Straffreiheit für V-Leute

Zwischen den Stühlen

Erst war er Orga­ni­sa­ti­ons­leiter der KPD, dann folgte sein Aus­schluss. Viel Wis­sens­wertes über das Leben Werner Scholems ist nun in einer Bio­graphie nach­zu­lesen.

Er sitzt also, wie ein Toter im Grabe, ohne Sinn, ohne das Bewusstsein, dass sich jemand um ihn kümmert, ohne poli­ti­schen Nutzen, mit dem per­sön­lichen Gefühl, dass ihn alle Welt im Stich lässt.« Diesen pes­si­mis­ti­schen Satz schrieb die öster­rei­chische Kom­mu­nistin Ruth Fischer am 20. Juli 1937 an Emmy Scholem. Drei Jahre später, am 17. Juli 1940, war ihr Ehemann Werner Scholem, dessen Schicksal Fischer mit diesen Sätzen beklagte, tot. Erschossen von einem SS-Auf­seher im Stein­bruch des KZ Buchenwald. Es war die letzte Station eines sie­ben­jäh­rigen Lei­dens­weges durch zahl­reiche Gefäng­nisse und Kon­zen­tra­ti­ons­lager. Werner Scholem war in der Wei­marer Republik als Exponent des linken Flügels der KPD bekannt, für seine pole­mi­schen Par­la­ments­reden wurde er nicht nur von poli­tischen Gegnern gefürchtet.

Für die Bio­graphie Scholems hat der Ber­liner His­to­riker Ralf Hoff­rogge bisher unver­öf­fent­lichte Quellen aus­ge­wertet, vor allem die Brief­wechsel zwi­schen Werner, seiner Mutter und seinem Bruder Gerhard. Werner und Gerhard Scholem rebel­lierten zwar gemeinsam gegen den auto­ri­tären Vater, der die Söhne in ­einen kauf­män­ni­schen Beruf zwingen wollte, ihre welt­an­schau­lichen Dif­fe­renzen sollten aber bereits in früher Jugend deutlich werden. Während sich der ältere Bruder der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Bewegung zuwandte und die Geschichte des his­to­ri­schen Mate­ria­lismus stu­dierte, inter­es­sierte sich Gerhard für die jüdische Mystik. Wenige Jahre später ver­än­derte er seinen Vor­namen in Gershom, was auch eine Reaktion auf den deut­schen Chau­vi­nismus und Natio­na­lismus war, mit dem die Scholems als Kinder einer assi­mi­lierten jüdi­schen Familie kon­fron­tiert waren.

»Die Kom­bi­nation aus Sozi­al­kon­trolle und Deutsch­tü­melei wirkte ersti­ckend auf den ­Her­an­wach­senden«, schreibt Hoff­rogge über Werner Scholems Schul­jahre. In seinen Jugend­er­in­ne­rungen »Von Berlin nach Jeru­salem« schrieb Gershom über Werners Jugend: »Mein Bruder wurde hier mit einem nicht geringen Ausmaß von reli­giöser Heu­chelei und fal­schem Patrio­tismus bekannt, das ihn heftig abstieß.«

Werner Scholem regis­trierte mit wach­sendem Abscheu, wie nach Beginn des Welt­kriegs nicht nur die Führung der SPD, sondern auch große Teile der Par­tei­basis von Kriegs­rausch und Hurra­pa­trio­tismus gepackt wurden. »Die Rötesten der Roten stellten sich frei­willig und ich, bisher wegen man­gelndem Patrio­tismus ange­sehen, musste es erleben, dass man mich in einer Ver­sammlung einen wahn­sin­nigen Fana­tiker und – einen Feigling nannte«, schrieb Werner Scholem am 8. Sep­tember 1914. Im Gegensatz zum Großteil seiner Genossen hatte er seine anti­mi­li­ta­ris­tische Ein­stellung nach Kriegs­aus­bruch nicht auf­ge­geben. Darin war er sich auch mit seinem jün­geren Bruder einig, der mit anderen Gym­na­si­asten einen Brief an die Jüdische Rund­schau schrieb und gegen den deutsch­na­tio­nalen Kurs der jungen zio­nis­ti­schen Bewegung in Deutschland pro­tes­tierte. Als Karl Lieb­knecht 1916 erstmals den Kriegskurs der SPD angriff, war Werner Scholem begeistert. Wie sein poli­ti­sches Vorbild wollte auch er wieder an die anti­mi­li­ta­ris­tische Tra­dition der frühen SPD anknüpfen. Mit dem linken Flügel der USPD ging er 1920 zur KPD über.

