Die Täter zum Gespräch zwingen

Nama und Herero ver­klagen die Bun­des­re­publik in Den Haag

Deutschland weigert sich standhaft, über Repa­ra­ti­ons­zah­lungen für den Völ­kermord im heu­tigen Namibia zu ver­handeln.

»Innerhalb der Deut­schen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen.« Dieser Ver­nich­tungs­befehl des deut­schen Gene­ral­leut­nants Lothar von Trotha kostete zwi­schen 1904 und 1908 Tau­senden Men­schen in der dama­ligen Kolonie Deutsch-Süd­west­afrika das Leben. Wer nicht von deut­schen Truppen erschossen wurde, ver­durstete in der was­ser­losen Omaheke-Wüste, nachdem von Trotha alle Was­ser­stellen sperrte. Mehr als 100 Jahre später beschäftigt der erste Völ­kermord des zwan­zigsten Jahr­hun­derts, wie His­to­riker das Mas­saker deut­scher Kolo­ni­al­truppen bezeichnen, doch noch die Justiz.

Vor einigen Tagen reichten Ver­treter der Opfer­or­ga­ni­sa­tionen der im heu­tigen Namibia lebenden Nama und Herero vor dem Inter­na­tio­nalen Gerichtshof in Den Haag Klage gegen die Bun­des­re­publik Deutschland ein. Zuvor hatte die Bun­des­re­gierung zwei Ulti­maten ver­streichen lassen. Die Opfer­ver­bände hatten die Bun­des­re­gierung auf­ge­fordert, bis zum 1. Mai 2016 mit ihnen Ver­hand­lungen über Repa­ra­ti­ons­zah­lungen auf­zu­nehmen. Eine erste Frist war bereits am 2. Oktober 2015 ohne Reak­tionen aus Berlin ver­strichen. »Wir haben nun nach langen Über­le­gungen beschlossen, den Stier bei den Hörnern zu packen«, erklärte der Sprecher der Ova­herero Stam­mes­be­hörde Bob Kandetu in einer Pres­ser­klärung die Klage.

Der Kon­flikt zwi­schen der deut­schen Regierung und den Opfer­ver­bänden der Herero und Nama hat eine lange Geschichte. Als Bun­des­kanzler Kohl 1995 als erster deut­scher Regie­rungschef Namibia besuchte, vermied er den Kontakt mit den Opfer­ver­bänden. Man bedauere das Geschehene, könne aber keine Ver­ant­wortung für Ereig­nisse des deut­schen Kai­ser­reichs über­nehmen, lautete die offi­zielle Position der Bun­des­re­gierung. Mit der Begründung, die UN-Völ­ker­mord­kon­vention gelte nicht rück­wirkend, wurde bestritten, dass es sich um einen Genozid han­delte. Zum 100. Jah­restag des Mas­sakers im Jahr 2004 nahm mit der dama­ligen Bun­des­ent­wick­lungs­mi­nis­terin Hei­de­marie Wie­czorek-Zeul erstmals die Ver­tre­terin einer deut­schen Regierung an einer Gedenk­ver­an­staltung in Namibia teil. 2011 kam es zu einem Eklat, als eine Dele­gation aus Politkern und Ver­tretern von Opfer­ver­bänden nach Berlin gekommen war, um 20 Schädel von Opfern des Mas­sakers in Empfang zu nehmen, die in der Ber­liner Charité ein­ge­lagert waren: Nachdem die einzige offi­zielle Ver­tre­terin der Bun­des­re­gierung Cor­nelia Pieper die Ver­an­staltung vor­zeitig verließ, gab es laut­starke Pro­teste und Buhrufe aus dem Publikum.

2015 hatte Bun­des­tags­prä­sident Norbert Lammert (CDU) in der Wochen­zeitung »Die Zeit« erstmals vom Völ­kermord an den Herero gesprochen. Doch die deutsche Regierung wollte wei­terhin nicht mit den Opfer­ver­bänden über Repa­ra­tionen ver­handeln. Die nami­bische Regierung wurde als ein­ziger Gesprächs­partner aner­kannt. Die Opfer­ver­bände ver­weisen hin­gegen auf einen Beschluss des nami­bi­schen Par­la­ments, das im Oktober 2006 die Auf­nahme von Gesprächen zwi­schen der deut­schen und nami­bi­schen Regierung und den Opfer­ver­bänden for­derte.

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Peter Nowak