Kunst und Kampf

Peter Nowak. In Zeiten, in denen in vielen Ländern rechtspopulistische Parteien wachsen, stellt sich die Frage nach den Gegenkräften, die sich den Rechten entgegenstellen. In Deutschland ist einer dieser Akteure die autonome Antifa.

Es waren radikale Linke, die in gut orga­ni­sierten Blöcken gegen diverse Alt- und Neo­na­zi­treffen pro­tes­tierten und dabei auch die Kritik an Staat und Nation nicht ver­gassen. Für einen Grossteil der Medien und auch für die meisten poli­ti­schen Par­teien
war die autonome Antifa ein Haufen von Chao­tInnen und ein Fall für Polizei und Justiz. Doch aus­ge­rechnet in der nie­der­säch­si­schen Uni­ver­si­täts­stadt Göt­tingen wurde die autonome Antifa vor 30 Jahren bündnis- und kul­tur­fähig. Bernd Langer ist seit 1978 in auto­nomen Antifa-Zusam­men­hängen aktiv und war einer der stärksten Befür­wor­te­rInnen einer Bünd­nis­po­litik im auto­nomen Lager. Jetzt hat er unter dem Titel Kunst und Kampf eine all­ge­mein­ver­ständ­liche Geschichte
darüber ver­fasst.

Heiss umstrittene Bünd­nis­po­litik

Heiss umstrittene Bünd­nis­po­litik Ein Höhe­punkt seiner Akti­vi­täten war eine Demons­tration gegen ein Neonazi-Zentrum im
nie­der­säch­si­schen Mackenrode am 7. Mai 1988, zu der bun­desweit mobi­li­siert wurde nie­der­säch­si­schen Mackenrode am 7. Mai 1988, zu der bun­desweit mobi­li­siert wurde. Damals war die tra­di­tio­nelle autonome Antifa-Politik, die Bünd­nisse
mit bür­ger­lichen oder refor­mis­ti­schen Linken ablehnte und nur auf die eigene Kraft ver­trauen wollte, an ihre Grenzen gestossen. «In dieser Situation kam es zu Kon­takten mit Ver­tre­te­rInnen von DGB (Deut­scher Gewerk­schaftsbund), Grünen und
anderen anti­fa­schis­tisch Gesinnten. Endlich bot sich die Chance, autonome Politik wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und aus der Iso­lation raus­zu­kommen. Bünd­nis­po­litik hiess das Zau­berwort und wurde fortan zum heiss umstrit­tenen Thema in der auto­nomen
Szene», beschreibt Langer die Situation vor fast 30 Jahren in West­deutschland.


2000 Men­schen waren am 7.Mai 1988 nach

Mackenrode gekommen. Doch was die Demons­tration noch heute inter­essant macht, war ihre Zusam­men­setzung.
An der Spitze lief ein auto­nomer Block, dahinter hatten sich Mit­glieder der Grünen, des Deut­schen Gewerk­schafts­bunds und der SPD in die Demons­tration ein­ge­reiht. Zuvor hat es klare Absprachen zwi­schen den Spektren gegeben und auch der autonome Block benannte Ver­ant­wort­liche, die garan­tierten, dass die gemein­samen Ver­ein­ba­rungen ein­ge­halten wurden. So gingen vom auto­nomen Block keine Angriffe auf die Polizei aus. Aber es gab die klare Ansage, dass er sich gegen Angriffe ver­tei­digen
würde. Diese Koope­ration war etwas Neues und wurde bun­desweit dis­ku­tiert.


Symbol der Anti­fa­aktion

Noch in einer anderen Hin­sicht war die Mackenrode-Demons­tration ein Novum. Auf dieser Demons­tration waren erstmals in der BRD Fahnen und Trans­pa­rente mit dem Emblem der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion in grosser Zahl zu sehen. Bald war dieses Symbol von Demons­tra­tionen und Aktionen der auto­nomen Antifa nicht mehr weg­zu­denken. Langer beschreibt sehr detail­liert, wie umstritten die Ver­wendung des leicht ver­än­derten Symbols der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion aus der Wei­marer Republik auch unter auto­nomen Anti­fa­schis­tInnen damals Eür viele war es zu stark mit der KPD-Geschichte
der Wei­marer Republik ver­bunden. Langer beschreibt in kurzen Kapiteln mit Witz und Humor seine bewegte poli­tische Vita in der aus­ser­par­la­men­ta­ri­schen Linken. Dabei spielte bei ihm mehr und mehr künst­le­rische Aspekte eine zen­trale Rolle. Kon­flikte zwi­schen poli­ti­schen Akti­vis­tInnen, denen es vor allem auf die Bot­schaft ankam und die für ästhe­tische Fragen wenig Ver­ständnis zeigten, konnten nicht aus­bleiben. Dabei trug Langer zur Kul­tur­fä­higkeit der auto­nomen Antifa und der aus­ser­par­la­men­ta­ri­schen Linken bei, was man in dem Buch gut sehen kann. Dort sind zahl­reiche Plakate nach­ge­druckt, die die von ihm gegründete Gruppe Kunst und Kampf (KuK) seit Ende der 80er Jahre pro­du­ziert hat. Sie mobi­li­sierten zu Demons­tra­tionen und poli­ti­schen Kam­pagnen, die poli­tische Bot­schaft kam gut rüber und sie hatten einen Wie­der­erken­nungswert. Mit ihnen ver­ab­schiedete sich ein Teil der auto­nomen Antifa vom Punkstil. Doch nicht alle wollten mit­ziehen. Langer beschreibt, wie auch in der auto­nomen Szene Macht­po­litik prak­ti­ziert wurde, und ver­schweigt nicht, dass auch er daran beteiligt war. Wenn KuK beim Vor­be­rei­tungs­treffen zu einer Demons­tration schon mit einem fer­tigen
Pla­kat­entwurf auftrat, war die Chance gross, dass der auch Ver­wendung fand.


