Jagd auf Roter Oktober

Der Rummel zum Jah­restag ist zu Ende. Jetzt wäre es möglich, über das zu reden, was an der Okto­ber­re­vo­lution wirklich inter­essant ist

»Hun­derte Akti­visten stürmten den Reichstag von Berlin«[1] und kaum jemand hat davon Notiz genommen. Ach so, es war eine Kunst­aktion des Schweizer Künstlers Milo Rau, und der ange­kün­digte Reichs­tags­sturm war eine kleine Kund­gebung einige hundert Meter vom Objekt der Begierde weg.

Vom 3. bis 5. November haben einige hundert Künstler und Wis­sen­schaftler in der Ber­liner Schau­bühne getagt[2], die sich gleich als Welt­par­lament gerieren. Dort war unter anderem ein Poli­tiker der tür­ki­schen Regie­rungs­partei AKP ver­treten. Aber auch einige zivil­ge­sell­schaft­liche Orga­ni­sa­tionen, die sich gegen den Ras­sismus und für Tier- und Kin­der­rechte ein­setzten, unter­stützten die Aktion.

»Demo­kratie für Alle« stand auf einigen Pla­katen. In Berlin sind solche Mani­fes­ta­tionen nicht so selten und damit das ganze etwas gefähr­licher aus­sieht, ver­an­staltet man sie an einem his­to­ri­schen Tag: 100 Jahre nach den Ereig­nissen in Russland, die als Okto­ber­re­vo­lution in die Geschichte ein­ge­gangen sind und wegen der unter­schied­lichen Kalender eben am 7. November statt­ge­funden haben.

Nun hätte die Insze­nierung von Milo Rau zu jeden anderen Tag vor dem Rasen am Reichstag über die Bühne gehen können. Denn inhaltlich war sie so ziemlich das Gegenteil dessen, was vor 100 Jahren in Russland geschah. Die Parole »Demo­kratie für Alle« hätten nicht nur die Bol­schewiki, sondern auch die Anar­chisten und die linken Sozi­al­re­vo­lu­tionäre vehement kri­ti­siert. Ihre Parole lautete: »Alle Macht den Räten.« Und den ver­meint­lichen »Reichs­tags­stürmern 2017« fiel gar nicht auf, dass sie damit bei allen Par­teien im Reichstag offene Türen ein­reißen.

Wenn manche den Mörder des Roten Oktober hoch leben lassen

Alle »Macht den Räten« hin­gegen würde kaum eine dieser Par­teien unter­stützen. Nun war das pein­liche Theater nur eines der vielen Nick­lig­keiten, die Men­schen in aller Welt sich rund um den Jah­restag der Okto­ber­re­vo­lution aus­ge­dacht haben. Die Aktion von Milo Rau war ja noch relativ harmlos und sorgte nur für theo­re­tische Kon­fusion. Schlimmer ist es schon, wenn sich Men­schen, die sich Kom­mu­nisten nennen, mit Sta­lin­por­träts auf­mar­schieren und meinen, damit den Roten Oktober zu feiern.

Dabei feiern sie den Kopf eines Systems, das fast sämt­liche Errun­gen­schaften des Roten Oktober zurück­ge­nommen hat und die meisten der­je­nigen, die an der Okto­ber­re­vo­lution beteiligt waren, ein­kerkern und ermorden ließ. Der His­to­riker Christoph Jünke[3] hat kürzlich eine Ana­logie mit Mar­xis­ti­schen Sta­li­nis­mus­kri­tiken im 21. Jahrhundert[4] im ISP-Verlag her­aus­ge­geben.

Dort ist doku­men­tiert, wie gründlich Mar­xisten das Phä­nomen des Sta­li­nismus in den letzten 90 Jahren ana­ly­sierten. Damit sind alle jene widerlegt, die Sta­li­nismus und Mar­xismus gleich­setzen wollen. Bla­miert sind aber auch all jene, die selbst beim Jah­restag der Okto­ber­re­vo­lution nicht auf Sta­lin­bilder ver­zichten können. Aber warum soll es dem Jah­restag der Okto­ber­re­vo­lution anders gehen als den deut­schen Luther­feiern, die eben­falls vor einigen Tagen zu Ende gegangen sind?

Beiden ist gemeinsam, dass fast alles, was da pas­sierte, mit dem his­to­ri­schen Gegen­stand wenig zu tun hat und allerlei Unsinn mit his­to­ri­schen Weihen ver­sehen werden. So schlugen Initia­tiven irgend­welche Thesen an irgend­welchen Türen. Der Inhalt war ziemlich egal, Haupt­sache man imi­tiert das, was Luther gemacht haben soll. Doch selbst dessen The­sen­an­schlag ist his­to­risch nicht verbürgt[5].

