Wenn die Leinwand dunkel bleibt

STREIK Im Kino Babylon Mitte gibt es immer wieder Warn­streiks. Es geht um mehr Lohn und Per­sonal

„Worst Case Sce­nario“ lautet der Titel eines Film im aktu­ellen Pro­gramm des Kinos Babylon Mitte. Für den Geschäfts­führer des Film­hauses am Rosa-Luxemburg Platz, Timothy Grossman, wäre es ein Worst-Case-Sce­nario, wenn
die Leinwand dunkel bliebe. Denn die Verdi-Betriebs­gruppe im Kino ruft seit dem 22. Mai immer wieder zu Warn­streiks auf. Die Gewerk­schaft hatte den vor zehn Jahren geschlos­senen Tarif­vertrag gekündigt und die Geschäfts­führung zu Tarif­ver­hand­lungen auf­ge­fordert. Sie will die Über­nahme des Bun­des­ta­rif­ver­trages des Haupt­ver­bands Deut­scher Film­theater (HDF) für die Babylon-Beschäf­tigten und eine Erhöhung der Per­so­nal­be­setzung erreichen. „Seit fünf Jahren gab es im Bereich der Film­vor­füh­re­rInnen keine Ent­gelt­er­höhung. Lediglich der Ein­stiegslohn für Platz­an­wei­se­rInnen
wurde 2014 auf den jetzt gel­tenden gesetz­lichen Min­destlohn von 8,50 Euro erhöht“, erklärt Andreas Köhn vom
Verdi-Lan­des­bezirk Berlin-Bran­denburg. Bei zwei Ver­hand­lungen habe Grossman erklärt, die z usätz­lichen Gelder könne das Kino nicht auf­bringen. „Die Ein­tritts­preise sind um teil­weise 20 Prozent gestiegen“, kontert Köhn. „Auch die Anzahl der Besu­che­rInnen hat sich deutlich erhöht.“ Zudem sind im Dop­pel­haushalt 2016/17 Sub­ven­tionen
in Höhe von 361.500 Euro für das Filmhaus ein­ge­plant. Bisher betrugen die Zuschüsse 358.000 Euro jährlich.
Zeit­gleich mit dem aktu­ellen Verdi-Streik ist im Syn­dikat A die Bro­schüre „Babylohn“ von Hansi Oos­tinga erschienen, die an den Arbeits­kampf der Basis­ge­werk­schaft Freie Arbeiter Union (FAU) in den Jahren 2008 bis 2010 in dem Kino erinnert. Neben zahl­reichen Soli­da­ri­täts­ak­tionen linker Gruppen spielen dort auch die juris­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zungen mit den Gewerk­schaf­te­rInnen eine Rolle. Diese sind bis heute nicht beendet. FAU-Mit­glied und Betriebsrat Andreas H. wehrt sich juris­tisch gegen seinen Rauswurf. Mit der Beschul­digung, ein Plakat beschädigt
zu haben, wurde ihm fristlos gekündigt und seine Wohnung poli­zeilich durch­sucht. Den aktu­ellen Arbeits­kampf unter­stützt der bis zur gericht­lichen Klärung Beur­laubte trotzdem. Babylon-Geschäfts­führer Grosman war für eine Stel­lung­nahme nicht zu erreichen.

aus: Taz, 9.7.2015

Peter Nowak