„Es kommt darauf an, dass die Masse sich selbst begreifen lernt“.


Peter Haumer: Julius Dickmann, » … dass die Masse sich selbst begreifen lernt«. Poli­tische Bio­graphie und aus­ge­wählte Schriften, Man­delbaum-Verlag Wien, 2016, 358 Seiten, 19,80 Euro

„Um mich mache Dir keine großen Sorgen, ich bin abge­härtet gegen Unan­nehm­lich­keiten des Lebens (S.149)“, schreibt Julius Dickmann aus Wien auf einer Post­karte an seine Nichte Anne Fried in den USA. Es ist sein letztes Lebens­zeichen. Kurze Zeit später wird er mit Tau­senden jüdi­schen Männern von Wien in die NS-Ver­nich­tungs­lager depor­tiert, wo er 1942 im Alter von 48 Jahren ermordet wurde.
“Doch Julius Dickmann hat viele Mar­kie­rungen auf seinen Lebensweg hin­ter­lassen, die – mühsam zu finden und zu rekon­stru­ieren – es doch ermög­lichen sollten, ihn der Ver­ges­senheit ein klein wenig zu ent­reißen“, (S.13), schreibt de Wiener His­to­riker Peter Haumer. Er hat im Man­delbaum Verlag in der Reihe kritik & utopie ein Buch her­aus­ge­geben, das das Leben von Julius Dickmann rekon­struiert. Im ersten Kapitel fasst Haumer Dick­manns poli­tische Vita so zusammen: “Er war Sozi­al­de­mokrat und die Sozi­al­de­mo­kratie schweren Herzens hinter sich lassen müssen…. Später war er revo­lu­tio­närer Sozialist, Inter­na­tio­nalist, gänzlich der Räteidee ver­pflichtet. Er wurde wieder bes­seren Wissens Par­tei­kom­munist, in der Erwartung, der Errichtung der Räte­herr­schaft dadurch um ent­schei­dende Schritte näher­zu­kommen. Als er die Feh­ler­haf­tigkeit dieser Anschauung erkannte, wurde er zum dis­si­denten Mar­xisten“ (S. 12). Hierin liegt auch ein Grund, warum im Par­tei­archiv der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Öster­reich (KPÖ) keine Spuren von Dickmann zu finden sind, was sein fast völ­liges Ver­gessen auch erklärbar macht. Ihm geht es wie vielen dis­si­denten Kom­mu­nis­tinnen und Kom­mu­nisten.
Haumer zeigt auf, wie der aus dem jüdi­schen Klein­bür­gertum stam­mende Dickmann, der sich selber als Atheist ver­stand, durch die revo­lu­tionäre Welle der Jahre 1917/18 wie viele andere mit der revo­lu­tio­nären Arbei­ter­be­wegung in Berührung kam. Seine Schriften aus der Zeit waren im poli­ti­schen Hand­ge­menge geschrieben und wollten unmit­telbare poli­tische Wirkung ent­falten. So hieß in einer von Dickmann ver­fassten Flug­schrift vom Neujahr 1919 „Wir kommen einigen! Auf den Trümmern Öster­reichs, dieses Kerkers der Nationen, in welchen die sozi­al­de­mo­kra­tische Inter­na­tionale zuerst gesprengt wurde, an dem sich die Fackel des Welt­kriegs ent­zündete und das nun zum stän­digen Schau­platz blu­tiger natio­naler Kriege zu werden droht, muss der neue Bund der Arbeiter aller Nationen zuerst eine greifbare Gestalt erhalten“ (S. 41). Haumer beschreibt, wie sich nach der Gründung der Kom­mu­nis­ti­schen Partei ver­schiedene linke Gruppen in poli­tische Kämpfe ver­strickten, was für Dickmann eine ernüch­ternde Erfahrung war, die ihm zunächst zum Kri­tiker in den eigenen Reihen und später zum kom­mu­nis­ti­schen Dis­si­denten machte. Bald standen Dickmann die Medien der kom­mu­nis­ti­schen Partei nicht mehr zur Ver­fügung. So ver­öf­fent­lichte er unter dem Pseudonym Ernst Jung mehrere Bei­träge, die sich kri­tisch mit der kom­mu­nis­ti­schen Bewegung aus­ein­an­der­setzten, in der Freien Tribüne, dem Organ der jüdisch-zio­nis­ti­schen Arbei­ter­partei Poale Zion. “Unter dem Titel „Zur Krise des Kom­mu­nismus in Deutschland“ befasste er sich mit den ersten Spal­tungen der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Deutsch­lands