Hoff­rogge zeigt anhand heute kaum noch bekannter his­to­ri­scher Ereig­nisse, wie die KPD in den ersten Jahren ihrer Gründung anti­na­tionale Grund­sätze pro­pa­gierte. So reagierte die KPD-Zeitung Rote Fahne im Mai 1921 auf anti­pol­nische Unruhen in Ober­schlesien mit dem Aufruf zum Auf­stand gegen die pol­nische und deutsche Bour­geoisie. Die Zeitung wurde beschlag­nahmt und Werner Scholem kam als pres­se­rechtlich Ver­ant­wort­licher in Unter­su­chungshaft, was sein Ansehen vor allem in der radi­ka­li­sierten Basis der KPD erhöhte. Zusammen mit Ruth Fischer gehörte er bald zu den bekann­testen Ver­tretern der kommunis­tischen Linken, die ab April 1924 die Mehrheit in der Partei stellte. Er wurde Orga­ni­sa­ti­ons­leiter der Partei und gehörte in dieser Funktion zu den zen­tralen Expo­nenten der Bol­sche­wi­sierung der KPD.

Hoff­rogge gelingt eine dif­fe­ren­zierte Sicht­weise auf Scholems aktive Rolle als KPD-Funk­tionär. So betont er, dass Bol­sche­wi­sierung und Sta­li­ni­sierung kei­neswegs iden­tisch waren. Zudem war die Politik der Bol­sche­wi­sierung kein Diktat der Kom­intern, sondern wurde von einem großen Teil der KPD-Basis unter­stützt. Nachdem sich spä­testens nach 1923 dort die Erkenntnis durch­setzte, dass die sicher geglaubte Revo­lution in Deutschland vertagt werden müsse, sollte so ein Par­tei­ap­parat geschaffen werden, der län­ger­fristige Kam­pagnen führen konnte und sich durch interne Strei­te­reien nicht immer wieder selbst lähmte. Dass dieser Apparat bald nur noch nach dem Prinzip Befehl und Gehorsam funk­tio­nierte und jeden Wider­spruch mit Aus­schluss bestrafte, mussten Scholem und viele seiner Mit­streiter vom linken Flügel der KPD bald selbst erfahren.

Der Ber­liner His­to­riker benennt auch zahl­reiche poli­tische Fehl­ein­schät­zungen Scholems. So sah er noch Mitte der zwan­ziger Jahre in Trotzki einen Par­tei­rechten und in Stalin ­einen Bünd­nis­partner. In seinen Kampf gegen jede Form des Anti­se­mi­tismus aller­dings blieb sich Scholem seit seiner Zeit als Jung­so­zialist treu. Hoff­rogge beschreibt, wie Scholem bei seinen Reden als Abge­ord­neter zunächst im preu­ßi­schen Landtag, dann im Reichstag von rechten Par­teien, aber auch den Libe­ralen mit anti­se­mi­ti­schen Sprüchen unter­brochen wurde und wie er reagierte. Auch mit der NS-Bewegung setzte sich Scholem bereits 1923 aus­ein­ander und war damals Mit­or­ga­ni­sator von Anti­fa­schis­mus­tagen der KPD. Umso unver­ständ­licher war, dass er sich nach dem Macht­an­tritt des NS zunächst in der Hoffnung wiegte, ihm werde nichts pas­sieren, weil er bereits sieben Jahre aus der KPD aus­ge­schlossen war. Scholems Frau Emmy, die KPD-Mit­glied blieb und 1933 eben­falls ver­haftet wurde, gelang nach einer befris­teten Ent­lassung die Flucht nach Groß­bri­tannien, was ihr Werner Scholem zunächst übelnahm.