Der Staats­schutz ist dabei

Bernd Langer ver­steht sich noch immer als radi­kaler Linker, der kei­neswegs den Frieden mit diesem Staat gemacht hat. Man muss nicht mit allen seinen poli­ti­schen Ansichten über­ein­stimmen, so wenn Langer die Okto­ber­re­vo­lution als Putsch
der Bol­schewiki abqua­li­fi­ziert. Doch mit dem Buch hat er einen Beitrag dazu geleistet, dass ein wich­tiges Kapitel linker Geschichte nicht ver­gessen wird. Men­schen, die dabei waren, werden es ebenso mit Gewinn lesen, wie junge Leute, die noch nicht geboren waren, als die autonome Antifa erstmals Bünd­nisse einging. Sie können sich diese Geschichte im heu­tigen Kampf gegen rechts aneignen und selber ent­scheiden, was davon heute noch brauchbar ist. So beschreibt Langer, dass immer wieder junge Men­schen mit ihm Kontakt suchen und Unter­stützung suchen. So haben Jugend­liche im nord­deut­schen Städtchen Fal­ling­bostel durch eine Schrift von Langer erfahren, dass in dem Ort im Jahr 1983 eine legendäre Anti­fademo mit Stras­sen­schlacht stattfand, als die NPD dort ihren Bun­des­par­teitag abhalten wollte. Das Ergebnis war eine Jubi­lä­ums­ver­an­staltung 30 Jahre später. «Im etwas ver­steckt lie­genden DGB-Schu­lungs­zentrum Walsrode fand der Vortrag statt. Mehr als 100 Per­sonen wurden gezählt, dar­unter viele alte Kämp­fe­rInnen. So war der Abend durchaus mit den schönen Wie­der­se­hens­szenen ver­bunden. Leider musste auf­grund des nie­der­säch­si­schen Poli­zei­ge­setzes der Staats­schutz im Saal
geduldet werden», schreibt Langer. Hier wird deutlich, dass seine Arbeit durchaus mehr als ein nost­al­gi­scher Rück­blick ist und die Staats­schutz­be­hörden auch Jubiläen in gewerk­schaft­lichen Räumen durchaus ernst nehmen. Die in dem Buch nach­ge­druckten Plakate, viele von ihnen sind kaum mehr bekannt, bringen die autonome Geschichte den Lesenden
auch optisch nahe. Langers Geschichts­über­blick ist auch nicht nur für Deutschland inter­essant. Schliesslich hat das Konzept des auto­nomen Anti­fa­schismus vor allem bei jün­geren Linken in vielen euro­päi­schen Ländern Nach­ahmung gefunden. Die
heutige Anti­fa­be­wegung betrachtet Langer mit Soli­da­rität, aber auch mit Kritik. «Bünd­nis­po­litik wird heute in grossen Teilen der auto­nomen Antifa betrieben. Doch oft fehlt das Bewusstsein, eine orga­ni­sierte poli­tische Kraft zu sein und droht in einem
dif­fusen bunten Allerlei auf­zu­gehen», moniert er. Diese Fragen dürften auch bei seiner aktu­ellen Ver­an­stal­tungs­reihe eine Rolle spielen, in der Langer das neue Buch vor­stellt. Am 17. Dezember wird er unter anderem um 19 Uhr im Info­laden Magazin in
Basel auf­treten.#


Peter Nowak
WEITERE VER­AN­STAL­TUNGS­TERMINE UNTER:
WWW​.KUNST​-UND​-KAMPF​.DE
LANGER, BERND, KUNST UND KAMPF, MÜNSTER:
UNRAST-VERLAG, 2016. 19,80 EURO.


Kommentare sind geschlossen.