Kotau vor dem Korpsgeist der Bundeswehr

Was Oberleutnant Franco A. plante, ist noch unklar, aber er kann mit den Folgen seiner Enttarnung zufrieden sein

Die Bundesverteidigungsministerin hat einen Kotau vor dem Militär gemacht. Wie der Spiegel meldet[1] entschuldigte sich die konservative Ministerin, dass sie einmal fast die Realität wiedergegeben hat. Die Betonung liegt auf fast. Sie hatte von einem falsch verstandenen Korpsgeist und ganz in der Diktion des konservativen Klientel, der sowohl die Ministerin als auch die Bundeswehr angehören, von einer fehlenden Haltung[2] der Truppe gesprochen[3].

Es war eine halbwegs realistische Einschätzung nachdem Misshandlungen und extrem rechte Umtriebe in der Bundeswehr im Wochentakt bekannt geworden sind.


Völkische Diktion kein Karriereknick in der Bundeswehr

Der aktuelle Fall des Oberleutnants Franco A, dessen in völkischer Diktion verfasste Diplomarbeit[4] kein Karriereknick in der Bundeswehr war, bot den unmittelbaren Anlass für die Ministerschelte an der Bundeswehr. Was dann folgte, war ein deutschnationaler Shit-Storm gegen die Ministerin, der von der AfD über die SPD, den Bundeswehrverband bis zum Darmstädter Signal[5] reichte, der nur, weil er sich zeitweise im Umfeld der deutschen Friedensbewegung positionierte, als links gilt.

Deren Sprecher Florian Kling will bei aller Detailkritik an den rechten Umtrieben auf die Truppe nichts kommen lassen. Er sieht das Problem nur im Ministerium, sagte[6] er. Der Bundeswehrverband sieht ja “jeden rechtsschaffenden Soldaten beleidigt”, weil die Ministerin es wagt, einmal eine annähernd realistische Einschätzung zu geben.

Die SPD muss natürlich wieder einmal besonders deutlich machen, dass sie nicht aus vaterlandslosen Gesellen, sondern aus deutschen Patrioten besteht und wirft der Ministerin vor, das Vertrauen in die Bundeswehr zerstört zu haben.


Rechte gehören zur DNA der Bundeswehr

Natürlich ist es absurd, einen Skandal darin zu sehen, dass die völkische Diktion einer Diplomarbeit keinen Karriereknick bei der Bundeswehr bedeutet. Schließlich ist sie von alten Nazis gegründet wurden, die nur mühsam ihren Antisemitismus verbergen konnten, ansonsten aber den nazistischen Kampf gegen den jüdischen Bolschewismus in einen Kampf des Abendlandes gegen den Bolschewismus transformierten. Im Kalten Krieg waren sie damit ganz auf der Höhe der Zeit. Natürlich war es ganz selbstverständlich, dass man auf Traditionsabenden die Bluttaten der Nazi-Wehrmacht hochleben ließ, den alten Kameraden Grußadressen zu ihren Treffen schickte oder sie gleich selber einlud[7] und ihre toten Helden bei Beerdigungen huldigte[8] und in Kasernennamen verewigte.

Ende der 1960er Jahre, als die NS-Generation langsam in Pension ging und auch die BRD erkennen musste, dass man mit der Taktik des Wandels durch Annäherung den Nominalsozialismus vielleicht besser besiegen kann als mit den alten Methoden, sollte auch in der Bundeswehr etwas Moderne einziehen. Das neue Leitbild vom Bürger in Uniform konnte allerdings schon deshalb kein Antidot gegen den Korpsgeist der Bundeswehr sein, weil auch in der bundesdeutschen Gesellschaft rechte Einstellungen durchaus verbreitet waren.

Die Truppe zog eher Menschen mit rechten Einstellungen an. Liberale und Linke standen ihr bis auf Ausnahmen eher kritisch gegenüber. So gab es auch noch in den 1980er einen öffentlichen Kampf um jede Bundeswehrkaserne, die nach einem NS-Militär benannt war und umbenannt werden sollte. Da hatten sich regionale Geschichtsinitiativen oft viel Arbeit gemacht und akribisch Fakten zusammen getragen. Schließlich hatte die Umbenennung nur eine Chance, wenn der Namensträger aktiv in Verbrechen verwickelt war. Einfache NSDAP-Mitgliedschaft reichte nicht. Es gab auch unter christ- und sozialdemokratischen Verteidigungsministern immer wieder sogenannte Skandale, wenn die Bürger in Uniform ihre Nähe zum NS und der Wehrmacht zu deutlich rausstellten.