Die patri­ar­chale Ein­stellung Scholems trat bereits in frü­heren Phasen seines Lebens zutage. Hoff­rogge beschreibt, wie Scholem ver­geblich ver­suchte, seine Frau, die seit frü­hester Jugend am linken Flügel der Sozi­al­de­mo­kratie aktiv war, in ein Dasein als Hausfrau zu pressen.

Emmy Scholem kehrte nach der Nie­derlage des Natio­nal­so­zia­lismus nach Deutschland zurück und starb 1970 in Han­nover. Von ihrer linken Ver­gan­genheit distan­zierte sie sich nicht. 1968 schrieb sie einen Brief an Gershom Scholem, in dem sie sich auf die außerpar­lamentarische Oppo­sition jener Jahre bezog: »Eine neue Jugend scheint sich zu ent­wi­ckeln. Viel­leicht wird sie eines Tages den Weg beschreiten, den wir gegangen sind und viel­leicht werden dann unsere Enkel und Urenkel dort weiter kämpfen, wo wir geschlagen wurden.«

Ralf Hoff­rogge: Werner Scholem. Eine poli­tische Bio­graphie (1895–1940). UVK Ver­lags­ge­sell­schaft. Kon­stanz 2014, 495 Seiten, 24,99 Euro

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​4​/​4​8​/​5​1​0​1​0​.html

Peter Nowak

Nach­ge­druckt:

http://​www​.die​linke​-bremen​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​b​u​e​c​h​e​r​k​u​ltur/

Restriktionen und Protest

Sex­ar­bei­te­rInnen brauchen gewerk­schaft­liche Soli­da­rität

Sex­ar­bei­te­rInnen sollen sich nach den Plänen von Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­terin Schwesig (SPD) künftig bei jeder Kommune an- und abmelden müssen. Angeblich soll diese Maß­nahme ihrem Schutz dienen. „Die Anmel­de­pflicht macht sie zu Objekten wei­terer Ein­schränkung ihrer bür­ger­lichen Rechte. Es geht um Über­wa­chung, nicht um Schutz“, heißt es in einem Aufruf, der von Sex­ar­bei­te­rInnen aus ver­schie­denen Ländern sowie zahl­reichen Ein­zel­per­sonen unter­zeichnet und Anfang November in ver­schie­denen Tages­zei­tungen, unter anderem in der taz ver­öf­fent­licht wurde. Unter den unter­zeich­nenden Orga­ni­sa­tionen findet man etwa die Sex­worker aus Öster­reich und das Kol­lektiv zur Ver­tei­digung der Rechte der Sex­ar­bei­te­rInnen aus Spanien. Aus Deutschland haben ebenso die Rote Hilfe Nürnberg, ver­schiedene Daten­schutz­or­ga­ni­sa­tionen, der Bun­des­spre­cherrat der Links­jugend Solid und der Bun­des­vor­stand der Pira­ten­partei den Aufruf unter­schrieben. Gewerk­schaft­liche Grup­pie­rungen hin­gegen sucht man dort ver­geblich.

Verbot statt Soli­da­rität?

Liegt der Grund viel­leicht darin, dass in Teilen der femi­nis­ti­schen Bewegung und auch in gemischten linken Zusam­men­hängen noch immer das Pro­sti­tu­ti­ons­verbot dis­ku­tiert wird? Dabei wird gern immer wieder betont, dass nicht die Sex­ar­bei­te­rInnen sondern die Freier bestraft werden sollen. Dass ihnen damit aller­dings die Aus­übung ihres Berufes ver­un­mög­licht werden soll, wird dabei in Kauf genommen. „Wenn es um käuf­lichen Sex geht, geraten auch Linke gern mal aus der Fassung“, kom­men­tiert der Publizist Markus Liske diese Debatten um in der Zeitung Nolo, dem „Magazin für frei­willige Selbst­ent­grenzung“, der zum 80 Jah­restag der Ermordung von Erich Mühsam erschienen ist.

