Wein, Weib und Politik

Die Jugend­zen­trums­be­wegung brachte das links­al­ter­native Milieu in die west­deutsche »Provinz«

Flipper, Sofa und Fern­seh­ap­parat gehörten zur Grund­aus­stattung vieler Jugend­zentren. Sie ent­standen Anfang der 70er Jahre und waren ein Ort, in dem Tau­sende junger Men­schen poli­ti­siert wurden.

Vor einer Woche durch­suchten mehrere Hun­dert­schaften der Polizei das Unab­hängige Jugend­zentrum (UJZ) Korn­straße in Han­nover. Die Staats­an­walt­schaft ermittelt wegen Unter­stützung der ver­bo­tenen kur­di­schen Arbei­ter­partei PKK. In einer Pres­se­mit­teilung kri­ti­sieren die Betrof­fenen den Einsatz als »besonders unver­hält­nis­mäßig«, nicht zuletzt, weil ihr Haus neben einem Jugend­zentrum auch einen Kinder- und Baby­laden beher­berge. »Es wurde das Bild eines ›Ter­ror­ladens‹ gezeichnet.«

Da werden Erin­ne­rungen an Zeiten wach, als linke Jugend­zentren in der Bun­des­re­publik regel­mäßig Ziel von Medi­en­hetze und Razzien waren. Auch die Geschichte des UJZ in Han­nover ist davon geprägt. Bereits 1975 hatten die CDU und Teile der SPD die Schließung wegen Links­las­tigkeit gefordert. 1978 sah das nie­der­säch­sische Innen­mi­nis­terium in der Korn­straße eine Zen­trale radi­kaler Anti-AKW-Gegner und strich die För­derung. Doch das UJZ Korn gehört zu den wenigen Jugend­zentren, die bis heute für linke Politik stehen.

Vor allem in der west­deut­schen Provinz waren Anfang der 70er Jahre immer mehr Jugend­zen­trums­in­itia­tiven ent­standen. Tau­sende Jugend­liche gingen auf die Straßen, sam­melten Unter­schriften und stritten sich mit Kom­mu­nal­po­li­tikern. »Was wir wollen: Freizeit ohne Kon­trolle«, lautete die For­derung der Jugend­lichen vom nord­deut­schen Pin­neberg bis nach Kon­stanz und Backnang. Und mit dieser Parole beti­telte auch David Templin, Jahrgang 1983, seine umfas­sende Geschichte der west­deut­schen Jugend­zen­trums­be­wegung, die kürzlich ver­öf­fent­licht wurde. Der Mit­ar­beiter der For­schungs­stelle für Zeit­ge­schichte in Hamburg hat damit wis­sen­schaft­liche Pio­nier­arbeit geleistet.

Obwohl es viele Selbst­dar­stel­lungen von Jugend­zentren gibt und auch in der Sozi­al­päd­agogik heftige Dis­kus­sionen über Selbst­ver­waltung und Mit­be­stimmung in den Ein­rich­tungen geführt wurden, gab es bisher keine Geschichte dieser Bewegung. Dabei hat sie die Impulse des gesell­schaft­lichen Auf­bruchs der 68er aus den uni­ver­si­tären Groß­städten in die Provinz getragen. Die Träger waren meist Gym­na­si­asten. Templin nimmt ihre Kritik an der von Erwach­senen getra­genen »Jugend­pflege« und ihre Vor­stel­lungen »selbst­or­ga­ni­sierter Räume«, ihre soziale und poli­tische Zusam­men­setzung sowie die regio­nalen und über­re­gio­nalen Netz­werke in den Blick. Zugleich beleuchtet er die Reak­tionen lokaler Poli­tiker und Stadt­ver­wal­tungen und die damit ver­bun­denen öffent­lichen Aus­ein­an­der­set­zungen. Detail­liert werden die vielen Kon­flikte beschrieben, die vor allem in einem klein­städ­ti­schen Milieu aus­ge­tragen werden mussten, um neue gesell­schaft­liche und kul­tu­relle Ideen durch­zu­setzen. Dabei ging es nicht nur um poli­tische Fragen. »Was Wein, Weib und Gesang anbe­trifft: Singen ist erwünscht; nicht drin sind der Genuss alko­ho­li­scher Getränke und der Aus­tausch von Zärt­lich­keiten«, zitierte Templin die Auf­lagen der Stadt­ver­waltung von Wit­tingen an das Jugend­zentrum.

Ein Flipper, ein Bil­lard­tisch, ein Fern­seh­gerät, ein Gar­ten­grill und ein VW-Bus gehörten zur Erst­aus­stattung so manchen Jugend­zen­trums. Andere stellten Räume für Film­vor­füh­rungen, Lese­kurse und poli­tische Ver­an­stal­tungen zur Ver­fügung. Alte Sofas und Matratzen sorgten für Gemüt­lichkeit an einem Ort, an dem Jugend­liche zuweilen mehr Zeit ver­brachten als in den hei­mi­schen vier Wänden. Aller­dings setzten Platz- und Geld­mangel den unter­schied­lichen Frei­zeit­be­dürf­nissen der jugend­lichen Besucher Grenzen.

Aus­führlich geht das Buch auf die internen Pro­bleme der Jugend­zentren ein. Viele Initia­toren waren bald ernüchtert und über­fordert, wenn sie von Jugend­lichen über­laufen wurden, die in den Ein­rich­tungen lediglich kon­su­mieren wollten und mit den gesell­schaft­lichen Utopien der Gründer wenig anfangen konnten. Auch die linke Frak­tio­nierung in den 70er Jahren erfasste die JZ-Bewegung. Mao­is­tische Gruppen, Jusos und DKP-nahe Jugend­or­ga­ni­sa­tionen stritten um die poli­tische Hege­monie. Aller­dings gelang es ihnen selten, Arbei­ter­ju­gend­liche für das Enga­gement in den Jugend­zentren zu gewinnen.

Obwohl Medien, aber auch manche frühere Akti­visten das Scheitern dieser Jugend­be­wegung pos­tu­lierten, ist Tem­plins Fazit weniger pes­si­mis­tisch. Tau­sende junge Men­schen seien hier poli­ti­siert und die kon­ser­vative Hege­monie auch in der Provinz auf­ge­brochen worden. Und wie das UJZ Korn­straße zeigt, wurde der kri­tische Stachel nicht überall gezogen.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​0​2​0​5​5​.​w​e​i​n​-​w​e​i​b​-​u​n​d​-​p​o​l​i​t​i​k​.html

David Templin: Freizeit ohne Kon­trollen. Die Jugend­zen­trums­be­wegung in der Bun­des­re­publik der 1970er Jahre, Wall­stein-Verlag, 672 Seiten, 46 Euro.

Peter Nowak