Mit der Abschaffung der Wehrpflicht änderte sich daran nichts Grundlegendes. Denn auch jetzt fühlten sich Rechte aller Couleur weiterhin sehr stark von der Truppe angezogen. Sie folgten dem Diktum des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, der in seiner stark diskutierten Dresdner Rede, in der er eine geschichtspolitische Wende um 180 Grad einforderte, auch über eine “durchgegenderte, multikulturalisierte Eingreiftruppe im Dienste der USA”[9] schwadronierte.

Diese Passagen wurden öffentlich wenig kritisiert und sind auch nicht Gegenstand von Höckes Parteiausschlussverfahren. Doch er ist mit dieser Einschätzung durchaus nicht isoliert, wie die Reaktionen auf von der Leyens Bundeswehrschelte zeigte.

Franco A. mehr als ein Einzelfall?

Zum Fall Franco A. und seinen Ungereimtheiten wird wohl spekuliert (Tiefer Staat: Gedanken zum Fall Franco A.)[10], was bei so vielen ungeklärten Fragen nicht verwunderlich ist. Was bisher kaum diskutiert wurde, ist, dass sich der rechte Militär eine zweite Existenz als christlicher Syrer zugelegt hat. Die aber sind bei den meisten Rechten als vorgebliche Opfer des Islam durchaus nicht so schlecht angesehen.

Doch bei allen Ungereimtheiten ist es falsch, gleich wieder vom Tiefen Staat und von Gladio zu reden, weil damit davon abgelenkt wird, dass Franco A. erstmal ein weiterer extremer Rechter bei der Bundeswehr ist. Diese Erkenntnis würde relativiert oder käme gar nicht erst auf, wenn man mit doch recht unklaren Begriffen darstellt, wie ein Tiefer Staat operiert. Hier gibt es auch Parallelen zur Debatte nach der Selbstenttarnung des NSU. Auch damals bot sich schnell die Erklärung vom Tiefen Staat und es wurde viel darüber spekuliert. Viel weniger wurde über eine rassistische deutsche Gesellschaft geredet, in der eine Naziterrorgruppe 10 Menschen mit migrantischem Hintergrund ermorden konnte und die Mahnungen der Angehörigen der Opfer, die von einen rechten Hintergrund ausgingen[11], schnöde ignoriert wurde.

Wer statt die deutschen Verhältnisse zu kritisieren, Spekulationen vom Tiefen Staat verbreitet, bereitet den Weg für neu geordnete Geheimdienste, die nun gerade wegen des NSU mehr Macht und Einfluss einforderten und bekamen. So könnten auch aus der Affäre Franco A. die Bundeswehr und die Rechte profitieren. Mit dem Kotau der Zivilistin Ursula von der Leyen hat der Korpsgeist schon einen wichtigen Erfolg errungen. Zudem hat die Affäre Franco A. eher dazu geführt, dass über Fehler bei Anerkennungen von Migranten als über die extreme Rechte in der Bundeswehr geredet wird. Damit könnte genau das Kalkül von Franco A. aufgehen, das der Spiegel als eine der beiden Hypothesen vorstellte[12]:

Die zweite Hypothese ist harmloser und doch krude: Demnach könnte Franco A. mit seiner Aktion den Beweis antreten wollen, wie nachlässig die Behörden Asylbewerber prüfen, und dies möglicherweise später öffentlich machen. Er selbst hat den Ermittlern bis jetzt nicht bei der Klärung geholfen – bisher schweigt Franco A. alias David Benjamin.
Der Spiegel

Der rechte Anschlag des Franco A. hatte Erfolg

Dieses Szenario scheint anders als die Theorien vom Tiefen Staat und von Gladio wesentlich realitätshaltiger und hätte auch eine direkte politische Implikation. Denn dann würde sich herausstellen, dass sich ein Großteil der Medien und Politiker nach dem Drehbuch von Franco A. verhält. Es wird ausführlich über Versäumnisse bei der Befragung von Migranten gesprochen, stichprobenartig sollen 2000 Fälle, die nichts mit Franco A. zu tun haben, überprüft[13] werden. Manche Politiker forderten sogar eine Neuüberprüfung sämtlicher Anerkennungsfälle, obwohl es dafür keine gesetzliche Grundlage gibt.

