BILD gegen Arte

Wie dumm Zensur im Online-Zeit­alter ist, zeigt sich wieder einmal am Bei­spiel des Doku­men­tar­films »Aus­er­wählt und aus­ge­grenzt. Der Hass auf Juden in Europa«. Aus­ge­rechnet die Bildzeitung[1] kann sich als auf­klä­re­ri­sches Medium gerieren, indem es den Film für 24 Stunden online stellt[2] (auch auf YouTube[3]).

Der WDR hatte die Doku­men­tation in Auftrag gegeben[4] und redak­tionell betreut, die Erstau­strahlung war bei Arte vor­ge­sehen. Beide Sender wollen den Film aber nicht zeigen[5]. Dass Bild als Medium der Auf­klärung daher­kommt und der links­li­berale Sender Arte als Zensor, hat sich letz­terer aber auch selber zuzu­schreiben. Das wird auch noch bei der kurzen Reaktion auf die Ver­öf­fent­li­chung deutlich. So heißt[6] es dort:

ARTE hat zur Kenntnis genommen, dass Bild​.de die Doku­men­tation »Aus­er­wählt und Aus­ge­grenzt. Der Hass auf Juden in Europa« in eigener Ver­ant­wortung online gestellt hat. Auch wenn diese Vor­ge­hens­weise befremdlich ist, hat ARTE keinen Einwand, dass die Öffent­lichkeit sich ein eigenes Urteil über den Film bilden kann.
Pressestatement[7] ARTE

Warum ist es befremdlich, dass die Bild­zeitung dafür gesorgt hat, dass sich die Öffent­lichkeit und nicht nur einige Pro­ramm­ver­ant­wort­liche selber eine Meinung von der Qua­lität der Doku­men­tation bilden kann? Wenn die Arte-Ver­ant­wort­lichen sagen, dass sie die Doku auch zukünftig nicht senden wollen, weil das ursprüng­liche Konzept ver­ändert wurde, bestä­tigen sie nur die Vor­ur­teile von einer links­li­be­ralen Élite, die schon mal die gemeine Bevöl­kerung vor zu viel eigener Urteils­kraft bewahren will.

Schon in der letzten Woche war Arte ver­stärkt unter Druck geraten[8], weil es die Aus­strahlung der Doku­men­tation ver­weigert hat.

Der Fokus von Europa auf den Nahen Osten gerückt?

Dann hätte man auch darüber dis­ku­tieren können, was an der zen­tralen Kritik der Arte-Ver­ant­wort­lichen dran ist, dass in der ursprünglich geplanten Fassung der Anti­se­mi­tismus in Europa im Mit­tel­punkt stehen sollte und nun der Fokus auf dem Anti­se­mi­tismus im Nahen Osten steht. Diese Ver­schiebung kann ja durchaus gut begründet sein.

Hat nicht in den letzten Jahren der isla­mist­siche und dschi­h­ad­dis­tische Anti­se­mi­tismus massiv zuge­nommen? For­derte dieser anti­se­mi­tische Terror nicht in den letzten Jahren die meisten Opfer, ob in Israel, Frank­reich oder in welchen Staaten auch immer?

Aber auch die Gegen­ar­gu­mente einer solchen Fokus­sierung ver­dienen Beachtung. Wird nicht dadurch die euro­päische Tra­di­ti­ons­linie des Anti­se­mi­tismus ver­schwiegen, wenn er nun fast aus­schließlich auf den Nahen Osten kon­zen­triert wird? Und ist es nicht für Arte als euro­päi­scher Sender ein gutes Argument, auch die Juden­feind­schaft der extremen Rechten in ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern unter die Lupe zu nehmen.

Schließlich wäre auch die Frage inter­essant, ob die neu­ent­deckte Liebe zu Israel in vielen Kreisen der Rechten nicht eher dazu dient, sich als respek­tablen poli­ti­schen Partner dastehen zu lassen, als den Anti­se­mi­tismus zu bekämpfen? Können nicht auch Grup­pie­rungen vor allem der extremen Rechten, die Israel nun als Bollwerk gegen den Isla­mismus feiern, durchaus selber antis­e­misch sein? Werden nicht vor allem Jüdinnen und Juden, die nicht in Israel leben wollen, besonders von dieser pro-israe­li­schen Rechten ange­griffen?

