund­heits­amtes, schwimmt im Strom der indus­trie­hö­rigen Toxi­ko­logie mit und gibt sich mit angeb­lichen Ergeb­nissen geheim gehal­tener Daten zufrieden.

Sie haben in Ihren Buch «Kranke Arbeitswelt» viele Bei­spiele solcher kon­zern­naher Wis­sen­schaft auf­ge­listet. Können Sie eins nennen?
Ein ekla­tantes Bei­spiel ist das Asbest. Hier ver­sucht eine starke Lobby, unter­stützt von einigen wenigen weltweit füh­renden Wis­sen­schaft­le­rInnen, Weis­sasbest als harmlos dar­zu­stellen oder zumindest weniger schädlich, nicht oder nur gering krebs­er­zeugend. Diese Lobby ver­sucht also, das Rad der Geschichte zurück­zu­drehen und die momentan gül­tigen Bestim­mungen und nun doch relativ nied­rigen Grenz­werte aus­zu­hebeln. Zum Glück haben sich ver­ant­wor­tungs­volle Wis­sen­schaft­le­rInnen offen gegen diese Lobby gestellt und auf­ge­zeigt, dass deren Argu­men­tation und angeb­lichen Daten keine Grundlage besitzen. Es gibt nach­weisbare Fälle, bei denen zuweilen viel Geld im Spiel ist. Ich habe dazu mal eine tie­fer­ge­hende Unter­su­chung über die Ver­stri­ckung füh­render Arbeits­me­di­zi­ne­rInnen mit der Tabak­in­dustrie gemacht. Es ging um Pas­siv­rauchen, auch die Belas­tungen etwa in Woh­nungen, wo ja Kinder besonders expo­niert sind.

Welche Rolle spielen gesund­heits­schäd­liche Stoffe in der Arbeitswelt?
Expo­si­tionen in der Arbeitswelt sind natürlich viel höher als die in der Umwelt. Diese Aussage gilt freilich nur hier­zu­lande, nicht für die Schwel­len­länder und Dritt-Welt-Länder. Dort spielen Kinder auf regel­rechten Gift­müll­de­ponien. Doch zurück zur Arbeitswelt hier­zu­lande: Da wird mit vielen neuen Stoff­sys­temen han­tiert, Epo­xid­harzen, Iso­cyanate, Nano­par­tikel, die nur unzu­rei­chend auf Lang­zeit­wir­kungen unter­sucht sind. Auch hier findet ein Men­schen­versuch in grös­seren Massstab statt, der nicht nach drei Stunden endet, sondern der ein Arbeits­leben lang läuft, das schon mit 45 oder 55 zu Ende sein kann wegen vor­zei­tiger arbeits­be­dingter Krankheit oder arbeits­be­dingtem Tod.

Wolfgang Hien ist Arbeits­wis­sen­schaftler und Medi­zin­so­ziologe und Leiter der For­schungs­stelle Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen. Er beschäftigt sich mit krank­ma­chenden Stoffen im Wohn- und Arbeitswelt.

Interview: Peter Nowak