Aber mit solchen unbe­wie­senen Details hält man sich die wich­tigen Fragen vom Leib. Soll die Uni­ver­sität Halle, die in der NS-Zeit nach Luther benannt wurde, nicht umbe­nannt werden[6]? Denn, wer für die Nazis namens­würdig war, muss es heute kei­neswegs mehr sein[7].

Auf die Okto­ber­re­vo­lution bezogen wird auch mit Recht betont, dass der Sturm auf den Win­ter­palais keine große Sache war. Die Kul­tur­wis­sen­schaft­lerin Bini Adamczak[8] hat sogar mal von der »Besetzung eines Wein­kellers« gesprochen. Doch eine Kon­zen­tration auf solche Ereig­nisse ver­kennt die Bedeutung dessen, was vor 100 Jahren in Petersburg geschehen ist. Viel­leicht ist es jetzt, wo der Jubi­lä­umstag Ver­gan­genheit ist, ein­facher, darüber zu reden.

Von der Pariser Kommune zum Roten Oktober

Der Sturm auf das Win­ter­palais war nicht die große Mas­sen­aktion, aber es war auch kein Putsch, wie es seit 100 Jahren viele Kri­tiker behaupten. Der 7.November 1917 war lediglich der Höhe­punkt einer Ent­wicklung innerhalb der euro­päi­schen Arbei­ter­be­wegung. Gegen den Flügel, der sich ein orga­ni­sches Ver­schmelzen in den kapi­ta­lis­ti­schen Staat vor­stellen konnte, stand der linke Flügel, der nur im Bruch mit den Struk­turen des bür­ger­lichen Staates eine Vor­aus­setzung für eine Gesell­schaft ohne Aus­beutung, Unter­drü­ckung und Krieg sah.

In der Pariser Kommune setzte sich diese Strömung für kurze Zeit durch und schuf sich Räte. Fortan ori­en­tierte sich der linke Flügel der Arbei­ter­be­wegung an dem Modell. Mit Aus­bruch des 1. Welt­kriegs kam dieser Strömung eine besondere Ver­ant­wortung zu. Er lehnte es ab, wie die Rechten in das Kriegs­ge­schrei ein­zu­stimmen. Vielmehr sah er durch den Welt­krieg die Bedin­gungen für eine Revo­lution her­an­reifen.

Die Bol­schewiki sahen sich als inte­graler Teil dieser linken Strömung. Sie hatten nie die Absicht, die Revo­lution in einem Land zu machen. Sie wollten das Start­zeichen für eine globale Revo­lution geben und sie fei­erten, als es ihnen gelangt, die Macht länger als die Pariser Kommune zu behalten. Die Bol­schewiki ver­ach­teten alles Nationale, bekämpften den Anti­se­mi­tismus und sahen sich an der Spitze einer welt­weiten Bewegung der linken Arbei­ter­be­wegung. Land und Frieden war ihre Parole.

Es war also kei­neswegs die Macht­ge­lüste einer Gruppe von Möch­te­gern­dik­ta­toren, die für die Okto­ber­re­vo­lution ver­ant­wortlich waren. Es war vielmehr der Versuch der orga­ni­sierten Arbei­ter­be­wegung, aus den Erfah­rungen der Nie­derlage der Pariser Kommune Kon­se­quenzen zu ziehen. Ähn­liche Vor­stel­lungen hatten zu jener Zeit Linke in vielen Ländern der Welt. Die Bol­schewiki machten damit ernst, das machte sie auf der ganzen Welt populär.

Sie siegen nicht als nationale Partei, sondern als Teil einer inter­na­tio­nalen Arbei­ter­be­wegung. Sie wurden getragen von der Über­zeugung großer Teile der lohn­ar­bei­tenden Men­schen, dass es möglich ist, eine Welt ver­nünftig zu gestalten. Hierin lag und liegt die Bedeutung der Ereig­nisse vor 100 Jahren und nicht in dem Sturm auf ein Gebäude.

In Zeiten der gesell­schaft­lichen und his­to­ri­schen Amnesie haben Geschichts­fäl­scher leichtes Spiel. So kann in der Taz ein rus­si­scher His­to­riker die Geschichtslüge verbreiten[9], dass die Bol­schewiki mit den anti­se­mi­ti­schen »Schwarzen Hun­dert­schaften« pak­tierten und die »Weißen Generäle« den Libe­ralen nahe­standen. In der Rea­lität waren unter den Gegnern die Sowjets fana­tische Anti­se­miten, die mit ihrer Hetze gegen den jüdi­schen Bol­sche­wismus auch die Nazis beein­flussten.