Arbeits­kampf der Sex­ar­bei­te­rInnen

Dabei gäbe es vor allem für gewerk­schaftlich orga­ni­sierte Linke genügend Mög­lich­keiten, sich mit den Sex­ar­bei­te­rInnen und ihren For­de­rungen zur Ver­bes­serung ihrer Arbeits­be­din­gungen, nicht nur theo­re­tisch zu soli­da­ri­sieren. Kaum öffentlich wahr­ge­nommen war der Arbeits­kampf beim großen deutsch­spra­chigen Portal für sexuelle Dienst­leis­tungen mit dem bezeich­nenden Namen Kaufmich​.com im Sommer 2014. Die Aus­ein­an­der­setzung ent­zündete sich an Neu­re­ge­lungen des Portals, die für die Sex­ar­bei­te­rInnen mit großen Umsatz­ein­bußen ver­bunden waren. Danach sollten nicht ange­mel­deten Besu­che­rInnen der Web­seite die Tele­fon­nummer einer, ange­mel­deten Besu­chenden die Nummern von drei Sex­ar­bei­te­rInnen täglich ange­zeigt werden. Bei kos­ten­pflich­tigen Premium-Mit­gliedern der Web­seite sollten die Nummern auf 15 täglich beschränkt werden.

Kurz nach der Ein­führung dieser neuen Regelung begann der Protest der Sex­ar­bei­te­rInnen, weil sich massive Umsatz­ein­bußen ergaben. Als Gegen­maß­nahmen haben einige Sex­ar­bei­te­rInnen ihre Tele­fon­nummern an ver­schie­denen Stellen ihres Profils online gestellt und damit eine bewusste Regel­ver­letzung voll­zogen. Aus Soli­da­rität betei­ligten sich daran auch Kol­le­gInnen, die selber gar ihre Kun­dInnen nicht über das Internet akqui­rieren. Dar­aufhin wurden die Profile der Pro­tes­tie­renden ver­steckt. Sie wurden bei Such­an­fragen von Kun­dInnen nicht mehr berück­sichtigt. Auch ihre Blog­ar­tikel und Kom­mentare tauchten auf der Web­seite nicht mehr auf. Obwohl die Aus­ein­an­der­setzung zwi­schen Sex­ar­bei­te­rInnen und Port­al­be­trei­benden von Kaufmich alle Merkmale eines Arbeits­kampfs trug, gab es aus linken und gewerk­schaft­lichen Zusam­men­hängen kaum Reak­tionen. Trotzdem hatten die pro­tes­tie­renden Kol­le­gInnen Erfolg. Die Port­al­be­trei­benden erhöhten die Zahl der Kon­takte für die nicht ange­mel­deten Nut­ze­rInnen wieder. Das Portal sex​ar​bei​te​rin​nen​protest​.blog​sport​.eu infor­miert über diese und andere Arbeits­kämpfe in der Sex­ar­bei­te­rIn­nen­branche. Es wird Zeit, dass es gewerk­schaft­liche Soli­da­rität auch von außerhalb gibt.

aus: Direkte Aktion 226/2014

Peter Nowak

Mieter/​innen der Beermannstr. 22 sollen für den Bau der A100 enteignet werden

Am kom­menden Sonntag laden Gar­ten­nut­ze­rInnen und Mie­te­rInnen aus dem Haus in Berlin-Treptow zur Mie­te­rIn­nen­ver­sammlung.
„Bringt Lichter mit Freunde, Stirn­lampen und Freunde mit“, heißt es in einer Erklärung, in der für kom­menden Sonntag um 15 Uhr zu einer Mie­ter­ver­sammlung geladen werden. Dort wollen sich Mie­te­rInnen der Beer­mann­straße 22 und einige Nut­ze­rInnen der dahin­ter­lie­genden Gar­ten­an­lagen mit Nach­ba­rInnen und Stadt­tei­li­ni­ai­tiven über ihren weitern Wider­stand beraten. Denn ihnen droht Ent­eignung wegen des Wei­terbaus der A100.

