Ohne Telefonnummer kein sozialer Streik

Gewerkschaft und Nachbarschaft – Das Buch »Solidarische Netzwerke« ist auch ein Praxisratgeber für soziale Proteste

Kurier­fahrer und private Taxi­fahrer befanden sich in London im August für mehrere Tage im Aus­stand gegen die Senkung der Pau­schale, die sie pro Lie­ferung oder Fahrt bekommen. Unter­stützt wurden sie von kleinen Basis­ge­werk­schaften. Sie sorgen auch dafür, dass der kurze Arbeits­kampf in Deutschland über­haupt wahr­ge­nommen wurde. Schließlich gibt es auch hier­zu­lande unter dem wach­senden Heer der Kurier­dienste deut­lichen Unmut über die geringen Pau­schalen und schlechte Arbeits­be­din­gungen.

Daher ist es auch begrü­ßenswert, dass die Sektion Frankfurt am Main der Basis­ge­werk­schaft Indus­trial Workers of the World (IWW) Dis­kus­sionen und Erfah­rungen von Arbeits­kämpfen und sozialen Bewe­gungen aus dem eng­lisch­spra­chigen Raum ins Deutsche über­setzt und sowohl in gedruckter Form als auch dem Inter­net­portal zweiter​-mai​.org zugänglich macht. Kürzlich hat die IWW unter dem Titel »Soli­da­rische Netz­werke – Ein Leit­faden« Texte über die Geschichte und die poli­tische Praxis des Soli­da­ri­schen Netz­werkes aus Seattle über­setzt.

Die Stadt in den USA war 1999 kurz­zeitig als Ort des linken poli­ti­schen Akti­vismus in die Schlag­zeilen beraten, weil dort die Pro­teste gegen eine WTO-Kon­ferenz zum Auf­schwung der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Bewegung bei­getragen haben. Doch über die All­tags­kämpfe in der Stadt war bisher wenig bekannt. Die Her­aus­geber der Bro­schüre betonen, dass die Erfah­rungen aus den Kämpfen in den USA nicht einfach auf die hie­sigen Ver­hält­nisse über­tragen werden können. Doch die Gemein­sam­keiten sind in vielen Bereichen nicht zu über­sehen: »Was unser Interesse geweckt hat, war die Idee, sich nicht aus­schließlich gegen das Chefs, das Job­center, oder innerhalb eines Wohn­hauses zu orga­ni­sieren. […] So können viel­fältige Wider­sprüche und Kon­flikte in den Blick genommen werden, die sich aus unseren pre­kären Alltag ergeben«, schreibt die IWW Frankfurt im Vorwort.

Damit greifen sie Debatten auf, die unter dem Label sozialer Streik in Deutschland geführt werden. Es geht darum, wie Arbeits­kämpfe im pre­kären Sektor mit den Wider­stand gegen hohe Mieten oder gegen Fahr­preis­er­hö­hungen im Öffent­lichen Nah­verkehr ver­bunden werden können Bisher exis­tieren in manchen Städten Initia­tiven, die sich um Stadt­teil­arbeit kümmern, andere widmen sich der Unter­stützung von Arbeits­kämpfen. Der Kontakt zwi­schen den Gruppen läuft über Bünd­nis­treffen. Das soli­da­rische Netzwerk Seattle ver­steht sich dagegen als Arbeiter- und Mie­ter­or­ga­ni­sation. »Statt eine gemeinsame Iden­tität als Mieter, Nach­bar­schaft oder Arbeiter eines bestimmten Sektors zu ent­wi­ckeln, erzeugen wir das Gefühl einer umfas­senden Klas­sen­so­li­da­rität«, heißt es in dem Selbst­ver­ständnis der Akti­visten. Im wei­teren Text wird deutlich, dass es sich dabei um eine Ziel­vor­stellung handelt. Sehr detail­liert wird beschrieben, wie man soziale Kämpfe beginnen kann. Dabei wird die Wich­tigkeit einer all­ge­mein­ver­ständ­lichen Sprache ebenso betont wie die der Orte zum Kleben von Pla­katen, damit sie Wirkung zeigen. Zudem sei eine Tele­fon­nummer wichtig, damit Inter­es­sierte Kontakt auf­nehmen können.

Diese und viele andere prak­tische Tipps mögen sich unspek­ta­kulär anhören, sind aber für Men­schen nützlich, die auch hier­zu­lande soli­da­rische Netz­werke auf­bauen wollen. Die Autoren machen auch klar, dass man für die Orga­ni­sie­rungs­arbeit einen langen Atem braucht und sich selber klare Ziele stecken muss. Daran aber hapert es oft, so dass die Ver­fasser am Ende wieder einmal ein scheinbar unbe­deu­tendes Detail erinnern. »Abschließend sei bemerkt, dass für die meisten Men­schen das größte Hin­dernis bei der Ent­wicklung ihrer Orga­ni­sa­ti­ons­fä­hig­keiten ihre eigene Des­or­ga­ni­sierung ist, z.B. keinen Kalender zu führen.«

Die Bro­schüre kann hier her­un­ter­ge­laden werden: dasND​.de/​n​e​t​z​werke

Peter Nowak

Kommentare sind geschlossen.