im Jahr 1920. Er ver­folgt die Dif­fe­renzen bis in die Zeit des ersten Welt­kriegs zurück, als sich die Spar­ta­kus­gruppe und die Gruppe Inter­na­tionale Kom­mu­nisten, die beide in Oppo­sition zur Burg­frie­dens­po­litik der SPD-Führung standen, von­ein­ander ent­fremdet hätten. Die Tage der Revo­lution schufen vor­über­gehend eine neue Einigkeit. Doch die Dif­fe­renzen waren auch beim Grün­dungs­par­teitag der KPD nicht über­wunden. „Aber mit dem Nie­dergang der Novem­ber­re­vo­lution zeigte es sich sehr bald, wie schwach noch die Grund­lagen der kom­mu­nis­ti­schen Einheit waren“ (S.254), so die präzise Analyse Dick­manns, die durch zahl­reiche weitere Spal­tungen in der Früh­phase der KPD bestätigt wurde. Sehr klar erkannte er auch: „Die Einheit des deut­schen Kom­mu­nismus kann nur durch aus der prak­ti­schen Bewegung des Pro­le­ta­riats her­vor­gehen“ (S. 260). Eine Erkenntnis die auf die welt­weite kom­mu­nis­tische Bewegung gelten kann.
Dabei wandte sich Dickmann gegen den linken Flügel der KPD, die sich für einen anti­par­la­men­ta­ri­schen Weg ein­setzten. „Ein Par­la­ments­boykott in Deutschland muss die Massen abstoßen, und zwar die rück­stän­digen Arbei­ter­kreise, die von der Aus­sichts­lo­sigkeit des Par­la­men­ta­rismus innerlich noch nicht über­zeugt sind, als auch die fort­schrei­tenden Ele­mente, die sich bei aller Anhäng­lichkeit an die Räte doch sagen müssen, dass man die alte Position nicht preisgibt, bevor die neue noch nicht aus­gebaut ist“ (S. 276), schreibt Dickmann unter dem Pseudonym Ernst Jung in einem Dis­kus­si­ons­beitrag für die Freie Tribüne unter dem Titel „Lenins tak­tische Lehren“, wo er dessen Schrift „Der linke Radi­ka­lismus, die Kin­der­krankheit des Kom­mu­nismus“ ver­tei­digte. Zur spä­teren Ent­wicklung der kom­mu­nis­ti­schen Bewegung und ihrer Sta­li­ni­sierung hat Dickmann nicht publi­ziert. In einen unvoll­ständig erhal­tenen Brief an Lucien Laurat schrieb Dickmann 1927/28: „Ich will mich hüten, zu den Artikeln, die rus­sische Frage betreffend Stellung zu beziehen und Tat­sachen zu beur­teilen, deren Über­prüfung mir nicht möglich sind“ (S. 291). Laurat ist das Pseudonym des öster­rei­chi­schen Kom­mu­nisten Otto Maschl, der in der Sowjet­union lehrte, der sich in den Frak­ti­ons­kämpfen in der KPDSU gegen Stalin stellte und mit wei­teren kom­mu­nis­ti­schen Dis­si­den­tInnen in Frank­reich und Belgien in Kontakt stand. Zu diesen Kreis gehörte auch die Phi­lo­sophin Simone Weil, die zeit­weise von Anar­cho­syn­di­ka­lismus beein­flusst war. Wie wichtig Dickmann dieser Aus­tausch war, zeigte sich schon daran, dass er fran­zö­sisch lernte.
Dick­manns Schriften aus den 1920 und 1930er Jahre wurden nicht mehr auf­gelegt. Im Internet findet man eine Bespre­chung von Dick­manns 1932 her­aus­ge­ge­benen 60seitigen Bro­schüre mit dem Titel „Bei­träge zur Selbst­kritik des Mar­xismus“. Haumer hat sie voll­ständig doku­men­tiert. Bemer­kenswert ist dabei, dass Dickmann bereits 1932 eine These for­mu­lierte, die ange­sichts der Debatte um die Res­sour­cen­knappheit und den Kli­ma­wandel sehr modern klingt: „Der Sozia­lismus wird aber nicht aus einer wei­teren Ent­faltung der Pro­duk­tiv­kräfte her­vor­gehen, deren Wachstum angeblich durch das kapi­ta­lis­tische Eigentum gehemmt wird; er wird sich not­wendig aus dem Schrumpfen der heu­tigen Pro­duk­ti­ons­grund­lagen ergeben, dem die kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft um so rascher ent­ge­gen­treibt, je hem­mungs­loser sie tat­sächlich ihre Pro­duk­ti­ons­mittel ver­schwendet“ (S.349).