Jonas Steinert (Name geändert) gehört zu den 10 Miet­par­teien, die nicht bereit sind, sich nach den Bedin­gungen der Senats­ver­waltung aus ihren Woh­nungen ver­treiben zu lassen. Er habe als Frei­be­rufler kein hohes Ein­kommen. Daher seien für ihn Ersatz­woh­nungen, deren Miete zwi­schen 65 und 120 Prozent über der Miete seiner der­zei­tigen Wohnung liegen, ein großes Problem. Doch das scheint die Senats­ver­waltung nicht zu inter­es­sieren. Statt einer Antwort erhielten Steinert und andere Mie­te­rInnen der Beer­mann­straße Schreiben, in denen die Senats­ver­waltung die Ent­eignung der Mieter ankün­digte. „Ich teile Ihnen mit, dass ich zur Wahrung unserer Inter­essen in Kürze bei der zustän­digen Behörde die vor­zeitige Besitz­ein­weisung und die Ent­eignung des Miet­rechts bean­tragen werde“, heißt es in den dem Mie­te­rEcho vor­lie­genden Briefen. Steinert musste sich von einem Rechts­anwalt erklären lassen, dass ihm damit mit­ge­teilt werde, dass nach Para­graph 116 des Bau­ge­setz­buchs gegen ihn vor­ge­gangen werden soll und er dadurch zahl­reiche Rechte, die er als Mieter gegen eine Kün­digung hat, ver­liert.
Eine vor­zeitige Besitz­ein­weisung dürfe aller­dings nur getroffen werden, wenn die »Maß­nahme aus Gründen des Wohls der All­ge­meinheit dringend geboten« ist, heißt es im Gesetz. Dass die umstrittene Ver­län­gerung der A100 aller­dings dem Wohl der All­ge­meinheit dient, bezweifeln nicht nur die Mie­te­rInnen in der Beer­mann­straße und die Stadt­teil­in­itiative Karla Pappel. Auch die Umwelt­or­ga­ni­sation Robin Wood beteiligt sich an den Pro­testen.

Der künftige Regie­rende Bür­ger­meister steht in der Kritik
„ Wenn solche Töne aus der Senats­ver­waltung kommen, sagen wir, das lassen wir mit uns nicht machen«, sagt Karl Pfeiffer (Name geändert), der im Vor­derhaus der Beer­mann­straße 22 wohnt. Die ver­blie­benen Mieter sind besonders empört, dass in den Schreiben der Senats­ver­waltung, das sie Mitte Oktober erhalten hatten, eine Räu­mungs­auf­for­derung der Woh­nungen bis zum 31. Oktober ent­halten ist. Als Drohung ohne jeg­liche Grundlage bezeichnet Steinert diesen Passus, den die Mie­te­rInnen daher nach juris­ti­scher Beratung igno­riert haben. Sie sind empört, dass der Senat eine solche Droh­ku­lisse aufbaut und damit Angst bei den Mietern erzeugt. Zumal die Senats­ver­waltung in dem Schreiben auch betonte, dass sie zur Bereit­stellung von Ersatz­woh­nungen nicht ver­pflichtet sei. Das klang am 16. Januar 2014 noch ganz anders. Damals erklärte der zuständige Ber­liner Senator für Stadt­ent­wicklung und Umwelt, Michael Müller (SPD), auf eine münd­liche Anfrage des Abge­ord­neten Harald Moritz (Grüne) zu den sozialen Folgen der Ver­län­gerung der A 100 im Ber­liner Abge­ord­ne­tenhaus: „Im Zusam­menhang mit den zustän­digen Ver­wal­tungen der Grund­stücke … werden ins­be­sondere die Mie­te­rinnen und Mieter unter­stützt, bei denen sich die Wohn­raum­suche aus pri­vaten Gründen schwierig gestaltet.“ Die Mie­te­rInnen werden den künf­tigen Regie­renden Bür­ger­meister von Berlin an diese Worte erinnern.

aus:

MieterEcho online 28.11.2014

http://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​b​e​e​r​m​a​n​n​s​t​r​-​2​2​-​a​-​1​0​0​.html

Peter Nowak

Rechtsruck in der deutschen Friedensbewegung?

