Aktiv statt frustriert

Eva Willig bekommt die Folgen von Hartz IV auch als Rent­nerin zu spüren

»Also ich bin Euphrasia Holler und ich will Bun­des­prä­si­dentin werden. Es wird eine Freude sein, nach Amts­an­tritt wieder in Freiheit leben zu dürfen, nach über fünf Jahren Gefan­gensein in Hartz-IV-Regeln.« Im Internet hat die Kunst­figur, hinter der sich die 66-jährige Neu­köll­nerin Eva Willig ver­birgt, Bun­des­prä­sident Joachim Gauck schon mal seinen Posten streitig gemacht. In der Rea­lität saß sie Ende der 1980er Jahre bis 1991 für die Grünen in der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung Neu­kölln und kan­dierte Mitte der 1990er für die PDS. Seit Jahr­zehnten zeigt sie, dass man sich auch unter Hartz IV wehren kann und dabei die Lebenslust nicht ver­lieren muss.

Nicht nur als Euphrasia Holler pran­gerte sie die »Ver­armung per Gesetz« an, für die Hartz IV ihrer Ansicht nach steht. Bereits vor der Agenda 2010 enga­gierte sie sich in der Ber­liner Kam­pagne gegen Hartz IV, redete auf Ver­an­stal­tungen und Kund­ge­bungen. Nachdem die Gesetze nicht zu ver­hindern waren, unter­stützte sie Betroffene. Fast sieben Jahre lang betreute sie das Not­ruf­te­lefon der »Kam­pagne gegen Zwangs­umzüge«; zuletzt gründete sie eine Initiative mit, die gegen die Ver­wei­gerung von Hartz-IV-Leis­tungen für EU-Bürger kämpft.

Daneben hat die gelernte Tex­til­kauffrau, die auf dem zweiten Bil­dungsweg Sozi­al­arbeit stu­dierte, immer wieder Ver­suche unter­nommen, dem Hartz-Régime zu ent­kommen. Die schei­terten oft am Büro­kra­tismus der Job­center. So musste sie 2007 eine Laden­ga­lerie, in der Blumen, Kräuter und Wohn­ac­ces­soires ange­boten wurden, auf­geben, weil die Behörde die Zuschüsse ein­stellte. Seit zwei Jahren bekommt sie die Folgen von Hartz IV als Rent­nerin zu spüren. »Dadurch habe ich 100 Euro weniger im Monat, als mir 2004 aus­ge­rechnet wurden«, betont sie den Zusam­menhang von Hartz IV und Alters­armut.

Doch einen Grund zu Resi­gnation sieht Willig nicht. Zurzeit probt sie mit dem Projekt »Beschwer­dechor«, in dem gesell­schaft­liche Pro­bleme künst­le­risch ange­sprochen werden. »Aus Frust mach Lust« ist Willigs Devise. Viel­leicht steht ja auch eine Bun­des­prä­si­den­tin­nen­kan­di­datur noch auf der Agenda.

Peter Nowak