Dieser klare Bruch mit dem tra­di­ti­ons­kom­mu­nis­ti­schen Dogma von der immer stärken Ent­faltung der Pro­duk­ti­ons­kräfte als Bedingung für gesell­schaft­liche Fort­schritt, wurde in der zeit­ge­nös­si­schen Debatte von dem Kreis um Simone Weil auf­ge­griffen. In der schon erwähnten Rezension dieser Schrift in der „Zeit­schrift für Sozi­al­for­schung“ schreibt der Rezensent A.F.Westermann (http://​raum​ge​gen​zement​.blog​sport​.de/​2​0​1​2​/​0​2​/​0​5​/​j​u​l​i​u​s​-​d​i​c​k​m​a​n​n​-​d​a​s​-​g​r​u​n​d​g​e​s​e​t​z​-​d​e​r​-​s​o​z​i​a​l​e​n​-​e​n​t​w​i​c​k​l​u​n​g​d​e​r​-​a​r​b​e​i​t​a​b​e​g​r​i​f​f​-​b​e​i​-​m​a​r​x​-​r​e​z​e​n​sion/): „Eine ein­ge­hendere Beur­teilung der D.schen Kritik wäre nur sinnvoll, wenn er seine eigene Wert­theorie dar­ge­stellt hatte. Dies hat er einem der fol­genden Hefte vor­be­halten.“ Dass er diese ange­kün­digten Texte nicht mehr ver­öf­fent­lichen konnte, hatte poli­tische und private Gründe. In Öster­reich ver­schlech­terte sich die Situation für Linke schon lange vor der Besetzung des Landes durch die deutsche Wehr­macht. Bereits unter dem aus­tro­fa­schis­ti­schen Régime von Engelbert Dollfuss wurden Linke ver­folgt. Zudem ver­schlech­terte sich Dick­manns Gesund­heits­zu­stand beträchtlich. „In den letzten 14 Jahren bezog er eine Inva­li­den­rente, weil er ein Invalide, ein Kraft­loser, Schwacher und Hin­fäl­liger war“, schreibt Haumer (S13). So war im Laufe de Jahre seine Schwer­hö­rigkeit zur völ­ligen Taubheit geworden. Doch trotz dieser wid­rigen Bedin­gungen hat Dickmann seine theo­re­tische Arbeit fort­ge­setzt und auch inter­na­tionale Kon­takte inten­si­viert, solange es möglich war. Nach dem Ein­marsch der Wehr­macht wurde Dickmann als Jude stig­ma­ti­siert, verlor seine Wohnung, wurde schließlich depor­tiert und ermordet. Dass er eine wichtige Rolle in der öster­rei­chi­schen Revo­lution 1918/19 spielte und ein Theo­re­tiker des Mar­xismus war, blieb sogar seinen Ver­wandten ver­borgen. Als Haumer für das Buch mit Dick­manns in New York lebender Nichte Kontakt aufnahm, war ihre erste Reaktion. „Warum will der über meinen Onkel schreiben? Was gibt es über den über­haupt zu schreiben?“ (S.7). Haumers Buch beant­wortet diese Frage. Dabei musste der Autor eine Auswahl von Dick­manns Schriften treffen. Es wäre zu wün­schen, wenn in einem wei­teren Band, sämt­liche zugäng­lichen Texte von ihm ver­öf­fent­licht werden könnten. Damit würde eine heute weit­gehend ver­gessene mar­xis­tische Debatte wieder rekon­struiert und es wäre eine späte Ehrung für einen Mann, dessen Maxime auch der Titel des rezen­sierten Buches ist. „Es kommt darauf an, dass die Masse sich selbst begreifen lernt“.

aus: Arbeit – Bewegung – Geschichte Zeit­schrift für his­to­rische Studien
16. Jahrgang – Heft 2017/II
http://​www​.arbei​ter​be​wegung​-jahrbuch​.de/​?​p=633
Peter Nowak