Fünfzig Tage hungern

Mehrmals wöchentlich finden zurzeit Kund­ge­bungen in unmit­tel­barer Nähe der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt (JVA) für Frauen in Berlin-Pankow statt. Orga­ni­siert werden sie von der Ber­liner Orts­gruppe der Roten Hilfe und dem Netzwerk »Freiheit für alle poli­ti­schen Gefan­genen«. In deut­scher und tür­ki­scher Sprache werden Soli­da­ri­täts­er­klä­rungen ver­lesen. Zwi­schen­durch wird Musik in beiden Sprachen gespielt. Die Teil­nehmer der Kund­ge­bungen halten Plakate mit dem Kon­terfei von Gülaferit Ünsal hoch, die sich seit dem 6. April in der JVA im Hun­ger­streik befindet. Sie wehrt sich so nach eigenen Angaben gegen Schi­kanen durch Mit­ge­fangene und die Post­zensur, denn linke Zei­tungen in deut­scher und tür­ki­scher Sprache erhält sie nicht oder nur mit großer Ver­zö­gerung. Ünsal wurde im Mai 2013 vom Ber­liner Kam­mer­ge­richt zu einer Haft­strafe von sechs­einhalb Jahren wegen »Mit­glied­schaft in einer aus­län­di­schen ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­nigung« ver­ur­teilt. Es handelt sich dabei um die »Revo­lu­tionäre Volks­be­frei­ungs­partei-Front« (DHKP-C), eine mili­tante mar­xis­tisch-leni­nis­tische Orga­ni­sation in der Türkei. Als geistig klar, aber kör­perlich sehr geschwächt beschreibt ein Mann, der Ünsal im Gefängnis besucht hat, ihren Zustand nach über fünfzig Tagen Hun­ger­streik. Ein kör­per­licher Zusam­men­bruch ist jederzeit möglich. Der Kreis der Unter­stützer bleibt wei­terhin über­schaubar. Die Zahl der Kund­ge­bungs­teil­nehmer schwankt zwi­schen 20 und 80. Mitt­ler­weile haben weitere Gefangene, die nach Para­graph 129b ver­ur­teilt wurden, aus Soli­da­rität einen Hun­ger­streik begonnen. Unter­stützung kommt auch von der Gefan­ge­nen­ge­werk­schaft. Auf­fällig ist die Ignoranz staat­licher Stellen und der im Ber­liner Abge­ord­ne­tenhaus ver­tre­tenen Par­teien gegenüber dem lebens­ge­fähr­lichen Protest. An Infor­ma­ti­ons­mangel kann es nicht liegen. Ünsal hatte vor Beginn ihres Hun­ger­streiks in Briefen an die Öffent­lichkeit und Par­teien auf ihre Lage in der JVA Pankow auf­merksam gemacht.

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Peter Nowak