Die Frage muss umso mehr gestellt werden, wenn selbst ein israel-soli­dar­sicher Linker wie Stefan Grigat in seinem Beitrag in dem im Nomos-Verlag erschie­nenen Buch FPÖ und AfD – Anti­se­mi­tismus, völ­ki­scher Natio­na­lismus und Geschlechterbilder[9] schreibt:

Würde sich tat­sächlich eine dezi­diert anti-anti­se­mi­tische Rechte her­aus­bilden, könnte das nicht nur den jüdi­schen Gemeinden in Deutschland und Öster­reich – oder all­ge­meiner: in Europa – eine gewisse Erleich­terung ver­schaffen, sondern es würde Israel auch einen grö­ßeren Hand­lungs­spielraum bei seiner euro­päi­schen Bünd­nis­po­litik ermög­lichen.
Stefan Grigat

Wenn die Rechte Israel lobt

Dass sich diese Rechte damit besser eta­bliert und dass sie deshalb weiter ras­sis­tisch und auch anti­se­mi­tisch sein kann, müsste doch eher als Gefahr gesehen werden. In seinem Aufsatz geht Grigat schließlich davon aus, dass es sich bei der Pro-Israel-Haltung der Rechten eher um eine Instru­men­ta­li­sierung handelt. Sehr richtig schreibt er:

Als his­to­risch ent­schei­dender Prot­agonist des offenen Anti­se­mi­tismus hat die Rechte dennoch wei­terhin besondere Auf­merk­samkeit ver­dient. Es wäre fatal, bei der Linken rich­ti­ger­weise immer wieder auch implizit, sekundär und struk­turell anti­se­mi­tische Argu­men­ta­tionen ins Visier zu nehmen, bei der poli­ti­schen Rechten aber Ent­warnung zu geben, nur weil sich dort jen­seits der offenen neo­na­zis­ti­schen Grup­pie­rungen und Par­teien explizit juden­feind­liche Äuße­rungen heute sel­tener finden als in den ver­gan­genen Jahren.
Stefan Grigat

Nun spielt sich diese israel­freund­liche Rechte auch in der Debatte um die Arte-Doku als ver­meint­liche Vor­kämp­ferin der Mei­nungs­freiheit auf[10]. Wer ein his­to­ri­sches Bei­spiel für eine rechte Instru­men­ta­li­sierung Israels sucht, wird bei der Sprin­ger­presse fündig. Vor einigen Jahren machte die Aus­stellung »Axel Springer und die Juden« deutlich, dass Bild­zeitung die Erfolge Israels im Sechs-Tage-Krieg dadurch mit Anti­se­mi­tismus gar­nierte, indem sie sie mit den Blitz­kriegs­stra­tegien der deut­schen Wehr­macht verglich[11]. So konnte man wohl auch die NS-Generation noch davon über­zeugen, dass es besser gewesen wäre, man hätte die Juden nicht im KZ ermordet, sondern an die Front geschickt.

Zudem konnten in der Bild­zeitung viele Ex-Nazis[12] als Autoren und Kari­ka­tu­risten aktiv sein, die ihre völ­kische Pro­pa­ganda minus den offen­sicht­lichen Anti­se­mi­tismus dort fort­setzen konnten. So bleibt sich auch Bild treu.


Bei der Beur­teilung der Doku nicht die alten Fehler wie­der­holen

Nur sollten die Springer-Kri­tiker nicht den Fehler der 1960er Jahre wie­der­holen und reflexhaft die Seite ein­nehmen, die der Bild am meisten wider­spricht. So wurden viele bun­des­deutsche Linke von Freunden Israels nach dem Sechs-Tage-Krieg zu deren vehe­men­testen Gegnern.

Der Vor­sit­zende der Jüdi­schen Gemeinde Pin­neberg und Aktivist der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken, Wolfgang Seibert[13], beschreibt in dem kürzlich im Neo­felis Verlag erschie­nenem Band Ver­hee­rende Bilanz: Der Anti­se­mi­tismus der Linken[14] im Gespräch mit dem Her­aus­geber Johannes Spohr, wie ihn diese linke Revision der Haltung zu Israel damals irri­tierte und für lange Zeit von der Linken ent­fremdete.

