»Doppelmoral der Verfolgungsbehörden«

Am 20. Februar stürmten mit Maschi­nen­pis­tolen bewaffnete Poli­zisten ein selbst­ver­wal­tetes Tagungshaus im Wendland. Sie beschlag­nahmten ein Trans­parent mit der Auf­schrift »Afrin halte durch – Tür­kische Truppen & deutsche Waffen morden in Rojava – Es lebe die YPJ/YPG«. Die »Jungle World« hat mit Hans-Erich Sauerteig gesprochen. Er gründete das autonome Tagungshaus 1980 mit und ist bis heute dort aktiv.

Small Talk mit Hans-Erich Sauerteig vom auto­nomen Tagungshaus Gasthof Meu­chefitz


Warum soli­da­ri­siert sich ein Tagungshaus im Wendland mit kur­di­schen Gruppen?

Das Tagungshaus wurde 1980 gegründet und war schnell Anlauf­punkt für die auto­nomen Linken aus West­berlin und Hamburg. Wir sahen uns von Anfang nicht nur als Teil der Anti-AKW-Bewegung, sondern ebenso als Teil der Antifa. Im ver­gan­genen Jahr unter­stützten wir den G20-Wider­stand. Außerdem betrachten wir das, was in Rojava seit meh­reren Jahren auf­gebaut wird, als einen unter­stüt­zens­werten Gegen­entwurf zu kapi­ta­lis­ti­schen, dik­ta­to­ri­schen ­Regimes dort wie hier.

Dann war es wohl am 20. Februar nicht die erste Razzia?
Nein, wir waren immer mit Razzien kon­fron­tiert und gegen uns wurde auch schon nach dem Ter­ror­pa­ra­graphen 129a ermittelt.

Wie reagierten die Nachbarn im Wendland darauf?
Durch den seit über 35 Jahren andau­ernden Anti-AKW-Wider­stand gibt es im Land­kreis eine starke pro­gressive Bevöl­kerung, die viel poli­zei­liche Repression erfahren musste. Dort bekamen wir viel Soli­da­rität. Die Leute erklärten uns, sie ver­stünden die Welt nicht mehr, als sie von dem großen Poli­zei­auf­gebot wegen eines Trans­parents erfuhren. Auch die Kritik an den deut­schen Rüs­tungs­ex­porten teilen viele Men­schen. Schon kurz nach der Razzia betei­ligten sich 150 Men­schen an einer Spon­tan­de­mons­tration, die von der Polizei ein­ge­kesselt wurde. Die Links­partei und sogar die Grünen haben die Razzia ver­ur­teilt. Mitt­ler­weile wurden in der Region drei Trans­pa­rente mit der gleichen Parole auf­ge­hängt. Sie wurden bisher von der Polizei nicht beschlag­nahmt.

Und was hängt jetzt an Ihrem Tagungshaus?
Bei uns hängt jetzt ein Trans­parent mit der Auf­schrift »Freiheit für Opa, Weg mit dem KPP-Verbot. Es lebe die Buch­sta­ben­kom­bi­nation«. Auf der Demons­tration trugen wir die Parole »Meu­chefitz und die USA – Seite an Seite«. Damit wollten wir auf die Dop­pel­moral der Ver­fol­gungs­be­hörden hin­weisen, wenn es darum geht, hiesige Linke und die kur­dische Soli­da­ri­täts­be­wegung zu kri­mi­na­li­sieren. Die Ironie dieses Pla­kates haben leider nicht alle ver­standen. Selbst die hiesige regionale Elbe-Jeetzel-Zeitung sah ein Weltbild zer­fallen.

Dann scheint Ihnen die Razzia eher genutzt zu haben?
Wenn es Absicht des im Wendland seit langem über­eif­rigen Staats­schutzes gewesen sein sollte, die autonome Linke im Wendland und die Soli­da­rität mit Afrin zu iso­lieren, so ist das gründlich miss­lungen. Die Regio­nal­zei­tungen haben lange Berichte gedruckt und dort auch unsere Argu­mente dar­ge­stellt. Sie zitierten aus unseren Flug­blättern über die Rolle deut­scher Waffen in dem Kon­flikt. So viel Auf­merk­samkeit hätten wir alleine mit unseren Flug­blättern nie erreicht.

Wie ist der Kontakt zur kur­di­schen Linken?
Im Land­kreis wurde ein Afrin-Soli­da­ri­täts­ko­mitee mit kur­di­schen Frauen und Männern gegründet und wir stehen mit kur­di­schen ­Soli­da­ri­täts­gruppen in Hamburg in Kontakt. Auch zu einigen der wenigen kur­di­schen Familien, die im Wendland leben, gab es Kontakt. Einige ver­sucht man mit der Behauptung ein­zu­schüchtern, sie würden sich mit deut­schen Links­ter­ro­risten ein­lassen.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​1​0​/​d​o​p​p​e​l​m​o​r​a​l​-​d​e​r​-​v​e​r​f​o​l​g​u​n​g​s​b​e​h​o​erden
Interview: Peter Nowak