Mehr Interesse verdient

»Wenn irgend­jemand den deut­schen Fahnen einen durch­schla­genden Erfolg über seine Feinde wünscht, so sind wir das. Grüßt unsere Mit­glieder und wir fordern von ihnen treue Pflicht­er­füllung bis zum Äußersten (…) und dann immer feste druff.« Es war der Vor­sit­zende der Stutt­garter Orts­gruppe des Deut­schen Metall­ar­bei­ter­ver­bands Karl Vor­hölzer, der Ende August 1914 seine Gewerk­schafts­kol­legen mit natio­nalem Pathos darauf ein­stimmte, für Kaiser und Vaterland in den Krieg zu ziehen. Da konnte der Ver­fasser eines Artikels in der Gewerk­schafts­zeitung – Organ des All­ge­meinen Deut­schen Gewerk­schafts­bundes – am 29. April 1933 mit his­to­ri­scher Berech­tigung das NS-Régime an die nationale Auf­gaben erinnern, die die Gewerk­schaften geleistet hätten. »Darüber hinaus voll­brachten die Gewerk­schaften ein natio­nales Erzie­hungswerk an der deut­schen Arbei­ter­schaft, das so sehr aus deut­scher Tra­dition her­aus­wächst, dass es bisher weder in der Prägung noch im Ausmaß in keinem anderen Land der Welt der­gleichen gefunden hat.« Es ist nur ein kleiner Aus­schnitt aus der Fülle des Mate­rials, das der Bremer His­to­riker Helge Döhring in dem Buch »Gene­ral­streik! Streik­theorien und ‑dis­kus­sionen innerhalb der deut­schen Sozi­al­de­mo­kratie vor 1914« zusam­men­ge­tragen hat. Das Buch wäre ohne das »Institut für Syn­di­ka­lis­mus­for­schung« (Syfo) nicht möglich gewesen, zu dessen Mit­be­gründern Döhring zählt.

Das Syfo wurde 2007 mit dem Ziel gegründet, eine Geschichte der Basis­ge­werk­schaften zu schreiben. Die For­schungs­arbeit des Syfo beweist, dass seit mehr als 100 Jahren Basis­ge­werk­schaften exis­tierten, die von den Groß­or­ga­ni­sa­tionen immer bekämpft oder tot­ge­schwiegen wurden. Bis heute wird selbst in der kri­ti­schen Gewerk­schafts­for­schung diese unab­hängige syn­di­ka­lis­tische Bewegung bes­ten­falls als Fußnote abgetan. Das Syfo ist mit der schwie­rigen Aufgabe kon­fron­tiert, die his­to­ri­schen Spuren einer Basis­ge­werk­schafts­arbeit aus­zu­graben, die nicht auf gut gepflegte Archive der Groß­or­ga­ni­sa­tionen zurück­greifen kann. Die bis­he­rigen Ver­öf­fent­li­chungen zeigen, dass dennoch bereits eine Menge geleistet worden ist. Das Syfo liefert einen eigen­stän­digen Beitrag zur Gewerk­schafts­for­schung.

Doch das For­scherteam will auch Ant­worten auf die Fragen heu­tiger gewerk­schaft­licher Orga­ni­sierung geben, schließlich wird seit einigen Jahren in einer grö­ßeren Öffent­lichkeit Gewerk­schafts­arbeit nicht mehr auto­ma­tisch mit dem DGB gleich­ge­setzt. Gewerk­schaft­liche Orga­ni­sa­tionen wie die anar­cho­syn­di­ka­lis­tische FAU oder die Lok­füh­rer­ver­tretung GDL haben bewiesen, dass sie oft sogar kampf­fä­higer als der DGB sein können. Die For­schungs­arbeit des Syfo, die die basis­ge­werk­schaft­liche Geschichte auf­ar­beitet, ver­dient daher Auf­merk­samkeit von aktiven Gewerk­schaftern, egal, wo sie orga­ni­siert sind.

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Peter Nowak