Revo­lution gegen das Kapital

Wenn Gramsci den Bol­schewiki beschei­nigte, die Okto­ber­re­vo­lution sei eine Revo­lution gegen das Kapital von Karl Marx, war das ein Lob. Denn er beschei­nigte ihnen, dass sie keine Dok­trinäre sind, Schriften von Marx nicht als Bibel auf­fassten und sich im Zweifel an den realen Kämpfen und nicht den Schriften ori­en­tierten.

Gleich­zeitig waren die Bol­schewiki die Partei, die die alte Gesell­schaft kon­se­quent ablehnte, die sich nicht in irgend­welche Mit­mach­mo­delle ein­spannen ließen. So konnte sie zu einem dritten Pool werden, der die Unzu­frie­denheit vor allem der unteren Schichten der Bevöl­kerung auf­nehmen konnte. Es war gerade die Kom­pro­miss­lo­sigkeit gegenüber dem alten System, das die Bol­schewiki populär machte. Sie haben nicht die Pariser Kommune imi­tiert, sondern die Klas­sen­kämpfe in Russland vor­be­reitet.

Das ist eben der Unter­schied zwi­schen einer Insze­nierung und einer Revo­lution. Die Bol­schewiki waren keine Schau­spieler, sie haben die Gesell­schaft ver­ändert. Das konnten sie nur, weil sie ver­standen hatten, was in der rus­si­schen Gesell­schaft vor 100 Jahren vor­ge­gangen ist. So schreibt[10] Michael Brie vom Institut für Gesell­schafts­analyse der Rosa Luxemburg Stiftung:

Lenin erwies sich 1917 als Stratege auf der Höhe der Zeit. Er konnte das Erbe von fast 25 Jahren Aufbau einer in den Massen Russ­lands ver­an­kerten Arbei­ter­partei ein­bringen. Er hatte im August 1914 als einer der ersten und wenigen den kon­se­quenten Bruch mit aller Politik der soge­nannten Vater­lands­ver­tei­digung voll­zogen und wie Lieb­knecht »Krieg dem Kriege« ver­kündet.

Er hatte sich dia­lek­tische Grund­lagen einer Politik des Bruchs in Zeiten der Krise ange­eignet und beim Studium der Lite­ratur zum Impe­ria­lismus die Schwächen dieses Systems gerade in der natio­nalen Frage klarer erkannt als fast alle anderen. Er for­mu­lierte die wirk­samsten Losungen zur rich­tigen Zeit und konnte in harten demo­kra­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zungen seine eigene Partei immer wieder über­zeugen. Wer linke Stra­tegie in Zeiten der exis­ten­zi­ellen Krise erlernen will, muss nicht zuletzt bei Lenin in die Schule gehen.

Michael Brie

Was tun?

Wenn heute Gruppen aus welchen Gründen auch immer die dama­ligen Kämpfe wie­der­auf­führen, ist es nur eine Farce. Anknüpfen an die Bol­schewiki heißt zunächst einmal die aktu­ellen gesell­schaft­lichen Zustände zu ana­ly­sieren und die Bruch­punkte zu erkennen. Anknüpfen an die Bol­schewiki heißt auch, die gesell­schaft­lichen Zusam­men­hänge zu ver­stehen und sich nicht an Ein­zel­pro­blemen zu ver­zetteln.

Nur zwei aktuelle Punkte: Wenn es nun nach einem Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein drittes Geschlecht geben muss, so war die Sowjet­union in den ersten Jahren schon mal weiter. Nicht nur die Eman­zi­pation der Frau, sondern auch die Eman­zi­pation von Trans­men­schen gehörte zu den im Wesent­lichen von Alex­andra Kol­lontai vor­an­ge­trie­benen Reformen.

Daher irrt auch Bini Adamczak, wenn sie in ihrem im Suhrkamp Verlag erschienen Buch Bezie­hungs­weise Revolution[11] die These ver­tritt: »Während 1917 auf den Staat fokus­sierte, zielte 1968 auf das Indi­viduum.« 1917 gab es diese Trennung gar nicht. Die Okto­ber­re­vo­lution war sehr wohl in vieler Hin­sicht auch eine sehr indi­vi­duelle Befreiung für viele Men­schen.

