Ist die Zerstörung alter Kulturdenkmäler ein Verbrechen?

Die Frage müsste lauten, warum werden nicht soziale Sicherheit, Bildung und Kultur zum Welt­kul­turerbe erklärt?

»Mali­scher Kul­tur­schänder ver­ur­teilt«, titelte[1] die bür­ger­liche FAZ und die TAZ, das schon längst dem Teen­ager­alter ent­wach­sende Blatt der Bür­ger­kinder, hat fast den gleich­lau­tenden Auf­macher »Haft für den Kul­tur­schänder«[2]. Beide Autoren betonen glei­cher­maßen, dass der malische Tuarag-Aktivist Ahmad al Faqi al-Mahdi noch recht glimpflich davon gekommen ist, weil er für seinen Anteil an der Zer­störung von Mau­soleen in Tim­buktu (siehe Isla­mis­ti­scher Bil­der­stürmer vor Gericht[3]) nur neun Jahre Haft bekommen hat. Wäre er nicht voll geständig gewesen und hätte er sich für die Zer­stö­rungen nicht ent­schuldigt, wäre die Strafe sicher härter aus­ge­fallen.

Nun scheint mit dem Urteil niemand ein Problem zu haben. Schließlich gehört der Ange­klagte zu den Tuareg-Akti­visten, die zeit­weise mit den Isla­misten ver­bündet waren und in den von ihnen eroberten Gebieten eine Ter­ror­herr­schaft errich­teten[4]. Tat­sächlich gäbe es viele Gründe, den Isla­misten und ihren Ver­bün­deten den Prozess zu machen.

Dazu zählt ihr Terror durch eine brutale Scharia-Aus­legung, die Ver­folgung von Frauen, die sich nicht von den Isla­misten unter­drücken lassen wollten, Grau­sam­keiten gegen Anders­den­kende. Doch statt den Angriff auf Würde und Rechte der Men­schen in den Mit­tel­punkt zu stellen, wird vom Inter­na­tio­nalen Straf­ge­richtshof die Zer­störung alter Gemäuer als Kriegs­ver­brechen ver­ur­teilt.

Ein katho­li­scher Hei­liger als Kriegs­ver­brecher?

Dabei gehörte die Zer­störung von Kirchen und Gebäuden und Orten, die zu hei­ligen Städten erklärt worden waren, jahr­tau­sen­delang zur Praxis jeder Armee, die ein Gebiet besetzt hat. Es war in der Regel eine Macht­de­mons­tration und sollte die Unter­le­genen demo­ra­li­sieren. Als sich in Europa das Chris­tentum aus­breitete, war die Zer­störung von Hei­lig­tümern der zu Heiden erklärten Indi­genen ein wich­tiger Bestandteil der Expansion.

Boni­fatius soll einen für die Bewohner einer ger­ma­ni­schen Provinz hei­ligen Baum gefällt haben, um ihnen zu demons­trieren, dass dort nicht der Don­nergott wohnt, der Blitz und Ver­derben über die Men­schen bringt. Boni­fatius wird von Katho­liken bis heute verehrt[5]. Teile seiner Reli­quien werden noch immer im Dom zu Fulda von Gläu­bigen ange­betet. Ver­ehren sie damit einen Ver­brecher, sogar einen Kriegs­ver­brecher?

Nach dem Urteil des Inter­na­tio­nalen Straf­ge­richtshof könnte seine Tat so klas­si­fi­ziert werden. Schließlich ließ Boni­fatius den »hei­ligen Baum« fällen, um die bis­herige Kultur und Religion der Indi­genen nach­haltig zu erschüttern. Das waren aber gängige Methoden aller Pro­pheten, die eine neue Religion eta­blieren wollten. Dazu mussten erst die alten Glau­bens­systeme und ihre hei­ligen Orte ent­weiht werden.

Daneben wurden solche Zer­stö­rungen seit jeher in eroberten Gebieten durch­ge­führt. Das galt bei Kriegen in Europa, mehr noch aber in den von den Euro­päern eroberten Gebieten auf den afri­ka­ni­schen, ame­ri­ka­ni­schen und asia­ti­schen Kon­ti­nenten. Die noch heute heuch­le­risch als Ent­decker gefei­erten Eroberer wären nach dem Urteil aus Den Haag alle Kriegs­ver­brecher.

