Paradoxe Folgen des Widerstands

Antifaschisten diskutierten über die Aufmärsche rechter Fußballfans

Der Auf­tauchen der »Hoo­ligans gegen Sala­fisten« in Köln hat viele über­rascht. Auch Anti­fa­schisten und linke Fuß­ballfans. Über Erklä­rungen und Gegen­stra­tegien wurde am Don­nerstag in Berlin debat­tiert.

Seit in Köln vor einigen Wochen Tau­sende unter dem Label »Hoo­ligans gegen Sala­fisten« (HoGeSa) auf die Straße gegangen sind, häufen sich in den Medien Berichte über diese neue Grup­pierung. Glaubt man den Pres­se­be­richten sei diese »völlig über­ra­schend aus dem Nichts auf­ge­taucht«. Auch viele aktive Anti­fa­schisten waren von einem so großen Auf­marsch rechter Fuß­ballfans über­rascht. »Ich hatte gehofft, die Ära der rechten Mas­sen­auf­märsche wäre in Deutschland vorüber. Seit dem HoGeSa-Auf­tritt in Köln bin ich mir da nicht mehr so sicher«, brachte am Don­ners­tag­abend ein Teil­nehmer einer Ver­an­staltung in Berlin diese Stimmung auf dem Punkt.

Die Dis­kus­si­ons­runde widmete sich der Frage, wie die HoGeSa ein­zu­schätzen ist und ob sie Vor­läufer hat. Ein­ge­laden waren Refe­renten von Ber­liner Anti­fa­gruppen und vom (BAFF). Dessen Ver­treter Roland Zachner (Name geändert) erin­nerte zunächst an die Grün­dungsära der BAFF vor über 20 Jahren. Nach den Anschlägen auf Flücht­lings­un­ter­künfte haben sich die in vielen Fuß­ball­stadien schon länger aktiven Neo­nazis laut­stark bemerkbar gemacht Dass Fuß­ballfans schon viel länger zur Ziel­gruppe von Neo­nazis gehörten, ver­deut­lichte Zachner am Bei­spiel von Michael Kühnen. Der damals umtriebige Jungnazi umwarb bereits in den 1970er Jahren gezielt Hoo­ligans.

Dass der Ein­fluss der Rechten in den Stadien in den letzten Jahren zurück­ge­drängt werden konnte, sei auch das Ver­dienst linker Ultra­gruppen, sagte Zachner. Für den lang­jäh­rigen BAFF-Akti­visten ist das Auf­tauchen der HoGeSa para­do­xer­weise auch eine Folge von erfolg­reichem anti­fa­schis­ti­schem Wider­stand: »Nachdem immer mehr rechte Stra­ßen­auf­märsche, wie die Demons­tra­tionen zum Jah­restag der alli­ierten Bom­bar­de­ments in Dresden oder die Auf­märsche zum Todestag des Hitler-Stell­ver­treters Rudolf Hess in Wun­siedel ver­hindert werden konnten, hätten die Rechten ihre Akti­vi­täten wieder ver­mehrt in die Fuß­ball­stadien verlegt.«

Doch bleibt HoGeSa nur ein Label, das zurzeit in rechten Kreisen gerne benutzt wird und sich schnell wieder abnutzt? Diese Frage mochte niemand beant­worten. Doch Nico Steinert (Name geändert) von der Ber­liner North East Antifa (NEA) wies auf die Hete­ro­ge­nität des Hoo­ligan-Netz­werkes hin. Nach dem schlag­zei­len­träch­tigen Auf­marsch in Köln hätten bereits die ersten Dif­fe­ren­zie­rungs­pro­zesse ein­ge­setzt. Dabei habe die HoGeSa auch mas­siven Gegenwind aus den eigenen Reihen erfahren. Geplante und schon öffentlich ange­kün­digte Auf­märsche in Hamburg und anderen Städten mussten abgesagt werden, weil die dor­tigen Hoo­ligans eine Teil­nahme ablehnten. Ob der HoGeSa-Auf­marsch am 15. November in Han­nover für die Szene ein Erfolg war, werde intern kon­trovers dis­ku­tiert. Ein Teil beschwerte sich, dass sie sich nur in dem von der Polizei abge­steckten Areal bewegen konnten. Auch die starke Präsenz rechter Par­teien wie NPD und Die Rechte sorge in Teilen der Hoo­li­gan­szene für Kritik. Andere wie­derum sähen den Auf­marsch in Han­nover als Erfolg für die HoGeSa. Schließlich zählten zu den Refe­renten Mit­glieder rechts­bür­ger­licher Par­teien, die lange Zeit die Koope­ration mit offenen Nazis abge­lehnt hatten. So gehörte ein Münchner Aktivist der Partei »Die Freiheit« zu den Rednern. Auch die anti­is­la­mische und rechts­po­pu­lis­tische Inter­net­seite Poli­ti­cally Incorrect (PI) zählte zu den Unter­stützern der HoGeSa. Der NEA-Ver­treter erklärte, er habe den Ein­druck, als würden die­je­nigen, die in den letzten Jahren auf PI mit ras­sis­ti­schen oder homo­phoben Zuschriften auf­ge­fallen sind, nun auf die Straße gehen. Trifft dies zu, dann ist die HoGeSa kein kurz­le­biges Phä­nomen und Anti­fa­schisten müssen sich noch länger mit der Grup­pierung beschäf­tigen.

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Peter Nowak