»Wir brauchen keine Erlaubnis«

Pietro Perroti schmuggelte eine Kamera in das FIAT-Werk in Turin und dokumentierte das »rote Jahrzehnt« bei dem Autohersteller

Im August 1969 konnte man in einem Artikel der Wochen­zeitung »Die Zeit« lesen: »Nach langen Jahren para­die­si­schen Arbeits­friedens brach bei Ita­liens größtem Auto­mo­bil­konzern, Fiat in Turin, der Krieg aus. Die ›Chi­nesen‹, so nennt die ita­lie­nische Presse die Auf­rührer, hatten im Frühjahr den Krieg ange­zettelt. Im Grunde ist es eine Aus­ein­an­der­setzung zwi­schen Kapi­ta­lismus und Kom­mu­nismus chi­ne­si­scher Prägung.«

Der Autor beschrieb damit den Beginn eines Jahr­zehnts der Arbeits­kämpfe im nordi­tia­lie­ni­schen FIAT-Werk. Die Aus­ein­an­der­setzung wurde von den Linken in West­europa mit großer Sym­pathie ver­folgt. Ging es doch bei den FIAT-Kämpfen nicht nur um mehr Lohn, sondern auch um die Mit­sprache der Arbeiter im Betrieb und ihr Recht, Ver­samm­lungen abzu­halten.

»Wir wussten, dass uns keine Gewerk­schaft und keine Partei rettet, sondern dass die Arbeiter selber für ihre Rechte kämpfen müssen«, beschreibt Pietro Perroti die damalige Stimmung bei FIAT. Am Dienstag kam der ehe­malige Arbeiter zur Deutsch­land­pre­miere des Films »Wir brauchen keine Erlaubnis« nach Berlin.

Perroti ist Prot­agonist des Films. Als junger Arbeiter zog er nach Turin, um bei FIAT zu arbeiten und poli­tisch aktiv zu werden. Er kaufte sich eine kleine Kamera, die er in die Fabrik schmug­gelte, um dort den Arbeits­alltag in Bild und Ton fest­zu­halten. Dieses wichtige Zeugnis der Arbei­ter­mi­litanz, an der sich Zehn­tau­sende über Jahre betei­ligten, ist nun mit Unter­titeln auch in Deutschland zu sehen.

Viele der FIAT-Beschäf­tigten kamen damals wie Perroti aus Sizilien und gerieten mit den Normen des rigiden Fabrik­re­gimes in Kon­flikt. »Immer wieder wurden Kol­legen beim Ver­lassen der Fabrik von Auf­sehern kon­trol­liert, nur, weil die Haare zu lang schienen. Überall waren Zäune wie im Gefängnis«, erinnert sich Perroti. Das von ihm kre­ierte Symbol – ein von starken Arbei­ter­fäusten aus­ein­ander gedrückter Zaun – war häufig zu sehen. Perroti doku­men­tierte den Auf­schwung der Bewegung, als die Bosse in die Defensive gerieten und Zuge­ständ­nisse machen mussten.

Deutlich wird aber auch die poli­tische Vielfalt der Kämp­fenden, die nicht kon­fliktfrei blieb. Während Unter­stützer der Kom­mu­nis­ti­schen Partei, die sich schon damals sehr staats­tragend gab, ihren Vor­sit­zenden bei einer Rede zuju­belten, setzten viele linke Gruppen auf die Selbst­or­ga­ni­sation. Auch eine Fabrik­gue­rilla, die mili­tante Aktionen durch­führte, hatte in der Fabrik Unter­stützer.

Ende der 1970er Jahre schlugen Staat und Kon­zern­leitung zurück. Während die Justiz zunehmend auch gewerk­schaft­liche Kämpfe ver­folgte, wollte das FIAT-Management mit Mas­sen­ent­las­sungen die Ordnung im Betrieb wieder her­stellen. Höhe­punkt war ein von ihnen gespon­serter Marsch der »Schwei­genden Mehrheit«. Mit ita­lie­ni­scher Flagge vor­neweg demons­trierten sie für das Ende der Arbeits­kämpfe. Hier zeichnete sich die his­to­rische Nie­derlage der Turiner Arbei­ter­ak­ti­visten ab. »Ich habe diesen Film gemacht, damit die Arbeiter, die die Kämpfe führten, nicht ver­gessen werden«, erklärte Perroti. Der Film hat jedoch nicht allein his­to­ri­schen Wert: Im Logis­tik­sektor in Nord­italien werden auch aktuelle Kämpfe von beiden Seiten mit großer Härte geführt.

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Peter Nowak


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