Zer­störung von Kul­tur­denk­mälern kann auch Befreiung zum Motiv haben

Doch gab es auch ein anderes Motiv der Zer­störung von alten Kul­tur­denk­mälern. Bei Revo­lu­tionen kann damit der Sturz der alten, ver­hassten Ordnung sym­bo­li­siert werden. In der kurzen Zeit der Macht der Wie­der­täufer in Münster, die in dem his­to­ri­schen Roman Q[6] des Künst­ler­kol­lektivs Luther Blissett als eine Mischung aus reli­giösem Wahn und Dik­tatur des früh­bür­ger­lichen Pro­le­ta­riats beschrieben wird, war der Abriss des monu­men­talen Doms ein demons­tra­tives Zeichen dafür, dass die alten Mächte ver­loren haben.

Es dauerte aller­dings nur wenige Monate und die alten Herr­scher eroberten die Stadt zurück und ließen den Dom noch monu­men­taler wieder auf­bauen. Auch später zer­störten auf­be­geh­rende Men­schen Kul­tur­stätten, Kirchen und Schlösser der alten Mächte, um damit deutlich zu machen, dass diese auch archi­tek­to­nisch ihren Ein­fluss ver­loren haben. Das war zum Bei­spiel während der spa­ni­schen Revo­lution der Fall, als vor allem die Land­be­völ­kerung den ver­hassten Klerus und die Feu­dal­ge­sell­schaft damit bestrafen wollte, indem viele Klöster, Schlösser und Kirchen zer­stört wurden.

Der Roman Ästhetik des Wider­stands[7] von Peter Weiss beginnt mit einem langen Kapitel, in dem sich drei deutsche Anti­fa­schisten vor dem in Berlin aus­ge­stellten Per­ga­mo­naltar[8] über die Rolle von Kunst unter­halten.

Sie inter­pre­tieren die Motive des Altars als antike Klas­sen­kämpfe und sehen in ihm ein Denkmal der Inspi­ration für ihre Kämpfe, das sie bewahren wollen. An einer Stelle kommt die alte Mutter eines der drei Anti­fa­schisten kurz zu Wort, die ein­wirft, dass die Unter­drückten diese alten Steine weniger kul­tur­phi­lo­so­phisch betrachten würden. Für sie wären sie eher gute Bar­ri­kaden bei den Revolten. Auch für den Haus­ge­brauch könnten sie ver­wendet werden.

Welt­kul­turerbe ist eher ein Pro­gramm zur För­derung des Tou­rismus

So berichten immer wieder Archäo­logen, dass Dorf­be­wohner in Peru und Mexiko Steine für den Hausbau aus Stätten mit­nehmen würden, die zum Welt­kul­turerbe erklärt worden sind. Kri­tiker sehen im Welt­kul­tur­status vor allem eine För­derung für zah­lungs­kräftige Tou­risten, die sich an den alten Kul­turen erfreuen wollen. Für die Bewohner der Umgebung habe das nicht immer positive Folgen.

Wenn nun der Inter­na­tionale Gerichtshof sein Urteil damit begründet, dass die Denk­mäler für die Bewohner von Tim­buktu einen »hohen sym­bo­li­schen und mora­li­schen Wert« haben, sind sicher die Aus­richter der Tou­ris­mus­pro­gramme auch gemeint. Die meisten Men­schen in dieser Umgebung aber pro­fi­tieren davon nicht, dass alte Gemäuer zu Kul­tur­denk­mälern erklärt werden. Was sie brauchen, ist eine soziale Ver­sorgung, Bildung und Gesundheit.

Solche For­de­rungen wurden immer wieder von einer starken sozialen Bewegung in Mali gestellt, was in dem Film Bamako[9] von Abder­rahmane Sissako[10] deutlich wird, der ein fik­tives Sozi­al­forum in Malis Haupt­stadt zum Thema hat.

Dort werden viele drän­gende Pro­bleme der mali­schen Bevöl­kerung ange­sprochen: Armut, Unter­ernährung, Per­spek­tiv­lo­sigkeit und die Migration vieler junger Men­schen. Der Schutz von alten Gemäuern gehört nicht dazu.

So sollte doch die Frage gestellt, warum nicht das Zur-Ver­fügung-Stellen sozialer Ver­sor­gungs­systeme, von Bildung und Gesundheit zum Welt­kul­turerbe erklärt wird und alle die Kräfte in Politik und Wirt­schaft, die dafür ver­ant­wortlich sind, dass dies nicht gewähr­leistet wird, juris­tisch zur Ver­ant­wortung gezogen werden?

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Peter Nowak

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[4]

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[6]

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[7]

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[8]

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[9]

http://​www​.archipel33​.fr/​s​i​t​e​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​o​p​t​i​o​n​=​c​o​m​_​c​o​n​t​e​n​t​&​t​a​s​k​=​v​i​e​w​&​i​d​=​2​8​7​&​I​t​e​m​i​d​=​2​&​l​a​ng=fr

[10]

http://​www​.imdb​.com/​n​a​m​e​/​n​m​0​8​03066

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