»Erschreckende Parallelen«

In Halle, Stadtteil Sil­berhöhe, wurde kürzlich ein kleines Mädchen auf einem Spiel­platz ras­sis­tisch beleidigt und atta­ckiert. Die Jungle World hat mit Marie Müller gesprochen, die Mit­glied der anti­ras­sis­ti­schen Gruppe »No Lager Halle« ist.

Sie haben in einer Pres­se­meldung einen ras­sis­ti­schen Angriff auf einem Spiel­platz öffentlich gemacht. Was war geschehen?

Am Mittwoch, dem 29. Oktober, wurde ein zehn­jäh­riges Mädchen auf einem Spiel­platz in Halle-Sil­berhöhe von sieben bis acht Kindern ras­sis­tisch beleidigt, geschlagen und getreten. Es musste anschließend im Kran­kenhaus behandelt werden. Wir fragen uns, was Kinder dazu bringt, anderen Kindern ras­sis­tische Gewalt anzutun.

Haben Sie darauf eine Antwort?

Der Angriff der Kinder weist erschre­ckende Par­al­lelen zu den ras­sis­ti­schen Feind­se­lig­keiten der Erwach­senen auf.

Wie ging die Regio­nal­presse mit dem ras­sis­ti­schen Angriff auf dem Spiel­platz um?

Die meisten regio­nalen Medien schrieben von einem »Streit«, der eska­liert sei, von einer »Ran­gelei«. Der von den Kindern aus­geübte ras­sis­tische Angriff wird dadurch baga­tel­li­siert. Er erscheint als ein unter Kindern eben vor­kom­mender Streit. Es wird zudem sug­ge­riert, dass beide Seiten in den Streit ver­wi­ckelt gewesen seien. In meh­reren Medien wurden der »Migra­ti­ons­hin­ter­grund« und das »aus­län­dische Aus­sehen« des ange­grif­fenen Mäd­chens erwähnt. Im Mit­tel­deut­schen Rundfunk hieß es, das ange­griffene Kind sei »dun­kel­häutig« und habe »afri­ka­nische Wurzeln«. So findet zwar eine sprach­liche Mar­kierung des »Fremden« statt, aber dass es sich um eine ras­sis­tische Tat han­delte, wird nicht klar benannt.

Der Stadtteil Sil­berhöhe in Halle scheint sich zu einem ras­sis­ti­schen Brenn­punkt zu ent­wi­ckeln. Gibt es anti­fa­schis­tische Gegen­stra­tegien?

Die Dis­kussion über anti­fa­schis­tische und anti­ras­sis­tische Gegen­stra­tegien steht eher noch am Anfang. Es gab bisher neben einer Kund­gebung des Bünd­nisses gegen Rechts eine anti­fa­schis­tische Demons­tration dort, die aber für manche zu pro­vo­kativ gewesen ist.

Welche Rolle spielen orga­ni­sierte Nazis in dem Stadtteil?

Die mischen dort mit. Die Nazi-Homepage »hal​lemax​.de« ver­sucht, die Leute ange­sichts der Situation zu pola­ri­sieren und auf­zu­wiegeln. Sollte es rechte Auf­märsche geben, ist aber auch ein brei­terer Wider­stand dagegen zu erwarten. Gegen Nazi­auf­märsche ist die Mobi­li­sierung einfach. Gegen den All­tags­ras­sismus vor­zu­gehen, ist da schon schwerer.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​4​/​4​8​/​5​0​9​8​7​.html

Peter Nowak

Steigt auf die Fahrräder!

