Neoliberalismus im Alltag – Lexikon der Leistungsgesellschaft

Was haben der Hype um die Renn­räder oder ein wach­sendes Ernäh­rungs­be­wusstsein mit dem Neo­li­be­ra­lismus zu tun? Im Lexikon der Leis­tungs­ge­sell­schaft von Sebastian Friedrich finden sich Stich­worte, die wir nicht sofort mit Politik in Ver­bindung bringen. Friedrich hat auch manche All­tags­praxen auf­ge­nommen, die unter Linken einen guten Ruf haben und als poli­tisch völlig unver­dächtig gelten.

Bei manchen DA-Leser_innen dürfte z.B. das Konzept der „gewalt­freien Kom­mu­ni­kation“ einen guten Klang haben. Doch Friedrich ver­ortet es, wenn es in Unter­nehmen ange­wandt wird, als oft effektive neo­li­berale Manage­ment­stra­tegie. Damit soll ver­hindert werden, dass sich Beschäf­tigte zusam­men­schließen, eigene Inter­essen wie mehr Lohn und weniger Arbeit for­mu­lieren und womöglich auch durch­setzen. Auch in linken Zusam­men­hängen ver­hindere das Konzept häufig, dass über Argu­mente gestritten wird.

Das Büchlein „Lexikon der Leis­tungs­ge­sell­schaft“ muss zwangs­läufig unvoll­ständig sein. Friedrich ver­zichtet meist auf mora­lische Wer­tungen, wenn er beschreibt, wie der Neo­li­be­ra­lismus unsere All­tags­praxen prägt und struk­tu­riert. Doch wenn Friedrich im Schluss­ka­pitel schreibt, dass das Buch mit­helfen soll, nicht vom Neo­li­be­ra­lismus ver­ein­nahmt zu werden, greift das zu kurz. Wich­tiger ist zunächst, dass die Leser_​innen erkennen, was ihr all­täg­liches Handeln mit der Sta­bi­lität des Neo­li­be­ra­lismus zu tun hat. Ein nächster Schritt bestünde darin, sich mit einer soli­da­ri­schen All­tags­praxis ganz bewusst der neo­li­be­ralen Agenda zu ver­weigern. Soli­da­ri­sches Ver­halten ist ja im Gegensatz zur neo­li­be­ralen Lebens­führung viel schwie­riger umzu­setzen und muss täglich in der Praxis gelernt werden. Viel­leicht sollte auch dazu jemand ein Lexikon schreiben.

Sebastian Friedrich, Lexikon der Leis­tungs­ge­sell­schaft. Wie der Neo­li­be­ra­lismus unseren Alltag prägt, Edition Assem­blage, Münster 2016, 92 Seiten, 7,80 Euro, ISBN 978−3−96042−001−9

aus: Direkte Aktion, Son­der­ausgabe zum 1. Mai 2017

Peter Nowak

Kommentare sind geschlossen.