Und der große Kli­ma­zirkus, der uns zurzeit in Bonn geboten wird, wäre in der Tra­dition der Bol­schewiki keine Ein­ladung zum Mit­machen, sondern für Hohn und Spott. Doch ein Teil der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken gerieren sich als Kli­ma­ak­ti­visten als die bes­seren Welt­retter. Doch sie folgen der neo­ro­man­ti­schen Öko­lo­gie­be­wegung, wie schon die Reste der radi­kalen Linken in den 1980er Jahren. Der gesamte Kli­ma­diskurs der letzten Jahre ist von den diesen Prä­missen bestimmt.

Die Vor­stellung, dass der Mensch die Natur ver­ändert wird heute zum Sün­denfall erklärt. Des­wegen setzen die neuen Roman­tiker alles dran, den öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck des Men­schen immer mehr zu ver­kleinern. Andere sagen offen, dass sie es am liebsten sehen, wenn der Mensch ganz ver­schwindet.

Die Bol­schewiki standen aber für eine Bewegung, in der sich die Men­schen die Natur aneignen und so ver­ändern, dass die Erde kein bar­ba­ri­sches Jam­mertal mehr ist, in dem man sich von den Launen der Natur beherr­schen lässt. Die Eman­zi­pation setzt mit der Erkenntnis an, dass sich der Mensch mittels der Ver­nunft von den Zwängen der Natur befreit.

Im gesamten Diskurs über den Kli­ma­wandel unter­werfen sich die Men­schen lustvoll den Launen der Natur. In diesem Sinne währe es eine zeit­gemäße Position zum Kli­ma­gipfel: »Alle reden vom Wetter. Wir nicht, wir reden von Gesell­schaft und wie sie zu einem ver­nünf­tigen Ort werden kann.«

Peter Nowak

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[2] http://​inter​na​tional​-institute​.de/​g​e​n​e​r​a​l​-​a​s​s​e​m​b​l​y​-​g​e​n​e​r​a​l​v​e​r​s​a​m​m​l​u​n​g​-​a​s​s​e​m​b​l​e​e​-​g​e​n​erale
[3] https://​www​.fernuni​-hagen​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​l​g​2​/​t​e​a​m​/​c​h​r​i​s​t​o​p​h​.​j​u​e​n​k​e​.​shtml
[4] https://​www​.neue​ris​pverlag​.de/​v​e​r​w​e​i​s​.​p​h​p​?​n​r=167
[5] https://​www​.welt​.de/​k​u​l​t​u​r​/​h​i​s​t​o​r​y​/​a​r​t​i​c​l​e​1​2​4​7​1​3​5​9​/​L​u​t​h​e​r​-​h​a​t​-​s​e​i​n​e​-​9​5​-​T​h​e​s​e​n​-​n​i​c​h​t​-​a​n​g​e​s​c​h​l​a​g​e​n​.html
[6] http://​www​.mdr​.de/​s​a​c​h​s​e​n​-​a​n​h​a​l​t​/​h​a​l​l​e​/​s​t​u​r​a​-​u​n​i​-​h​a​l​l​e​-​k​r​i​t​i​s​i​e​r​t​-​k​u​l​t​-​u​m​-​l​u​t​h​e​r​-​1​0​0​.html
[7] http://​www​.stura​.uni​-halle​.de/​b​l​o​g​/​n​i​c​h​t​-​u​n​s​e​r​-​h​e​l​d​-​n​i​c​h​t​-​u​n​s​e​r​e​-​r​e​f​o​r​m​a​t​i​o​n​-​l​u​t​h​e​r​j​a​h​r​-​k​r​i​t​i​s​i​eren/
[8] http://​www​.suhrkamp​.de/​b​u​e​c​h​e​r​/​b​e​z​i​e​h​u​n​g​s​w​e​i​s​e​_​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​-​b​i​n​i​_​a​d​a​m​c​z​a​k​_​1​2​7​2​1​.html
[9] http://​www​.taz​.de/​A​r​c​h​i​v​-​S​u​c​h​e​/​!​5​4​5​7​8​2​3&s=/
[10] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​3​7​0​0​1​.​u​n​a​u​s​s​c​h​l​a​g​b​a​r​-​u​n​a​n​n​e​h​m​b​a​r​.html
[11] http://​www​.suhrkamp​.de/​b​u​e​c​h​e​r​/​b​e​z​i​e​h​u​n​g​s​w​e​i​s​e​_​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​-​b​i​n​i​_​a​d​a​m​c​z​a​k​_​1​2​7​2​1​.html