REZENSION

Esst viel fri­sches Obst und Gemüse! Ver­meide fett­haltige Nahrung und Süßig­keiten! Auf dem ersten Blick scheinen diese Rat­schläge sehr ver­nünftig zu sein. Wer wollte bestreiten, dass ein fri­scher Apfel bekömm­licher ist als ein über­zu­ckerter Power­drink. Daher beginnt der Medi­zin­jour­nalist Mat­thias Martin Becker sein Buch »Mythos Vor­beugung« eben­falls mit einem Rat­schlag: »Lieber nicht rauchen! Oder wenigstens weniger. Steigt auf Eure Fahr­räder, es wird Euch nicht schaden! Wahr­scheinlich«.

Becker begründet kennt­nis­reich, dass auch eine gesunde Ernäh­rungs- und Lebens­weise keine Garantie für ein Leben ohne Krank­heiten ist. Dieser Ein­druck werde aber bei vielen Kam­pagnen erzeugt. Krankheit wird so zum indi­vi­du­ellen Ver­sagen. Den Pati­enten wird vor­ge­worfen, die sozialen Siche­rungs­systeme durch ihre unge­sunde Lebens­weise zu belasten. Dabei zeigt Becker in seinem Buch immer wieder auf, dass Gesundheit und Krankheit durchaus eine Klas­sen­frage ist. Enga­gierte Medi­ziner und Sozi­al­po­li­tiker wie der ehe­malige Prä­sident der Ber­liner Ärz­te­kammer Ellis Huber ver­wiesen bereits in den 80er Jahren auf den Zusam­menhang von Armut und Gesundheit. »Wenn Sie sich in die U1 setzen und in Richtung Krumme Lanke fahren, dann sie ver­lieren sie an jeder Station zwei Monate Lebens­er­wartung«, zitiert Becker Huber über einen Streifzug durch das West­berlin der frühen 80er Jahre. Zwi­schen­zeitlich hat sich die Lini­en­führung der U-Bahn in Berlin geändert, nicht aber das Gesund­heits­ge­fälle zwi­schen bür­ger­lichen und pro­le­ta­ri­schen Stadt­teilen. Noch deut­licher ist die Dif­ferenz bei der Lebens­er­wartung in London. »In der bri­ti­schen Haupt­stadt beträgt der Unter­schied zwi­schen den wohl­ha­benden und den ärmsten Bezirken 17 Jahre«, schreibt Becker.

Für die meisten gesund­heit­lichen Pro­bleme in der Gesell­schaft sei eher die Ungleichheit ver­ant­wortlich. Sie zu über­winden, sei demnach die beste Vor­beugung. Auch diese Erkenntnis ist kei­neswegs neu, wie Becker am Bei­spiel des Medi­ziners und Sozi­al­po­li­tikers Rudolf Virchow zeigt. Als Teil einer Exper­ten­kom­mission besuchte er 1848 das von einer schweren Epi­demie betroffene Ober­schlesien und fand dort Men­schen in unbe­schreib­licher Armut und kata­stro­phalen hygie­ni­schen Ver­hält­nissen. Virchow merkte schnell, dass er sich mit sozialen Bestre­bungen in der preu­ßi­schen Feu­dal­ge­sell­schaft Feinde machte und kon­zen­trierte sich ganz auf seine medi­zi­nische Arbeit. Becker zeigt auf, dass gerade im Zuge der Krise in Ländern wie Grie­chenland und Spanien Krank­heiten, die bisher als beherrschbar galten, wieder eine töd­liche Gefahr vor allem für arme Men­schen werden. Sein gut les­bares, infor­ma­tives Buch ist auch eine Streit­schrift gegen die Pri­va­ti­sie­rungs­ten­denzen im Gesund­heits­wesen.

Martin Mat­thias Becker: Mythos Vor­beugung, Wien 2014. Pro­media Verlag, 224 Seiten, 17,90 €.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​5​3​7​2​2​.​s​t​e​i​g​t​-​a​u​f​-​d​i​e​-​f​a​h​r​r​a​e​d​e​r​.html

Peter Nowak

Wo Volkes Stimme Recht spricht