Ein extremer Rechter in der Bundeswehr wird enttarnt und ins Visier geraten anerkannte Migranten. Das erinnert natürlich sehr an die NSU-Morde, die regelmäßig zur Folge hatten, dass die Opfer und ihre Angehörigen ins Visier der Behörden gerieten. So geht das Kalkül von Franco A. und seinen Kumpanen auf, weil ihre rassistischen Grundannahmen wohl von einem Teil der deutschen Gesellschaft geteilt werden. Einen Tiefen Staat und Gladio braucht es dazu nicht.

Der Kotau der konservativen Zivilistin im Amt des Verteidigungsministeriums ist ein weiterer Sieg des rechten Korpsgeistes. Damit wurde schon mal klargemacht, dass in Zeiten, in denen Deutschland wieder Weltpolitik betreibt und auch Krieg führt, eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit der Bundeswehr nicht erwünscht ist.

https://www.heise.de/tp/features/Kotau-vor-dem-Korpsgeist-der-Bundeswehr-3704669.html
Peter Nowak

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[1] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/franco-a-ursula-von-der-leyen-entschuldigt-sich-bei-ihren-generaelen-a-1146230.html
[2] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/franco-a-ursula-von-der-leyen-sieht-haltungsproblem-bei-der-bundeswehr-a-1145559.html
[3] https://www.heise.de/tp/features/Bundeswehroffizier-Franco-A-soll-auch-Gauck-und-Maas-im-Visier-gehabt-haben-3701482.html
[4] https://www.welt.de/politik/deutschland/article164193275/Die-voelkisch-rassistische-Masterarbeit-des-Franco-A.html
[5] http://www.darmstaedter-signal.de/
[6] http://www.deutschlandfunk.de/kritik-an-der-bundeswehr-die-ursache-liegt-im.694.de.html?dram:article_id=385123
[7] http://www.geschichte.luftwaffe.de/portal/a/geschlw/start/chro/197x/1976/!ut/p/z1/hY9BC4MwDIX_kaluVj1aRHBTJzjc2ssoWpzDtVI62WE_fpWBN1kOD_Je8oUAgyswyeeh52ZQko-2pwzfSJifcy_yvLyJEpS5xdGPIuIhHEADl38jzMZoo2IEdSeAWkawySgw1MCAdcJplRRmUSOkGaz2mhulnUlpMy7JS2ubOEMHFLkJQXg95X5wVRJ22IX7rExPC_DBZ_5ed3m7PA30zmU3ikq18c-YnmlYln7_BX-uXWQ!/dz/d5/L2dBISEvZ0FBIS9nQSEh/#Z7_B8LTL2922LV9D0I1MK599B20M6
[8] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14018251.html
[9] http://www.shz.de/deutschland-welt/politik/protokoll-einer-rede-bjoern-hoecke-der-brandstifter-id15869041.html
[10] https://www.heise.de/tp/features/Tiefer-Staat-Gedanken-zum-Fall-Franco-A-3700860.html
[11] https://www.nsu-watch.info/2014/01/kein-10-opfer-kurzfilm-ueber-die-schweigemaersche-in-kassel-und-dortmund-im-maijuni-2006/
[12] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundeswehr-soldat-unter-terrorverdacht-wie-franco-a-zum-fluechtling-wurde-a-1145376.html
[13] http://www.tagesspiegel.de/politik/bundeswehroffizier-gab-sich-als-fluechtling-aus-2000-asylverfahren-werden-ueberprueft/19762706.html

Eine Antwort zu “Kotau vor dem Korpsgeist der Bundeswehr”

  1. [...] http://peter-nowak-journalist.de/2017/05/07/kotau-vor-dem-korpsgeist-der-bundeswehr/ ——————————————————————————————————————— Rezension des Buches: [...]