Erst Jahre später, als er mehr zufällig in Kontakt mit der israe­lich­so­li­da­ri­schen Linken kam, wurde er wieder poli­tisch aktiv. Wenn nun von Bild und weiter rechts ste­henden Medien, die von Arte nicht aus­ge­strahlte Doku­men­tation gelobt wird, sollte die Linke nicht den Fehler machen und sie abur­teilen. Es sollte vielmehr darum gehen, sowohl die dort ver­tre­tenen Posi­tionen kri­tisch zu doku­men­tieren.
Peter Nowak

URL dieses Artikels:
http://​www​.heise​.de/​-​3​7​42656

Links in diesem Artikel:
[1] http://​www​.bild​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​i​n​l​a​n​d​/​b​i​l​d​/​z​e​i​g​t​-​d​i​e​-​d​o​k​u​-​d​i​e​-​a​r​t​e​-​n​i​c​h​t​-​z​e​i​g​e​n​-​w​i​l​l​-​5​2​1​5​5​3​9​4​.​b​i​l​d​.html
[2] http://​www​.bild​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​i​n​l​a​n​d​/​b​i​l​d​/​z​e​i​g​t​-​d​i​e​-​d​o​k​u​-​d​i​e​-​a​r​t​e​-​n​i​c​h​t​-​z​e​i​g​e​n​-​w​i​l​l​-​5​2​1​5​5​3​9​4​.​b​i​l​d​.html
[3] https://​www​.youtube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​m​E​Q​5​M​N​Gz2I4
[4] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​1​6329/
[5] http://​meedia​.de/​2​0​1​7​/​0​6​/​1​2​/​m​u​t​i​g​e​-​a​k​t​i​o​n​-​b​i​l​d​-​v​e​r​o​e​f​f​e​n​t​l​i​c​h​t​-​d​i​e​-​u​m​s​t​r​i​t​t​e​n​e​-​a​n​t​i​s​e​m​i​t​i​s​m​u​s​-​d​o​k​u​-​d​i​e​-​a​r​t​e​-​u​n​d​-​d​e​r​-​w​d​r​-​n​i​c​h​t​-​z​e​i​g​e​n​-​w​o​llen/
[6] http://​www​.pres​se​portal​.de/​p​m​/​9​0​2​1​/​3​6​58895
[7] http://​www​.pres​se​portal​.de/​p​m​/​9​0​2​1​/​3​6​58895
[8] http://​www​.arte​.tv/​s​i​t​e​s​/​d​e​/​p​r​e​s​s​e​/​f​i​l​e​s​/​a​n​t​w​o​r​t​-​v​o​n​-​a​l​a​i​n​-​l​e​-​d​i​b​e​r​d​e​r​-​a​n​-​d​e​n​-​z​e​n​t​r​a​l​r​a​t​-​d​e​r​-​j​u​d​e​n​-​i​n​-​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d.pdf
[9] http://www.nomos-shop.de/Grigat-AfD-FP%C3%96/productview.aspx?product=28904
[10] http://​www​.pi​-news​.net/​n​i​c​h​t​-​g​e​z​e​i​g​t​e​r​-​a​r​t​e​-​f​i​l​m​-​f​u​e​r​-​2​4​-​s​t​u​n​d​e​n​-​b​e​i​-​b​i​l​d​-​d​e​-​z​u​-​s​ehen/
[11] http://​www​.tages​spiegel​.de/​m​e​d​i​e​n​/​a​x​e​l​-​s​p​r​i​n​g​e​r​-​u​n​d​-​d​i​e​-​j​u​d​e​n​-​b​i​l​d​-​d​i​r​-​d​e​i​n​-​v​o​l​k​/​8​7​4​1​6​8​4​.html
[12] http://​www​.sued​deutsche​.de/​k​u​l​t​u​r​/​a​u​s​s​t​e​l​l​u​n​g​-​s​p​r​i​n​g​e​r​-​u​n​d​-​d​i​e​-​j​u​d​e​n​-​i​n​-​f​r​a​n​k​f​u​r​t​-​b​i​l​d​-​d​i​r​-​d​e​i​n​-​v​o​l​k​-​1​.​1​3​10103
[13] http://​www​.taz​.de/​!​5​0​5​6308/
[14] https://​www​.neo​felis​-verlag​.de/​p​o​l​i​t​i​k​-​d​e​b​a​t​t​e​/​r​e​l​a​t​i​o​n​e​n​/​7​-​v​e​r​h​e​e​r​e​n​d​e​-​b​i​lanz/

Kommentare sind geschlossen.